Routine

Es gibt Games, die erscheinen einfach, und es gibt Games, die man irgendwann nicht mehr erwartet. Routine gehört zur zweiten Kategorie. Über Jahre hinweg war das Projekt nur ein verheißungsvoller Name, der auf Reddit als verlorene Indie-Hoffnung herumgeisterte. Doch nun ist das Game da – Halleluja – und reiht sich in ein in ein Genre, das sich seit Routines Ankündigung stark verändert hat. Wir schauen rein: Ist Routine auch heute noch relevant oder wirkt es wie ein Relikt aus einer anderen Entwicklungszeit?

       

In Routine erkunden wir im Jahre 1999 als namenloser Ingenieur eine verlassene Mondbasis, deren ursprüngliche Mission gescheitert ist. Ohne klare Anweisung und nur mit minimaler Ausrüstung ausgestattet, tasten wir uns durch Wohnbereiche, Malls und Kantinen, um Hinweise auf das Verschwinden der Besatzung zu finden. Die Station wirkt dabei nicht zerstört, sondern höchst funktional. Und während wir Systeme reaktivieren und Rätsel lösen, wird uns klar (wie kann es anders sein): Wir sind nicht allein.

Der Indie-Kollaps

Originaltitel Routine
Jahr 2025
Plattform Xbox One, Xbox Series, GeForce Now, Microsoft Windows, Mac OS
Genre Survival Horror
Entwickler Lunar Software
Publisher Raw Fury
Spieler 1
Veröffentlichung: 4. Dezember 2025

Routine wurde ursprünglich von Lunar Software entwickelt, einem extrem kleinen Entwicklerstudio mit effektiv nur drei Personen. Ohne Publisher und ohne Sicherheitsnetz setzte das Team auf realistische 80er-Jahre-Sci-Fi und glaubwürdige Architektur statt klassischer Jump Scares. Extrem ambitioniert also für nur drei Nasen. 2012 bekam Routine die erste öffentliche Aufmerksamkeit. Der Release war für das erste Quartal 2013 geplant. Stattdessen aber: Funkstille samt Entwicklungshölle. Engine-Wechsel, Scope-Probleme, inhaltliche Unsicherheiten und die Abwesenheit eines Publishers, der hier irgendwem auf die Finger hätte hauen könnte, führten zum typischen Indie-Kollaps. 2020 trat Publisher Raw Fury auf den Plan und mit ihm kam neue Energie ins Projekt, sodass Routine im Dezember 2025 endlich das Licht der Welt erblickte.

Keine gelben Kisten

In den letzten Jahren hat sich das Survival-Horror-Genre deutlich in Richtung Komfort bewegt. Viele aktuelle Titel versuchen jede Form von Frust, der sich bei Spieler:innen einstellen könnte, zu vermeiden. The Callisto Protocol setzt auf häufige Checkpoints und kontrolliertes Pacing, Dead Space bietet optionale Navigationshilfen an, Resident Evil kommt nicht weg von seinen farblich codierten Kisten und Outlast skripted alles aggressiv durch ohne Raum für Eigeninterpretation. Bloß keine Desorientierung. Vor diesem Hintergrund wirkt ein Spiel, das seine Spannung hauptsächlich über Räume, Architektur und deren Wahrnehmung erzeugt und auf Erklärungen weitestgehend verzichtet, fast schon … »alien«. Und hier liegt Routines Stärke.

Die 80er erobern den Mond

Das Level-Design ist Routines bester Hengst im Stall. Man könnte sogar sagen, es ist das Haupterlebnis, für das man dieses Spiel spielt. Durch den Fokus auf glaubwürdige Räume – ohne future-mäßig komplett am Rad zu drehen und alles zu overdesignen – erschufen die Devs ein Game, das sie als »Relatable Sci-Fi« bezeichnen. Ein billiger Plastikstuhl darf hier auch einfach mal ein billiger Plastikstuhl sein, ganz ohne fancy Wabenmuster oder obligatorischen »Future-Knick«. Die Raumstation schaut halt genau so aus, wie man sie sich in den 80ern vorgestellt hätte – wenn wir denn in der Lage gewesen wären, eine solche zu bauen. Dazu kommt der komplette Verzicht auf traditionelle UI-Elemente – also keine Lebensanzeige, keine Maps, kein gar nix. Das Ergebnis ist, wenig überraschend, maximale Immersion.

Survival-Horror: Ist okay

Während wir also am liebsten einfach nur durch die Basis laufen würden, um zu sehen, was hier visuell erzählt wird, werden wir bald schon mit dem Stalking Enemy konfrontiert. Routine ist Survial-Horror und dürfte daher auch viele Fans von Alien: Isolation ansprechen. Zunächst lässt sich festhalten: Die Gegnermechaniken sind grundsolide. Sie patrouillieren, suchen aktiv nach uns und sind – gerade in der zweiten Spielhälfte – sehr gruselig gestaltet. Allerdings verfügt Alien: Isolation über die deutlich clevereren und dynamischeren Verfolgungsmechaniken, während Routine meist auf simples Hide-and-Seek setzt, was auf Dauer monoton werden kann. Positiv bleibt jedoch festzuhalten, dass Routine seinen Survival-Horror-Aspekt deutlich besser erfüllt als SOMA, bei dem die Devs später sogar einen Pazifisten-Modus nachreichen mussten, weil viele Zocker:innen so derbe genervt von den Gegnern waren.

Rätsel: Sehr dufte

Während der Stalking Enemy uns also in den Nacken atmet, versuchen wir, die Rätsel zu lösen. Routine erklärt dabei alles diegetisch. Sobald wir unser Werkzeug-Tool erhalten, müssen wir selber herausfinden, wie es funktioniert, etwa indem wir Erfahrungsberichte anderer Personen durchlesen. Wollen wir wissen, was unsere Aufgabe ist, können wir nicht einfach das Quest-Tagebuch aufmachen, sondern müssen aktiv einen der interaktiven Dia-Projektoren (= Checkpoints) aufsuchen und uns mit ihm verbinden. Genauso bei den Rätseln: Wir finden Codes, Hinweise, Terminals, kombinieren Informationen – alles Teil der taktischen Erkundung, die stark auf Neugier setzt. Händchenhalten gibt es hier nicht – ein Ansatz, den zuletzt auch Hell Is Us exzellent umgesetzt hat. Manche Hinweise können aber auch schwer zu erkennen sein, da das atmosphärische Level-Design zwar tippitop ist, darunter aber auch die Lesbarkeit leidet (es gibt schließlich keine gelbe Farbe …)

Für Fans von posthumanem Horror

Der Horror geht oberflächlich von den Stalking Enemys aus, speist sich aber eigentlich aus einer posthumanistischen Idee, die da lautet: Was ist, wenn der Mensch einfach erledigt ist? Routine gehört damit zu den Spielen, in denen die Hauptfigur kein zentraler Held, sondern im Grunde ihres Herzens schlicht irrelevant ist. Wir torkeln durch die Raumstation und sind umgeben von Systemen, die auch ohne uns funktionieren. Hier läuft gerade nichts schief, es ist halt nur niemand mehr übrig, der dazugehört. Und mit diesem psychologischen Horror schlägt es nahezu in dieselbe Kerbe wie Auslöschung – und teilt sich auch so einiges mit SOMA. Wer beiden Titeln etwas abgewinnen kann, wird sicherlich auch mit Routine glücklich.

Fazit

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Routine fühlt sich nicht alt an, sondern eigentlich wieder zeitgemäß. Nach Jahren der Questmarker und gelben Hinweisfarbe wirkt der Verzicht darauf wie eine schöne, frische Brise. Ähnlich wie Hell Is Us vertraut Routine darauf, dass Spieler:innen das schon selber wuppen werden. Das absolut superbe Level- und Sound-Design sowie die glaubwürdige Raumstation tragen Routine mühelos von alleine, auch wenn die Stalking Enemys nicht ganz so mit der visuellen Qualität mithalten können und hinter Games wie Alien: Isolation zurückbleiben. Routine ist kein perfektes Survival-Horror-Spiel, aber als Vertreter des posthumanen, existenziellen Horrors eine durchaus bemerkenswerte Hausnummer.

© Raw Fury

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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