The Dark Pictures Anthology: Little Hope

Pünktlich zu Halloween 2020 erschien mit Little Hope der zweite Teil der The Dark Pictures Anthology. Der erste Teil der Reihe, Man of Medan, machte den Anfang und war das erste von insgesamt acht geplanten Horror-Spielen, die das Entwicklerstudio Supermassive Games jährlich auf den Markt bringen möchte. Nach dem Abstecher auf einen Geisterkreuzer geht es in nun ins verschlafene und nebelverhangene Dörfchen Little Hope, eine Silent Hill-artige Location mit heruntergekommenen Gebäuden, merkwürdigen Bewohnern und ganz viel Grusel. Mit der Thematik der Hexenverfolgung trifft der Entwickler ganz den Zahn der Zeit, denn mit Hexen hexen, Blumhouse’s Der Hexenclub oder Chilling Adventures of Sabrina dominieren Geschichten über Hexen den Horror-Herbst 2020. Supermassive Games hat in dem Zug einige Fehler des Vorgängers ausgemerzt. Ob einer erfolgreichen Party nun nichts mehr im Wege steht?

   

Bei einem Ausflug einer Uni-Gruppe kommt es zu einem Unfall: Der Professor John und seine Studenten Angela, Andrew, Taylor und Daniel erwachen in der Nähe ihres von der Straße abgekommenen Busses. Es ist mitten in der Nacht, die Smartphones haben keine Verbindung und der einzige Ort in der Nähe ist das überschaubare Örtchen Little Hope. Diskrepanzen kommen in der Gruppe auf, was nun das richtige Verhalten in einer solchen Situation ist. Denn der Bus liegt umgekippt auf der Straße und vom Busfahrer fehlt jede Spur. Immer wieder kehrt die Gruppe an den Ausgangspunkt zurück, denn wie sie feststellen muss, kann sie dem Nebel nicht entkommen. Plötzlich jagen sie auch Flashbacks einer lange vergangenen Zeit und wie es scheint, können die darin auftauchenden Protagonisten sie sehen und mit ihnen interagieren …

Bekanntes Gameplay, leicht aufpoliert

Originaltitel The Dark Pictures: Little Hope
Jahr 2020
Plattform PlayStation 4, Xbox One
Genre Horror
Entwickler Supermassive Games
Publisher Bandai Namco Entertainment
Spieler 1 – 5
USK
 Veröffentlichung: 30. Oktober 2020

Spieler von Man of Medan und Until Dawn wissen, was sie in Little Hope erwartet: Ein interaktiver Film mit Quick-Time-Events und jeder Menge Entscheidungen, die den Spielverlauf beeinflussen. Nicht mehr und nicht weniger. Spieler bewegen sich auf vorgegebenen Wegen und es steht auch immer fest, was es genau zu tun gibt. Keine Rätsel, sondern simple lineare Pfade. Schwerpunktmäßig liegt alles auf dem Horror-Setting, den zu treffenden Entscheidungen sowie den daraus resultierenden Konsequenzen. Leben und Tod gehen dabei Hand in Hand, denn jede zu langsame Reaktion oder falsche Entscheidung führt zum sofortigen Ableben und einer Änderung des Handlungsverlaufs. Also springen wir von Cutscene zu Cutscene. Gameplay-Tiefe wird vergebens gesucht, dafür wurden zumindest ein paar Elemente etwas optimiert. Dazu zählt sicherlich im Party-Modus der Hinweis, wenn innerhalb von Quick-Time-Entscheidungen der Controller schnell weitergereicht werden muss. Oder kurze Ankündigungen, bevor es zu einem Event kommt und eine schnelle Reaktion gefragt ist. Dies war ein Kritikpunkt in Man of Medan, denn manchmal treten Entscheidungsmomente derart aus dem Nichts auf, dass ein verfrühter Tod unmittelbar an die Türe klopft. Erfreulicherweise wurde auch die Laufgeschwindigkeit der Charaktere erhöht, womit das einstige Herumschleichen nun endgültig ein Ende hat.

Party- und Koop-Modus erhöhen den Wiederspielwert

Apropos Party-Modus: Erneut lassen sich bis zu fünf Spieler mit dem Modus “Kinoabend” auf dem Sofa vereinen. Dabei darf jeder Spieler einen Charakter steuern, sobald das einen abwechselnd namentlich aufruft. Dafür wird im Vorfeld entschieden, wer welche Figur steuern darf und danach übernimmt das Spiel die Navigation, wer wann an der Reihe ist. Im Online-Koop-Modus dürfen wieder zwei Spieler gleichzeitig der Handlung folgen. Dieses gemeinsame Erlebnis in beiden Fällen ist auch das Aushängeschild der The Dark Pictures-Reihe. Schließlich wird die Geschichte dadurch von mehreren Personen geschultert und so in jedem Spieldurchgang undurchsichtig, was vor allem dem Replay-Faktor ungemein erhöht.

Hexen-Slowburner mit zu vielen Jump-Scares

Jetzt aber zur Geschichte, denn die ist das Kernstück des Titels. Die Flashbacks in die Jahre 1692 und 1972 tragen dazu bei, dass die Handlung ein wenig Tiefgang erhält. Sie zwingt die Spieler dazu, sich mit ihr auseinanderzusetzen, um das volle Ausmaß der Hexenverbrennungen und deren Wirkung auf die Gegenwart zu erklären. Das ist stimmungsvoll erzählt und lässt sich erfreulicherweise auch kaum mit Man of Medan vergleichen, dessen Geschichte im direkten Vergleich weit weniger gewichtig ist. Beide Titel schlagen inhaltlich in eine unterschiedliche Kerbe, wodurch sich Little Hope erfrischend anders anfühlt. Dass die Handlung ein Slowburner ist, darf als pure Geschmackssache bezeichnet werden. Denn es dauert gut zwei Stunden bis das Vorankommen an Fahrt gewinnt. Solange tappen die Figuren plan- und ahnungslos durch den Nebel, folgen einer Vision hier, vielen Erschreckern dort. Und zweifelsohne übertreibt dieser Teil es mit Jump-Scares, die so inflationär eingesetzt werden, dass sie irgendwann einfach nur noch kalt lassen.

Auf’s Innere kommt es nicht an

Ärgerlicherweise hat die Qualität der Geschichte wenig Einfluss auf die spielbaren Charaktere. Die sind nämlich ebenso flach wie unsympathisch geraten. Während John sich immer wieder bestimmend in den Vordergrund spielt, weiß Angela partout alles besser. Der farblose Andrew und die stürmische Taylor werden genötigt, eine Lovestory zu spielen, die nicht in die Gänge kommen will. Und Daniel ist der Protagonist, den man am besten findet. Nicht, weil er einen besonders tollen oder liebenswerten Charakter hat, sondern weil er so profillos ist, dass er weniger nervt als der Rest. Hier hat Supermassive Games dringenden Nachholbedarf für den nächsten Teil House of Ashes, denn schon ein Funken Identifikation (vielleicht auch schon Sympathie!) mit den Charakteren würde dazu führen, dass ihre Einzelschicksale auch auf Interesse stoßen. Brutal und kreativ sind die Tode allemal und machen daher Spaß. Nur sollte einem der verstorbene Charakter nicht völlig egal sein. Aber Spieler sind da scheinbar ebenso abgebrüht wie die Figuren, die keine Phase des Verlusts oder der Trauer kennen (wollen). Nach etwa vier bis fünf Stunden kommt der Inhalt auch schon zu seinem Abschluss. Das Ende als solches ist allerdings eine glatte Enttäuschung. Es möchte einen cleveren Twist auffahren, greift aber auf eine vollkommen abgedroschene Entscheidung zurück, die so manches nachträglich hinfällig macht.

Bekanntes Bindeglied: Der Kurator

Erneut mit von der Partie ist der Kurator, den wir schon in Man of Medan kennenlernten. In einer stilvoll eingerichteten Bibliothek kommentiert und bewertet der mysteriöse Mann zwischen den einzelnen Kapiteln unsere Handlungen im Spiel. Falsche Entscheidungen schmerzen gleich noch mehr, wenn wir auf unsere Fehler hingewiesen werden, und Stolz macht sich in uns breit, wenn wir gelobt werden. Dazu gibt es hier und da mal einen Tipp. Ob man ihn nun mag oder nicht: An mancher Stelle kann es durchaus nervig sein, aus dem Geschehen gerissen zu werden, denn der Mehrwert, den die Szenen mit dem Kurator bieten, ist überschaubar. Manchmal hätten wir uns beim Testen weniger Präsenz seinerseits gewünscht. Denn die Haupthandlung ist dicht genug erzählt und lässt auch ihre Spieler die meiste Zeit über im Unklaren, worum es nun genau geht, wenn die Charaktere die eigenen Doppelgänger in Flashback-Sequenzen antreffen. Was ist hier überhaupt los? Reinkarnation? Ein Fluch? Das Fegefeuer? Ein teuflisches Kind? Antworten gibt es erst zum Schluss.

Technisch verbesserter Ablauf mit holprigem Start

Was auf den ersten Blick begeistert, ist die Optik von Little Hope: Mithilfe von Motion Capture haben es erneut reale Schauspieler in das Spiel geschafft. Auch dieses Mal darf ein bekannter Schauspieler Pate für die Hauptfigur stehen: Will Poulter, bekannt aus Midsommar und Maze Runner. Grafisch kann sich das Resultat sehen lassen und hinsichtlich ihrer Mimik und Gestik überzeugen die Figuren. Nur die manchmal langen Dialogpausen lassen das Zusammenspiel hölzern wirken. Hier und dort ploppen Texturen mal zu spät auf, aber unterm Strich ist das Ergebnis einmal mehr fast auf dem Niveau eines Films. Bei der Akustik kommt es ebenso zu Patzern: In unserem ersten Anlauf fehlten die Stimmen der Charaktere komplett, was erst durch einen Day One-Patch gefixt werden konnte. Danach funktionierte alles einwandfrei und auch die deutsche Synchronisation kann sich hören lassen. Dennoch fehlt in zwei Szenen eine Lokalisierung, wodurch die Charaktere plötzlich auf Englisch sprechen. Ärgerlich, dass dies bei einer Qualitätskontrolle übersehen wurde.

Fazit

Insgesamt ist Little Hope Man of Medan einige Nasenlängen voraus: Technisch wie atmosphärisch. Das macht es umso ärgerlicher, dass die Geschichte nur ansatzweise packen kann und die Figuren derart stereotyp gestaltet sind, wie man es im Jahr 2020 kaum noch erwarten würde. Mittlerweile sollten sich doch narrativ derart viele Option aufgetan haben, wie Figuren auch so interessant gestaltet werden können, dass Spieler mit ihnen sympathisieren. Wenn jedoch alles darauf abzielt, sich am Tod der eigenen Figur zu erfreuen, läuft etwas gehörig falsch. Außerdem haben wir über die Jahre hinweg gelernt: Wenn schon Trash, dann bitte mit Augenzwinkern. The Dark Pictures Anthology nimmt sich dahingehend viel zu ernst. Entweder also den vollen Trash-Kurs einschlagen oder wesentlich stärker differenzieren in Sachen Figurenzeichnung. Hierbei herrscht akuter Nachbesserungsbedarf und Potenzial für die kommenden Teile. Inhaltlich kommt das Spiel natürlich nicht an das thematisch ähnlich gelagerte Silent Hill 2 heran, dafür machen Party- und Koop-Modus ein weiteres Mal unheimlich Spaß.

© Bandai Namco

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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