Tails of Iron

Wer in seinem Haus unversehens auf eine Ratte trifft, tendiert dazu nach seiner Katze zu brüllen, seine Schildkröte in Sicherheit zu bringen, damit sie nicht zu einer schiefen Bahn voller Pizza und Kampfkunst verführt wird oder (falls man zur dickhäutigeren berüsselten Sorte gehört) auf einen Stuhl zu springen und spitz zu trompeten. Nie setzt sich jemand mit ihnen zusammen und fragt sie bei einem Stück Käse nach wilden Geschichten aus ihrer Wurfzeit. Entwickler Odd Bug Studios konnte diesen Faux Paw nicht mehr ertragen und hat sich gemeinsam mit Publisher United Label mit einigen Historatten (fachsprachlich für Rattenhistoriker) an einen runden Tisch gesetzt, um einen bewegten Teil ihrer Vergangenheit ins Rampenlicht zu bringen, ohne weghuschen zu müssen. Im September 2021 war es dann soweit und Tails of Iron, das 2D-Action-Adventure gewordene Epos von König Rattus und Prinz Redgi reckte stolz sein Schnäuzchen in die Lüfte und präsentierte ein vollkommen authentischer Teil Rattenhistorie aus Sicht der vierpfotigen Nager. Ist hier aber wirklich ein glanzvolles Stück Historie entstanden oder war alles für die Katz?

   

König Rattus ist eine wahre Legende der Rattenwelt und schaut auf ein weit umhergehuschtes Leben zurück. Dereinst war nämlich das Volk der felligen Flitzer in großer Not durch die grüne Gefahr, die amphibischen Aggressoren, die querelenden Quaker, die warzigen Vandalen, die terroristischen Tümpler: Frösche. Unter ihrem Anführer Greenwart invasierten sie mit einem Sprung die Länder der Ratten und es sah düsterer aus als ein fälschlicher Besuch in einem japanischen Katzen-Cafe. Doch dann reckte ein Held seine stolzen Schnurrhaare auf und trieb mit Schwert, Schild und Schwanz die kämpferischen Kaulquappen zurück. All das liegt aber nun schon lange in die Vergangenheit und König Rattus einst stolzen Härchen hängen schlaf herab und es ist an der Zeit die Krone an einen seiner Söhne weiterzugeben. Anders ausgedrückt: Er ist ein alter Mentor-Vater-Charakter kurz vor der Pension mit einer schlummernden Bedrohung im Hintergrund, die schon bei der fünften Tasse Kaffee ist. Im Klartext: Man kann nur so viele Deathflaggs hissen, ohne das Schicksal herauszufordern. Es ist also an der Zeit für Hauptcharatter Redgi die Bühne der Geschichte zu betreten und in die Pfotenstapfen seines Vaters zu treten. Für Ruhm, Ehre und Rattentum!

Grimknuffelige Fantasy

Originaltitel Tails of Iron
Jahr 2021
Plattform PC, PS4, PS5, Xbox One, Xbox X/S, Nintendo Switch
Genre 2D-Action-Adventure
Entwickler Odd Bug Studios
Publisher United Label; CI Games
Spieler 1
USK
Veröffentlichung: 17. September 2021

Tails of Iron ist in mehrerer Hinsicht überraschend. Erstens, weil es ausnahmsweise Ratten und nicht ihre kurzschwänzigen Kollegen in den Vordergrund rückt, zweitens, weil es sie nicht in purzel-knuffig bunter Manier zeigt, wie sie beispielsweise mit Helium geschwängerter Stimme eine ärgerliche Ente beruhigen, sondern in einem düster-eiter-lastigen Dark Fantasy Setting. Und drittens, weil sie es trotzdem schaffen, purzel-knuffig zu sein. So kann es leicht vorkommen, dass, wenn man mit Königswurfling Redgi zu Schwert, Axt und Speer greift, sein Treiben mit Ausrufen wie ‘Aww, guck doch mal, wie er den Froschkrieger entleibt hat.’, ‘Ohhh, wie putzig er doch die Käfer ausquetscht, um seinen Rachefeldzug fortzusetzen.’ oder ‘Wer ist der süßeste blutrünstige Schrecken aller schuppigen Kleingetiere? Hm? Ja, du bist das!’ kommentiert. Dass die beiden Seiten sich nicht im Weg stehen und sich stattdessen zu der fluffelharschen, knuddeldüsteren, grimmknuffeligen Fantasy zusammensetzen, liegt maßgeblich an der wunderschön und stimmig gestalteten Welt. Da man 2D-gewohnt von links nach rechts huscht, sind es dabei vor allem die vor Details übersprühenden, handgezeichneten Hintergründe und Rattendesigns, die einem ins Knopfauge fallen. Alles wirkt aus einem Guss und wird zudem von einem Erzähler (Doug Cockle; für seine Rolle als Geralt von Riva bekannt) in epischer mit einem Schuss Humor versehenen Manier begleitet. Der Star bleibt dennoch Redgi, der in bester Haustiermanier in unterschiedlichste Rüstungen gestopft werden kann, damit er nicht immer dieselben Lumpen mit dem Blut seiner Feinde bekleckern muss. Awww.

Klein, aber schmerzhaft

Ein noch zu erwähnendes Detail zu den Hintergründen, das nicht durch die Barthaare fallen sollte, ist, dass sich über die Zeit hinweg einiges verändert. Denn die Invasion mutwillig marodierender Morastmigranten hinterlässt nun einmal Spuren, an deren Beseitigung so manche Handwerker und Maid im Hintergrund emsig arbeiten. Diese stetige Anpassung verleiht der Welt eine weitere Rattenschwanzspitze an Lebendigkeit. Redgis Beitrag zur Beseitigung ist dagegen deutlich spitzmetalliger als das behände Wedeln eines Wischmobs. Tails of Iron präsentiert sich daher im 2D-Gameplay maßgeblich auf die ruppig-schuppigen Auseinandersetzungen mit fröscheligen Feinden, missmutigen Mosquitos und krabbeligen Käfern. Erkundung spielen eine untergeordnete, Plattforming gar keine Rolle. Der Fokus ist der Kampf und da lässt es der Ratterich ordentlich krachen. Ob mit Axt, Schwert, Speer, Hammer, Bogen oder Armbrust, die pelzigen Kabelschrecks sind offensichtlich zum Leidwesen ihrer quappigen Kontrahenten Allesverwender. Das Kampfsystem selbst hat ein präzises und überschaubar simples Moveset. Redgi kann springen, blocken, parieren und besitzt sowohl die Möglichkeit zu einer leichten als etwas später auch zu einer schweren Angriffscombo. Sein Mordinstrumentarium wird durch eine Fernkampfwaffe, mit der er automatisch (und ziemlich gut) zielt und Gift ergänzt. ‘Feige Ratte’ könnte man da rufen, aber im Angesicht solcher Feinde rümpft man über so billige Randkommentare nur verschnupft das Schnäuzchen.

Ein Königreich für Käfersaft

Denn Redgis Kontrahenten haben es in sich. (Aus Rattensicht) riesige keulenbewehrte Amphibien mit einem Temperament, das von einer einmal zu oft geplünderten Vorratskammer kündet, gepanzerte Insekten ohne Rücksicht auf soziale Distanz und stabhochspringende Untote. Was auch immer Redgi in die Quere wankt; man sollte es mit Bedacht angehen, insbesondere die Bosskämpfe sind hart und fordernd, allerdings nie unfair. Jeder Gegner telegraphiert seine Attacken nicht nur klar, sondern schickt noch eine Brieftaube mit farblichen Warnsymbolen obendrauf, die anzeigen, welche Reaktion die eigene Fellgerbung verhindert. Blitzen die Gegner beispielsweise gelb, gilt es zu parieren, bei rot muss man den Schwanz einziehen und ausweichen. Aus diesen klaren Strukturen in Kombination mit dem überschaubaren, schnell lernbaren und vor allem präzisen Moveset wird aus jeder Begegnung ein spannendes Hin-und-Her, das einem stets das Fell zu Berge stehen lässt. Obendrauf fühlen sich die Angriffe, Blocks und Konter allesamt angenehm wuchtig an. Redgi wäre offensichtlich ein Küchenbesucher, der nicht einfach ein Stück Käse herausnagt, sondern schlicht den Kühlschrank rauswuchtet. Aber selbst dem tapfersten Rattenrecken kann einmal eine Keule einen neuen Scheitel ziehen, aber dafür gibt es eine auffüllbare Flasche Käfersaft, die durch eifriges Saugen Leben wiederherstellt. Ist das gesund? Nein. Ist Redgi ein Bug-oholik? Vermutlich. Rettet es Leben? Jup. Und das ist, was zählt.

Ein paar Katzenhaare in der Käsesuppe

Das kämpferische Geschehen wird durch leichte RPG-Elemente, wie einen extensiven Kleiderschrank, einem noch extensiveren Waffenschrank, Kaufratten, das Schmieden von Ausrüstung sowie Nebenquests ergänzt, wobei sich hier ein paar Wackeligkeiten zeigen. So haben die Nebenquests ihren Namen nicht ganz verdient, da sie überwiegend absolviert werden müssen, um bestimmte Währungsmengen zusammen zu klauben. Obendrein ist einiges an Zurücklauferei in bekanntem Gebiet notwendig. Das Schmieden von Ausrüstung fühlt sich ähnlich wie der Kaufmann etwas überflüssig an, da bei der rituellen Leichenplünderung genügend Verbrauchsitems, Neumode und Stechwerkzeuge für Redgi abfallen. Besagte Mord- und Schutzausrüstung hat ebenfalls ihre fauligen Stellen, denn abseits von Rüstungen mit extremen Boni gegenüber bestimmten Feindestypen, halten sich die Auswirkungen abseits von knuddeligem Einkleidungswahn in Grenzen. Ähnliches gilt für die Waffen, die sich zwar mit Blick auf die Typen im Kampf anders anfühlen (Speere pieksen über größere Distanz, Schwerter zischen zügiger auf den Gegner nieder und Äxte haben mehr allerdings langsameren Rumms in der Schneide) aber darüber hinaus hält sich die Varianz zwischen einzelnen Frosch-Ex-und-Wegs eher in Grenzen. Zwar freut man sich trotzdem, wenn man einen wuchtigeren Prügel findet, aber meist ist eben dieses Linsen auf den Schadensbalken das einzige, was darüber entscheidet, ob etwas in Redgis Pfoten landet.

Fazit

Tails of Iron ist ein kleines, aber feines 2D-Action-Adventure, das sich keineswegs in irgendeinem Rattenloch verkriechen muss, sondern erhobenen Hauptes durch den Waschraum der Spielelandschaft flitzen darf. Es ist ein forderndes, düster-knuffeliges Adventure mit einer wunderschön lebendigen und sich einzigartig anfühlenden Welt sowie einem gekonnt umgesetzten Kampfsystem, das es erstaunlich krachen lässt. Ich bin wirklich äußerst positiv angetan und würde es spontan jedem, der gerne in Titeln wie Salt&Sanctuary oder Blasphemous herumwandert, um von etwaigen Monstrositäten zu einer Party ‘Fang-die-Keule’ herausgefordert zu werden, definitiv empfehlen. Ein Wermutstropfen neben der erwähnten sich nicht ganz so differenziert anfühlenden Ausrüstung mag allerdings noch die Spielzeit sein, die sich, je nachdem, wie oft man gen Rattenhimmel entsteigt, auf ungefähr 8 bis 10 Stunden belaufen dürfte. Gleichzeitig ist es immer ein gutes Zeichen, wenn man als einen Nachteil eines Spiels anmerkt, dass nicht noch mehr da war. Klare Empfehlung und ein Titel, der mir gezeigt hat, dass ich Ratten völlig falsch eingeschätzt habe. Beim nächsten Zusammenstoß wird also nicht die Katze gerufen, sondern gleich ein Rudel Löwen. Eventuell können sie ja gegen Rattenkönig Redgi bestehen. Ich bezweifle es aber.

© United Label, CI Games

Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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