Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?

Normalerweise schlagen Kinderherzen höher, wenn klumpige Knet-Figuren im Stop-Motion-Verfahren zum Leben erweckt werden. Im Falle von Mary & Max sind es im Speziellen aber die Herzen Erwachsener. Denn die hier behandelten Themen würden in anderen Animationsfilmen nicht einmal ansatzweise aufgegriffen werden, auch nicht in Anime-Filmen oder skurrilen Tim Burton-Produktionen wie Coraline. Der australische Regisseur Adam Elliot präsentiert die schwarzhumorige Geschichte einer unglaublichen Brieffreundschaft, die bei all ihren Kuriositäten vor allem ein großes Herz für die beiden Protagonisten besitzt, welche das Unglück gepachtet zu haben scheinen. Im Kern der Geschichte steht die Frage, was Freundschaft ausmacht – auch wenn beide Personen durch einen großen Altersunterschied und einen Ozean voneinander getrennt sind und sich im Falle von Mary und Max noch nie gesehen haben.

       

Australien, 1976: Mary Daisy Dinkle (Bethany Whitmore, Girl Asleep, später: Toni Collette, Knives Out) ist acht Jahre alt. Ihr Vater ist tot und ihre Mutter trinkt den ganzen Tag nur “Tee für Erwachsene” – Sherry. Auch ihre Mitschüler hänseln Mary, was ihrer Auffassung nach an dem übergroßen Muttermal auf ihrer Stirn liegt. Obwohl ihr Leben traurig und von Einsamkeit geprägt ist, versucht Mary immer das Beste daraus zu machen. Eines Tages kommt sie auf die Idee, mal einen Brief an jemanden zu schreiben, der weit weg wohnt. Eine willkürliche Adresse aus einem Telefonbuch sorgt dafür, dass ihr Brief an den in New York lebende 44-jährige Max (Philip Seymour Hoffman) adressiert wird. Er lebt allein und kennt das Martyrium, das Mary in der Schule durchlebt, nur zu gut. Nur kann Max seine Gefühle nicht so ausdrücken und deutet vieles wörtlicher, als es wohl gemeint ist. Darum gilt auch er als Außenseiter. Daraus entwickelt sich eine über viele Jahre andauernde Brieffreundschaft zwischen den beiden an sozialen Problemen leidenden Menschen.

Warum Animationsfilme Unglaubliches hervorbringen können

Originaltitel Mary & Max
Jahr 2009
Land Australien
Genre Drama, Komödie
Regie Adam Elliot
Cast Mary Daisy Dinkle: Bethany Whitmore / Toni Collette
Max Jerry Horovitz: Philip Seymour Hoffman
Mrs. Pendergast: Melanie Coombs
Damien Popodopolous: Eric Bana
Erzähler: Barry Humphries
Laufzeit 90 Minuten
FSK

Mary & Max knüpft lose an den 2004 mit einem Oscar ausgezeichneten Kurzfilm Harvie Krumpet an. Ohne den Oscar wäre die Realisierung seines Langfilms vielleicht gar nicht möglich gewesen, und so dauerte es sechs Jahre, bis Mary & Max endlich fertig war. Denn im Bereich der Knetanimation ist Geduld ebenso gefragt wie finanzielle Hilfe, da diese Sub-Kategorie des Animationsfilms wirtschaftlich nicht unbedingt erfolgsversprechend ist. Dabei sind es Animationsfilme wie Mary & Max, die die Vorzüge des Animationsfilms gegenüber einem Realfilm mit echten Darstellern hervorkehren. Ohne Weiteres wäre nämlich eine Brieffreundschaft zwischen zwei realen Schauspielern gar nicht so einfach umsetzbar gewesen. Denn Max ist ein am Asperger-Syndrom leidender Mensch, der eine für ihn lebensnotwendige Freundschaft mit einer 8-jährigen eingeht. Das darzustellen, ohne den Tenor des Films zu verfehlen, wäre kein Leichtes geworden. Gleichzeitig setzt Adam Elliots Welt dort an, wo der herkömmliche Trickfilm nicht einmal ansatzweise hinsteuert.

Schreib doch mal wieder!

Brieffreundschaften, wer besitzt so etwas heute noch? Max Elliot blendet die Realität nicht aus, sondern nutzt sie zur Orientierung seiner Geschichte. Das ungewöhnliche Erzählformat mit den ungewöhnlichen Protagonisten wird von einem Erzähler begleitet, der für die nötige Distanz sorgt. Das hat vielleicht den Grund, dass die beiden Protagonisten sonst gar nicht so leicht zu verstehen wären, schafft aber auch ein gesundes Maß an Distanz, damit die Schicksale nicht auf die Stimmung drücken. Wo Max mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist, zeigt sich Marys Welt aufgrund der Umstände eher deprimierend als komisch. Dass sie mit ihren naiv und nicht böse gemeinten Fragen Max jedoch regelmäßig zu einem Nervenzusammenbruch bringt, ist ihr gar nicht bewusst. Woher eine Achtjährige auch wissen, dass der Mann an einer Krankheit leidet, die es ihm erschwert, mit äußeren Einflüssen umzugehen und auch sich selbst nicht so artikulieren kann, wie er es vielleicht wollte? Aber der Erzähler aus dem Off versieht diese Welten und Gedankengänge mit einem zynischen Anstrich und sorgt damit letztlich dafür, dass Zuschauer den Film genießen dürfen. Dabei wäre die Schwere der Themen eigentlich erdrückend: Alkoholsucht, Ausgrenzung, Todesfälle und Selbstmord. Das muss man erst einmal lebensbejahend verpacken können.

Empathie statt Schadenfreude

Elliots New York ist ein grauer und dreckiger Ort. Etwas, das gerne in Filmen weggeblendet wird. Die kauzigen Figuren erfahren keine heile Welt, haben eindeutige Verlierer-Positionen in der Gesellschaft inne und man hat nie das Gefühl, als würde die Geschichte auf ein Happy End zusteuern. Aber: Mary & Max ist kein gehässiger oder sarkastischer Film. Hier sind Mitgefühl und Empathie gefragt, wenn die Schicksale von Mary und Max umfassend beleuchtet werden und wir jedes Detail dessen erfahren, was sie zu dem macht, was sie sind. Bei aller Ironie verliert das Drehbuch zu keinem Zeitpunkt die Würde der Figuren aus den Augen. Der Regisseur maßt es sich nicht an, über die Tragik zu lästern. Er badet die Geschichte und ihre sonderbaren Charaktere nur in schwarzem Humor.

Knetekasten

Elliots Handschrift ist unverkennbar. Er besitzt einen phänomenales Gespür für Details. Hübsch oder ästhetisch anzusehen sind die Knetmännchen vielleicht nicht, aber sie sind individuell und mit Liebe ausgearbeitet. Es gibt visuell wahnsinnig viel zu entdecken und alleine diese Tatsache verdient bereits ein wiederholtes Ansehen des Films. Die Farbgebung ist vorrangig monochromatisch gehalten, orientiert sich immer an der Psychologie der Figuren. Nicht umsonst besitzt Mary einen Ring, der die Farbe ihrer Stimmung wiederspiegelt. Außerdem verfügt das Bild durchgehend über eine hervorrangende Schärfe, um auch jedes Detail bei genauerem Hinsehen zum Vorschein zu bringen. An großen Produktionen orientiert, gleitet die Kamera durch das Geschehen und fängt alle Momente so ein, als würden wir einem großen cineastischen Ereignis beiwohnen.

Fazit

Wer sich bisher weder mit Animations-, noch Stop-Motion- oder Zeichentrickfilmen anfreunden konnte, dem sei Mary & Max ganz besonders ans Herz gelegt. Deren Welt gestaltet sich zutiefst melancholisch, aber bei aller Traurigkeit sind immer Hoffnung und Helligkeit präsent. Es ist stets für ausreichend viel Witz gesorgt, etwa wenn Max’ imaginärer Freund Selbsthilfebücher liest oder Marys bester Freund, ein Hahn, mit ihr Fernsehen schaut. Trotz der herzlichen Animationen ist Adam Elliots Film ein berührendes Drama, das alle Zuschauer vor eine Gefühlsprobe stellt, aber genügend Galgenhumor besitzt, um auch ein Unterhaltungstitel zu sein. Makaber, aber berührend – die ausgeklügelte Mischung erzeugt einen außergewöhnlichen Film, der geradezu konkurrenzlos für sich steht.

© Alive


Im Handel erhältlich:

Sharing is caring / Artikel teilen:

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

Abonnieren
Benachrichtige mich zu:
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments