Speak no Evil

Wie oft denken wir, geübt in Sachen Menschenkenntnis zu sein, und wie oft werden wir am Ende doch eines Besseren belehrt? Speak no Evil von Christian Tafdrup ist ein Lehrstück in Sachen Fehleinschätzung, selbstauferlegter Höflichkeiten und das Verlassen eigener Komfortzonen. An dieser Stelle ist ein Disclaimer durchaus angebracht: Die dänisch-niederländische Produktion schlägt auf den Magen und ist nichts für schwache Nerven. Weniger aufgrund exzessiver Gewaltdarstellung, sondern mehr aufgrund menschlicher Gräuel. Als Hauptfilm des Fantasy Filmfest 2022 ist dem Titel, der das Zeug für eine Menge anschließenden Gesprächsbedarf mitbringt, die volle Aufmerksamkeit sicher.

   

Während des Sommerurlaubs in der Toskana lernt die kleine dänische Familie um Björn (Morten Burian), Louise (Sidsel Siem Koch) und Tochter Agnes (Liva Forsberg) eine andere nette Familie kennen. Patrick (Fedja van Huêt) und seine Frau Karin (Karina Smulders) kommen aus den Niederlanden und haben ihren Sohn Abel (Marius Damslev) dabei. Aus der Urlaubsbekanntschaft wird eine nette Einladung per Post in die Niederlande, der Björn und Louise nachkommen. Eher aus Höflichkeit denn aus Freundschaft, schließlich handelt es sich bei den Freigeistern auch nur um eine Urlaubsbekanntschaft. Doch schon bald nach Eintreffen häufen sich unangenehme Situationen und verwunderliche Momente, die Björn und Louise unterschiedlich wahrnehmen. Zunächst zumindest …

Wie der Schein doch trügt

Originaltitel Gæsterne
Jahr 2022
Land Dänemark, Niederlande
Genre Horror, Drama
Regie Christian Tafdrup
Cast Björn: Morten Burian
Louise: Sidsel Siem Koch
Patrick: Fedja van Huêt
Karin: Karina Smulders
Agnes: Liva Forsberg
Abel: Marius Damslev
Laufzeit 97 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2022

Speak no Evil erschafft ein alltägliches Szenario: Wie gehen wir mit Menschen um, die wir noch nicht so gut kennen? Lassen wir uns als Gast auf die Regeln unseres Gastgebers ein oder besteht ein Anspruch auf eigene Befindlichkeiten? Wann ist es in Ordnung, den Mund aufzumachen, und wann ist es besser, eine Situation mit absehbarem Ende einfach auszusitzen? Fragen, die wir alle kennen, die sich im Ferienhaus mehren und irgendwann nicht mehr weggelächelt werden können. Zwischen den Zeilen steckt hierin ein zutiefst zwischenmenschliches Drama, denn es geht um Konversationen und darum, wie wir sie wann und wo offen und ehrlich führen dürfen. Dabei werden soziale Dynamiken dekonstruiert und auf die Probe gestellt. Das fühlt sich an vielen Stellen schrecklich unbequem an, denn Björn und Louise werden als nahbare Identifikationsfiguren eingeführt. Ein wichtiger Anker für die 97 Minuten.

Psychologischer Horror über Sozialzwänge

Ein großer Pluspunkt sind die zu weiten Teilen rational, menschlich und dadurch glaubwürdig handelnden Figuren. Hier und da gibt es zwar Momente, in denen man sie anbrüllen möchte, aber damit ist Speak no Evil noch immer um Längen von anderen Horrorfilmen entfernt, in denen die Charaktere eine nicht nachvollziehbare Entscheidung nach der nächsten treffen, um sich ins größtmögliche Unglück zu manövrieren. Es fällt leicht, die Konformitäten der Figuren nachzuvollziehen, und was auf psychologischer Ebene stattfindet, regt zum Nachdenken an. Ein, wie es scheint, essenzieller Punkt für Tafdrup, dem es nicht darum geht, sich mit Jump-Scares abzugeben, auch wenn es ihm, wie er betont, wichtig ist, dass sein Film als Horrorfilm verstanden wird. Trotzdem verzettelt er sich im letzten Drittel ein wenig und drückt zu sehr auf die Tube, so dass Abstriche in Sachen Logik und Glaubwürdigkeit gemacht werden. Diese Entscheidung zum Selbstzweck bringt aber mit sich, dass sich das Ende in die Köpfe bohrt.

Fazit

Speak no Evil ist ebenso clever wie bitterböse unangenehm. Christian Tafdrup grätscht mit seinem intelligenten Drehbuch in ein Sozialknäuel aus Höflichkeit und Konflikscheue. Das macht er auf eine geradezu scheußliche Weise, die unter die Haut geht und weh tut. Wer über ein robustes Nervenkostüm verfügt, sollte Speak no Evil deswegen mit offenen Armen empfangen (können), denn die psychologischen Konflikte sind überaus interessant und hochgradig spannend inszeniert. Der Film ist bis ins Mark unbequem und bringt Zünd- und Diskussionsstoff en masse mit. Wer Titel wie Funny Games mag, die mit Nüchternheit und realistischer Gewalt schocken, ist hier goldrichtig.

© Plaion Pictures

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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