The Promised Neverland

Lesezeit: 5 Minuten

Mangas, die im japanischen Shonen Jump Magazin veröffentlicht werden, haben angesichts der hohen Auflagen des Magazins gute Chancen auf eine Anime-Adaption. So auch im Falle von The Promised Neverland von Kaiu Shirai (Story) und Posuka Demizu (Zeichnungen). Zumindest unter diesem Gesichtspunkt ist es wenig verwunderlich, dass die Manga-Vorlage keine zwei Jahre nach ihrem ersten Band auch nach Deutschland schwappte, wo sie seit März 2019 bei Carlsen Manga erhältlich ist. Als dann noch ein Anime angekündigt wurde, war die Freude komplett. Schließlich zählt The Promised Neverland zu den angesagtesten Psycho-Thrillern der 2010er und mit den entsprechenden inszenatorischen Raffinessen sollte sich die dichte Stimmung doch leicht übertragen lassen, oder?

Die Kinder, die im Waisenhaus „Grace Field House“ leben, könnten es nicht besser haben: Sie schlafen in weichen Betten, es gibt jeden Tag gutes Essen und ihre Aufpasserin ist wie eine Mutter für sie. Emma, Norman und Ray sind die ältesten unter den 38 Kindern, die gerade dort leben. Für sie ist jeder Tag toll, auch wenn sie schwierige Intelligenztests bestehen müssen. Bis zum zwölften Lebensjahr werden Adoptiveltern für die Kinder gesucht. Für die kleine Conny ist es soweit: Sie darf endlich das Waisenhaus verlassen. Doch sie vergisst dabei ihren Stoffhasen, weswegen Emma und Norman ihn ihr bringen wollen. Dafür müssen sie an einen der beiden Orte, den die Waisen niemals betreten sollen. Dort sehen sie etwas, das sie nicht hätten sehen sollen – und was ihr Leben für immer verändern wird…

Eine Schachpartie der geistigen Elite

Originaltitel Yakusoku no Neverland
Jahr 2019
Episoden 12 (in Staffel 1)
Genre Mystery, Psychological
Regisseur Mamoru Kanbe
Studio CloverWorks

Wie im Manga zeigt auch die Animeserie in der ersten Episode, dass Norman und Emma Zeuge eines Mordes an ihrer Freundin Conny werden. Von wegen Adoptiveltern: Die beiden Kinder durchschauen ganz schnell, dass Grace Field House nichts anderes als eine Farm ist, auf der intelligente Kids herangezüchtet werden, welche einen reinen Nutzen erfüllen. Sie sind Nahrung für Monster – nicht mehr und nicht weniger. Ganz so schlecht wie sie aussieht, ist die Lage allerdings nicht: Immerhin gehören Norman und Emma zu den cleversten Kindern des Waisenhauses. Kinder, die Situationen durchschauen und entsprechend reagieren können. Wäre da nicht Isabella, selbsternannte “Mama” und Aufpasserin, die nach außen Wärme und Geborgenheit ausstrahlt, jedoch ganz anderes im Schilde führt. Genau hier setzt The Promised Neverland an: Wie lange dauert es, bis Isabella Wind davon bekommt, dass zwei ihrer Kinder wissen, wie der Hase läuft? Und wer kommt wem zuvor? Der Plot steht und ein spannungsgeladenes Psycho-Duell steht bevor.

Cliffhanger um Cliffhanger, doch wo ist die Zeit?

Dass Norman und Emma nicht ganz ohne fremde Hilfe auskommen, zeigt sich bald. So wie sich das Blatt mal zu ihren Gunsten wendet, hat auch Isabella das eine oder andere Ass im Ärmel. Die Spannung, die sich am stärksten auf den Zuschauer überträgt, besteht darin herauszufinden, wann beide Parteien offen miteinander kommunizieren und ihr Wissen offenkundig ausspielen. Das Versteckspiel wird immer wieder angereichert durch fiese Cliffhanger, die den Zuschauer darüber im Unklaren lassen, ob nun Isabella oder die Gruppe der Kinder begünstigt wird. Dieser Kniff sorgt dafür, dass The Promised Neverland eine äußerst kurzweilige Serie ist. Abstriche muss sie jedoch im Bereich ihrer Charaktere machen: Emma, Norman und Ray heißen die Spieler auf unserem Schachbrett, doch über dieses gleiten sie ohne sonderlich Profil zu besitzen. An vielen Stellen fehlt immer wieder eine Vertiefung der Charaktere. Emotionen und vor allem Monologe, in denen sich die Kinder etwas ausdenken oder gar gedanklich an einem Fluchtplan tüfteln, fielen der Schere zum Opfer. The Promised Neverland zählt zu jenen Serien, die darunter leiden zu haben, dass nur zwölf Episoden Spielzeit zur Verfügung stehen und es einfach viel zu viel zu erzählen gibt.

Auftakt und gleichzeitiges Highlight

Hinter der Serie steckt das noch junge, erst 2018 gegründete Studio CloverWorks (Persona 5 the Animation). Mit der Ausstrahlung des Animes zog auch der Verkauf der Manga-Bände deutlich an, womit die Animeserie dahingehend bereits einen Marketingzweck erfüllt hat. Unter der Regie von Mamoru Kanbe entstand mit Elfen Lied bereits eine andere, in der Animeszene beliebte Serie, die für ihr düsteres Weltbild bekannt ist. Ähnlich verhält sich das auch mit The Promised Neverland: Sind die ersten Geheimnisse erst einmal gelüftet, wird deutlich, welche Rolle das Waisenhaus überhaupt spielt. Allerdings macht die Serie genau dort einen Cut, wo es spannend wird. Analog hierzu geschieht auch innerhalb des Mangas kurze Zeit später ein inhaltlicher Bruch, nach dem es nicht mehr gelingt, eine ähnlich dichte Atmosphäre aufzubauen. Insofern stellt der Stoff, der in den zwölf Episoden der ersten Staffel verarbeitet wird, ein dankenswertes Fundament dar. Eingeleitet wird dies stimmungsvoll durch den poppigen Opener “Touch off” der Band UVERworld. Visuell hinterlässt die Adaption einen gemischten Eindruck: Obwohl die Zeichnungen nahe am Manga liegen, wirken sie nicht immer astrein. Die wenig detaillierten Gesichter sind allerdings bereits in der Vorlage vorhanden.

Fazit

Als Kenner des Mangas hat man es mit dieser Serie etwas schwerer als jemand, der die komplexe Storyline völlig unbedarft genießen kann. Die Anime-Adaption konzentriert sich auf das Wesentliche, ohne dabei einen schlechten Job zu machen. Mit dem Wissen, was man allerdings noch aus der Geschichte herausholen kann (der Manga ist ein wahrer Pageturner), schmerzt es allerdings, dass nur für das Nötigste Zeit bleibt. Insbesondere die Einführung einer neuen Figur, welche das Waisenhaus erst im Laufe der Serie erreicht, wirkt dadurch umso gehetzter. Hier wären sogar 26 Episoden denkbar gewesen, allerdings gibt es noch soviel zu erzählen, dass die Serie auch mehrere Staffeln ausfüllen können wird. Freunde spannungsgeladener Mystery-Unterhaltung dürfen The Promised Neverland als Pflichttitel betrachten, sollten jedoch auch die Vorlage nicht verwehren.

 

Zweite Meinung

The Promised Neverland hat mich schon in der ersten Folge gepackt und nicht mehr losgelassen. Man bekommt eine ziemlich schaurige Geschichte zu sehen, wenn hier Menschen auf der Speisekarte landen. In diesem Fall unschuldige Kinder. Tatsächlich gibt es hier einige Parallelen zur Massentierhaltung, was ich sogar echt gut finde. Schließlich kann das einige Zuschauer auch zum Nachdenken anregen. Die Charaktere Emma, Norman und Ray überzeugen alle auf ihre Art. Auch wenn mich an Emma ein bisschen dieses ”Mutter Theresa”-Verhalten mit dem Glauben, dass sie alle Kinder retten kann, stört. Wirklich verrückt finde ich Schwester Krone, die ein recht psychopathisches Verhalten an den Tag legt. Letztendlich zählt der Anime zu den ersten positiven Überraschungen des Jahres 2019. Vielleicht, weil er in gewisser Weise auch an Attack on Titan erinnert. Das Opening ”Touch off” habe ich nach einiger Zeit liebgewonnen, obwohl es beim ersten Mal hören noch nicht auf mich gewirkt hat. Ich freue mich schon 2020 auf die Fortsetzung des Animes.

© CloverWorks

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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Aki
Redakteur

Auf den Anime von The Promised Neverland war ich sehr gespannt, denn den Manga mag ich bis jetzt sehr gerne. (aktueller Stand Band 7)
Die größte Sorge die ich am Anfang hatte, war, dass sie die Optik nicht hinbekommen. Es ist einfach so, dass die Zeichnungen von Posuka Demizu extrem detailliert sind und sie auch gerne mit den Blickwinkeln spielt. Doch genau um diesen Punkt musste ich mich gar nicht sorgen, denn das Studio hat wirklich gute Arbeit geleistet. Was mir sogar auffiel, dass sie mit den Blickwinkeln mehr herum gespielt habe. Oft haben wir einen Blickwinkel, wie ein heimlicher Beobachter. Das sorgt für eine passende Stimmung und dann noch manch andere Kameraspiele! Das Charakter-Design wurde auch perfekt übernommen und ich bin immer noch begeistert, wie vor allem das Haus zum Leben erweckt wird. Es ist schlicht das knarren der Dielen, das schummrige Licht und dann die Räume selbst. Da kommt Stimmung auf!

Von der Story her, kann ich auch nicht meckern. Denn diese wurde doch sehr gut übertragen. Hier und da wurde zwar was weggelassen dafür wurde an anderen Stellen hinzugedichtet. Ich habe sogar ein zwei Mal die Bände zum Vergleich herausgezogen. Schlimm nur, dass ich eine, für mich grausame Storywendung noch mal durchleben musste:

Spoiler
Norman!!!! Mein persönlicher Lieblingsbewohner des Waisenhauses, der natürlich sterben muss. Wobei ich ja immer noch meine Hoffnungen habe, denn ohne Leiche glaube ich erst mal nichts. Trotzdem, ist es heftig, wie er sich dazu entschließt sich ausliefern zu lassen und nicht alleine zu fliehen. Wie dann Emma sogar noch versucht sich dagegen zu stellen. Daher musste ich sogar lachen, als Ray auf der Mauer plötzlich seinen toten Freund neben sich hat und mit ihm diskutiert. Dieses „Ich hab gewonnen“-Lächeln von Norman ist einfach herrlich!

Das Opening gefiel mir am Anfang nicht so aber mit mehrmaligen Hören, wurde der Song immer besser und besser. Ein Fall für sich, sind die Endings. Optisch voll nach meinem Geschmack aber musikalisch eher nicht.

Ich hoffe die zweite Staffel hält das Niveau.

Alva Sangai
Redakteur

Zum Spoiler:
Er ist auch mein Liebling Q__Q Das kann einfach nicht sein und ich hoffe es gibt doch noch eine Überraschung.