Matrix Resurrections

Es kann sich durchaus lohnen, einen alten Filmklassiker zu entstauben und zu neuem Glanz zu verhelfen. Den Alt-Fans bietet man damit neues Futter und zieht außerdem vielleicht ein junges Publikum heran, das mit Stöbern in der Filmgeschichte nichts am Hut hat. Aber Matrix? Gibt es zu diesem zwiespältigen Kult-Franchise der jungen 2000er wirklich etwas hinzuzufügen? Eine Frage, die selbst das Regie-Duo spaltete: Von den Wachowski-Schwestern (Jupiter Ascending) ist in Teil 4 der Reihe, Matrix Resurrections, nur Lana als Regisseurin am Start, Lilly wollte wohl nicht. Lana Wachowski stellt sich der Herausforderung, den Welterfolg ihrer Jugend neu ins Kino zu bringen, mit jeder Menge Selbstironie und gewohnt epischen Bildern. Ab dem 16. Juni 2022 ist Matrix Resurrections im Handel erhältlich.

Ein gealterter Thomas Anderson (Keanu Reeves, Matrix) lebt als Game Designer in San Francisco und versucht, seine psychischen Probleme mithilfe eines Therapeuten (Neil Patrick Harris, How I Met Your Mother) und jeder Menge Psychopharmaka in den Griff zu bekommen. Einst hatte er mit einer Spiele-Trilogie namens Matrix große Erfolge gefeiert, nun soll zu seinem großen Widerwillen eine Fortsetzung auf den Markt gebracht werden und die Momente, wo er nicht mehr zwischen Spiel und Realität unterscheiden kann, häufen sich bedenklich. Zuweilen trifft er auf die Familienmutter und Motorrad-Mechanikerin Tiffany (Carrie-Ann Moss, Matrix), zu der er sich rätselhaft hingezogen fühlt. Kein Wunder, denn in Wirklichkeit sind sie Neo und Trinity, die nach dem Ende von Matrix Revolutions von den Maschinen wiederbelebt wurden und nun wieder in der künstlichen Realität der Matrix leben, während sie in Wirklichkeit verkabelt in Nährlösungstanks liegen. Es braucht eine blauhaarige Rebellin namens Bugs (Jessica Henwick, Game of Thrones) und ein abtrünniges Programm, das die Rolle von Neos einstigem Retter Morpheus übernimmt (Yahya Abdul-Mateen II, Aquaman), um Thomas Anderson alias Neo zu seiner wahren Identität zurück zu helfen und ihn und seine Liebste aus den Klauen der Maschinen zu befreien.

Die hohe Kunst des Selbstbezugs

Originaltitel Matrix Ressurections
Jahr 2021
Land USA
Genre Science-Fiction
Regie Lana Wachowski
Cast Thomas Anderson /Neo: Keanu Reeves
Trinity: Carrie-Ann Moss
Morpheus: Yahya Abdul-Mateen II
Bugs: Jessica Henwick
Agent Smith: Jonathan Groff
Der Analytiker:Neil Patrick Harris
Niobe:Jada Pinkett Smith
Der Merowinger: Lambert Wilson
Sati: Priyanka Chopra
Gwyn de Vere: Christina Ricci
Laufzeit 148 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 16. Juni 2022

Also ein Film über drei andere Filme. Ein Film über die Fortsetzung eines in die Jahre gekommenen Kassenschlagers. Also über sich selbst. Über die Fans und das Reden über den Film. Was kann man da nicht für ein Arsenal von Kunstgriffen auffahren: Das Filmzitat. Die Anspielung. Die Hommage. Den Insider-Witz. Das Osterei. Den Kalauer. Wachowski bringt sie alle und von jedem bis zum Abwinken. Immer wieder fallen bekannte Dialogzeilen, und damit der Zuschauer das auch wirklich mitbekommt, wird das entweder sarkastisch kommentiert oder es kommt ein Ausschnitt aus den alten Filmen, der den Zuschauer in die richtige Richtung schubst. Ein schwarzes Kätzchen namens Déjà-vu. Eine Spielefirma namens Deus Machina. Bugs heißt wie Bugs Bunny, trägt ein Tshirt mit einer Möhre und ein Hasentattoo am Oberarm. Genau, folge dem weißen Kaninchen. Alice im Wunderland. Pillen, die dich verändern. Der Song “White Rabbit” von Jefferson Airplane, der schon den Trailer zum Hingucker machte. Das kann man alles für den Gipfel selbstverliebter Eitelkeit halten oder für den gekonnten Einsatz von selbstreferentieller Ironie. So oder so, es ist von hochartifizieller Virtuosität. Aber all diese barocken Schnörkel gehen gewaltig auf Kosten des Erzähltempos.

Grün und der Rest des Regenbogens

Einst waren die Wachowskis die Meister des Grünstichs. Die Matrix-Trilogie überzeugte durch ein konsequentes Farbkonzept: schwarzgewandete Figuren in einer grün ausgeleuchteten Welt. Aber in 20 Jahren kann man sich als Filmschaffende schon mal weiter entwickeln und mittlerweile kann Lana Wachowski auch andere Farben. Nicht alle auf einmal, sondern sehr gezielt eingesetzt. Grün ist in Matrix Resurrections nur noch der Code, der über den Bildschirm flimmert. Ansonsten gibt es kräftiges Blau, so blau wie die metallisch schimmernde Pille und die Brille des Analytikers, der nicht ist, was er scheint. Oder satte Bernsteintöne. Oder grelles Rot im Dunkeln. Oder fahles Gelb, das in Kombination mit Blau eine Ahnung von Grün ergibt, ansonsten aber prächtig kontrastiert. Visuell ist Matrix Resurrections auf jeden Fall ein Augenschmaus. Aber auch das ist nicht gerade ein Handlungsbeschleuniger.

Und der Plot?

Opulente Bilder und die Kunst des Selbstzitats mal beiseite, worum geht es denn nun eigentlich? Das ist angenehm schlicht: Neo, finde zu dir selbst und rette Trinity! Der erste Teil der Aufgabe ist langwierig und kompliziert und die Osterei-Lawine zu Beginn des Films tut einiges dazu, das Tempo noch mehr zu drosseln. Teil 2 muss bis zur zweiten Hälfte des Films warten und ist etwas geradliniger, wenn auch durch ausladende Dialogpartien ausgebremst. Immerhin, es geht von hier nach da, Entscheidungen werden getroffen, es wird gekämpft, es gibt ein Motorrad auf nächtlichen Straßen, Explosionen und Hubschrauber. Und ein fettes Fanpleaser-Finale, in dem Neo und Trinity wieder schwarze Mäntel tragen und dem Gegner ordentlich in die Fresse hauen können. Das kommt so unverblümt daher, dass es wohl nicht so ganz ernst gemeint sein kann. Aber ehrlich gesagt: Hätte die Trilogie einst so platt und munter-triumphierend abgeschlossen anstatt in religiösem Kitsch zu enden, hätten die Fans wohl nicht jahrzehntelang mit den Wachowskis geschmollt.

Fazit

Ehrlich gesagt fehlt mir ja Hugo Weaving. Sein Nachfolger als Agent Smith ist so konturlos und ohne diese dämonisch-fiese Fresse mit so viel die Freude an der Bosheit. Das ist wohl die Falle bei einem Film, der über zwei Stunden lang damit kokettiert, alles, aber wirklich alles zu zeigen, was das Publikum an der Vorlage liebgewonnen hat. Man sucht dann quasi nach den Lücken. Ansonsten ist bei Matrix Resurrections gut bedient, wer opulente Bilder und selbstreferenzielle Scherze bis zum Abwinken mag und angesichts solcher Highlights auf Erzähltempo gut verzichten kann. Apropos selbstreferenzielle Scherze. Zuviel des Guten kann wunderbar sein, das wusste schon Mae West. Aber nach einer solchen Dröhnung darf mein nächstes Kinoerlebnis ein Film sein, der ohne jegliche Schnörkel einfach nur eine Geschichte erzählt. Irgendwann muss es das einmal gegeben haben …
Achtung, am Schluss nicht zu früh gehen. Nach dem Abspann kommt noch ein kleiner Nachklapp mit einem Wachowski-Killerkalauer. Meine Güte, muss sie die Projektentwicklungsphase gehasst haben.

© Warner Bros.  


Veröffentlichung: 16. Juni 2022

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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