Hawkeye

Obwohl er ein Avengers-Urgestein ist und seinen ersten Auftritt bereits 2011 in Thor feiern durfte, fristete Hawkeye über viele Jahre hinweg ein Schattendasein – ihm fehlt schlichtweg ein Branding, wie es seine anderen Kollegen besitzen. Im Vergleich zu anderen Avengers-Mitgliedern, die zum Teil bereits mit drei Solo-Filmen beschenkt wurden, blieb Clint Barton in der Wahrnehmung der Zuschauer:innen stets nur ein Teil der Gruppe. Pfeil-und-Bogen-Support. Das hat sich inzwischen geändert, dank seines Solo-Auftritts in der gleichnamigen Serie: Hawkeye erschien nicht als Film, ging aber als sechsteilige Serie auf Disney+ an den Start. Während das Marvel Cinematic Universe schon seit Langem auf thematische wie narrative Abwechslung setzt, stellt auch diese Serie eine neue Programmfarbe dar (und damit ist nicht das dominierende Lila gemeint). Als (vor)weihnachtliche Buddy-Komödie begleitete der Sechsteiler die Abonnent:innen des Streamingdienstes sozusagen direkt ins Weihnachtsfest 2021 und führte ganz nebenbei mal eine Handvoll wichtiger Figuren für die Zukunft ein.

   

Nach der Schlacht gegen Thanos hat Clint Barton (Jeremy Renner, Wind River) den Bogen an den Nagel gehängt und verbringt die Vorweihnachtszeit mit seiner Familie in New York. Während einer illegalen Auktion fällt sein verlorengegangenes Ronin-Kostüm in die Hände der jungen Kate Bishop (Hailee Stainfield, Pitch Perfect 2). Diese ist seit dem Kindesalter großer Fan von Hawkeye und streift sich das Kostüm über, um selbst auf Schergenjagd zu gehen. In seiner Zeit als Ronin hat Clint sich jede Menge Feinde gemacht, weshalb es ihm ein umso größeres Anliegen ist, das Kostüm wieder zu beschaffen. Zu seinem Missfallen weicht ihm sein Fan Kate nach dem ersten Treffen nicht mehr von der Seite und ehe beide sich versehen, sind sie in etwas Größeres verwickelt, das in einem seltsamen Zusammenhang mit Kates Familie zu stehen scheint. Wird Clint es pünktlich zum Weihnachtsfest wieder nach Hause schaffen?

Hawkeye als wichtiger Knotenpunkt des MCU

Originaltitel Hawkeye
Jahr 2021
Land USA
Episoden 6 in 1 Staffel
Genre Action, Komödie
Cast Clint Barton / Hawkeye: Jeremy Renner
Kate Bishop / Hawkeye: Hailee Stainfield
Eleanor Bishop: Vera Farmiga
Jack Duquesne: Tony Dalton
Kazi Kazimierczak: Fra Fee
Laura Barton: Linda Cardellini
Maya Lopez: Alaqua Cox
Seit 22. Dezember 2021 vollständig auf Disney+

Nach What If…? ist Hawkeye bereits die fünfte Serie des Marvel Cinematic Universe. Nach vier Serien sollte verdeutlicht sein: Die Serien stehen nicht optional, sondern fallen unter eine Schaupflicht, da sie Handlungen fortführen, einen oder mehrere Filme ausleiten und neue Handlungsstränge eröffnen. Hawkeye knüpft mit zeitlichem Versatz inhaltlich an Avengers: Endgame an, greift zentrale Bestandteile von Black Widow auf (wen wundert es bei der Verbindung, die Clint und Natascha hatten?) und bietet spannende Querverweise auf Spider-Man: No Way Home. Gleichzeitig bildet es die Grundlage für das folgende Spin-off Echo und führt eine Figur von hoher Relevanz ein, die auf der einen Seite vielen längst bekannt ist, auf der anderen Seite allerdings ihre großen Auftritte im MCU erst noch vor sich hat. Auch wenn inhaltlich wieder kleinere Brötchen gebacken werden: Die Ereignisse der Serie strecken ihre Fühler in alle Richtungen. Dies sogar noch mehr als etwa WandaVision oder The Falcon and the Winter Soldier. Auch nach Endgame sind die Avengers ein wichtiges Thema, denn Clint hat seine Vergangenheit ebenso wenig verdrängt wie die Welt selbst: Die Avengers bleiben etwa durch das Musical “Rogers” im kollektiven Gedächtnis. Die Weltgeschichte schreitet voran und Hawkeye trägt die schwere Aufgabe mit, das Post-Blip-Leben abzubilden. Denn das MCU ist keine Ansammlung von Einzelgeschichten, sondern eine kohärente Welt, die zum Leben erweckt wurde.

Von draus vom Walde komme ich her, …

Das Marvel Cinematic Universe ist sehr darum bemüht, zeitliche Abrisse zu erzählen. Fans legen zunehmend größeren Wert darauf, dass die Abfolge der Gesamthandlung in sich stimmig ist und sich Ereignisse schlüssig in die Timeline einbinden lassen. Damit dies funktioniert, ist es wichtig, das Gefühl zu vermitteln, dass die Zeit in der Handlung weiter läuft. Hawkeye spielt im Jahr 2024 und ist somit nach Spider-Man: Far From Home und Spider-Man: No Way Home zu verorten. Dass Jahreszeiten nachvollziehbar verstreichen und nicht immer Sommer sein kann, wird an der Tonalität der Serie deutlich: Weihnachten ist dauerpräsent. Zuletzt trat das Thema in Iron Man 3 auf, danach wurde es still um saisonale Events (sieht man denn einmal von der Halloween-Folge in WandaVision ab). Angst haben, dass das Thema zu exzessiv ausgereizt wird, muss man nicht. Es beläuft sich auf Weihnachtssongs, Deko, Weihnachtsfeiern und den legendären Christbaum des Rockefeller-Centers, aber in einem erträglichen Maße. Was in dem Zuge, insbesondere für Disney, auch untypisch ist, ist die fehlende Romantisierung dieser Zeit: Clint ist nämlich ein gebrochener Mann, dem Außenstehende eine Depression diagnostizieren würden.

Buddy-Comedy mit Unterstützung

Es gab im Laufe des MCU schon einige Duos, die man vor allem im Doppelpack wahrnimmt: Falcon und der Winter Soldier oder Ant-Man und Wasp. Doch keines davon kommt in seinem Selbstverständnis an Clint und Kate heran. Denn Kate ist der (nicht ganz so) heimliche Star der Serie und es stellt aufgrund ihrer eigenen Heftserie von 2005 auch kein Geheimnis dar, dass sie ebenfalls den Titel des Hawkeye trägt. Mit ihrer forschen und euphorischen, gleichzeitig aber auch unvorsichtigen Art bildet sie einen starken Gegenpol zu Clint. Ein Energiebündel. Die Zusammenarbeit beider droht mehrfach zu scheitern und immer wieder müssen beide einander Zugeständnisse machen, um einen Mittelweg zu finden. Das verlangt ihnen viele klärende Gespräche ab, doch die Serie umgeht gekonnt die Gefahr, in ihrer Tonalität abzustürzen. Das verhindern die Dialoge, die die richtige Balance zwischen Ernst und Screwball-Momenten finden. Etwas krampfhaft wirkt hingegen der Versuch, das Leben auf der Erde am Beispiel einer LARP-Gruppe (Live-Action-Roleplay) darzustellen, welche dem Hawkeye-Team unter die Arme greift und wie ein schwacher Versuch wirkt, dem Publikum zu zeigen, dass man nerdige Interessen durchaus im Blick hat. Und ob es den tierischen Sidekick Lucky alias Pizza Dog wirklich gebraucht hätte? Haken wir diesen Punkt als Bringpflicht der Comic-Vorlage ab.

Ambitioniertes Plot-Jonglieren

Auch wenn Action in der Marvel-Formel niemals fehlen darf, geht es unbedarfter und weniger dramatisch als üblich zu. Bis auf eine blutige Lippe oder ein Riss über der Augenbraue passiert da vergleichsweise wenig, womit die Serie so richtig im Kontrast zu der einen Szene auf The Falcon and the Winter Soldier steht (die Rede ist von der schockierenden Folge 4). Trotzdem sind die Actionszenen ein kleines Highlight, denn ihre bewusste Dosierung bettet sich auf angenehme Weise in das ohnehin sehr kurzweilige Drehbuch. Leerlauf gibt es nicht und selbst wenn einmal nichts passiert, wird es nicht langweilig. Denn Kate und Clint sind ein Duo, das so herrlich bodenständig ist, dass soviel Menschlichkeit beinahe ungewohnt ist. Vielleicht sind aber auch die Personen um sie herum einfach zu skurril, ob nun die Jogginganzug-Träger der Tracksuit-Mafia oder Kates verhaltensauffällige Mutter Eleanor (Vera Farmiga, The Conjuring) und deren Gatte. Außerdem gesellen sich zwei Charaktere im Laufe der Handlung hinzu, die man ohne bösen Gedanken einfach nur als Showstealer bezeichnen kann. Auf ihre Weise bereichern sie die Serie allerdings enorm. Wo so viele Figuren zusammenkommen, wird es zunehmend unüberschaubarer, und auch Hawkeye ist bemüht, den Überblick zu behalten. Am Ende gelingt das, zwischenzeitig wirkt es allerdings, als stünden zu viele Ideen auf einmal im Raum.

Fazit

Auch wenn Hawkeye nicht den Anschein erweckt: Diese Serie hat es in sich und steckt locker die meisten Filme der Reihe in die Tasche. Nach viel Epos, Fantasy und Magie geht es erstaunlich geerdet zur Sache, beinahe schon konventionell. Das hätte auch schief gehen können, insbesondere, da das Publikum zu ausufernden, epischen Erzählungen erzogen wurde. Dank den pfiffigen Dialogen und höchst sympathischen Charakteren sichert sich die Serie eine Existenzberechtigung. Sie ist nicht da, weil man einer Figur noch eine Geschichte schuldig ist, sondern weil es tatsächlich etwas zu erzählen gibt, das Auswirkungen nach links und rechts (vermutlich auch nach oben und unten) hat. Und weil jeden, der genauer hinschaut, auch interessiert, wie sich die Welt weiterentwickelt hat, in der die Hälfte der Bevölkerung mal eben für Jahre verschwunden war. Für Fans von Clint bleibt eine gemächliche und intime Geschichte, in der auch die Bartons als Familie endlich ihre Sendezeit bekommen.
Chapeau auch an Marvel, dass man ganz nebenbei einen ernsthaften Eintrag im Register der Weihnachtsserien verzeichnen kann, denn die Serie bietet sich auch außerhalb ihres MCU-Kontexts an, sie jährlich zur Festzeit noch einmal anzusehen.

© Disney

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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