Ride

Lesezeit: 5 Minuten

Im Zeitalter des Influencens gilt oftmals nur noch die HSW-Formel: Höher, schneller, weiter. Irgendwie muss man sich schließlich von der Masse abheben. In seinem Debütfilm Ride wirft der italienische Regisseur Jacopo Rondinelli einen kritischen Blick auf das Extrem im Rahmes eines tödlichen Spiels, in welches zwei BMX-Extremfahrer verwickelt werden, die es sonst gewohnt sind, die Welt an ihren wagemutigen Manövern teilhaben zu lassen. Doch dann kommt alles anders und sowohl die beiden Protagonisten als auch die Zuschauer müssen sich plötzlich ganz neu orientieren. Bei dem High-Speed-Rausch handelt es sich um eine äußerst dynamische Produktion, die auf dem Obscura Filmfest 2019 erstmals auch in Deutschland auf die Zielgeraden lospeitschen durfte. Was bleibt da noch zu sagen außer … Hals-und-Beinbruch?

   

Max (Ludovic Hughes, The Colour of Madness) und Kyle (Lorenzo Richelmy, Der Nebelmann) verbindet nicht nur eine Freundschaft, sondern vor allem der Hang zum Extremsport mit immer waghalsigeren Stunts. Ob Höhen, Tiefen oder im Geschwindigkeitsrausch: Jeden Adrenalin-Kick teilen die beiden mit einer breiten Anhängerschaft in sozialen Medien. Eines Tages nehmen sie das Angebot an, an einem BMX-Wettstreit teilzunehmen, über den wenig bekannt ist. Bei einer stattlichen Gewinnsumme von 250.000 Dollar nimmt man aber gerne die eine oder andere Unbekannte in Kauf. Schließlich lieben beide das Risiko. Wie sich zu Beginn erweist, scheint der Organisator, ein Unternehmen namens Black Babylon, alles hochprofessionell vorbereitet zu haben. Ein riesiges Terrain, überall Kameras und zahlreiche Möglichkeiten, Extrapunkte sammeln, um die anderen acht Rivalen hinter sich zu lassen. Doch wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um ein Spiel auf Leben und Tod. Und das liegt nicht etwa an der halsbrecherischen Rennstrecke …

Game Changer

Originaltitel Ride
Jahr 2018
Land Italien
Genre Action-Thriller
Regisseur Jacopo Rondinelli
Cast Max: Lorenzo Richelmy
Kyle: Ludovic Hughes
Clara: Simone Labarga
Christine: Nathalie Rapti Gomez
Phil: Vincenzo Tanassi
Laufzeit 102 Minuten

Ride (nicht zu verwechseln mit Jeremy Ungars Ride) ist einer jener Filme, die zu Beginn noch einen anderen Eindruck erwecken. Während Max und Kyle in den ersten Szenen noch als einflussreiche YouTube-Stars präsentiert werden, ist bei weitem noch nicht absehbar, welcher Höllenritt in den nächsten 100 Minuten vor ihnen liegt. Einblicke in ihr Leben als Extremsportler zeigen, dass sich beide Männer für nichts zu schade sind – auf Kosten der Nerven besorgter Angehöriger. Dabei erzeugen sie nicht unbedingt das Maß an Sympathie, welches man sich in der Regel für die Protagonisten wünscht, um ihnen beizustehen. Doch erfreulicherweise weiß das Drehbuch auch das Motiv der Heldenreise zu bedienen und es dauert nicht allzu lange, bis Kyle und Max schließlich zu jenem ominösen Wettbewerb antreten, um sich von einer ganz anderen Seite zu präsentieren. Was dann geschieht, ist erstmal für niemanden so wirklich vorhersehbar. Das Drehbuch gibt sich Mühe, Vorhersehbarkeiten weitgehend zu umschiffen, indem fortlaufende neue Ereignisse ausgelöst werden. Wenngleich man die Regeln jederzeit gedanklich präsent haben sollte, um die eine oder andere Gefahrensituation besser einschätzen zu können.

Ein Plottwist mit höheren Zielen

Wer befürchtet, dass die Handlung ausschließlich auf zwei Rädern stattfindet und nur etwas für BMX-Freaks ist, darf aufatmen. Nach etwa einer halben Stunde verlässt Ride nicht nur die vorgesehene Rennstrecke, sondern auch das alleinige  Vorankommen auf zwei Rädern. Der Regisseur nutzt dafür die geographischen Begebenheiten des umfangreichen Terrains, um die Fahrer auch zu Fuß auf Entdeckungsreise zu schicken. Aus dem ursprünglichen Actiontitel entbricht ein fieser Play-or-die-Thriller, der mit einem größeren Plottwist aufwartet. An diesem Punkt werden sich schließlich auch die Zuschauermeinungen scheiden. Die einen werden es mögen, dass Kyle und Max (vor allem jedoch deren Freundschaft) auf eine Probe jenseits des Temporauschs gestellt werden. Die anderen werden negativ überrascht sein, dass hinter Black Babylon eine Organisation steckt, die weit höhere Ziele verfolgt und dabei eine okkulte Richtung einschlägt. Ein krasser Kurswechsel gegenüber den bisherigen Geschehnissen. Bei letzterer Story-Entwicklung stellt sich die kritische Frage, ob es Ride nicht einfach besser getan hätte, eine geerdetere Geschichte zu erzählen. So entsteht der Eindruck, als seien die Rennen und Stunts für sich stehend zu handlungsarm gewesen, um einen vollen Spielfilm damit zu füllen. Der Versuch, dem entgegenzuwirken, ist zwar grundsätzlich löblich, doch ganz rund fällt das Ergebnis nicht aus, da das höhere Ziel um den Plot drumherum geschrieben wirkt. Die beiden Protagonisten können das ein Stück weit auffangen, nachdem auch bei ihnen mit verstreichender Zeit stärkere Charakterzüge herausgearbeitet werden.

Kicken muss der Adrenalinrausch

Ein ganz besonderer Schwerpunkt liegt bei temporeichen Werken wie Ride auf dem Zusammenspiel aus Bild und Ton. Nur mit dem richtigen audiovisuellen Mix gelingt es, den Zuschauer mitzureißen. Rondinelli spielt hier sämtliche Karten aus: Seine Erfahrungen aus mehr als 50 Musikvideos fließen in seine Arbeit ein und erzeugen eine Videoclip-Ästhetik, die Eindruck schinden kann. Ob mit 4k Go Pro oder per Drone: Das Geschehen ist einfach immer mit den perfekten Bildern eingefangen und wir heften uns an die Reifen der BMX’ler. Häufig wechselt der Blickwinkel in die Ego-Perspektive der Fahrer, um den Zuschauer noch näher ins Geschehen zu holen. Doch was bringen die rasantesten Bilder und aufregendsten Schnittabfolgen ohne den wichtigsten Pulstreiber? Die Rede ist von einem energiegeladenen Score. Genau an diesem Punkt ruft Ride sein stärkstes Potenzial ab und beflügelt seinen Temporausch mit satten Techno-Beats und stampfenden EDM-Basslines, welche die Boxen zum Dröhnen bringen. Gamer werden sich auf wohlige Weise an Titel wie Wipeout oder Extreme-G erinnert fühlen, die bereits in den 90ern verdeutlichten, dass Temporausch und elektronische Klänge Hand in Hand gehen können. Dabei wechseln knallige Sounds wie der Techno-Track “Happy Tree Riders” mit modernern EDM-Tracks wie “Jumpin’ Ride Flash” ab. Zudem befeuern die elektrisierenden Klänge das überraschend technologisierte Umfeld des Wettbewerbs. Auf der gesamten Strecke sind Displays installiert, die Route sowie das jeweils aktuelle Ranking sind für die Fahrer digital abrufbar.

Fazit

Ride löst alle Versprechen ein, welche die Produktion auf den ersten Blick suggeriert: Action, Tempo, ein attraktiver Cast und schnelle Bilder. Geht es auf die Handlungsebene, wird auch deutlich, dass der Regisseur seine Komfortzone verlässt und erst einmal vor der Herausforderung steht, seinen bis dahin durchgestylten Film an die neuen Bedingungen des Drehbuchs anzupassen. Gerade wenn es um die Auflösung geht, wird es dann mitunter ziemlich holprig und storytechnisch auch zwischenzeitig hauchdünn. Allerdings überwiegen die positiven Momente, nicht zuletzt durch eine technisch einwandfreie Produktion. Irgendwo zwischen Death Race und Die Tribute von Panem angesiedelt, belegt Ride eine ganz eigene Nische mit seinen rasanten Bildern und einem  pulsierenden Soundtrack.

© Lucky Red

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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