Dune: Part Two

Frank Herberts Romanreihe über den Wüstenplaneten Arrakis ist unverfilmbar? Diese Annahme hatte der kanadische Regisseur Denis Villeneuve (Blade Runner 2049) 2021 mit Dune bereits widerlegt. Zum Erfolg des Films trug sicher bei, dass er sich beim Erzählen ganz viel Zeit ließ und die Zuschauer an einem Wendepunkt der Romanhandlung mit einem bombastischen Kinoerlebnis und dem Hunger auf mehr zurückließ. Mit Dune: Part Two kam die Fortsetzung in die Kinos und führt die Geschichte vom Kampf um die Vorherrschaft auf Arrakis weiter. Seit dem 29. Februar 2024 ist Dune: Part Two in deutschen Kinos zu sehen.

Der Wüstenplanet Arrakis wäre eigentlich wegen seines lebensfeindlichen Klimas ein unbedeutendes Randgebiet des galaktischen Imperiums. Wenn dort nicht eine bewusstseinserweiternde Droge, das Spice, abgebaut würde, die für die Raumfahrt unerlässlich ist. Eigentlich ein Lehen des Adelshauses Harkonnen, hatte der Imperator (Christopher Walken, Sleepy Hollow) Arrakis scheinheilig an Herzog Leto Atreides weitergereicht, in dem vollen Wissen, dass Baron Harkonnen sich des unerwünschten Herzogs entledigen und seinen Drogenplaneten zurückerobern würde. Nun ist Herzog Leto tot, seine Geliebte Jessica (Rebecca Ferguson, Mission: Impossible – Fallout) und sein Sohn Paul (Timothée Chalamet, Wonka) sind in die Wüste geflohen, wo sie vom Naturvolk der Fremen aufgenommen werden. Paul erlernt die Kampf- und Überlebenstechniken der Fremen und verliebt sich in Chani (Zendaya, Spider-Man: No Way Home), die Tochter des Stammesführers Stilgar (Javier Bardem, Pirates of the Caribbean: Salazars Rache), während seine Mutter zu einer weisen Frau der Fremen wird. Denn unter den Fremen herrscht der Glaube an einen Messias, der sie zum Sieg gegen die Ausbeuter führen wird, und vielerlei Zeichen weisen darauf, dass Paul dieser Messias sein könnte. Zunächst wehrt sich Paul gegen diese Zuschreibung, als er jedoch seine prophetischen Gaben weiter entwickelt, nimmt er die ihm zugedachte Rolle an und führt die Fremen in den Kampf gegen die Harkonnen.

Prädikat: Bildgewaltig

Originaltitel Dune: Part Two
Jahr 2024
Land USA
Genre Science-Fiction
Regie Denis Villeneuve
Cast Paul Atreides: Timothée Chalamet
Jessica Atreides: Rebecca Ferguson
Chani: Zendaya
Stilgar: Javier Bardem
Baron Harkonnen: Stellan Starsgard
Glossu Rabban: Dave Bautista
Feyd-Rautha Harkonnen: Austin Butler
Imperator Shaddam IV. : Christopher Walken
Prinzessin Irulan: Florence Pugh
Gurney Halleck:Josh Brolin
Laufzeit 166 Minuten
FSK
Kinostart: 29. Februar 2024

Manchmal grinst einem bei einem Streifzug durch die Medien immer wieder der gleiche Begriff entgegen. Kaum ein Satz wird zu Denis Villeneuves Dune geschrieben, in dem nicht das Adjektiv “bildgewaltig” vorkommt. Das war schon beim ersten Teil so und umso mehr beim zweiten Teil, der Steilvorlagen wie Sandwürmer und Arenakämpfe zu bieten hat. Und wieder geht Villeneuve in die Vollen. Die Wüste erstrahlt in Goldtönen, die Dünen erstrecken sich majestätisch über die Leinwand wie einst in Lawrence von Arabien, nur dass es da keine Sandwürmer gab. Die Welt des Imperiums ist kühl und grau, bis hin zum Beinah-Schwarzweiß der Arenaszenen und Villeneuve hat von Leni Riefenstahl gelernt, wie man ein totalitäres Regime bombastisch aussehen lässt. Nun sind Weltraum-Nazis, die photogen aufmarschieren, nichts Neues. Aber genau wie Sandwürmer, die eigentlich nichts können, außer das Maul aufzureißen, profitieren sie enorm davon, wenn man sie ernst nimmt und sie noch einmal bildfüllender und bombastischer aussehen lässt, als das Publikum sich das ohnehin schon erhofft hatte. Visuell bietet der Film 166 Minuten in sich stimmigen Augenschmaus und verfällt dabei glücklicherweise fast nie in den Fehler, die Handlung vor der überwältigenden Optik verblassen zu lassen. Nehmen wir einmal die Kostüme. Die können ganz schön schräg sein, Villeneuves Kostümbildner wissen eine Menge etwa darüber, wie man Gesichter mehr verhüllt als zeigt. Wer hätte gedacht, dass eine Frau mit einem Schleier und einer Schuhschachtel auf dem Kopf so mysteriös und ehrfurchtgebietend wirken kann? Genau richtig, um etwas über die Schwesternschaft der Bene Gesserit zu erzählen, was lange Dialoge wohl nicht so prägnant eingefangen hätten. In Dune: Part Two erzählt Villeneuve eine eher einfache Geschichte, aber Bilder und Handlung ergänzen sich wieder tadellos.

Vertrauter Planet, neue Figuren

Ein zweiter Teil also. Von zweien oder sogar dreien, Frank Herberts Werk hat noch jede Menge Material zu bieten. Nachdem Dune, mittlerweile wohl eher Dune: Part One schon knapp drei Stunden darauf verwendet hat, die komplizierte Gemengelage auf Arrakis, mit seinen Machtkämpfen und Intrigen zu schildern, biegt Dune: Part Two auf eine lange Gerade ein. Der Held ist in die Wildnis geflohen und schickt sich nun an, Verbündete zu sammeln und zum Gegenschlag gegen den übermächtigen Gegner auszuholen. Darum verlässt sich Dune: Part Two darauf, dass das Publikum sich auf Arrakis bereits eingelebt hat und glänzt zwar mit weiten Landschaften und epischen Kampfszenen, fügt aber nur sparsam neue Figuren und Elemente hinzu. Etwa den Imperator, dem Christopher Walken seinen irren Blick und sein zerklüftetes Altmännergesicht leiht. Und seine Tochter Irulan (Florence Pugh, Oppenheimer), die eine Abfolge von erstaunlichen Kopfbedeckungen trägt und immer so wirkt, als ob ihr Potenzial für die Handlung erst noch viel später ausgeschöpft werden könnte. Auf der Schurkenseite ist Feyd-Rautha Harkonnen (Austin Butler, Once Upon a Time … in Hollywood) dazugekommen. Auf den haben Dune-Fans vermutlich schon den ersten Teil hindurch gewartet, immerhin wird er als Pauls direkter Gegenspieler aufgebaut. Regisseur David Lynch (Dune – Der Wüstenplanet) hatte die Rolle einst mit Rockstar Sting besetzt. Hier wird Austin Butler fast unkenntlich zu einem weiteren glatzköpfig-irren Harkonnen. Die haben alle drei den grotesken Sadismus der Vorlage abgelegt und sind zu den klassischen Leinwandschurken geworden, die mit einer lässigen Handbewegung Untergebene meucheln, wenn die ihr Missfallen erregen. Ansonsten wirken sie durch Maske und Leinwandpräsenz. Nicht neu, aber wirksam. Eine Überraschung ist wohl Chani. Die bekommt eine Menge Screentime und eine Menge zu tun. Anstatt nur Pauls Love Interest ist sie hier eine Kämpferin und Wurmreiterin und sie hat eine politische Meinung. Im Sinne des Bechdel-Tests (Gibt es im Film mehr als eine Frau? Sprechen sie miteinander? Über etwas anderes als einen Mann?) hat sie Freundinnen, mit denen sie kichern und sich austauschen kann. Fundamentalistische Wüstenvölker und Geschlechtergleichheit? Na schön, es ist Science-Fiction und es ist das 21. Jahrhundert. Es nützt dem Film auf jeden Fall, denn es macht sie zu einer viel runderen Figur und bringt Spannung in Pauls Entwicklung.

An den Lagerfeuern der Fremen

Ein junger Mann aus der Zivilisation findet Zuflucht bei edlen Wilden. Und dann wird er Lawrence von Arabien. Oder der Blutsbruder der Apatschen. Ein Szenario, das sicher Sehnsüchte wachkitzelt. Aber in kolonialismuskritischen Zeiten trägt man das nicht mehr so. Brauchen die Fremen wirklich einen weißen Erlöser, der sie zum Sieg führt? Ist das nicht kulturelle Überheblichkeit allererster Kajüte? Bevor man die “1965 war halt eine andere Zeit”-Karte zückt, reicht ein Blick auf die Romanvorlage, wo das zum Glück längst nicht ganz so einfach ist. Ja, Paul durchläuft das ganze Old Shatterhand-Programm der Aufnahme in den Stamm, inklusive Zweikampf und Mutprobe und Namensgebung und Häuptlingstocher. Ehrlich gesagt, um ihn auf einem Sandwurm reiten zu sehen, ist man ja auch ins Kino gegangen. Aber er wäre durchaus damit zufrieden, bei den Fremen zu leben und Nscho-Tschi… äh, Chani zu heiraten, ohne sich als Messias hervorzutun. Denn der Erlöserglaube der Fremen ist eine Manipulation, die die Bene Gesserit, jene Schwestern vom Orden der immerwährenden Intriganz von langer Hand vorbereitet haben. Paul weiß das und die Fremen wissen es eigentlich auch. Zumindest Chani und ihre Freundinnen aus dem gemäßigten Norden, die für religiöses Gewaber eher nicht zu haben sind. Aber die Fremen sind uneins, es gibt auch den fundamentalistischen Süden und der Glaube an Zeichen, Wunder und Vorherbestimmung ist einfach zu verführerisch. Und dann werden nicht nur Paul, sondern auch die kritische Chani in ein Narrativ gestopft, das sie eigentlich meiden wollten. Dass das nicht gut ausgehen wird, weil den Bene Gesserit bei ihren Plänen weder die Befreiung eines Naturvolks noch das Wohlergehen der Beteiligten am Herzen liegt, wird oft genug angedeutet. Auch, wenn die fiesen Harkonnen am Schluss ihre wohlverdiente Niederlage kassieren. Aber für die weiteren Auflösungen muss man wohl auf Dune: Part Three warten.

Fazit

Dune: Part Two ist lang. Und episch. Und lang. Und bildgewaltig. Und lang. Das muss so sein, damit das mit der Epik und der Bildgewalt auch ordentlich reinhaut. Man möchte keine Einstellung von Sandlandschaften und brutalistischen Palästen und insektenhaften Raumschiffen missen. Aber dennoch, es zieht sich ganz gewaltig. Vielleicht, weil es ein zweiter Teil ist, der irgendwo anfängt und irgendwo aufhört. Und weil man das Handlungsklötzchen “Junger Held, nimm deine Bestimmung an und tritt den Schurken in den Arsch!” auch deutlich temporeicher und spannungsgeladener abliefern könnte. Aber da würde wohl Frank Herberts komplizierte Gemengelage um politische Schachzüge und manipulierte Prophezeiungen zu kurz kommen. Dennoch: Es bleibt ein Film, für den man einen langen Atem, einen sehr bequemen Sessel, eine riesige Kinoleinwand und ganz viel Popcorn braucht. Das muss man mögen.

© Warner Bros. Pictures Germany

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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