You – Du wirst mich lieben (Staffel 1)

Lesezeit: 5 Minuten

Stalking kennen wir zumeist aus der Perspektive des Opfers, das sich vor dem unliebsamen Angriff auf die Privatsphäre in Sicherheit bringen muss. Die US-Autorin Caroline Kepnes schrieb mit ihrem Roman YOU – Du wirst mich lieben einen Bestseller, in dem das Prinzip umgedreht wurde. Der Roman stellt den Alltag eines liebeskranken Stalkers in einem völlig authentischen und nachvollziehbaren Blickwinkel dar und der Leser taucht dadurch in seine Perspektive ein. Die Brisanz hinter diesem Stoff erkannte auch Netflix. Der Streamingriese ließ den Stoff in Serie gehen, und noch während der Produktion der ersten zehnteiligen Staffel wurde die Unterschrift für eine zweite Staffel gesetzt. Seit dem 26. Dezember 2018 steht die Serie mittlerweile deutschen Zuschauern zur Verfügung, zeitgleich veranlasste der LYX-Verlag eine Neuauflage des Romans sowie des Nachfolgers Hidden Bodies – Ich werde dich finden.

Joe (Penn Badgley, Gossip Girl) ist ein Bilderbuchmann: Gutaussehend, zuvorkommend, charmant und aufmerksam. Er ist keiner jener abgehobenen Geschäftsmänner oder Snobs, sondern führt ganz bodenständig einen Buchladen. Sein beschauliches Leben ändern sich von einem Tag auf den nächsten, als die angehende Autorin Guinevere Beck (Elizabeth Lail, Once Upon A Time) seine Buchhandlung betritt. Von diesem Moment an ist Joe verliebt in Guinevere, die von allen einfach nur Beck genannt wird. Joe nutzt das Internet und Social Media, um kurzerhand alles über Beck in Erfahrung zu bringen. Dabei saugt er jede Information aus ihrem Leben auf und trägt alle Informationen zusammen, um herauszufinden, was für ein Mensch Beck ist. Er beschattet sie so lange, bis er die Zufälle soweit lenkt, dass es zu einem zweiten Treffen kommt. Dem entspringt eine Liebesgeschichte, aus der sich Abgründe auftun…

Sympathy for the Devil

Originaltitel You
Jahr 2018
Land USA
Episoden 10 (in Staffel 1)
Genre Psycho-Thriller
Cast Joe Goldberg: Penn Badgley
Guinevere Beck: Elizabeth Lail
Paco: Luca Padovan
Ethan: Zach Cherry
Peach Salinger: Shay Mitchell
Lynn: Nicole Kang
Annika: Kathryn Gallagher

Die Besonderheit von You – Du wirst mich lieben ist Ausgangspunkt der Serie: Joe ist kein solcher Psychopath, wie wir ihn uns vorstellen. Er ist der nette Typ von nebenan, gewissermaßen sogar aufrichtig und um das Wohl Becks bedacht. Radikal sind nur seine Methoden, um seinen Willen zu bekommen. Und dabei sind wir ihm noch nicht einmal böse, denn er besitzt viele positive Eigenschaften. Nur eben mit dem feinen Unterschied, dass auch der Weg zur Hölle mit guten Absichten gepflastert ist. Gegen die Darbietung von Penn Badgley als besonnener und scheinbar immer ausgeglichener Joe können alle anderen Rollen kaum ankommen. Bei Beck dauert es schon etwas länger, um Sympathien für sie aufzubringen. Denn wo man vielleicht ein doppelbödiges Spiel vermutet, trifft man erst einmal auf Naivität und Egoismus. Deshalb gilt bei ihr erst einmal das, was auch Joe obliegt: sie muss beobachtet werden. Als Zuschauer fühlt man sich immer wieder dabei ertappt, mit Joe zu sympathisieren und ihm zu helfen, näher an sein Ziel zu kommen. Ein ähnliches Verhalten kennen Zuschauer bereits aus Serien wie Dexter oder Hannibal.

Portrait eines Stalkers

Damit Joe es nicht ganz so leicht hat, schrieb die Autorin ihm allerlei Widersacher in den Weg. Dazu zählen Becks hinterlistige BFF Peach (Pretty Little Liars-Star Shay Mitchell) sowie Becks Freund Benji (Lou Taylor Pucci, Spring). In ihren zehn Episoden etabliert die Serie zahlreiche Nebenfiguren, die mal aktiv, mal passiv Einfluss auf die Handlung nehmen und somit unvorhersehbare Wendungen aufkommen lassen. Auch Joe ist nicht unfehlbar und muss am eigenen Leib erfahren, wie es ist, selbst bei einem bis ins Detail ausgetüftelten Plan Rückschläge einzustecken. Das macht ihn zu einer greifbaren Person, deren Cleverness sich schließlich immer in einem Plan B widerspiegelt. Obwohl Beck Ziel und Fokus der Handlung ist, handelt es sich bei Joe um eine ausgefeilte Persönlichkeit, die einem niemals das Gefühl gibt, als würde man sie gänzlich kennen. Schließlich liegen Destruktivität und Obsession dicht beieinander.

Vorhänge könn(t)en Leben retten

Es ist immer ein Leichteres, sich an einer Buchvorlage entlang zu hangeln, als ein Originaldrehbuch aufzusetzen. Deshalb sind die zehn Episoden der ersten Staffel straff erzählt und besitzen Cliffhanger an den richtigen Stellen. Ideale Grundbedingungen, um You – Du wirst mich lieben voll und ganz bingewatchtauglich zu machen. Aller Spannung zu Trotz: Verdammt vieles in You – Du wirst mich lieben ist hochgradig konstruiert. Dazu gehört das Hin und Her um ein gewisses Buch, welches zwei Figuren permanent auf der Stelle treten lässt und die eigentliche Handlung dabei völlig an Glaubwürdigkeit verlieren lässt. Aber auch ganz triviale Dinge bleiben dabei offen: Wieso besitzt Beck einfach keine Vorhänge? Sie schafft die idealen Voraussetzungen, um sich zum Stalkingopfer zu machen. Wer im Erdgeschoss mit zur Straße ausgerichteten Fenstern lebt, hat selbstverständlich Sex mit Licht, damit auch von außen jeder entfernt Neugierige mitbekommt, was geschieht. So häufen sich die “Zufälle”, die Joe stets in die Karten spielen, jedoch zumeist erzwungen sind, um die Geschichte möglichst dynamisch voranzutreiben. Hier wäre an einigen Stellen mehr Fingerspitzengefühl nötig gewesen, um das Verhältnis zwischen Joe und Beck glaubhafter auszugestalten.

Fazit

Insbesondere wenn es darum geht, das Verhalten anderer Charaktere zu kalkulieren, blitzt immer wieder ein Funken Genialität auf, denn es gelingt der Serie, den Zuschauer stark zu involvieren. Ist er nun auf Joes oder Becks Seite oder gar auf beiden? Es macht Spaß, den eigenen Standpunkt in diesem moralisch verwerflichen Beziehungskuddelmuddel zu ergründen. Über die teilweise stark konstruierte Handlung à la Revenge lässt sich aufgrund der spannenden Cliffhanger hinwegsehen. Diese Unbeständigkeit ist es auch, welche die Serie einer fortlaufenden Dynamik unterwirft. Mancher Zuschauer wird sein eigenes Social Media-Verhalten eventuell überdenken und feststellen, dass der gläserne Bürger kein Hirngespinst ist. Nach etwa drei Vierteln fällt es You – Du wirst mich lieben allerdings zunehmend schwieriger, die eigene Handlung beisammen zu halten. Wann immer Joe seinem Ziel näher kommt, bedeutet das, dass gleichzeitig auch Spannungsfaktoren verloren gehen – ein Wermutstropfen. Trotzdem hinterlässt die erste Staffel einen astreinen Eindruck mit Suchtpotenzial.

 

Zweite Meinung

Was wie eine harmlose Romanze beginnt, entpuppt sich schnell als verworrene Geschichte um Fanatismus, Stalking und Mordereignisse. Schnell entwickeln sich aus Zuneigung und Interesse Besessenheit und Kontrollwahn, welche den Protagonisten zu undenkbaren Entscheidungen führen. Die erste Staffel umfasst mit zehn Folgen einen angenehmen Einstieg, um den Handlungsstrang sowie die Charaktere und deren Hintergrundgeschichten ausreichend kennenzulernen. Zugegebenermaßen entschwindet im letzten Drittel der Staffel die Dynamik des Ganzen, dennoch ist es interessant zu wissen, wie der Handlungsstrang in der bereits bestätigten zweiten Staffel weitergeführt werden soll.

 

©Netflix

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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Tellux
Redakteur

Ich bin sehr gespannt, wie sich die zweite Staffel entwickeln wird.