Freaks

Lesezeit: 4 Minuten

Wie viele Filme über Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten, die sich nicht als Superheld definieren oder den Comic-Giganten Marvel/DC zuzuordnen sind, sind euch bekannt? Wahrscheinlich lassen sich alle Beispiele an einer Hand abzählen. Abhilfe verschafft Freaks des Regie-Gespanns Adam B. Stein (Kim Possible) und Zach Lipovsky (Dead Rising: Watchtower). Ihr als dystopisches Kammerspiel beginnenden SciFi-Film entfaltet sein volles Spektrum erst mit verstreichender Spielzeit. Dabei spielen sie immer wieder mit der Unsicherheit des Publikums: Wer ist hier eigentlich Bösewicht und wie funktioniert diese Welt nun wirklich? Freaks entpuppte sich frühzeitig als Überraschungshit diverser Festivals (u.a. des Fantasy Filmfest 2019) und sorgt für fiese Paranoia-Momente.

   

Die siebenjährige Chloe (Lexy Kolker, The Little Mermaid) ist gefangen im eigenen Haus. Ihr Vater (namenslos: Emile Hirsch, Once Upon A Time … In Hollywood) verbirgt das Mädchen vor der Außenwelt und drillt sie auf eine andere Identität, welche sie im Falle eines Entdecktwerdens einnehmen müsse. Was verboten ist, ist selbstverständlich besonders spannend. Und da Chloe obendrein wissbegierig ist, gilt ihre größte Aufmerksamkeit dem Eiscremetruck von Mr. Snowcone (Bruce Dern, Oscar für Nebraska), welcher auch noch direkt vor dem Haus geparkt ist. Wie das Schicksal es so möchte, ist eine Kugel Schokoladeneis es wert, sich über die väterlichen Anweisungen hinwegzusetzen und das Haus klammheimlich zu verlassen. Ist die Welt wirklich so feindselig, wie ihr Vater es Chloe weis machen will?

Eine Geschichte über Ver- und Misstrauen

Originaltitel Freaks
Jahr 2018
Land USA
Genre Drama, Action, Science-Fiction
Regisseur Adam B. Stein, Zach Lipovsky
Cast Vater: Emile Hirsch
Chloe: Lexy Kolker
Mr. Snowcone: Bruce Dern
Mary: Amanda Crew
Agent Ray: Grace Park
Harper: Ava Telek
Nancy: Michelle Harrison
Steven: Matty Finochio
Laufzeit 105 Minuten

Trotz des interessanten Worldbuildings nährt sich Freaks vor allem von der klaustrophobischen Atmosphäre, die im ersten Drittel aufgebaut wird. Immer wieder muss der Zuschauer hinterfragen, was wohl passiert sein könnte. Auf der einen Seite steht ein Eisverkäufer vor der Türe, auf der anderen Seite meint Chloes Vater es todernst und verlässt das Haus selbst nur unter höchstem Risiko. Was ist hier geschehen? Erzählt und erlebt wird alles aus Chloes Perspektive. Ähnlich wie in 10 Cloverfield Lane muss sich die Hauptfigur auf die Aussagen einer anderen Figur verlassen und wird somit daran gehindert, zu erfahren, wie die Welt da draußen wirklich funktioniert. Speziell in Chloes Fall kommt erschwerend hinzu, dass sie rein gar nichts über das Leben dort draußen weiß. Abgesehen von den Risiken, die es mit sich bringt. Puzzleteil um Puzzleteil will langsam zusammengefügt werden und dabei wird vor allem die Rolle des Vaters gründlich durchleuchtet. Was führt er wirklich im Schilde?

Kammerspiel vs. Actionkino

Als wäre dies nicht genug, hat Chloe mit Visionen zu kämpfen. Ist sie geisteskrank? Flüchtet sie sich in Fantasiewelten? Ist sie die wahre Gefahr? Bis alle Komponenten einmal in Reih und Glied gebracht sind, vergeht einige Zeit. Diese wird intensiv von der toxischen Verbindung zwischen Vater und Tochter gefüllt. Er neigt zu cholerischen Anfällen, sie ist eine tickende Bombe. Was sich in Richtung Sozialdrama entwickelt, wird zunehmend von externen Faktoren überschattet.  Die Regierung macht Jagd auf Freaks (vergleichbar mit der Haltung gegenüber Mutanten in X-Men) und Chloe ist ein solcher. Ist die Katze erst einmal aus dem Sack, schlägt die Handlung eine gewollt konventionellere Richtung ein. Dann verpufft zwar der Zauber des Ungewissen, doch das Erzähltempo legt merklich zu und plötzlich überrollt ein Bombast die Handlung, der weiter entfernt von dem einstigen Kammerspiel kaum sein könnte.

Schauspielerischer Glücksgriff

Besonders leidet die zweite Hälfte darunter, dass die Geschichte immer wieder damit kämpfen muss, dass sie von weiteren Elementen und Störquellen überfrachtet wird. Gelegentlich sorgt das sogar für ungewollte Lacher. Dass die erste Hälfte der Handlung trotz des begrenzten Schauplatzes überhaupt ohne Längen auskommt, ist den Darstellern von Vater und Tochter zu verdanken. Lexy Kolker besitzt eine lebendige Präsenz und begeistert mit ihrer störrisch-cleveren Natur. Emile Hirsch als umsorgender und gleichzeitig zwielichter Vater, der mehr weiß als er zugibt, findet den richtigen Ton, um auch die Sympathien seitens Zuschauern immer wieder aufs Neue abzufragen. Bruce Dern als Eisverkäufer baut besonders auf seine Leinwandpräsenz, die der 83-jährige Schauspieler ausstrahlt. Die schauspielerischen Qualitäten wiegen budgetäre Engpässe merkbar auf.

Fazit

Freaks ist einer jener Filme, die verheißungsvoll beginnen und auf einem rätselhaften Konstrukt aufbauen, ehe alle Geheimnisse gelüftet werden und jeder Zuschauer für sich selbst feststellen muss, ob er mit dem eingeschlagenen Weg in Richtung Mainstreamkino konform gehen kann. Selbst bei einer Bejahung ist der Verlauf der Geschichte reine Geschmackssache, denn die Subtilität geht nach und nach zugunsten eines Effektgewitters verloren. Trotzdem bleibt zu sagen, dass Freaks hinsichtlich seines Spannungsaufbaus ein gelungener Titel ist, dessen Worldbuilding und dramatische Herangehensweise Lust auf eine Fortführung innerhalb eines eigenen Franchises machen.

© Splendid Film

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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