Coelacanth

Einen Menschen zu töten, hinterlässt immer Spuren. Doch was, wenn diese so lückenhaft sind, dass sich kein Gesamtbild ergibt und über die Jahre alles in Vergessenheit gerät? In Kayoko Shimotsukis (Poisson: The Life of Favorite Mistress Pompadour) Manga Coelacanth reißt ein neuer Mordfall alte Wunden auf und führt seine Protagonisten auf eine emotionale Reise. Ähnlich wie der namensgebende Quastenflosser brechen nämlich alte Erinnerungen wieder an die Oberfläche. Die zweibändige Reihe erschien hierzulande bei Egmont Manga und zeigt uns, dass Schafe nicht immer lieb und nett sind.

   

An einem ganz normalen Morgen verkündet der Schuldirektor, dass der Mathelehrer Mansaku Mogi ermordet wurde. Hisano kann es nicht fassen, doch im Gegensatz zu ihren Klassenkameraden muss sie deswegen nicht weinen. Das Schaf, das nur sie seit einigen Jahren sehen kann, wirft ihr vor, gefühllos zu sein, was das Mädchen wieder einmal nachdenklich stimmt. Als die Polizei die Klassensprecher wegen Mogi befragt, gibt Hisano an, dass dieser nicht sehr beliebt war, was der quirlige Kentaro nur bestätigen kann. Durch Zufall fällt Hisano noch am selben Tag ein Heft in die Hand, das sofort ihre ganze Aufmerksamkeit bekommt. In dem Leitartikel berichtet ein Reporter über einen Doppelselbstmord durch Gasexplosion. Dieser ist zehn Jahre her und das kleine Mädchen auf dem großformatigen Titelbild ist Hisano. Nur knapp ist sie damals dem Tod entrungen. Als sie völlig in Gedanken versunken ist, reißt die Kette seltsamer Ereignisse nicht ab. Am Abend trifft sie einen jungen Mann, der mit den Ereignissen von damals zu tun hat.

Die Chemie stimmt

Originaltitel Coelacanth
Jahr 2007
Bände 2
Genre Mystery, Drama
Zeichnerin Kayoko Shimotsuki
Verlag Egmont Manga (2013)

Die nachdenkliche Hisano findet schnell Sympathien beim Leser, denn ihre komplizierte, traurige Familiengeschichte erklärt, warum das Mädchen nur selten lächelt. Was es hingegen mit ihrem Schaf auf sich hat, ist eine andere Geschichte. Wie unsere Protagonistin erklärt, war es irgendwann einfach da, und nun gibt es zu allem Möglichen seinen zynischen, unterhaltsamen Senf dazu. Doch ist die Wollfabrik wirklich nur eine Einbildung? Denn auch der junge Mann mit Namen Yukinari Yanagi, kann das flauschige Wesen sehen. Genau aus diesem Grund kommen die beiden ins Gespräch und wir spüren regelrecht, wie die Chemie zwischen den beiden stimmt. Da sie sich von früher kennen, kann die Autorin die in Coelacanth schnell aufkeimenden Gefühle verständlich erklären, denn so sind diese nicht nur aus der Luft gegriffen.

Im Zwiespalt

Doch emotional ist das Ganze nicht so einfach: Eine Schuppe, die Hisano seit der damaligen Explosion besitzt, passt genau in einen Gegenstand, den Yanagi bei sich trägt. Fortuna leistet bei ihr regelrecht Überstunden! Etwas sehr viel Zufälle, jedoch schreitet die Handlung im Gegenzug zügig voran. Ein schwarzhaariger Junge mit blutigem T-Shirt raste damals vom Tatort davon, fuhr sie dabei aber an und hinterließ die Schuppe, die nun wie ein Wunder in die kleine Dose von Yanagi passt. Dass da die Gedanken um einen möglichen Täter kreisen, sind verständlich, genauso wie die aufkeimende Angst. Zusätzlich warnt ihr quasselnder Geselle, dass sie vorsichtig sein solle. Diese emotionale Unsicherheit überträgt sich auch auf uns, sodass wir froh sind, dass das Mädchen auf der Hut bleibt. Um Klarheit zu bekommen, fängt Hisano logischerweise mit Nachforschungen an, was natürlich neugierig stimmt, denn da kann nur einiges Interessantes zu Tage kommen.

Zwei Fälle oder doch nicht?

Der Mord an dem Mathelehrer bringt schnell ein dunkles Geheimnis an den Tag. Denn der eher zurückhaltende Mann kaufte immer wieder sexuelle Dienste mit Minderjährigen. Durch einen Zettel, den die Ermittler beim Opfer fanden, führt die Spur sie zu einer Klinik und dem dortigen Direktor mit Namen Shimizu. Wie das Schicksal es jedoch erneut will, trifft Hisano durch Yanagi die ebenso schwer durchschaubare, verdächtige Kurumi Shimizu, die Tochter des Klinikdirektors. Was schon wieder nach Zufall schreit, stellt sich im Laufe der Handlung aber als etwas anderes heraus. Jedoch ergibt sich erst gegen Ende von Coelacanth ein stimmiges großes Bild. Bis dahin dürfen wir die Puzzleteile wie Hisano und die Polizei zusammensuchen. Die packende Auflösung ist emotional stimmig und wartet mit einem dramatischen Höhepunkt auf, der die Nerven noch einmal ordentlich anspannt. Schade ist nur, dass sich Hisanos Familienprobleme zu einfach in Luft auflösen.

Mehr als nur ein imaginärer Freund?

Die beiden interessanten Fälle sind jedoch nicht das Einzige, was an Coelacanth den Leser bei Laune hält. Hisanos Schaf ist eine nette, kleine Nebengeschichte, die sich durch den kompletten Manga zieht. Angefangen damit, dass der kleine Kerl nicht bei jeder Person seine Aufwartung macht. Ebenso entspricht das Schaf mitnichten der normalen Symbolik, die seiner Art zugeschrieben werden. Kein friedliches, freundliches Wesen. Nein, ein kleiner frecher Kerl, der vor allem nicht auf den Mund gefallen ist. Hisanos Begleiter bringt daher ordentlich Schwung in die Geschichte. Die Autorin hat sich zum Glück auch eine logische psychologische Erklärung für das Tier einfallen lassen, die aber etwas Freiraum zur Interpretation lässt, was dem Ganzen doch eine gewisse Würze gibt. Ebenso passend baute die Mangaka den namensgebenden Quastenflosser (engl. Coelacanth) mit ein. Denn wie der Urzeitfisch, der nach all den Jahren wieder an die Oberfläche kommt, so tun es auch hier alte Erinnerungen und Gefühle.

Ein feines Gespür

Genau das beweist Kayoko Shimotsuki nicht nur bei der Darstellung der verschiedenen Emotionen ihrer Figuren, sondern auch bei der optischen Gestaltung. Die sanften Cover könnten Leser zwar auf eine falsche Spur bringen, denn es handelt sich hierbei nicht um eine ruhige Liebesgeschichte, sie laden jedoch allemal zum Verweilen ein. Ebenso besitzen die klaren Panelaufteilungen einen einfachen Lesefluss. Nur hier und da sind einige Sprechblasen etwas verwirrend platziert, sodass wir zweimal über eine Stelle lesen müssen, um zu verstehen, welche Figur nun was sagt. Das einfache, aber ansprechende Charakterdesign ist bodenständig und fügt sich daher in das realistische Bild ein, welches Coelacanth aufbaut.

Fazit

Hinter Coelacanth verbirgt sich eine komplexe, aber kompakte Kriminalgeschichte. Schlussendlich hätten hin und wieder ein paar Seiten mehr nicht geschadet, denn einige Storyfäden hätte die Autorin ruhig ausführlicher erzählen können. Der Vorteil ist aber, dass wir wirklich jeden Satz beachten müssen, da sich genau in diesen oft wichtige Hinweise verbergen. Deshalb hat mir das Lesen viel Spaß gemacht und erneutes In-die-Hand-nehmen der Bände bietet sich wirklich an. Das sofortige Knistern zwischen Hisano und dem undurchschaubaren Yanagi löste eine große Anziehung auf mich aus. Schließlich wollte auch ich wissen, was genau Sache ist, und drückte den beiden aber auch die Daumen, dass sich hier zwei verwandte Seelen finden können. Hisanos Schaf ist für mich ein wirklich gelungener Bonus, denn das freche Tier spricht oft genau die richtigen Dinge an. Außerdem bietet es ein schönes Rätsel, was es nun genau ist. Dass am Ende sogar offen bleibt, warum Yanagi es ab und an sehen konnte, finde ich passend, denn so bleibt etwas Mysteriöses doch verborgen. In die wunderschönen Cover verliebte ich mich sofort und auch die Zeichnungen sind genau nach meinem Geschmack. Für mich bietet Coelacanth ein fast perfektes Lesevergnügen, das ich weiter empfehlen kann.

© Egmont Manga

Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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