Possessor

David Cronenberg (Scanners, Die Fliege) gilt gemeinhin als König des Body-Horrors. Auf seinen Sohn Brandon (Antiviral) trifft das Motto “Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm” zu. Mit Possessor inszenierte Cronenberg Junior einen ambitionierten Sci-Fi-Horror-Thriller, der sich nicht viel Zeit für Erklärungen nimmt und seine Zuschauer unmittelbar ins Geschehen wirft. Während der Film in seiner Prämisse glatt von Christopher Nolan (Inception) stammen könnte, ist die Ausführung derart brachial, dass sie einem Mainstream-Publikum eher auf den Magen schlagen könnte. Somit genau der richtige Titel für das Fantasy Filmfest 2020, wo der Film erstmals in Deutschland aufgeführt wurde.

 

Tasya Vos (Andrea Riseborough, Mandy) arbeitet als Agentin für eine Organisation. Mittels einer neuartigen Technologie kann sie via Gedankenkontrolle in den Geist anderer Menschen eintauchen und deren Körper übernehmen. Diese Fähigkeit nutzt sie nicht nur, um ihre Missionen zu erfüllen, sondern sorgt nach erfolgreicher Infiltrierung auch gleich dafür, dass die Zielperson sich umbringt. Effektives Spurenverschwischen: Keine Spur führt anschließend mehr zu ihr, was jene Technologie zu einer wertvollen Waffe macht. Doch Tasya ist letztlich auch nur ein Mensch und das Body-Hopping zollt langsam seinen Tribut: Ihre mentale Verfassung bekommt allmählich Risse, die Grenzen zwischen Opfer und Täter verlaufen zunehmend und ihre Realitätswahrnehmung gerät ins Wanken …

Identität im Abwärtsstrudel

Originaltitel Possessor
Jahr 2020
Land Großbritannien / Kanada
Genre Science-Fiction, Horror
Regie Brandon Cronenberg
Cast Tasya Vos: Andrea Riseborough
Colin Tate: Christopher Abbott
Michael Vos: Rossif Sutherland
Ava Parse: Tuppence Middleton
John Parse: Sean Bean
Girder: Jennifer Jason Leigh
Reeta: Kaniehtiio Horn
Eddie: Raoul Bhaneja
Laufzeit 103 Minuten
FSK unbekannt
Bislang keine Veröffentlichung

Andrea Riseborough reißt den Film mit ihrer Performance regelrecht an sich und zeigt einmal mehr, dass sie in der Lage ist, auch derart abgebrühte Figuren wie Tasya zu verkörpern. Die Auseinandersetzung mit Tasyas Psyche ergibt sich zwangsläufig: Identität ist das zentrale Thema. Darin ist Tasya auf den ersten Blick gefestigt, doch im Laufe der Handlung zeichnet sich immer stärker ab, dass dem nicht so ist. Ihre Lebensumstände und Gedankengänge gewinnen zunehmend an Bedeutung. Trotzdem bleiben Figurenzeichnung und vor allem Empathie auf der Strecke, auch ist es mitunter ziemlich schwer, überhaupt für Tasya zu sympathisieren. Christopher Abbott (It Comes At Night) übernimmt die zweite Hauptrolle (eine Art Doppelrolle von Tasya) und seine Figur Colin bleibt ebenfalls wenig durchschaubar. Die Nebenrollen erweisen sich als sorgfältig gecastet, die mit Jennifer Jason Leigh (Weiblich, ledig, jung sucht … ) und Sean Bean (Game of Thrones) namhaft besetzt wurden. Aber auch hier bleiben die Charakterisierungen marginal und es häufig unklar, auf wessen Seite man eigentlich stehen soll. Cronenbergs Drehbuch gibt in dieser Hinsicht nichts vor und hält sich auch in Sachen Lenkung vornehmlich zurück.

Informationsscheue Bewusstseinsentgleisung

Nach dem turbulenten Einstieg schaltet Cronenberg erst einmal ein paar Gänge zurück. Schließlich versteht sich Possessor nicht als simpler Action-Thriller, sondern hat eine vielschichtige Handlung parat und besitzt dafür mit seiner fiktiven Technologie auch das nötige Equipment. Damit öffnen sich jede Menge Ideen und Gelegenheiten, die auch innerhalb einer Serie wie Black Mirror viel Futter für eine packende Geschichte geliefert hätten. Die wirklichen W-Fragen werden aber nicht geklärt: Wieso gibt es diese Organisation? Wer tüftelt diese detaillierten Briefings aus? Was ist ihr Ziel? Possessor konzentriert sich alleine auf das Hier und Jetzt, nämlich Tasyas Mission. Ohne aber ein Neuaufguss von Die Körperfresser kommen zu sein, denn dafür ist der Film eigenständig genug. Insbesondere die harte Gangart ist speziell: Bei all den namhaften Darstellern erwartet man nicht unbedingt eine Produktion mit ultrabrutalen Splatterszenen. Bis die Kanister Blut zum Einsatz kommen und man daran erinnert wird, dass “Cronenberg” eine Marke für sich ist. Auch, wenn es sich um den Junior handelt. So nahe die Option aber auch liegt: Am Ende wird es nicht der Gore-Faktor sein, für den man Possessor in Erinnerung behalten wird.

Auf Augenhöhe mit den Zuschauern

Insbesondere im letzten Drittel stellt Brandon Cronenberg unter Beweis, dass er die Fußstapfen seines Vaters ausfüllt. Das intensive Finale fordert die Zuschauer und hinterlässt eine Schlussszene, deren Interpretation sich förmlich aufdrängt. Einer der großen Pluspunkte des Films: Cronenberg unterschätzt die Intelligenz seiner Zuschauer nicht und spart viele Erklärungen aus – und das bereits von Anfang an, wo andere Filme ein Viertel ihrer Spielzeit mit Exposition verbringen oder erst einmal Hintergründe ausführlich vorstellen müssen. Er traut den Zuschauenden zu, sich selbst Gedanken zu machen und den Film dementsprechend zu reflektieren. Diese Art des mal-nicht-an-die-Hand-Nehmens ist sympathisch und sollte häufiger auf den Regiestühlen beherzigt werden. Audio-visuell gibt sich Possessor ebenfalls ziemlich selbstbewusst. Die dunklen Synthie-Klänge erzeugen eine soghafte Atmosphäre, die ihren Teil dazu beiträgt, dass Possessor eine eigene Anziehungskraft entwickelt. Wie bereits in Antiviral arbeitete Cronenberg erneut mit Kamermann Karim Hussain zusammen, der mit seinen Farb- und Lichtspielereien für virtuose Bilder sorgt.

Fazit

Possessor ist alles andere als leichte Kost, der mit seiner Schonungslosigkeit und soghafter Wirkung fasziniert. Mit einem schwer verdaulichen Ergebnis, das sich kaum mit anderen Filmen vergleichen lässt. Am nächsten liegt da noch der Vergleich mit eXistenZ, doch selbst der bleibt vage und lässt sich lediglich auf eine ähnliche Atmosphäre herunterbrechen. Im Zusammenspiel zwischen Drehbuch und Umsetzung greifen alle Rädchen ineinander: Auf philosophischer Ebene gibt es eine Menge zu besprechen, während nicht nur Kopf, sondern auch Auge verwöhnt werden: Ein großartiges Set-Design, kühle Bilder und professionelle Gore-Effekte sorgen dafür, dass wir diesem gelegentlich überzogenen Cyber-Thriller möglichst nah sein dürfen.

© Arclight Films

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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