Star Wars: Visionen (Staffel 1)

Wenn süße, anthropomorphe Hasenmädchen unter blühenden Kirschbäumen Schwerter schwingen, dann sind wir in einem Anime. Wenn die Schwertklingen aber nicht aus vielfach gefaltetem Stahl sind, sondern aus Laserstrahlen, dann sind wir bei Star Wars. Das passt nicht zusammen? Aber wie das passt! Dass George Lucas sich einst großzügig beim asiatischen Kino bediente, als er Star Wars schuf, ist allgemein bekannt. Was dabei herauskommt, wenn Star Wars, dieses uramerikanische Franchise mit den ostasiatischen Wurzeln, einen Ausflug in die japanische Popkultur unternimmt, ist in der Animations-Serie Star Wars: Visionen auf Disney+ zu bewundern. In neun kleinen, von einander unabhängigen Folgen spielen sieben japanische Animationsstudios mit Motiven aus Star Wars und lassen das über 40-jährige Franchise mal ganz anders aussehen.

Anthologie:

 
  1. Ein schweigsamer Ronin beschützt ein Dorf vor Steuereintreibern des Imperiums, angeführt von einer Sith-Kriegerin. (Besprechung Folge 1)
  2. Was macht ein aufmüpfiger, junger Hutte, der keine Lust auf eine Karriere beim organisierten Verbrechen hat? Er spielt in einer Rock-Band.
  3. Die dunkle Seite hat ein Zwillingspaar aufgezogen und zur ultimativen Waffe gemacht. Doch der Junge rebelliert gegen die ihm zugedachte Rolle, um das Leben seiner Zwillingsschwester zu retten.
  4. Man sieht es am Zöpfchen: das Mädchen auf der Flucht ist ein Jedi-Padawan. Als es ein naturverbundenes Dorf zu schützen gilt, findet sie zu ihrer Bestimmung zurück.
  5. Sieben Kämpfer sind berufen, den Jedi-Orden wieder aufzubauen. Doch wem kann man trauen? An der Farbe ihrer Klingen sollt ihr sie erkennen.
  6. Ein putziger kleiner Droide hat einen Traum: Er will ein Jedi werden.
  7. Ein Jedi und sein Padawan treffen auf einem abgelegenen Planeten des Outer Rim auf einen rätselhaften Greis mit finsterer Ausstrahlung und zwei roten Lichtschwertern. Ein Sith?
  8. Das Imperium ‒ Widerstand oder Kollaboration? Diese Frage spaltet die Familie von Hasenmädchen Lop.
  9. Eine Prinzessin will Rache und ein Jedi beschützt sie. Aber um sie zu retten, muss er eine folgenschwere Entscheidung treffen.

Momentaufnahmen aus dem Star Wars-Universum

Originaltitel Star Wars: Visions
Jahr 2021
Episoden 9
Genre Science-Fiction
Regie Takanobu Mizuno, Taku Kimura, Hiroyuki Imaishi, Hitoshi Haga, Kenji Kamiyama, Abel Gongora, Masahiko Ôtsuka, Yuki Igarashi, Eunyoung Choi
Studio Kamikaze Douga, Studio Colorido, Trigger, Kinema Citrus, Production I.G, Science Saru, Geno Studio
Veröffentlichung: 22. September 2021 auf Disney+

Neun kleine Geschichten, zwischen 14 und 23 Minuten lang. Jede davon in sich abgeschlossen und ohne Bezug zu den anderen. Zusammen hält sie nur das Erzähluniversum, in dem sie angesiedelt sind. Keine davon präsentiert prominente Star Wars-Charaktere. Kein Yoda, kein Darth Vader, kein Obi-Wan Kenobi, keine Skywalkers. Nur Jabba der Hutte und Boba Fett haben einen kleinen Gastauftritt. Die Zwillinge der dunklen Seite sind deutlich nicht Luke und Leia in einem Paralleluniversum, aber die Geschichte malt aus, was aus den beiden hätte werden können, wenn sie bei Papa aufgewachsen wären. Dass es in all den Geschichten um Star Wars geht, erzählt sich nur über die vertrauten Versatzstücke. Raumschiffe, Droiden. Mal ist ein Bild eines AT-AT an die Wand gekritzelt. Mal laufen Sturmtruppler durchs Bild. Mal fallen bekannte Sätze, irgendwer sagt immer wieder mal: “Möge die Macht mit dir sein!” oder “Ich habe da ein ganz mieses Gefühl.” Und natürlich werden Lichtschwerter geschwungen. Fast alle Geschichten erzählen von einsamen Jedi auf verlorenem Posten und ihren Gegnern, den Sith. Weil ein Laserschwert-Duell wohl für alle beteiligen Animations-Studios einfach der Inbegriff von Star Wars ist.

Kendo im Weltraum

Dass Schwertkampf nicht bloßes Draufhauen ist, sondern mit einer ganzen Lebenseinstellung inklusive Ehrenkodex verbunden ist, weiß man, wenn man Samurai-Filme schaut. Dass Kampfskills eine Kunst sein können, die gern ins Magisch-Mystische ausfranst, die man in einer intensiven Meister-Schüler-Beziehung erlernt und bei der die fundamentale Kraft des Chi fließen muss, das hat auch ein westliches Publikum mittlerweile gelernt, wenn es eine Menge Anime gesehen hat. Etwa 16 Staffeln Bleach oder 700 Folgen Naruto. George Lucas hat’s nicht erfunden, aber man kann ihm hoch anrechnen, dass er das Prinzip verstanden und in Star Wars auf den Punkt gebracht hat. Und zwar so, dass es die ganze Welt versteht und ohne, dass man auf den ersten Blick merkt, dass es eigentlich von ganz woanders herstammt. Kein Wunder, dass sich die japanischen Macher von Star Wars: Visionen da auf vertrautem Terrain fühlen und aus Star Wars keine Raumschlachten hervorkitzeln, sondern jede Menge Jedi-Lichtschwert-Kämpfe. Mit all den wunderbaren Details, die man aus japanischen Filmen kennt: Die Klinge mit den bloßen Händen aufhalten. Auf den Gegner losrennen … Verzögerung … hinter ihm stehenbleiben … und… dann … erst … fällt einer um. Kann man ein Laserschwert in eine Schwertscheide stecken? Eigentlich nicht, man schaltet es ab und hängt es an den Gürtel. Wenn nicht der Akt, ein Katana zu ziehen oder wegzustecken so ein bedeutungsgeladener Kino-Moment wäre. Ein japanischer Jedi muss das einfach machen. Es wäre zu schade, darauf zu verzichten.

Eine bunte Mischung

Bei einen Anthologie-Werk wie Star Wars:Visionen oder einst Animatrix bekommt man eine Wundertüte mit vielen Überraschungen. Was man nicht bekommt, ist stilistische Einheitlichkeit. Darum variiert der Zeichenstil von schlicht bis ausgefeilt und die Tonlage von episch über sentimental bis albern. Dabei kommt auch recht schräges Material auf den Bildschirm: Ein Kampfregenschirm mit Laserklingen. Oder ein Darth Vader-Outfit für Mädchen. Das kann richtig Spaß machen, oder traditionelle Star Wars-Fans auch sehr stören. Was man auch nicht bekommt, sind durchgängige Figuren und Handlungsbögen. Jede der Folgen könnte der Auftakt für eine ansehnliche Anime-Serie sein, in die man sich gern vertiefen würde. So hüpft man von einer Situation zur nächsten, ohne groß Emotionen in die eine oder andere Geschichte zu investieren. Stattdessen bleibt in Erinnerung, was jeweils anders war als in den vorhergehenden Episoden. Zeichenstil, Figuren, Handlungsablauf. Wer sich gern in einen langen, komfortablen Handlungsbogen plumpsen lässt, wird daran eher wenig Freude haben.

Fazit

Wow, mal ein anderer Blick auf Star Wars, der den Blick schärft für das, was Star Wars ausmacht. Lauter pfiffige, leicht hingetuschte Ideen ohne diese Zentnerlast von ernst gemeintem Kitsch und Bedeutungsgeschwurbel, die ein ganzer Star Wars-Spielfilm mit sich bringt. Und ich will dieses Darth Vader-Girl-Outfit haben! Das steht mir zwar nicht, da ich nicht die langen Beine einer Anime-Figur habe. Aber trotzdem! Die bange Frage des Fandoms, ob das nun Kanon geworden ist und Star Wars in Zukunft kämpfende Häschen, Hutten-Rockmusiker und Laser-Regenschirme mit berücksichtigen muss, ist mittlerweile beantwortet. Nein, das sind Legenden ohne Auswirkungen auf künftige Filme. Schade eigentlich.

© Disney

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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