Bird Box – Schließe deine Augen

Lesezeit: 7 Minuten

Stell dir vor, es ist ein ganz normaler Tag und plötzlich bringen sich alle Leute um dich herum um. Dieses Schreckensszenario bildet die Basis für Josh Malermans Roman Bird Box – Schließe deine Augen. Und der ist 2018 verfilmt worden, kam aber gar nicht erst ins Kino, sondern landete direkt beim Streaming-Gigant Netflix. Mit Sandra Bullock (Ocean’s 8) und John Malkovich (R.E.D.) ist große Starpower an Bord, was sicherlich geholfen hat, um die Klickzahlen hochzutreiben. Denn die gibt Netflix ausnahmsweise sogar bekannt. Aber was ist dran an einem namenlosen Schrecken, dessen Anblick Leute in den Selbstmord treibt?

  

Eine Frau erklärt zwei Kindern eindringlich, dass sie eine gefährliche Reise unternehmen werden. Und das oberste Gebot lautet, niemals, unter absolut gar keinen Umständen, jemals die Augenbinden abzunehmen. Und was auch immer sie sagt, die Kinder müssen ihr gehorchen. Sonst wartet der sichere Tod. Mit dieser eindringlichen Szene beginnt Bird Box – Schließe deine Augen, um dann fünf Jahre in der Zeit zurückzugehen und die Anfänge einer Apokalypse zu beschreiben. Die Frau heißt Malorie (Sandra Bullock), ist schwanger und hat einen Kontrolltermin beim Arzt. Ihre Schwester Jessica (Sarah Paulson, American Horror Story) ist bei ihr. Die Nachrichten berichten von einer merkwürdigen Selbstmordwelle im Ausland, aber die Frauen gehen ihrem Alltag nach. Doch sie kehren nicht mehr nach Hause zurück, denn die unheimlichen Vorgänge erreichen die USA. Überall drehen Leute scheinbar grundlos durch, bringen sich um und reißen dabei durchaus auch andere mit sich. Malorie findet mit ein paar anderen Leuten Zuflucht im Haus von Douglas (John Malkovich). Keine Kommunikation mit der sterbenden Außenwelt, keine Ahnung was genau sie überhaupt bedroht und begrenzte Vorräte. Klar ist nur eines, wer den Schrecken sieht, wird sterben.

Eine bekannte Mischung

Zwei Titel könnten dem geneigten Filmschauer bei der Story in den Sinn kommen. Zum einen M. Night Shyamalans trashiger Flop The Happening, in dem Mark Wahlberg vor einem Wind davonrennt, der Leute in den Selbstmord treibt. Zum anderen der ebenfalls aus 2018 stammende Horrorfilm A Quiet Place. Da greifen Aliens an, die sich ganz auf ihr Gehör verlassen und so dafür sorgen, dass die Protagonisten möglichst keine Geräusche verursachen. Letzteres führt zu einem interessanten Filmerlebnis, da der Audio-Aspekt des audiovisuellen Mediums durch Fehlen in den Vordergrund gestellt wird. Bei Bird Box geht es um eine Einschränkung des Visuellen. Und hier ist schon ein kleines Problem. Während A Quiet Place den Ton abdrehen kann und der Zuschauer noch immer Anteil an der Handlung nimmt, schwärzt Bird Box halt mal das Bild ein. Wir sollen uns fühlen wie Malorie. Aber der Tastsinn, auf den sie sich verlassen kann, kommt beim Publikum nicht an. In einem Roman ist das besser transportierbar. Dennoch kann jeder, der sich schon mal im eigenen dunklen Haus bewegt hat, das Gefühl doch stückweit nachvollziehen. Und der Film verlässt sich nicht zu oft oder über längere Strecken auf diesen simplen Trick. Tatsächlich wird es sogar für eine Szene sehr clever genutzt. Um Nahrungsmittel zu beschaffen, fährt ein Teil der Gruppe mit dem Auto los. Die Fenster werden komplett abgedunkelt und das Navi sowie die Annäherungssensoren ersetzen die Augen des Fahrers.  Bitte nicht nachmachen!

Blinde Menschen gibt es wirklich

Allerdings zeigt sich hier eine verpasste Gelegenheit, die Bird Box unnötig runterzieht. Was ist denn mit blinden Menschen? Es reicht einfach nicht, diese zum Ende als passive Rettung zu präsentieren.  Wie viel hätte das Grüppchen Überlebender lernen können von einem Menschen, der sich ohne Augenlicht in der Welt zurecht findet? Und blinde Figuren in Filmen sind eindeutig unterrepräsentiert. Dabei heißt es doch, wenn Diversität organisch in eine Geschichte passt, würde das fraglos jeder befürworten. A Quiet Place hat eine taube Figur, die mit Millicent Simmonds sogar von einer tatsächlich tauben Darstellerin gespielt wird. Es gibt im Film eine kleine Montage, die zeigt, wie Malorie sich Fähigkeiten aneignet, um über Geräusche ihre Umgebung zu erfassen. Etwa der Unterschied im Klang einer Klingel im offenen oder geschlossenen Gelände. Tatsächlich kommen behinderte Menschen in Bird Box nicht besonders gut weg.  Es stellt sich heraus, dass einige Personen diese Wesen ansehen können und sich nicht umbringen. Stattdessen wollen sie, dass alle sie ansehen, um die Wahrheit zu erkennen. Allerdings impliziert die Darstellung, dass das nur Leute betrifft, die bereits mentale Krankheiten haben. Genannt wird speziell eine Klinik für geisteskranke Kriminelle. Das hinterlässt einen fiesen Beigeschmack, da Menschen mit etwa Schizophrenie schon genug stigmatisiert und verteufelt werden. Allerdings wird das nicht weiter verfolgt.

Wo Schatten ist, da ist auch Licht

Originaltitel Bird Box
Jahr 2018
Land USA
Genre Thriller, Horror, Mystery
Regisseur Susanne Bier
Cast Malorie: Sandra Bullock
Tom: Trevante Rhodes
Douglas: John Malkovich
Jessica: Sarah Paulson
Olympia: Danielle Macdonald
Greg: BD Wong
Laufzeit 124 Minuten
FSK

Der Film ist handwerklich gelungen. Die kleinen geschlossenen Sets geben eine klaustrophobische Stimmung wider. Die Weite des Flusses, auf dem Malorie mit den Kindern reist, ist eine Bedrohung für sich. Der Mangel an Informationen über die Ursachen ist schaurig und hält die Spannungskurve hoch. Für das Genre unabdingbar. Zumindest das erste Ansehen sollte bei empathischen Zuschauern Reaktionen hervorrufen. Aber der Star des Films ist Sandra Bullock. Sie verkauft ihre Figur perfekt. Ein erfahrener Schauspieler, der eine großartige Leistung abruft, ist wohl der größte Unterschied zu The Happening und ein Qualitätsmerkmal (wobei Shyamalan bewusst auf Terrorfilme der 70er Jahre anspielen wollte und sich bewusst in Überzeichnungen stürzte).

Nicht die typische Mutter

Aber Bullock kann sich als Malorie auch von A Quiet Place absetzen. Dort ist Emily Blunt als Löwenmutter zu bewundern, wie man es in Desasterfilmen gewohnt ist. Mama wird für ihre Kinder schon alles tun. Das ist halt so. Allerdings nimmt Malorie anfangs von ihrer Ärztin noch eine Broschüre über Adoptionen entgegen. Sie ist sichtlich unschlüssig, ob sie dieses Kind behalten will. Im Haus von Douglas taucht Olympia (Danielle Macdonald, Dumplin‘) auf, die ebenfalls hochschwanger ist. Und sie versucht sich über diese Gemeinsamkeit mit Malorie anzufreunden. Denn machen Mütter das nicht so? Der Anfang von Bird Box zeigt schon, dass Malorie mit zwei Kindern allein unterwegs ist. Ihre Fahrt über einen Fluss unterbricht die Erzählung aus der Vergangenheit immer wieder. Und es ist schnell deutlich, dass Malorie diese Kinder beschützt. Aber das würde sie für jeden tun. Weil es das Richtige ist. Anderen Menschen helfen und auf Schwächere aufpassen. Es ist jedoch nicht verlinkt mit dem nahezu mythenhaften Mutterinstinkt. Malorie und Douglas werden als zwei Personen mit äußerst unterschiedlichen Ansichten über den Umgang mit ihren Mitmenschen präsentiert. Douglas ist recht zynisch und würde andere gern sich selbst überlassen. Malorie hat selbst kein sonniges Gemüt, ist sehr pragmatisch und hilft doch aus rationalen Gründen. Sie ist ein guter Mensch. Dennoch wird sie innerhalb des Films nicht als besonders gute Mutter dargestellt. Und das ist fast revolutionär. Am Ende ihrer Reise durchlebt sie dann freilich eine Katharsis. Sie kann keinem der Kinder zumuten, die Augenbinde abzunehmen. Und schlußendlich erhalten sie richtige Namen und sind nicht nur Junge und Mädchen. Ihre Angst, sie zu verlieren, hat Malorie dazu getrieben, auf Distanz zu bleiben. Erst die direkte Bedrohung lässt die Muttergefühle ausbrechen. Und dann für beide Kinder, denn sie kann keinen Unterschied zwischen ihrem leiblichen Sohn und ihrer Ziehtochter machen.  Diese besondere Mutter-Kind-Situation verdient Respekt und gibt Bird Box ein Alleinstellungsmerkmal. Ähnlich schwierig ist wohl nur The Babadook.

Ein ganz besonderer Internet-Hype

Netflix hält sich mit den Zuschauerzahlen immer sehr bedeckt. Aber dieses Mal musste der Streaming-Gigant sich selbst auf die Schulter klopfen. Innerhalb der ersten Woche nach dem vorweihnachtlichen Release hatten sich bereits 45 Millionen Klicks für Bird Box angesammelt. Eine beachtliche Zahl. Zumal der Erscheinungstermin, der 21. Dezember 2018, für einige sicherlich Feiertagsstress pur bedeutet. Und im Kino zeigt sich besonders in den USA das Problem, dass sich Spider-Man: A New Universe, Aquaman, Bumblebee und Mary Poppins‘ Rückkehr gegenseitig die Zuschauer abjagen. Wo Leute sonst freudig einen Film mehrmals schauen, kommen sie jetzt mit neuem Stoff nicht hinterher. Das wirft einmal mehr die Frage auf, wo Bird Box als Konkurrenzprodukt an den Kinokassen gelandet wäre. Ein Klick im gemütlichen Heim ist doch was anderes. Aber zumindest kann Bird Box einen ganzen Haufen Memes für sich beanspruchen und ist auf sozialen Netzwerken ein echter Renner. Oder wahrscheinlich echt. Vielleicht echt. Denn die Reaktionen auf Twitter rund um den Film zu verfolgen, mit besonderem Blick auf Netflix‘ eigenen Account, ist so spannend wie der Film selbst. Wurden da Fake Profile angelegt, um Memes zu erzeugen? Hat Neflix selbst mit der Erwähnung der Bird-Box-Challenge (mit Augenbinde alltägliche Dinge tun und sich selbst filmen) diese Challenge überhaupt erst populär gemacht? Und dass die Wesen, die den Plot in Gang setzen, nicht gezeigt werden, heizt nicht nur Fandebatten an. Da die Produzenten das zunächst anders im Sinn hatten, stürzen sich sämtliche Filmnachrichtenportale auf jeden Bissen rund ums Thema. Für diejenigen, die auf akademischem Weg ins Filmgeschäft möchten, ist das Phänomen Bird Box bereits eine ausgedehnte Hausarbeit wert.

Fazit

Obwohl ich mir inhaltlich einige Änderungen wünsche, muss ich gestehen, dass mich Bird Box sehr schnell gepackt hat. Als Fan von Sandra Bullock werde ich den Film auch sicherlich gern erneut schauen, um ihre Performance in vollen Zügen zu genießen. Die Charaktere sind auch unterschiedlich genug, dass ich mich für ihre Einzelschicksale interessieren kann. Ob es nun Charlie (Lil Rey Howery) ist, der das Haus nicht mal verlassen wollte und dann alle aufopfernd rettet. Oder Greg (BD Wong), der sich bereit erklärt zu testen, ob ein Blick auf einen Monitor ungefährlich ist.  Für die kurze Zeit, die für Vorstellungen bleibt, bin ich mit dem Ergebnis zufrieden. Die Gruppe kommt realistisch daher. Und mit Tom (Trevante Rhodes, Moonlight) ist noch jemand richtig Sympathisches an Malories Seite. Aus der Story hätte mehr werden können, vor allem mit Hinblick auf das Ende. Aber für mich überwiegen zunächst Hochglanzoptik und schauspielerische Leistung, um Bird Box ein wenig aus dem Durchschnitt zu heben.

©Netflix

Sharing is caring / Artikel teilen:
  • 5
  •  
  •  

Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

avatar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Cynthia
Mitglied
Cynthia

Horrorfilme mit realem Setting müssen halbwegs real funktionieren. Mit verbundenen Augen schießen, durch einen Wald laufen und ein Boot durch Stromschnellen steuern (und auch noch zwei gestrandete Kinder finden) ist ein bissl zu viel des Guten. Das Setting in der Stadt war dicht und spannend, ab der Flucht wurde es ärgerlich. Auch ist schwer nachvollziehbar, wie zwei Kinder 5 Jahre mit verbundenen Augen und einer völlig distanzierten Mutter sozial und entwicklungstechnisch nicht völlig degenieren.