Spider-Man: No Way Home

Wenn sich um einen Film des Marvel Cinematic Universe weit im Voraus bereits Legenden bildeten, dann ist das Spider-Man: No Way Home. Die Ankündigungen von Doctor Strange als Co-Star, die Fortführung der in Loki losgetretenen Multiversum-Theorie und für die Promotion genutzte bekannte Bösewichten der Spider-Man-Franchises außerhalb (!) des MCUs ließen die Fans im Vorfeld eskalieren. So sehr, dass selbst die Verantwortlichen bereits befürchten mussten, dass die fertige Marvel-Sony Pictures-Koproduktion niemals den hohen Erwartungen gerecht werden könnte. Soviel sei vorweg geschickt: Selten war es so gefährlich, vorab mit Spoilern konfrontiert zu werden, weshalb auch wir uns äußerst vage halten, was die Handlung des letzten Blockbusters von 2021 anbelangt. 

Die Identität von Peter Parker (Tom Holland, Chaos Walking) als Spider-Man wurde durch Mysterio (Jake Gyllenhaal, The Guilty) enthüllt und wandert nun durch alle Medien. Peter sieht sich mit den Folgen konfrontiert: Viele halten ihn für einen Mörder und es bleiben nur wenige, die auf seiner Seite stehen. Damit geraten auch seine Tante May (Marisa Tomei, The Wrestler) und seine Freunde in den Fokus der Gesellschaft und vor allem der Behörden. Peter sieht nur einen Ausweg: Er benötigt die Hilfe von Doctor Strange (Benedict Cumberbatch, Sherlock), um die Situation wieder zu bereinigen. Alle sollen vergessen, dass Peter Parker die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft ist. Dass eine Idee länger durchdacht werden sollte, stellt sich heraus, als Doctor Stange sich bereit erklärt, Peter mit einem Zauber zu helfen, und dabei alles außer Kontrolle gerät …

Phase 4 ist ein Neustart

Originaltitel Spider-Man: No Way Home
Jahr 2021
Land USA
Genre Action
Regie Jon Watts
Cast Peter Parker / Spider-Man: Tom Holland
MJ: Zendaya
Ned Leeds: Jacob Batalon
Dr. Stephen Strange: Benedict Cumberbatch
Tante May: Marisa Tomei
Happy Hogan: Jon Favreau
Dr. Otto Octavius / Dr. Octopus: Alfred Molina
Norman Osborn / Green Goblin: Willem Dafoe
Max Dillon / Electro: Jamie Foxx
Flint Marko / Sandman: Thomas Haden Church
Laufzeit 148 Minuten
FSK
Kinostart: 16. Dezember 2021

Mit dem Ende von Phase 3 des MCUs, die mit Avengers: Endgame ihren spektakulären Höhepunkt, aber erst mit Spider-Man: Far From Home ihr eigentliches Ende fand, hat man das Universum de facto auf den Kopf gestellt. Die Welt ist seitdem nicht mehr dieselbe und Phase 4 thematisiert dies konsequent. No Way Home knüpft an die sensationelle Enthüllung von Far From Home an, in der erstmals in der Geschichte Spider-Mans Identität als Peter Parker enthüllt wird. Damit spielt die Handlung direkt im Anschluss im Jahr 2023 und wirft bereits Konsequenzen für das Jahr 2024 auf, die parallel schon in Hawkeye angerissen werden. Und man merkt: Es wird Stück für Stück aufgebaut. Die Timeline füllt sich mit Einträgen, Ereignissen und deren Konsequenzen. So oder so ist Phase 4 keine reguläre Erzählphase, wie von Marvel-Mastermind Kevin Feige bereits thematisiert wurde. Es ist ein Neustart, der keinem traditionellen Storytelling unterliegt, sondern über alle Seiten hinauswächst: horizontal wie vertikal. Dazu gehört, dass Vergangenes (auch außerhalb des MCUs) erschlossen wird, aber auch neue Helden und Heldinnen die Bühne betreten. Kurzum: Es führt kein Weg mehr drumherum, jeden Eintrag des MCU (und damit auch die Serien auf Disney+) mitzunehmen. Spätestens mit Doctor Strange in the Multiverse of Madness werden Kenntnisse zu den Entwicklungen aus WandaVision vorausgesetzt. Das klassische abgeschlossene Filmerlebnis existiert nicht mehr.

Das Multiversum ist angekommen

Aus dem Chaos vieler Marvel-Ableger heraus ergibt sich eine neue Ordnung: Was einst mit Sam Raimis Spider-Man-Trilogie (2002–2007) begann und einige Jahre darauf mit Marc Webbs The Amazing Spider-Man (2012–2014) neu gestartet wurde, erscheint plötzlich in einem neuen Licht. Mit dem Aufbruch des Multiversums dringen die Feinde von einst in die Gegenwart hervor. Dieses Ereignis für einen Moment zur Seite geschoben, bedeutet das nichts Geringeres als die Akzeptanz der bisherigen Spider-Man-Filme als Kanon. Es gibt sie! Die Handlungen trugen sich nur in einem anderen Universum zu. Den Gedanken muss man erst einmal sacken lassen, denn was könnte das nur für die Fantastic Four, die X-Men oder die Protagonisten der Netflix-Serien bedeuten? No Way Home besitzt erfreulicherweise die Erzählkunst, die Existenzbestätigung in seiner stattlichen Laufzeit von mehr als zwei Stunden unterzubringen, ohne alles von vorne zu erklären. Das geht mittlerweile weit über Cameos hinaus, wie man sie noch in den 2010ern schätzte, sondern ist sorgfältig geplant und durchkalkuliert.

Eine Umarmung des Comic-Films

Das Herzstück der Films sind seine Bösewichte: Es gibt ein Wiedersehen mit Jamie Foxx als Max Dillon alias Electro, Alfred Molina als Otto Octavius alias Doctor Octopus, Willem Dafoe als Norman Osborn alias Green Goblin, Thomas Haden Church als Flint Marko alias Sandman und Rhys Ifans als Dr. Curt Connors alias Lizard. Es ist bemerkenswert, dass No Way Home den Mut besitzt, diese Figuren zu reanimieren (wortwörtlich) und ihnen auch ganz neue Charakterzüge zukommen zu lassen. Das zeigt wundervoll, wie lernfähig sich das MCU über die letzten Jahre gezeigt hat. (Ein Stück weit) Weg vom Popcorn-Kino, hin zu Interaktionen, Persönlichkeitsaufbau und glänzenden Charaktermomentan. Willem Dafoe, Alfred Molina, … man möchte jeden davon umarmen, weil sie tragfähige Schurken sind. Das beherrscht kaum ein anderes Studio: Neben das Gigantomanische das Persönliche zu stellen, ohne dass sich beide Teile abstoßen. Wenn man einmal von all dem inhaltlichen wie actionreichen Bombast absieht, ist das auch der Film der großen Emotionen. Stellenweise – und das mag überraschend sein – ist das Werk traurig, manchmal sogar rührselig. Pathos wird nach Langem wieder einmal groß geschrieben und das nicht immer im positiven Sinne.

Meta-Schnitzeljagd mit begeisterndem Ensemble

Die Bedeutung des Filmtitels wollen wir an der Stelle nicht spoilern. Am Schluss ist Peter Parker aber auch am (vorzeitigen) Ende seiner Entwicklung angekommen und kann auf eine beachtliche MCU-Reise über sechs Filme hinweg zurückblicken. Ganz so in sich schlüssig wie Peters Entwicklung ist Stephens hingegen nicht, der sich von seinem ersten Auftritt als Narzisst mittlerweile zu einem Mann mit sozialer Ader entwickelt hat. In diesem Film besitzt er überraschenderweise mehr Ähnlichkeit zu Tony Stark als zu dem Charakter, der er einst war, und gibt auch in seiner Mentorenrolle keine überzeugende Figur ab. Wenn also jemand unter all den Ereignissen weniger gut wegkommt, dann er, aber da besteht zumindest Ausblick auf baldige Änderung. Doch für Cumberbatch wie alle anderen Darsteller gilt: Sie haben Spaß an ihren Rollen. Insbesondere Willem Dafoe, der nach so vielen Jahren wieder in seine ikonische Rolle schlüpft, tritt voller Spielfreude auf. Und auch Zendaya als MJ ist eine eigenständige Persönlichkeit, auf die man einfach nicht verzichten möchte, weil sie sich für einen Normalo ganz souverän durch diese superheldenlastige Welt bewegt.

Publikumsnahe Inszenierung

Stilistisch handelt es sich nach langem wieder einmal um einen typischen Marvel-Blockbuster, der den konventionellen Weg einschlägt. Während Eternals mit seinen poetisch-melancholischen Bildern besticht und Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings ebenfalls eine ganz eigene Duftmarke hinterlässt, wird hier wieder Vertrautes auf hohem Niveau kredenzt. Aber auch Doctor Strange hinterlässt visuell einen Fußabdruck und wir bekommen eine mitreißende Szene aus der Spiegelwelt zu sehen. Untermalt werden die Bilder durch den gewaltigen Soundtrack von Michael Giacchino (Star Trek), der in den entscheidenden Momenten für zusätzliche Gänsehaut sorgt. Hier liefert das Kreativteam die erwartete starke Leistung.

Fazit

Als Fan des MCUs tendiert man so oder so bereits dazu, sich in Spekulationen zu verlieren und in Theorien zu verzetteln. Doch dann kommt plötzlich jener Paukenschlag, in denen genau die Dinge aufgegriffen werden, die man selbst kaum für möglich hält. Spider-Man: No Way Home ist der aufregendste MCU-Eintrag seit Avengers: Endgame und stellt eindrucksvoll unter Beweis, wie geschickt man bei Marvel mit den eigenen Filmen, Serien und Figuren zu jonglieren weiß. Das Popcornkino-Publikum bekommt seine Actionszenen, trotzdem gibt es die großen emotionalen Momente und intime Charaktereinblicke, die das Gesamtereignis zum Spektakel abrunden. Vieles läuft hier zusammen und auch einige Figuren bekommen hier einen würdigen Abschluss verpasst. Ein fantastisches Kunststück, welches das gesamte Franchise nicht nur in eine neue Richtung manövriert, sondern kaputtschlägt, sortiert und neu definiert.

© Disney

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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Ayla
Redakteur
27. Dezember 2021 14:23

Definitiv einer der besten MCU-Titel bis jetzt (und innerhalb meiner persönlichen Favoriten direkt neben WandaVision und Captain America: The Winter Soldier in der Top 3). Ich muss ja gestehen, dass ich meine Erwartungen möglichst gering gehalten hab, einfach weil ja die Erwartungshaltung vieler wirklich enorm war. Da wird man leicht enttäuscht, aber ich würde sagen, dass No Way Home diese Erwartungen eher noch übertroffen hat. Zumal auch gezeigt wurde, wie viele Möglichkeiten das Multiversum bietet, wie etwa die Aufnahme alter Verfilmungen in den MCU-Kanon und gar eine Form der Fortführung.

Aber hier stimmt einfach alles: Die Popcorn-Action, die emotionalen Momente (ganz besonders die! Da hat Tom Holland auch wieder gezeigt, was er so auf dem Kasten hat), die Story und auch einfach die vielen Meta-Einwürfe, bei denen man als Spidey-Fan eigentlich nur überglücklich sein kann. Ich bin auch beeindruckt, wie gut die Schauspieler der Bösewichte der alten Filme wieder in ihre Rollen gefunden haben. Da liegen immerhin teilweise fast 20 Jahre dazwischen! Ich hatte mir extra nochmal die Trilogie von Sam Raimi und die beiden Amazing-Teile kurz vor dem Kino-Besuch angeschaut, um mit frischer Erinnerung an No Way Home zu gehen. Wirklich krass, wie nahtlos der Übergang funktioniert, insbesondere Alfred Molina und Willem Dafoe wirken, als hätten sie nie etwas anderes gespielt.

Ich bin wirklich gespannt, wie es mit Spider-Man in Zukunft weitergeht. Der Film hat wirklich nochmal alles auf den Kopf gestellt (in einem guten Sinne).