Usagi Drop – The Movie

Lesezeit: 5 Minuten

Usagi Drop – die Geschichte eines 30-jährigen Fulltime-Jobbers, der sich nach einem familiären Trauerfall in der Pflicht sieht, seine 6-jährige Tante groß zu ziehen. Klingt erstmal seltsam, entpuppt sich aber dank des Regisseurs Hiroyuki Tanaka aka Sabu (Mr. Long), seines Zeichens Dauergast auf der Berlinale, als durchaus sehenswerter Feel Good-Movie, der sogar die Fans der Anime-Vorlage überzeugen dürfte.

    

Daikichi (Kenichi Matsuyama, Death Note) ist ein Typ in seinen Mitdreißigern – Single, gutaussehend, karriereorientiert. Als sein Großvater verstirbt und die ganze Familie zur Trauerfeier zusammen kommt, stellt sich heraus, dass der alte Mann eine uneheliche, 6-jährige Tochter hinterlässt. Ein Schock für die Familie, zumal von der Mutter jede Spur fehlt. Während sich alle darüber streiten, wie mit dem Mädchen weiter zu verfahren ist, macht Daikichi Nägel mit Köpfen und nimmt die kleine Rin (Mana Ashida, Pacific Rim) einfach bei sich auf. Daikichi ist also fortan der Erziehungsberechtigte seiner eigenen Tante und muss lernen, was es heißt Vater zu sein.

Die Achillesferse namens Live Action Movie

Animes sind eine Medienform mit ganz eigenen Naturgesetzen. Surrealismus, ganz eigenes World-Building, überspitzt agierende Figuren. Animes erlauben eine Abgrenzung von der Realität und das ist okay, denn unser Gehirn ist darauf eingestellt und deswegen schauen wir Animes. Sobald man aber diese ganzen Zutaten auf die reale Ebene verfrachtet, schaltet unser Gehirn um – wir beurteilen nach den Regeln unserer eigenen Welt und erkennen die ganzen Risse, die sich inhaltlich und ästhetisch auftun. In den schlimmsten Fällen artet es bei Anime-Adaptionen in solch zusammen gepresste Cosplay-Debakel aus wie Attack on Titan. Man kann also sagen: Je bodenständiger das ursprüngliche Anime-Material, desto besser (kann) die Adaption (gelingen). Und so verhält es sich auch bei Usagi Drop.

„Kauf dir so viele Klamotten wie du willst. Ich wasche nicht gern.“ – Daikichi

Originaltitel Usagi Drop
Jahr 2011
Land Japan
Genre Drama
Regisseur Sabu
Cast Daikichi Kawachi: Kenichi Matsuyama
Rin Kaga: Mana Ashida
Yukari Nitani: Karina
Kazumi Kawachi: Mirei Kiritani
Laufzeit 114 Minuten
FSK

Usagi Drop ist ein ruhiger Film, der porträtiert, wie ein unbefangener Typ von heute auf morgen schwerwiegende väterliche Pflichten auf sich nimmt – und das in den ersten Tagen ziemlich bereut. Dabei verzichtet der Film auf extravagantes Drama. Es gibt keinen Rosenkrieg, keine dunkle Stripper-Vergangenheit des Protagonisten und Rin wird auch nicht entführt oder vor’s Auto geworfen. Nein, die Probleme sind von alltäglicher Natur: Kindergarten finden, Arbeit und Familie unter einen Hut bringen, Klamotten shoppen. Für Daikichi ist das alles Neuland. Und was ist wenn das Kind krank wird? Diese Frage bringt eine der bewegendsten Szenen hervor – wenn sich Daikichi aufgrund seiner Hilflosigkeit beschissen fühlt und sich zurückzieht, um leise im Korridor zu weinen. Generell ist Kenichi Matsuyama ein Gewinn für den Film. Slice-of-Life birgt die Gefahr anzuöden, Matsuyamas Interpretation aber macht das Ganze anschaubar. Ebenso erwähnenswert: Mana Ashida als Rin, der man alle emotionalen Facetten ohne Bedenken abkauft.

Das Opfer der Frauen

Über die Zeit realisiert Daikichi die Entbehrungen, die seine eigene Mutter damals auf sich nehmen musste, um ihn großzuziehen. Usagi Drop wirft den Gedanken auf, dass gerade Mütter es schwer haben in der leistungsorientierten Gesellschaft von heute. Wir erfahren von Daikichis Mutter, die schweren Herzens ihren Job aufgeben musste. Und von Rins Mutter, die ganz im Gegensatz ihr Kind für die Karriere opferte. Obwohl Daikichi das aufs Schärfste verurteilt, geht der Film selber sehr milde mit Rins Mutter um und zeigt, dass sie trotz anderer Prioritäten dennoch ein Herz besitzt und dass ihre Entscheidung Respekt verdient.

Feel good Inc.

Trotz der leicht kritischen Untertöne, die man hier heraushören mag, hat Usagi Drop als Film eher die rosarote Brille auf. Rin als 6-Jährige ist überaus artig und pflegeleicht und die Probleme, mit denen Daikichi sich konfrontiert sieht, lassen sich generell ziemlich locker lösen, da sein Umfeld (Chef, Mitarbeiter, Familie) überaus verständnisvoll reagiert. Aber das ist völlig in Ordnung, denn solche Feel Good-Filme als Balsam für die Seele haben ebenfalls eine Existenzberechtigung. Der Glaube daran, dass alles irgendwie gut werden wird, ist beruhigend und manchmal müssen Eltern daran erinnert werden.

Was habe ich als Live Action-Muffel erwartet? Das Schlechteste. Usagi Drop aber ist toll. Durchschaubar, aber niedlich. Plakativ, aber nett anzugucken. Ein Lehrfilm, der Erziehungsweisheiten raushaut, aber etwas Wahres ist ja trotzdem dran. Die deutsche Synchronisation von Kölnsynchron ist alles in Allem sehr gut gelungen und kann die (wenigen) japanischen Awkward-Momente herausnehmen (Stichwort „Eeeeh?! Nani?!“). Usagi Drop ist ein Film, der sogar Japan-Skeptiker unterhalten und überzeugen kann (Quelle: eigene Erfahrung). Das Einzige, was wirklich schade ist, ist die Musikeditierung hierzulande. Im japanischen Original wird Daikichis Tagtraum-Running Gag mit „Die Konkurrenz“ von Wir Sind Helden unterlegt – eine absolut unerwartete Überraschung, die dem Ganzen einen besonderen Schliff gibt und musikalisch ziemlich fetzt. Für die deutsche Version, herausgegeben durch den Publisher AniMoon, musste darauf verzichtet werden. Stattdessen gibt es generische Tango-Musik, die aufgrund eines fehlenden, sinngebenden Textes die dazugehörige Szene in die Länge zieht. Eine Kleinigkeit nur, ja… aber ich bin echt angefressen deswegen.

© Animoon Publishing

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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