All Through the Hall

Bei deutschem Genre-Kino schauen wir immer ganz besonders gerne hin: Wann kommt der (nächste) große Hit, auf den wir alle warten? Das Independent-Projekt All Through the Hall von Falko Jacobs (A Different Set of Cards) ist ein Leidenschaftsprojekt, das mit einem schmalen Budget von 5.000 Euro entstand und noch auf einen Verleih hofft. Der erste Erfolg ist allerdings schon vorhanden, denn bei den London Movie Awards gab es den Silberpreis in der Kategorie “Indie Feature Film”. Die Weltpremiere fand auf dem Obscura Filmfest 2022 statt, wo der Film unter Anwesenheit von Cast und Crew uraufgeführt wurde. 

Ben (Adrian Linke, Verbotene Liebe) ist Sicherheitsbeauftragter und schlägt sich die Nächte auf der Arbeit um die Ohren, wo er zuständig für eine Lagerhalle ist. Während seiner Schicht erreicht ihn ein Anruf, der alles durcheinanderrüttelt: Am anderen Ende ist der geheimnisvolle Gruber (Andreas von Studnitz), eine Person aus Bens Vergangenheit, die ankündigt, ihn aufzuspüren. Doch Ben hat längst mit diesem Kapitel abgeschlossen und will einfach nur ein unauffälliges Leben führen. Das ist nicht das einzige außergewöhnliche Vorkommnis, denn drei Eindringlinge lauern bereits vor der Halle und haben es auf den Tresor des Lagers abgesehen. Doch einer von ihnen hegt ganz andere Ziele und somit werden in dieser Nacht gleich mehrere ungeplante Dinge ihren Lauf nehmen …

Erzählung durch Rekonstruktion

Originaltitel All Through the Hall
Jahr 2022
Land Deutschland
Genre Thriller
Regie Falko Jacobs
Cast Ben: Adrian Linke
Gruber: Andreas von Studnitz
Marie: Nadine Stöneberg
Monco: Tim Olrik Stöneberg
Dober: Guido Grollmann
Laufzeit 74 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Obscura Filmfest 2022

All Through the Hall baut zunächst eine simple Prämisse auf, indem wir Ben dabei beobachten, wie er im Rahmen seines Jobs durch die Lagerhalle streift und dabei diversen Auffälligkeiten nachgeht. Hier ein Klopfen, dort ein Knarren, da hinten ein Pochen. Dicht klebt die Kamera an ihm, wenn er durch die spärlich beleuchtete Halle schleicht. Es folgt ein Umbruch und das Drehbuch eröffnet eine erzählerische Parallelbaustelle, in der die drei Einbrechenden Marie (Nadine Stöneberg), Monco (Tim Olrik Stöneberg, Freundinnen – Jetzt erst recht) und Dober (Guido Grollmann, A Different Set of Cards) vorgestellt werdenIhr Vorhaben, den Safe zu knacken, ist dabei weniger spektakulär geraten als die zwischenmenschlichen Konflikte innerhalb des Trios, die in Rückblenden erklärt werden. Zudem befindet sich eine weitere, an dieser Stelle nicht näher definierte Person am Ort des Geschehens, womit gleich mehrere Figuren über das Schachfeld manövriert werden. Die Frage ist nur: Was geschieht als nächstes und was, wenn sie sich begegnen? Das Spotlight wechselt fortan zwischen den einzelnen Beteiligten, um zu zeigen, wer sich aktuell wo bewegt. Dabei durchlaufen wir bestimmte Szenen ein zweites Mal, nur durch eine andere Perspektive, was neues Licht auf die Dinge wirft. Die Idee dahinter ist reizvoll und erinnert an Adam Randalls I See You, das ebenfalls ein Rätsel hinsichtlich seiner Zusammenhänge aufgibt und die einzelnen Puzzelstücke dank unterschiedlicher Perspektiven und Wiederholungen zusammenfügt.

Klopfen, pochen, lärmen

Das Konzept hinter All Through the Hall ist nicht neu, aber selten genug gesehen, um mit Aufmerksamkeit am Ball zu bleiben, wie die einzelnen Erzählstränge wohl ineinander laufen, und vor allem steht da die Frage nach dem Ausgang für die einzelnen Beteiligten im Raum. Das Erzählpuzzle selbst ist allerdings wenig aufregend: In der Hauptsequenz folgen wir Ben beim Nachgehen von Geräuschen. Woher diese Geräusche stammen, wer vor welcher Türe steht und für welchen Krach verantwortlich ist, ist ein müdes Puzzle. Denn es setzt voraus, dass sich das Publikum auch wirklich für die Ursachen der einzelnen Störquellen interessiert. I See You im direkten Vergleich differenziert dabei stärker, da gleich mehrere unterschiedliche Rätsel aufgegeben werden, die erstmal nicht erklärbar sind, während All Through the Hall erwartet, dass zwischen den einzelnen Störgeräuschen differenziert wird. Die Lagerhalle bietet für eine solche Variation zu wenige Möglichkeiten. So oder so darf man nicht all zu stark hinterfragen, wie die einzelnen Parteien mitunter so spät voneinander Notiz nehmen können. Zwar wird so gut wie möglich erklärt, wer warum wohin geht, die Gesamtsituation erfordert aber eine gute Portion Suspension of Disbelief.

Schablonenhafte Zeichnung

Ein anderer Baustein, der nicht funktioniert: Die Motivation der einzelnen Figuren gerät flach. Am interessantesten ist da noch die angedeutete Vergangenheit von Ben, der auf den ersten Blick wirkt, als könne er kein Härchen krümmen. Es geschieht allerdings wenig, das Ben wirklich greifbarer macht. Die Geschichte von des Einbrecher-Trios ist zweckmäßig und stiftet mehr Chaos, als dass sie eine echte Bereicherung darstellt. Und dann ist da noch der mysteriöse Mann am Telefon, von dem nie wirklich eine Gefahr ausgeht. Die Tarantino-Einflüsse werden zur Kenntnis genommen, fühlen sich aber zu keinem Zeitpunkt echt an: All Through the Hall fehlt es an einer Fallhöhe und Ben ist kein Protagonist, mit man mitfiebert, weil zwischen ihm und dem Publikum eine Menge Distanz liegt. So können sich auch 74 Minuten lang anfühlen, was zumindest in letzten Drittel ein wenig abgefedert wird, wenn die Dynamik zunimmt und es auch die eine oder andere Gewaltszene gibt.

Fazit

All Through the Hall besitzt eine gute Grundidee und bemüht sich darum, die einzelnen Sequenzen so geschickt wie möglich miteinander zu verknüpfen, um immer wieder neue Aha-Effekte zu schaffen. Der Film verhebt sich jedoch komplett dabei, seine Zuschauer:innen über die Idee hinaus zu involvieren: Die schablonenhaften Figuren bleiben uninteressant und die Rekonstruktion des Erzählpuzzles ist fad, sodass die größten Anreize in der Beobachtung liegen, wer wann auf wen trifft oder wer wen warum verpasst. Auf technischer Seite gibt es wenig zu beanstanden, sodass der Wurm auf inhaltlicher Ebene zu suchen ist. Somit bleibt All Through the Hall ein Konzeptfilm, der einem sympathischen Experiment nahekommt, aber in Sachen Unterhaltung schnell an seine Grenzen stößt.

© Skyroad Films

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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