The Dark Pictures Anthology: House of Ashes

Zum dritten Mal lädt der Kurator zum interaktiven Horror ein: In House of Ashes verschlägt es eine Gruppe Soldaten in einen unterirdischen Tempel. Nach der Erkundung eines Geisterschiffs in Man of Medan und Hexenhorror in Little Hope schlägt der dritte Teil der Dark Pictures-Anthologie eine neue Richtung ein. Wieder einmal liegt ein Bündel Einzelschicksale in den Händen der Spieler:innen und je nach Spielverlauf sieht der Ausgang der Geschichte anders aus. Pünktlich zum Halloween-Fest 2021 kam der Titel in den Handel und bildet den dritten von insgesamt vier Teilen der Anthologie. Genauer gesagt: von Season 1. Warum sich der dritte Ableger zumindest inhaltlich besser als seine Vorgänger schlägt, lest ihr im Review.

    

Irak, 2003:  Eine US-Spezialeinheit soll ein Waffendepot ausmachen. Plötzlich wird sie von der irakischen Armee attackiert, was dazu führt, dass sich der Boden unter den US-Marines auftut und sie in ein Höhlengewölbe fallen. Es dauert nicht lange, bis Rachel (Ashley Tisdale, High School Musical), Eric (Alex Gravenstein, X-Men: Dark Phoenix), Jason (Paul Zinno, Happy Face) und Naram-Sin (Sami Karim, Legacy of Lies) merken, dass sich da unten etwas befindet, was schon seit Jahrhunderten vergraben war und einen gewissen Hunger auf Menschen hat.  Auch der Einheimische Salim (Nick Tarabay, Spartacus) wandert durch die Katakomben.

Die gewohnte Supermassive Games-Formel

Originaltitel House of Ashes
Jahr 2021
Plattform PlayStation 5, PlayStation 4, Xbox One
Genre Horror
Entwickler Supermassive Games
Publisher Bandai Namco
Spieler 1–5
USK
Veröffentlichung: 22. Oktober 2021

Das Entwicklungsstudio Supermassive Games hat mit The Dark Pictures Anthology eine Formel gefunden, die ziemlich gut funktioniert. Der Erfolg von Until Dawn hat eines bewiesen: Die Spielerschaft liebt handlungszentrierte Spiel in feinster Kino-Präsentation. Und dankbar sind Horror-Fans ohnehin. Die einzelnen Teile der Anthologie spielen unabhängig voneinander und sind darauf ausgelegt, wie ein langer Film an einem oder zwei Abenden abgeschlossen zu werden. Spielbar sind fünf Figuren, deren Ziel es fortan ist, den Gängen und Kammern möglichst unbeschadet zu entkommen. Was simpel klingt, besteht aus einer Menge Komponenten, die Einfluss auf das Geschehen nehmen können. Charakterentwicklungen und Beziehungen spielen wie immer ein tragende Rolle und Entscheidungen bringen wie immer im Leben Konsequenzen mit sich. Soweit hat sich also nichts an der berühmten Formel von Supermassive Games verändert. Das Gameplay selbst beschränkt sich wie in den Vorgängern auf das Nötigste. Im Fokus steht die Geschichte, die grob vorskizziert ist und je nach Entscheidungsverlauf einen anderen Pfad einschlägt. Entweder man schickt die Figuren in ihr Verderben oder rettet sie. Jede Wahl soll gut überlegt sein.

Ein uraltes Geheimnis schlummert unter der Wüste

Zugutehalten muss man House of Ashes, dass die bislang ambitionierteste Handlung erzählt wird. Woran die beiden Vorgänger kränkeln, macht hier deutlich mehr Spaß, denn die Figuren bekommen innerhalb der Geschichte einen Ankerpunkt, der ihr Dasein als Teil der Handlung rechtfertigt. Die ausgefeiltesten Figurenprofile sollte man nicht erwarten, aber der fünfköpfige Trupp besitzt schon nach einer Stunde mehr Persönlichkeit als die stereotypen Nervensägen aus Little Hope. Inhaltlich steht jedoch viel zu viel auf der Agenda. Spoilerfrei genannt werden können das brisante Irakkrieg-Setting, Kriegstraumata, Verbrüderung mit Feinden, Flüche, Tempelerkundungen, das Managen einer Dreiecksbeziehung und noch viel mehr, das sich im letzten Drittel erst offenbart. House of Ashes hat sich extrem viel vorgenommen, wird aber nicht jeder Thematik am Ende gerecht. Der mythologische Unterbau stimmt allerdings und weiß seine Atmosphäre schleichend zu verbreiten. Das inhaltliche Rätsel beschäftigt lange genug, um die vier bis sechs Stunden Spielzeit in Kauf zu nehmen, um alles über die Auflösung zu erfahren. Nicht näher eingegangen werden muss auf den Fakt, dass Filmklassiker herauf und herunter zitiert werden, auch wenn sich die größten Anleihen erst zum Ende ergeben. Das handlungsrelevante Erlebnis ist also rundum stimmig erzählt und würde auch als Film funktionieren.

Was ist eigentlich Horror?

In Man of Medan und Little Hope ist die Frage gegenwärtig, was echten Horror auszeichnet. Oder genauer gesagt: Wie echt der Horror ist, den die Protagonisten erleben. Realität und Fiktion gehen in beiden Spielen fließend ineinander über. Davon nimmt House of Ashes bereits mit dem Szenario Abstand. Im Grunde ist dieses nämlich schon erschreckend genug, nämlich der Horror einer Kriegssituation. Ein reeller Horror. Und ebenso wahrhaftig ist auch alles, was innerhalb des Tempels wartet. Die fantastischen Elemente sind weiterhin im Horror-Genre zu verorten, soviel sei gesagt. Doch die mitunter temporeiche Gesamtsituation erfordert mehr Action als sonst und die Charaktere sind dieses Mal ausgebildete Krieger. Damit entfernt sich der Horror-Bezug dann vom Tappen in der Dunkelheit völliger Nobodys und lässt vielleicht auch einen Teil Identifikation abhanden kommen. Nicht unbedingt eine solche mit den Figuren, sondern eher der Situation, hier ausgebildete Profis mit Waffen zu begleiten, die den Kampf nicht scheuen.

Technischer Stillstand

Die Charaktere wurden wie gewohnt via Motion Capturing zum Leben erweckt. Die Gesichter und Mimik sehen weitgehend gut aus, werden mitunter aber durch suboptimale Animationen beeinträchtigt. Etwa wenn Figuren miteinander sprechen, dabei aber stets ins Leere schauen. So wirklich lebendig wirken die Figuren auch im dritten Anlauf nicht. Daran ist man mittlerweile gewohnt – so schade es gleichzeitig auch ist, dass die Entwicklungen marginal ausfallen. Ein wenig macht das auch den B-Movie-Charme aus, könnte man argumentieren. Ärgerlich ist, dass auch Kritikpunkte am Gameplay bleiben: Die Action besteht zu 90% aus Quick-Time-Events, die vor allem relativ einsteigerfreundlich gestaltet sind. Noch wenig vertretbar ist die schlechte Soundabstimmung: Untertitel sind ein Muss, wenn Stimmen überlappen oder die räumliche Distanz durch laut-leise-Kontraste dargestellt werden soll, aber nicht funktioniert. Trotz allem handelt es sich noch immer um den am meisten ausgereiften der drei Teile, wenngleich ein wahrer Fortschritt mehr als wünschenswert wäre. Ob das mit The Devil In Me (2022) funktionieren wird, erscheint ehr unwahrscheinlich.

Fazit

House of Ashes ist weit davon entfernt, ein schlechter Titel zu sein, und macht vor allem im Filmabend-Modus mit Freunden großen Spaß. Die ambitionierte und dicht erzählte Geschichte vermag stellenweise sogar zu fesseln und involviert hoch genug, um sich gegenseitig anzubrüllen, wenn bestimmte Entscheidungen ein unvorhergesehenes Charakterdrama auslösen. An der Darstellung des Horrors mögen sich dieses Mal die Geister scheiden: Das Szenario driftet stärker in Richtung Action ab, als man vermuten möchte, und insbesondere Mainstream-Horrorfans werden mit der ungewohnten Kulisse fremdeln. Da sind die beiden Vorgänger wesentlich klassischer aufgestellt. Schade ist, dass das Spiel technisch völlig auf der Stelle tritt und sich jeglicher Weiterentwicklung verweigert. Wahre Innovation dürfen wohl erst ab Season 2 erwartet werden, welche mit dem fünften Teil anlaufen wird.

© Bandai Namco


Veröffentlichung: 30. Oktober 2021

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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