Mr. Long

Der wortkarge, einsame Killer, der das kühle Herz am rechten Fleck hat, ist ein Rollenklischee, das von Clint Eastwood in Sergio Leones Spaghetti-Western der 60er eingeführt und perfektioniert wurde. In Mr. Long, einem Drama des japanischen Regisseurs Sabu (Usagi Drop – The Movie), tritt der taiwanische Schauspieler Chang Chen in Clints Fußstapfen. Doch anstatt krampfhaft zu versuchen, noch clintiger als Clint zu sein, porträtiert Chen stattdessen einen Killer, der versucht, seine Menschlichkeit zurück zu erlangen – und zwar indem er Nudeln kocht.

Der stille Long (Chang Chen, Red Cliff) arbeitet als Killer für das taiwanische Verbrechersyndikat. Als ein Auftrag ihn nach Tokio führt, schlägt sein Mordanschlag fehl. Gerade so kann er dem wütenden Mob entkommen und findet verletzt Zuflucht im Ghetto. Dort trifft er auf den kleinen Jun (Bai Runyin), der bei seiner Junkie-Mutter (und Ex-Prostituierten) Lily (Yao Yiti, The Gangs, the Oscars, and the Walking Dead) wohnt. Der Junge beschließt Long aufzupeppeln. Bald bekommen auch Juns Nachbarn von Longs Anwesenheit im Ghetto mit und als sie dessen begnadetet Kochskills in Live erleben, bauen sie ihm kurzerhand einen fahrbaren Imbiss zusammen. Obgleich Long passiven Skeptizismus betreibt und eigentlich nur zurück nach Taiwan will, spielt er das Spielchen mit und benutzt sein 15cm-Killermesser von nun an, um Gemüse statt Menschen zu hacken. Langsam kommt er auch Juns Mutter Lily näher, doch seine eigene Vergangenheit ist ihm auf den Fersen.

Ein Herz für Sonntagsfahrer

Originaltitel Ryu san
Jahr 2017
Land Japan, Hong Kong, Taiwan, Deutschland
Genre Drama
Regie Sabu
Cast Mr. Long: Chang Chen
Jun: Bai Runyin
Lily: Yao Yiti
Laufzeit 129 Minuten
FSK

Hiroyuki Tanaka (bzw. besser bekannt unter seinem Pseudonym Sabu) debütierte im Jahre 1996 mit seinem Film Dangan Runner – Wie eine Kugel im Lauf. Eine Geschichte, die im Gangstermilieu spielt und in ein für Sabu fundamentales Thema einführt: Die Freiheit des Laufens. Wie auch schon Tom Tykwers Lola rennt ist es eine Ode an den Rausch der Bewegung. Das atemlose Hasten behielt Sabu in seinen Filmen all die Jahre bei, doch Mr. Long ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Zwar ist Sabu dem Gangstermilieu treu geblieben, doch hat er das Tempo komplett herausgenommen. Mr. Long feiert die Langsamkeit und dauert dementsprechend über zwei Stunden – eine Zeit, die der Film nötig hat, da es nur wenige Dialoge gibt und der Film seine Geschichte daher visuell wuppen muss. Im schicken Cinemascope-Format fängt Mr. Long sowohl die schillernden Großstädte mit ihrem regen Treiben ein, als auch die traurigen, verwahrlosten Randbezirke und all die Gefühle dazwischen.

Aller Anfang ist hart

Die Story von Mr. Long beginnt quasi wie ein Tarantino. Long, angezogen in kleidsamen Matrix-Schwarz, mischt im Kellergeschoss eines Tempels eine Bande Krimineller auf. Ausgestattet mit einem ziemlich kleinen Messer, schlitzt und sticht Long was das Zeug hält; mit Blut, abgetrennten Fingerspitzen und allem. Das ist zwar kein großes Choreographie-Fest, da die Gangster fallen wie die Fliegen, dafür aber gute Kameraarbeit und gutes Editing. Auf diese Weise schenkt uns Sabu quasi direkt zu Beginn den harten blutroten Likör ein, der sonst erst wieder zum Ende hin auf der Speisekarte steht. Bis dahin verlässt Mr. Long das stylisch eingefangene Gangstermilieu, wechselt in den naturalistischen Randbezirk der Außenseiter und macht Platz für das Drama – samt Kochshow. Dabei liegt der Fokus vor allem auf der wachsenden Beziehung zwischen Long und dem jungen Jun. Kein unbekanntes Terrain für Sabu, denn bereits 2011 erzählte der Regisseur mit seinem Film Usagi Drop – The Movie die Geschichte eines erwachsenen Mannes, der auf ein ihm fremdes Kind aufpassen muss, wenn auch mit einem ganz anderen Flair.

Lost in Translation

Mr. Long reiht sich ein in die Reihe jener traditionsreicher Filme, deren Helden zu cool zum Reden sind. Clint Eastwood ist der Mann ohne Namen, Mando (The Mandalorian) ist der Mann ohne Gesicht und Mr. Long der Mann ohne Worte (zum einen, weil’s zu seinem Job-Klischee passt, zum anderen weil er kein Japanisch kann). Vielleicht hat er auch aus diesem Grunde das Messer zur Waffe erwählt: Es schneidet genau so still und leise wie sein Träger sich verhält (ist aber nur 15cm lang, also alles andere als „long“). Auch der lange Flashback von Lily kommt ohne viele Worte aus, da Lily selbst Taiwanerin ist und ebenfalls nur rudimentäres Japanisch beherrscht. Theoretisch könnte Mr. Long also auch als Stummfilm durchgehen, gepaart mit Splatter-Psychodrama. Davon abgesehen aber ist der Film alles andere als akustisch still: Es gibt eine naturalistische Soundkulisse, viel Straßenlärm, brummende Gesellschaften auf den Märkten und natürlich die ausgelassenen, streitbaren, aber liebevollen Nachbarn von Jun.

Komik, Leid, Zufall und Karma

Besagte japanische Nachbarn sind quasi die Comic Reliefs des Films. Ununterbrochen am Sabbeln dran – quasi die Kompensation für Long – kümmern sie sich um den Killer und bringen seine abgeranzte Bude auf Vordermann. Und als sie merken, was für ein begnadeter Koch er ist, zimmern sie ihm sogar einen mobilen Imbissstand zusammen mit dem Long seine Rindernudeln verkaufen kann. Die Nachbarn sorgen für die Portion Komik, während die Prostituierte Lily und ihr Sohn Jun das Drama hochhalten, von einem Großstadtmärchen träumen und von Sabu sogar Szenen des wahrhaften Glücks geschenkt bekommen – ein Glück, das gegen Endes des Films umso härter zerstört wird. Zufall und Karma entkommt bei Sabu keiner. Das war schon in Dangan Runner so. Und so ist es auch bei Mr. Long.

Fazit

Mr. Long ist ein melancholischer Arthouse-Film mit stylischen Bildern, die sowohl Tokios busy Nachtleben zeigen als auch das – wie eine minimalistische Kunstinstallation wirkende – Ghetto-Viertel. Grundsätzlich ist der Tonus dunkel, trotzdem vereint der Film neben seinem Killer-Plot auch noch Kochshow, Comedy, Stummfilm, Drama und eine leise Romanze. Ein seltsamer Mix, bei dem dennoch alles irgendwie gut zusammen passt (außer am Ende, wenn die Comic Relief-Nachbarn auf die Yakuza treffen… das hab ich Sabu nicht abgekauft, aber das ist ‘ne Kleinigkeit). Und obwohl die Geschichte von Longs blutigen Messerszenen eingerahmt wird und zeigt, wie unerbittlich das Schicksal sein kann, gibt es immer irgendwo auch den „Es wird schon alles gut werden“-Spirit. Man muss auf jeden Fall ein Faible für ruhige Filme mitbringen, sonst schnarcht man vermutlich weg. Ich für meinen Teil bin auch beim zweiten Anschauen hellwach gewesen, einfach weil Chang Chens Charisma so ansteckend ist. Der Typ trägt den Film quasi im Alleingang und macht mich am Ende immer ganz rührselig. Das hätte unser Clint nicht geschafft.

© Rapid Eye Movies

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Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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