Black Panther: Wakanda Forever

Das Jahr 2018 markiert einen wichtigen Punkt im Marvel Cinematic Universe, denn mit Avengers: Infinity War wurde das große Finale der Infinity-Saga nicht abgeschlossen, aber eingeleitet. Gerne wird angesichts des massiven Star-Aufgebots vergessen, dass ein anderer Film es war, der im selben Jahr Box Office-Geschichte schrieb. Mehr als 700 Millionen Dollar allein in Nordamerika spielte Ryan Cooglers Black Panther ein und katapultierte sich im Anschluss sogar ins Oscar-Rennen. Eine Sensation für einen Superhelden-Blockbuster! Mit dem überraschenden Tod des Hauptdarstellers Chadwick Boseman blieb die Frage offen, wer von nun an die Maske des Black Panther in der längst angekündigten Fortsetzung tragen sollte. Frühzeitig wurde dementiert, dass man Boseman digital auftreten lassen würde. Das am 8. November 2022 im Kino erschienene Black Panther: Wakanda Forever liefert darauf Antworten und ist gleichermaßen Tribut-Film wie unerwartet nahe am Puls der Zeit. Das deutsche Streaming-Release ist auf den 1. Februar 2023 für Disney+ datiert.

Der plötzliche Tod von König T’Challa hat das Königreich Wakanda tief getroffen. Fortan regiert Königin Ramonda (Angela Bassett, American Horror Story), deren Regentschaft in Trauer beginnt, jedoch vom Weltgeschehen überschattet wird. Die Staatengemeinschaft versucht derweil an das begehrte Vibranium zu kommen. Das wertvolle Metall, welches dank eines Meteoriten in Afrika gelandet ist und dem Wakanda seine hohe Entwicklung zu verdanken hat, ist aber noch woanders auf der Erde zu finden. Tief im Ozean entdeckt ein amerikanisches Schiff bei einer Bohrung eine Vibranium-Ader. Doch die gesamte Besatzung wird von einem Volk aus dem Wasser vernichtet. Dahinter steckt das (ebenfalls geheime) Königreich Talokan. Das unter der Wasseroberfläche des Ozeans lebende Volk wendet sich an Ramonda. Es schickt dafür seinen König Namor (Tenoch Huerta, The Forever Purge), welcher sie um Hilfe bittet, den Erfinder eines Messgeräts zu suchen und zu übergeben, mit dem Vibranium tief auf dem Meeresboden ausfinding gemacht werden kann. Sollte Ramonda sich dem verschließen, droht ein Krieg. Wakanda ist jedoch in einer schwachen Position, denn es fehlt ein Beschützer wie Black Panther. Auch haben es die Menschen von Wakanda mit einem Gegner zu tun, der ihnen mindestens ebenbürtig ist …

Eine Fortsetzung unter Druck

Originaltitel Black Panther: Wakanda Forever
Jahr 2022
Land USA
Genre Action, Fantasy
Regie Ryan Coogler
Cast Shuri: Leticia Wright
Ramonda: Königin Angela Bassett
König Namor: Tenoch Huerta
General Okoye: General Okoye
Riri Williams: Dominique Thorne
Nakia: Lupita Nyong’o
M’Baku: Winston Duke
Agent Everett K. Ross: Martin Freeman
Ayo: Florence Kasumba
Aneka: Michaela Coel
Laufzeit 162 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 1. Februar 2023 (Disney+)

Zum Erscheinen von Wakanda Forever steht Black Panther mit einem Einspielergebnis von 1,344 Millarden auf Platz 5 der erfolgreichsten MCU-Filme. Als am 28. August 2022 Chadwick Boseman verstarb, schien es, als würde die Zukunft der Figur wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Doch Marvel wird nicht umsonst als “Haus der Ideen” bezeichnet. Schon nach Veröffentlichung des ersten Teils sprach Regisseur Coogler davon, den starken weiblichen Figuren einen Film widmen zu wollen. Gleichzeitig stand der Name Namor im Raum. Eine der ältesten Marvel-Figuren, die bereits seit 1939 existiert und damit mehr Jahre auf dem Buckel hat als etwa Iron Man. Somit stand auch schon fest, dass sich Wakanda Forever um die Mythologie der Königreiche Wakanda und Talokan bewegen würde. Das ist insbesondere deshalb auch wichtig, da an Black Panther der Ruf haftet, insbesondere durch People of Color gehyped worden zu sein, die den Film als weiteren Erfolg im Kampf gegen Unterdrückung betrachtet. Coogler ließ dies zwangsweise kaum eine andere Wahl, als mit der Fortführung einen der längsten Filme des MCUs zu erschaffen, der tief in die Welt Wakandas eintaucht und sich mit den Facetten des fiktiven Königreichs befasst. Echtes Worldbuilding anstelle von Repräsentation.

Die Neuerfindung des König Namor

Als Antagonistin war ursprünglich Prinzessin Zanda im Gespräch, die in den Marvel Comics das verfeindete Nachbarland Narobia regiert. Von diesem Plänen sah man schließlich ab und wandte sich der Idee zu, auf den Sub-Mariner Namor zuzugreifen. Das mag nicht zuletzt daran gelegen haben, dass das kommerziell unterlegene filmische DC-Universum mit Aquaman einen Kassenhit hervorbrachte in einer Größenordnung, die man sonst nur von Marvel kennt. Dafür  wurde auch die Comic-Figur neu erfunden und bekam einen weitaus düstereren Look verpasst. Namor mutet mit seinen Flügeln, Überbleibsel des Comics, an den Knöcheln als unwirkliche Figur an, deren Erscheinen jedoch weitreichende Konsequenzen für das gesamte Marvel Cinematic Universe mit sich bringt. Doch nicht nur das, er bekommt Hintergrundgeschichte und glaubhafte Emotionen ab. Das hievt ihn in den Olymp der gelungenen MCU-Schurken und er bringt obendrein eine ausgebaute Völkerkunde mit sich. Das Volk der Talokan ist eine Gruppe der indigenen Urahnen aus Mittelamerika. Allzu viel erfahren wir nicht von den blauen Lebewesen und trotzdem bekommt man beispielhafte Auszüge aus dem Leben und Alltag der Gemeinschaft präsentiert. Schönere Unterwasserwelten gibt es in Aquaman auch nicht zu sehen.

Respektvoller Fokus auf eine Familientragödie

Ein großer Vorteil des Films ist, dass Schlachten in den Hintergrund rücken, zugunsten von Charakterszenen. Es gibt immerhin viel Familiengeschichte aufzuarbeiten. Der Tod des Black Panther hat mit allem Hinterbliebenen etwas gemacht und Einzelschicksale der namhaften Bewohner Wakandas sind komplexer als sie von außen beobachtbar sind. Neben dem respektvollen Tribut bekommt Wakanda eine Hintergrundgeschichte, die sich als Metapher für die afroamerikanische Bevölkerung in den USA beweisen kann und zusätzlich den Fokus auf die eigene Kultur in all ihren Facetten legt. Der Zeitbezug des übergreifenden Konflikts ist dabei erschreckend, denn es werden politische Fässer eröffnet, die unserer Realität auf groteske Weise sehr nahe kommen: Ersetzt man das unkämpfte Vibranium durch Atomwaffen, schlagen die Parallelen zum Zeitgeschehen des Jahres 2022 auf den Magen. Aber dann folgt doch noch ein Umschwung, der andere Themen zu Tage befördert und den Konflikt zwischen Wakanda und Talukan auf anderer Ebene schürt. Somit spielt sich die Handlung beinah ausschließlich zwischen den beiden Parteien im Konflikt ab. Die USA verkommt zur witzhaften Streitmacht und nur Everett Ross (Martin Freeman, Sherlock) darf moralisch nachvollziehbar agieren. Erfreulich, dass an dieser Figur weitergearbeitet wird, denn es handelt sich um ihren bislang besten Auftritt.

Drehbuch mit Schwächen

Streitbar ist die Handlung um CIA-Agent Ross durchaus, die nur geringfügige Auswirkungen auf die Story mitbringt, aber für ihren Teil schon einmal einen weiteren Weg vorbereitet. Wer am liebsten alleinstehende Filme ohne übergreifende Storystränge mag, wird sich fragen, was das alles soll. Wer das Franchise als filmübergreifenden Erzählkosmos liebt, bekommt hier einen großen Aha-Effekt um Ross’ Privatleben serviert. Die größte Schwäche von Wakanda Forever liegt aber nicht in der Einordnung in das große Ganze, sondern im Drehbuch: Da existiert also ein bislang nie erwähntes Volk, von dem niemals jemand etwas gehört hat und außer den Menschen in Wakanda weiß niemand davon. Hierin wird der Makel eines Franchise überdeutlich: Wer es schon bei den Eternals seltsam fand, dass sie nie Erwähnung fanden, wird sich auch über das Volk von Talokan wundern. Das MCU erweitert sich nun einmal bruchstückhaft, doch ganze Völker tauchen plötzlich auf und man darf nicht näher hinterfragen, warum nie jemand auf die Idee kam, darüber zu sprechen. Schwächen, die erst dann auffallen, wenn man das Franchise einmal als Ganzes betrachtet. Mit Blick nur auf Wakanda Forever wirkt der zentrale Konflikt ein wenig überkonstruiert und in Bezug auf Talokan tun sich eine Menge Fragen auf. Der gesamte Abschnitt, in dem Shuri die Unterwasserwelt besucht und von Namor aufgeklärt wird, wirkt wie ein komplett anderer Film – und das ist nicht positiv gemeint. So biegt sich das Drehbuch an einigen Stellen Dinge zurecht, die man zähneknirschend in Kauf nehmen muss.

Starthilfe für Riri Williams

Der zweite größere Schwachpunkt ist die Einführung einer Figur, die wie ein großer Fehler im System wirkt. Doctor Strange in the Multiverse of Madness hielt es bereits für eine gute Idee, eine Nebenfigur einzuführen, indem sie einfach unmittelbar ins Geschehen katapultiert wurde um sie irgendwie mitzuschleifen. Wakanda Forever setzt dem die Krone auf und schmettert die Studentin Riri Williams (Dominique Thorne, Judas and the Black Messiah) in die Handlung, die ohne eigenen Freiraum mitziehen muss und auch wenig Mitspracherecht besitzt. Ihre Motivation wirkt fraglich bis wenig gut ausgeleuchtet, sodass ihre Folgeserie Iron Heart noch einmal einige Erklärungen nachliefern muss. Die Szenen zwischen Riri und Shuri sind nett anzusehen, bringen aber keineswegs glaubhafte Interaktionen mit wie etwa bei Kate Bishop und Yelena Belova in Hawkeye. Somit kriegt die Figur eher einen ersten Anschub für die eigene Serie als dass sie schon wesentlich ausgebaut wird.

Ein Film ohne Hauptcharakter

Der Fokus der Erzählung liegt auf Wakanda, nicht aber auf einer einzelnen Person. Dementsprechend muss an mehreren Stellen erzählt werden und es gibt nicht die eine Figur, die alle Handlungsstränge zusammenführt. Aber: Angela Bassett ist das Highlight des Films. Ihre Darbietung der Königin ist von Stärke und Autorität gezeichnet. Nach König T’Challas Tod ist sie es, der die große Bürde obliegt, alles zusammenzuhalten. Auch die Figuren neben ihr sind hervorragend besetzt (etwas, das im Grunde keiner weiteren Erwähnung bedarf, schließlich gab es selten bei Marvel wirklich schlechte Casting-Entscheidungen). Als Anführerin der Leibgarde Okoye erweist sich Danai Gurira erneut als vielleicht interessanteste Figur, die eine spürbare Wandlung erfährt, während Lupita Nyong’o als Nakia gewohnt herausragt. Angesichts dieser Charaktere scheint Letitia Wright als Shuri kaum gefordert, auch wenn sich ihre Figur ebenso weiterentwickelt und die meiste Zeit einnimmt. Es sind andere Figuren und deren Darsteller:innen, die von der Sendezeit am meisten profitieren.

Blockbuster-Drama

Trotz Charakterfokus und Drama ist Wakanda Forever selbstverständlich ein Action-Blockbuster. Das darf ob des millionenschweren Budgets nicht vergessen wurden. Filme werden für die große Leinwand gedreht, wollen unterhalten und Schauwerte liefern. Hinter der Kamera bekommt Autumn Durald Arkapaw, die schon für Loki als Kamerafrau tätig war, die große Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu präsentieren. Erneut haben die CGI-Fachleute und die Setdesigner wahre Wunderdinge vollbracht und einen der optisch beeindruckendsten Marvel-Filme seit langer Zeit auf die Leinwand gezaubert. Neben den Actionszenen sind es eben die Setpieces, für die der Film nachhaltig in Erinnerung bleibt. Fantastisch anzusehen ist im Besonderen das Kostümbild von Ruth E. Carter, welches Farben und Stoffe zum Vorschein bringt, an denen man sich noch nicht sattgesehen hat. Der dreifache Grammy-Preisträger Ludwig Göransson, der für sein Schaffen in Black Panther einen Oscar erhielt, ist erneut für den Score verantwortlich und hat eine herausragende Klangwelt erschaffen, die sich von allem abhebt, was das MCU bislang akustisch ablieferte.

Fazit

Chadwick Bosemans Ableben hat die Fortführung von Black Panther überschattet. Ryan Coogler hat das Maximum aus den Gegebenheiten herausgeholt und dabei ein starkes Tribut erschaffen. Als solches muss man das fertige Produkt auch betrachten: Dieser Film ist Wakanda Forever und nicht Black Panther 2. König T’Challa wird gebührend verabschiedet, gleichzeitig werden mehrere Figuren auf eine Reise geschickt, um zu überprüfen, wer Kostüm und Verantwortung gewachsen ist. Herausgekommen ist eine gelungene Symbiose mit stellenweise merkwürdigem Drehbuch, dem man alle Ungereimtheiten schnell verzeiht. Bleibt doch spürbar, wie oft es wohl umgeschrieben wurde. Trotz allem: Mit so erwachsenen und politischen Themen hat sich Marvel lange nicht beschäftigt.

© Disney

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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