Grey’s Anatomy (Staffel 17)

Die Corona-Pandemie hat unseren Alltag mit einem Schlag auf eine noch nie dagewesene Art verändert. Auch der Medical Drama-Dauerbrenner Grey’s Anatomy behandelt in den frischen 17 Folgen der 17. Staffel das Virus und dessen Auswirkungen auf speziell den medizinischen Sektor, aber auch das einfache Privatleben. Die 17. Runde des Dramas nach einer Idee von Shonda Rhimes lief zwischen November 2020 und Juni 2021 in den USA, bei uns startete sie am 21. April desselben Jahres auf den Streaming-Diensten JOYN und Disney+, eine Woche später auch beim Free-TV-Sender Pro7. Anfang September 2021 kamen nun auch deutsche Fans in den Genuss der finalen Episoden. Nachdem zunächst unklar war, ob Staffel 17 gar die letzten Folgen zeigen würde, wird es nun sicher noch eine 18. Staffel geben.

Die Covid-19-Pandemie stellt die Welt auf den Kopf und die medizinischen Fachkräfte vor eine noch nie dagewesene Situation. Meredith (Ellen Pompeo, Catch Me If You Can) und ihre Kollegen kämpfen um das Überleben von Covid-19-Patienten, müssen aber immer mehr Verluste verzeichnen und sehen vor lauter Arbeit kaum noch ihre Familien. Miranda Bailey (Chandra Wilson, Accidental Friendship) wird das tückische Virus einen wichtigen Menschen nehmen, Amelia (Caterina Scorsone, Private Practice) und Atticus (Chris Charmack, Nashville) sehen sich neben ihrem Dasein als frischgebackene Eltern besonders gefordert und Maggies (Kelly McCreary, Emily Owens) Fernbeziehung mit ihrem neuen Freund Winston (Anthony Hill, Faith Under Fire) wird mit Abstandsregeln und Quarantäne auch nicht einfacher. Als ob das alles nicht schlimm genug wäre, infiziert sich auch Meredith mit Covid-19 und erkrankt sehr schwer. In ihrem Überlebenskampf sieht sie an einem imaginären Strand aber einige geliebte Menschen wieder …

Am Puls der Zeit

Originaltitel Grey’s Anatomy
Jahr 2020–2021
Land USA
Episoden 17 (in Staffel 17)
Genre Drama
Cast Meredith Grey: Ellen Pompeo
Jo Wilson: Camilla Luddington
Miranda Bailey: Chandra Wilson
Richard Webber: James Pickens Jr.
Owen Hunt: Kevin McKidd
Teddy Altman: Kim Raver
Jackson Avery: Jesse Williams
Maggie Pierce: Kelly McCreary
Amelia Shephard: Caterina Scorsone
Seit September 2021 vollständig auf Disney+

Wenig überraschend ist das zentrale Thema die Corona-Pandemie, schließlich spielt sie zeitlich ab dem Frühjahr 2020. Dies mag nicht jedem gefallen, immerhin ist das Thema im realen Leben bereits nicht auszublenden, aber ein Aussparen hätte weder zu Grey’s Anatomy noch zum Setting gepasst. Die Serie war insbesondere in den späteren Staffeln oft am Puls der Zeit und ausgerechnet den medizinischen Sektor in eine heile Welt zu katapultieren, wäre nicht nur sehr unrealistisch, sondern auch eine verpasste Chance. Zudem ist es keinesfalls so, als würden die Geschichten langweilig werden, sondern im Gegenteil: Staffel 17 bietet einige der emotionalsten Momente und Storylines der letzten Jahre. Allerdings gibt es durch die Hektik in der Corona-Krise nur wenige episodenübergreifende Patientengeschichten, dafür bleiben die, die es gibt, sehr in Erinnerung und wirken sich direkt auf die involvierten Ärztinnen und Ärzte aus. Zudem werden auch die in der verkürzten Staffel 16 nicht beendeten Storylines fortgeführt, darunter auch Andrews (Giacomo Gianniotti, Selfie) Verdacht, dass sich eine jugendliche Patientin in den Fängen von Menschenhändlern befindet. Ebenfalls brandaktuell und mit Bezug zum realen Leben ist die Thematisierung des Todes von George Floyd und den darauffolgenden Protesten, wobei dieses Ereignis weitreichende Folgen für die Einstellung mehrerer Charaktere hat. Fest steht, dass erneut sehr wichtige und durchaus auch unschöne Themen angesprochen werden, die aber genau deshalb ungemein zur Authentizität beitragen.

Überzeugende Charakterarbeit

Während Meredith mit ihrer Covid-Erkrankung kämpft, müssen sich Amelia und Atticus, die gerade erst Eltern des kleinen Scout geworden sind, um ihre drei Kinder kümmern. Dabei ist es schön zu sehen, dass auch der älter werdende Nachwuchs mehr Screentime bekommt, gerade Zola (Aniela Gumbs) erhält zunehmend eigene kleine Storylines und sorgt für viele rührende Momente. Teddy (Kim Raver, Lipstick Jungle), die bei vielen Fans seit ihrer Rückkehr zum Hauptcast ab Staffel 15 eher weniger beliebt ist, bekommt hingegen eine eigene tiefgehende Episode gewidmet, die unter anderem ihre Traumata behandelt. Die Storyline um Teddys mentale Gesundheit ist authentisch geschrieben und schafft es, den Charakter (und vor allem dessen fragwürdige Entscheidungen und Handlungen in den vorherigen Episoden) Zuschauer*innen wieder näher zu bringen. Besonders hervorstechend ist aber Jo Wilsons (Camilla Luddington, William und Kate – Ein Märchen wird wahr) Charakterentwicklung, die sehr interessant gestaltet wird. Erneut wird gezeigt, dass sie einer der am besten entwickelten Charaktere der Serie ist – trotz der Tatsache, dass sie erst seit Staffel 9 dabei ist. Ebenfalls gelungen ist, dass dem Charakter Cormac Hayes (Richard Flood, Crossing Lines) nach nur einer Staffel bereits einiges an Tiefe sowie Ecken und Kanten verliehen wurde. Lediglich bei Assistenzärztin Taryn Helm (Jaicy Elliot) scheinen sich die Drehbuchautoren weiterhin nicht einig zu sein: Ist sie nun ein belangloser Nebencharakter oder doch mehr? Was macht sie außerhalb ihrer Freundschaft zu Levy und der Schwärmerei für Meredith aus? Immerhin wird angedeutet, dass sie in der nächsten Staffel eine definiertere Rolle bekommen könnte. Insgesamt sind auch die Beziehungen der Charaktere untereinander tatsächlich sehr interessant und vielseitig gestaltet, es gibt sogar kaum ermüdende Elemente. Erfreulicherweise gibt es im Vergleich zur Vorgängerstaffel auch erstaunlich viele glückliche Momente zwischen den Serienpaaren, was sich gerade im Kontrast zu den ernsten Hintergründen wie Merediths Erkrankung oder den vielen Covid-Opfern gut macht.

Fast schon ein Muss: Das parallele Schauen von Seattle Firefighters

Ebenfalls ein wichtiger Punkt sind erneut die Bezüge zur 4. Staffel des Spin-offs Seattle Firefighters, die sehr deutlich sind und für einige sehr gut umgesetzte Storylines sorgen. Besonders ergreifend und vor allem überzeugend sind die Geschichten, die Miranda und Ben (Jason George, Mistresses) betreffen, da beide eine Hauptrolle bzw. eine wiederkehrende Nebenrolle in beiden Serien besitzen. Wer die Feuerwehrleute der Station 19 noch immer nicht verfolgt, schaut jedoch wieder einmal in die Röhre und verpasst einiges bzw. wird sich bei einigen Episoden auch nur absolut fragend am Kopf kratzen können. Besonders kontrovers: Die Umstände des Todes eines Grey’s Anatomy-Hauptcharakters sind nur verständlich, wenn man die betreffenden Folgen Grey’s Anatomy und Seattle Firefighters schaut. Auch die emotionale Tragweite dieses Todes wird nur deutlich, wenn man das Spin-off ebenfalls verfolgt. Dafür sind diese Episoden aber auch großartig umgesetzt, sodass es sich allerspätestens jetzt empfiehlt, parallel beide Serien zu schauen, am besten direkt zur wöchentlichen Erstveröffentlichung. Zuschauer*innen werden feststellen, dass das Staffelfinale ungewöhnlich versöhnlich verläuft und vor allem ohne dramatische Cliffhanger auskommt. Grund hierfür ist, dass lange Zeit unklar war, ob es noch eine 18. Staffel geben wird, da der Vertrag von Ellen Pompeo lediglich bis Staffel 17 reichte und ihr Ausstieg auch das Ende der Serie bedeuten soll. Als Folge wurde das Staffelfinale so gestaltet, dass es notfalls auch als Serienfinale durchgehen kann, allerdings haben Fans Glück: Staffel 18 ist in trockenen Tüchern, doch es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass Grey’s Anatomy langsam aber sicher auf das Serienende zusteuert.

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten

Meredith begegnet an ihrem imaginären Strand geliebten Menschen, die bereits verstorben sind. Darunter sind langjährige Fan-Favoriten wie George (T. R. Knight, The Flight Attendant), Lexi (Chyler Leigh, Supergirl), Mark (Eric Dane, Euphoria) und sogar Derek (Patrick Dempsey, Verwünscht). Letzterer bekommt die meisten Dialoge, während die drei erstgenannten Charaktere nur kleine Auftritte, die mehr wie reiner Fanservice anmuten, spendiert bekommen. Fragwürdig ist dadurch, ob die Rückkehr so vieler beliebter Gesichter nicht doch mehr eine kühle Taktik ist, um die Fans weiterhin bei Stange zu halten – denn tatsächlich einen Beitrag zur Handlung leisten die Gastauftritte nur sehr bedingt. Die Tatsache, dass Meredith den Großteil der Staffel schwerkrank im Bett verbringt und lediglich in ihrem Strand-Szenario interagiert, dürfte nicht jedem gefallen. Allerdings ist dies nicht Merediths erste übernatürliche Nahtod-Erfahrung, denn bereits in Staffel 3, als sie beinahe ertrank, (oder besser: tatsächlich lange klinisch tot war) begegnete sie verstorbenen Menschen. Das sorgt dafür, dass diese Szenen sich innerhalb der Serie sehr organisch anfühlen und einen Rückbezug zu früheren Staffeln aufbauen. Dennoch ist die langanhaltende Verwendung eines imaginären Szenarios definitiv Geschmackssache, auch wenn genau dieser Umstand zu einem emotionalen Ankerpunkt der Staffel wird. Staffel 17 ist mit gerade einmal 17 Episoden eine der kürzesten Staffeln in der Geschichte der Serie (lediglich Staffel 1 mit nur neun Folgen ist noch kürzer), allerdings kommt es nicht auf die Anzahl der Episoden an, sondern darauf, was damit gemacht wird. Hier fühlt sich tatsächlich jede Episode bedeutend an und mit der Entscheidung, einige Folgen nur einem Charakter zu widmen (wie etwa Teddy), wird auch für Abwechslung gesorgt.

Die letzte Staffel für Jackson Avery

Für Jesse Williams’ Figur Jackson Avery ist die 17. Staffel auch gleichzeitig die letzte Staffel, nachdem er bereits seit Mitte der sechsten Staffel zum durchgängigen Hauptcast gehörte. Für Fans ist gerade der Ausstieg eines Charakters, der bereits lange dabei ist, stets bitter. Allerdings wird dieser Ausstieg mit einem sehr interessanten und gut umgesetzten Handlungsbogen eingeleitet, was im Gegensatz zu Alex’ Ausstieg in Staffel 16 steht (bei dem man aber durch den plötzlichen Ausstieg des Schauspielers auch kaum den Drehbuchautoren die Schuld geben kann). Tatsächlich kehrt innerhalb dieser Storyline ein weiterer Charakter zurück: Jacksons Ex-Frau April Kepner (Sarah Drew, Cruel Summer), die zuletzt in Staffel 14 zu sehen war. Ein Wermutstropfen ist hierbei jedoch, dass April mittlerweile von Matthew getrennt lebt. Dieser Umstand stellt den Sinn der abrupten Hochzeit zum Ausstieg des Charakters in Staffel 14 noch mehr infrage und lässt die narrative Entscheidung sehr erzwungen wirken. Zudem wird ein offener Handlungsstrang um Jacksons Vater weiterverfolgt und zu einem Abschluss gebracht, sodass sich Jacksons Abschied aus dem Grey Sloan sehr passend anfühlt und man sich dennoch klug die Möglichkeit offen hält, ihn wieder auftauchen zu lassen.

Fazit

Staffel 17 ist wohl so sehr Geschmackssache wie schon lange nicht mehr, insbesondere durch die starke Nutzung von Merediths Träumen. Wer mit Punkten wie diesem keine Probleme hat wird aber mit einer sehr starken und emotionalen Staffel belohnt, die ihre Stärken vor allem aus den Charakteren zieht. Insbesondere Jo ist mittlerweile einfach ein Charakter, der selbst Meredith in Sachen Komplexität und Authentizität quasi den Rang abläuft. Ironischerweise sorgt gerade die in der Serie dargestellte Pandemie für eine sehr abwechslungsreiche Staffel, die es schafft, für kreative und emotional rührende Storylines zu sorgen. Persönlich finde ich es besonders schön, dass viele auch schlicht glückliche Momente geboten werden, da gerade Letztere in all dem Drama nur noch rar gesät sind. Eine absolute Highlight-Staffel!

© Walt Disney

Ayla

Ayla ist Schülerin und beschäftigt sich hobbymäßig mit allen möglichen Medien, ohne dabei Beschränkungen zu kennen. Dennoch ist sie vor allem ein Serien- & Game-Junkie und liebt besonders actionreiche und dramatische Inhalte, wobei sie gleichzeitig für viele kindliche Themen zu haben ist, weshalb sie weiterhin großer Disney-Fan ist. Abseits ihrer Leidenschaft des Sammelns ihrer Lieblingsmedien schreibt Ayla gerne selbst Geschichten oder zeichnet Bilder, um sich so zu entspannen.

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