Anna

Lesezeit: 6 Minuten

Eine Frau wird zu einer Topspionin ausgebildet, die besonders gut darin ist, Attentate zu verüben. Die Alternative zu diesem Job ist der Tod, aber zumindest ist Paris als Basis eine sehenswerte Stadt. Was klingt wie Luc Bessons Klassiker Nikita, ist sein Film Anna aus dem Jahr 2019. Kopiert der Regisseur sich selbst, weil ihm nichts Besseres einfällt oder gibt er einer alten Idee einen neuen Ansatz? Wir forschen nach.

Moskau im Jahr 1985. Gleich neun für den CIA arbeitende Menschen werden vom KGB eingesammelt und hingerichtet. Eine neue Eiszeit im Kalten Krieg hat für Spione begonnen. Ein paar Jahre später wird die Russin Anna Poliatova (Sasha Luss, Valerian – Die Stadt der tausend Planeten) vom KGB angeworben. Das Angebot ist einfach: eine Ausbildung zur Spionin machen oder sterben. Annas Vater war Marineoffizier, sie selbst bis zum Tod ihrer Eltern auf einer Militärakademie und bringt damit beste Voraussetzungen für den Job mit. Ein wenig widerwillig nimmt sie an und wird einige Zeit später bereits eingesetzt. Als Model getarnt kommt sie nach Paris. Perfekt, um sich überall auf der Welt zu bewegen und Ziele zu eliminieren. Dabei gibt es nur eines, was Anna motiviert. Die Hoffnung, irgendwann frei zu sein.

Ein Regisseur und sein Lieblingsthema

Originaltitel Anna
Jahr 2019
Land Frankreich, USA
Genre Action, Thriller, Drama
Regisseur Luc Besson
Cast Anna Poliatova: Sasha Luss
Alex Tchenkov: Luke Evans
Leonard Miller: Cillian Murphy
Olga: Helen Mirren
Maud: Lera Abova
Vassiliev: Eric Gordon
Piotr: Alexander Petrov
Laufzeit 119 Minuten
FSK

Luc Besson hatte als Regisseur und Drehbuchautor vor allem in den 90er-Jahren großen Erfolg. Mit Nikita, Léon – Der Profi und Das fünfte Element baute er sich eine große Fanbase auf. Er wirkte unter anderem an Skripten für die Reihen Taxi, The Transporter und 96 Hours – Taken mit, seine eigenen Folgehits blieben aber aus. Da ging es los mit Johanna von Orleans, dargestellt von Milla Jovovich im Jahr 1999 bis hin zu Scarlett Johansson als Lucy, 2014. So richtig sprang der Funke beim allgemeinen Publikum nicht mehr über. Dabei kehrt Besson immer wieder zu gewissen Zutaten zurück, die einen loyalen Kern an Zuschauern befriedigen. Vor allem sind es physisch starke Frauen, die ein zerbrechliches Inneres schützen. Und daran knüpft Anna an.

Ein Model als Model

Die richtige Wahl der Hauptdarstellerin ist unglaublich wichtig, besonders bei einem Film wie Anna, in dem denn die Titelfigur Empathie entfachen muss. Hier beweist Besson einmal mehr das richtige Händchen. Er arbeitete bei Valerian – Die Stadt der tausend Planeten mit dem russischen Model Sasha Luss und fand in ihr seine perfekte Anna Poliatova. Die 1992 geborene Luss setzte mit 13 Jahren erstmals ihren Fuß in eine Modelagentur und lief mit 16 über den Laufsteg. Karl Lagerfeld buchte sie für seine Chanel-Kollektion, sie präsentierte Marken wie Valentino, Dior, Oscar de la Renta, zierte Vogue-Cover in Russland, Italien und China. Wenn also im Film Anna ein Scout diese Frau auf einem russischen Markt trifft und ihr gleich seine Karte reicht, ist das ein glaubwürdiger Beginn für eine Karriere. Diesen Teil der Figur beherrscht Luss aus dem FF. Sportlichkeit und ein gutes Stuntteam lassen sie zudem in Actionszenen glänzen. So verbleibt die verletzliche Seite. Diese Momente, wenn Anna durchatmen muss, sich als Spielball der Geheimdienstbosse fühlt und nur nach Freiheit sehnt. Und hier kann sie Sympathien einheimsen, obwohl Anna für einen hohen Bodycount sorgt. Anna ist eine Waffe, aber andere Leute betätigen den Abzug und das sorgt für ein emotionales Dilemma.

Simple Story in verzwickter Erzählweise

Anna hat keine kompliziert gestrickte Geschichte. Da sie aber nicht vollständig chronologisch erzählt wird, ergibt sich etwas extra Spannung. Einige Details werden zunächst zurückgehalten, um zu gegebener Zeit einen neuen Kontext für die Geschehnisse zu kreieren. Ein guter Spionagethriller spielt gern mit den Erwartungen des Publikums und deckt ein falsches Spiel in einem falschen Spiel auf. Immer wieder wird Anna in eine neue Richtung geschubst, um dann eine Szene aus der Vergangenheit zu präsentieren, die erklärt, wie sie dort gelandet ist. Ein komplett unvorbereiteter Zuschauer erfährt auch erst nach längerer Laufzeit, dass Anna zu Beginn schon längst KGB-Agentin ist. Es ist eine nette Spielerei und wird gut genutzt, um Zweifel zu streuen. Wer meint es hier wirklich gut mit Anna? Vielleicht ihr KGB-Kontakt Alex (Luke Evans, Der Hobbit: Smaugs Einöde), der sie mit einer manipulativen Ansprache rekrutiert? Etwa ihre direkte Chefin Olga (Helen Mirren, Tötet Mrs Tingle), die viele weise Ratschläge parat hat und es immerhin geschafft hat, in diesem Job alt zu werden? Was vertraut Anna ihrer Model-Kollegin und Alibi-Geliebten Maud (Lera Abova, ebenfalls Model in ihrer ersten Filmrolle) an? Könnte es hier einen unerwarteten Ausweg ins normale Leben geben? Und welche Rolle spielt schlußendlich der CIA-Agent Miller (Cillian Murphy, Sunshine), der anfangs vom Tod seiner Kollegen erfährt? Es geht ein wenig hin und her, wer wem wann was erzählt und wer wirklich etwas plant, aber aufmerksame Zuschauer können die Puzzleteile schnell ordnen. Zumindest wird nichts für einen Twist komplett aus dem Hut gezaubert und alles fließt am Ende logisch zusammen.

Wer ist das Zielpublikum?

Manchmal sind Filme schwer an den Zuschauer zu bringen. Und Anna muss sich die Frage gefallen lassen, für wen der Film in erster Linie bestimmt ist. Wer Agentenaction möchte, wird enttäuscht, denn es gibt nur zwei längere Szenen, in denen es Schlag auf Schlag zur Sache geht, sowie eine gelungene Verfolgungsjagd. Sehr gut eingefangene Szenen, aber verteilt auf zwei Stunden ist das etwas wenig. Wer einen Agententhriller sucht, bei dem noch erklärt wird, was genau die Spione beschaffen und was in diesem Fall der KGB für Motive hat, wird ebenfalls nicht fündig. Es geht nicht darum, was mit den Informationen passiert, die Anna einsammelt oder warum sie Leute ermordet. Sie selbst ist der Fokus und ihr Drang nach Freiheit. Dass sich KGB und CIA bekriegen ist in ihrem Leben einfach nur ein Fakt, aber keine genaue Analyse wert. Der Kalte Krieg zwischen den Nationen bietet einfach einen passenden Hintergrund, was schon alles ist, warum der Film überhaupt Ende der 80er angesiedelt ist. Vielleicht spricht es Nostalgiker an, die daran denken, dass Nikita zur selben Zeit spielt. Im Kern steckt hier doch viel Charakterdrama. Allerdings ohne je alle Karten gänzlich sichtbar auf den Tisch zu legen und Anna bekommt als Figur nicht den notwendigen Tiefgang. Zu viele Gedanken behält sie für sich, als wäre es wichtiger ein hübsches Gesicht zu sehen, aber nicht ins Innere blicken zu dürfen. Hier hat Besson den Anschluss ans heutige Kino verpasst.

Fazit

Insgesamt kommt mir das Wort Durchschnitt in den Sinn. Auf gar keinen Fall schlecht! Aber bei dieser Mischung aus Drama und Thriller fehlt das letzte Quäntchen, um Anna klar einzuordnen. Es gibt einige wunderbar bissige Stellen, die für Lacher sorgen. Die Geheimdienste werden manchmal nahezu absurd in Szene gesetzt. Das lockert auf und ist für mich jetzt schon ein Grund, dass ich den Film irgendwann gerne nochmal schauen werde. Von meiner Seite ist Helen Mirren als mürrische Olga allein schon einen Bonuspunkt wert. Die Szenen zwischen Olga und Anna sind herrlich anzusehen und Mirren hat mit Luss ironischerweise die beste Chemie (grade die beiden, die nicht miteinander in die Kiste hüpfen). Anna positioniert sich irgendwo zwischen Atomic Blonde und Red Sparrow, ohne deren Dichte zu erreichen. Fans von Luc Besson werden sich aber freuen, seine Handschrift eindeutig zu erkennen. Ein Spionagedrama für zwischendurch mit einer perfekten Hauptdarstellerin. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Metzelei im Café oder doch die Attentatsmontage als Lieblingsszene benennen möchte. Die gefielen mir beide unglaublich gut. Außerdem bin ich positiv überrascht, dass Maud den Film überlebt. Sie hat das Model Anna M. wirklich geliebt und sich um sie als Person gesorgt. Wäre schön, wenn da von der anderen Seite auch eine Form von Anerkennung gekommen wäre.

© STUDIOCANAL

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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Ayres
Redakteur

Ich wollte “Anna” wirklich mögen. Aber der Film ist einfach so wahnsinnig generisch, dass es schon wer ist, ihm wirklich herausragende Facetten abzugewinnen. Die Action ist stimmig, die Hauptdarstellerin wahnsinnig hübsch und talentiert. Aber die Geschichte verläuft exakt so wie man sie mit bisschen Filmerfahrung voraussagen kann und man schon in anderer Form in besser gesehen hat. Am meisten geht mir aber Annas Persönlichkeit auf die Nerven. Sie ist für den Zuschauer so wahnsinnig distanziert, stellenweise kaum nachvollziehbar. Ich nehme ihr auch nicht die Lust am Sex ab, diese ganze Verführernummer zieht einfach nicht. Insgesamt bleibt sich als Charakter so blutleer, dass ich hier eben genau das am allerwenigsten abnehme. Oder wie sie sich gegenüber diesem Modefotografen aufführt und ich zuhöchst verwundert darüber bin, woher der plötztliche Selbstbewusstseinsschub stammt. Momente, die einfach weird finde und sich aufgrund ihrer Creepiness unangenehm anfühlen. Unangenehm. Das beschreibt so vieles in dem Film. Nicht schlecht, aber unangenehm.