Your Name. – Gestern, heute und für immer

2016 schlug ein Komet ein und dass nicht nur innerhalb des Animationsfilms Your Name. Mit ihm feierte Makoto Shinkai nicht nur seinen großen Mainstream-Durchbruch, sondern darf sich nun als Regisseur des derzeit erfolgreichsten Anime-Films aller Zeiten rühmen, der selbst den Oscar-Preisträger Spirited Away von Gibli-Großmeister Hayao Miyazaki hinsichtlich des Kassenerfolgs vom Thron stieß. Nach ersten deutschen Kinovorführungen 2017 bringt Universum Anime den Film unter Your Name. – Gestern, heute und für immer in die deutschen Heimkinos.

 

Mitsuha lebt mit ihrer Familie in einem buchstäblichen Provinzkaff. Ein Ort, dem sie zunehmends entkommen möchte. Taki lebt alleine mitten in der Metropole Tokio ein hektisches leben zwischen seiner Highschool, seinen Freunden und seinem Nebenjob in einem italienischen Restaurant. Eines Morgens erwacht Mitsuha in der Großstadt, nach der sie sich so sehnte – in Takis Körper! Taki derweil hat es in Mitsuhas Körper in den Bergen verschlagen. Was beide erst für einen seltsamen Traum halten, entpuppt sich alsbald als eine Realität, die ihren Alltag auf den Kopf stellt. Keiner der beiden Teenager ist sich in dem Augenblick bewusst, dass sie das Schicksal verbindet, das nicht nur die Stadt-Land-Grenze überwindet.

Zum Start: Slice of Life Comedy

Der Film beginnt mit dem Stadt-Land und dem durch den Körpertausch bedingten Geschlechter-Kontrast. Humorvoll dynamisch fängt es die jugendliche Faszination, aber auch das gewisse Maß an Überforderung ein, mit der Teenager von der Welt oder der anderen Hälfte der Menschheit überspült werden. Der Anfang ist Identifikationspotenzial für junge wie alte Menschen. Sieht man nur den Anfang, sind alle Flags für eine herzhafte Liebeskomödie gesetzt. Doch der Komet, der auf sämtlichen Promotionbildern und zu Filmbeginn angeteast wird, ist nicht nur visuelle Dekoration…

Typisch Shinkai?

Originaltitel Kimi No Na Wa
Jahr 2018
Laufzeit 107 Minuten
Genre Drama, Romanze, Supernatural
Regisseur Makoto Shinkai
Studio CoMix Wave Films

Schaut man auf die ersten 20 Minuten, scheint auf den ersten Blick das einzige typische Makoto Shinkai-Merkmal nur die atemberaubenden Landschaften zu sein. Der Film ist temperamentvoll lebendig und vor allem viel zu lustig, als dass er sich in Shinkais Filmotgrafie einreiht, deren Hauptwerke von Melancholie und einer gewissen Art emotionaler Hilfslosigkeit geprägt sind. Mit dem zweiten Akt, der Taki den Boden unter den Fußen wegreißt, macht der Film aber dem bereits vertrauten Shinkai-Fan absolut klar, welcher Mann da am Werk ist. Und die Verspätung zahlt sich aus, denn umso mehr schlägt der Komet wie eine emotionale Bombe ein. Was erst als selbstverständlich, belanglos oder gar lästig erscheint, wird auf einmal teuer und unwiederbringlich. Schließlich verblassen selbst die Erinnerungen daran, weil der Alltag einen einfängt oder schlichtweg durch Verdrängung. Zurück bleibt dennoch ein Loch im Herzen.

Naturkatastrophenverarbeitung

Diese Emotion unersetzlichen Verlustes präsentiert Shinkai nicht das erste Mal in seinen Filmen. Doch ist es das erste Mal, dass er sie auf so einer großen Skala ansetzt, die mehr als nur zwei, drei Einzelschicksale beeinflusst. Eine schwerwiegende Naturkatastrophe schüttelt immer die Welt durch und vor allem das Land, das von ihr befallen wird. Der Reaktorunfall in Fukushima ging 2011 und geht auch noch heute durch die Welt. Im Westen ist der Verusacher dessen, die Tohoku-Erdbeben jedoch so gut wie gar nicht präsent, dafür umso mehr in Japan, das noch immer deren Schäden wieder aufarbeiten muss. Selbst für das notorisch von Erdbeben geplagte Land waren diese Beben von einem erstmaligen Ausmaß. (Es war das erste Anlass seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, dass der japanische Kaiser eine direkte Ansprache an das Volk richtete.) So eine große Katastrophe wirkte immer so fern wie die Wahrscheinlichkeit eines Kometeneinschlags. Doch es kann jederzeit passieren. Wäre man darauf vorbereitet?

Gestern, heute und für immer

Doch der Film, so depressiv dessen Mittelteil auch ist, teast mit Mizuhas Kordel genauso früh wie den Kometen ein glückliches Ende für die Liebenden an. In Asien gilt der rote Faden als ein Symbol des Verbunds von Mann und Frau, das Raum und Zeit widersteht. Am Ende finden sie sich ja doch irgendwie, allen Hindernissen zum Trotze. Es ist auch das Ende, dass man sich sogleich im ersten Akt im Grunde schon glaubt zu kennen: Zwei füreinander bestimmte erkennen ihre Liebe nach einer Portion Drama, das erst wie Triangel-Beziehungstrope aussieht. Doch selbst diese erste falsche Fährte gibt dem allgemeinen Liebesthema am Ende auch eine andere sehr bodenständige wie bittersüß-nostalgische Sicht auf Romanzen: In seiner Arbeitskollegin Miki findet Taki seinen ersten Schwarm, doch sind die beiden hinsichtlich ihrer Reife schon weit auseinander.

Universell und doch sehr japanisch

Die Grundthemen des Films sind ziemlich universell, sodass man auch ohne großartige Kenntnisse von Japan und der Sprache der Handlung folgen kann. Aber es steckt sehr viel Detailverliebtheit darin, in die man Eintauchen kann. Die vielen real existierenden (und aufgehübschten) Lokalitäten Tokios, die japanischen Sommerfestivals oder auch sprachlichen Eigenheiten japanischer Ich-Pronomen, (bei denen Mizuha in Takis Körper ins Schwimmen kommt) geben einem japanischen Zuschauer viel Unmittelbarkeit, sind aber nicht elementar. Zentral ist jedoch neben der Kordel als rotem Faden, die Taki das letzte Mal in Mizuhas Körper holt, auch das Thema des Zwielichts. Das ist schon etwas weniger selbstverständlich, sodass ein Cameo-Auftritt von Yukino (Protagonistin aus Shinkais Vorwerk Garden of Words) im Film sogar eine Lehrstunde in japanischer Etymologie darstellt: Das gegenwärtige japanische Wort für Zwielicht “Tasogare” wurde bis zur Edo Zeit “Tasokare” genannt, als Abkürzung für “Tasokaredoki”. Zum Abend hin, wenn sich die Dunkelheit ausbereitet, bei der man Gesichter nicht gut von einander unterscheiden konnte, bedeutete diese Zeit für viele die Zeit, um “soko ni iru no wa dare desu ka” (“Wer bist du, der drüben”), bzw. “tasokare” (“dare desu ka anata wa” = “Wer bist du”) zu fragen. Das Zwielicht ist die Zeit der Überlappung von dem hier mit anderen Dimensionen, Welten mit Geistern, Fabelwesen oder Toten. Damit wird das klimatische Zusammentreffen von Mizuha und Taki ermöglicht, was sonst eher wie ein unerklärtes Plot-Convenience erscheinen mag. Wer sich zudem ein bisschen mit dem japanischen Alphabet auskennt, sieht auch direkt, was Mizuha Taki auf die Hand schreiben will: Nicht ihren Namen, sondern wie Taki ein “suki” (“Ich liebe dich”).

Ein brillanter Generalist

Sehr auffällig an Your Name. ist die Vielseitigkeit an Elementen, die weite Ziel- und Altersgruppen anspricht, entsprechendes Identifikationspotential mitbringt und dabei alles miteinander verheiratet. Taki verkörpert das Stadtleben voller Technik und Hektik, Mitsuha das Landleben, bei dem nicht viel passiert. Beide starten als Teenager zu ihrer Highschool-Zeit, die sich nicht nur der alterstypischen Neugier, Peinlichkeit und Faszination fürs andere Geschlecht, sondern auch dem Erwachsenwerden stellen müssen. Mitsuha hat als Tochter ein kühles Verhältnis zu ihrem Vater, der sich in seiner Arbeit vergräbt. Am Ende steht Mitsuha im Arbeitsleben, das sie nicht so ganz erfüllt und Taki ist zum Studiumsende mitten auf der Arbeitssuche. Mit dem Kometen reißt ein kontemporäres Thema einem den Boden weg. Die Smartphone-Tagebücher sowie die Zeitreise bringen Technik und Science-Fiction-Elemente ins Spiel, während Mitsuhas Zeremonie als japanische Miko (Schrein-Jungfrau) und das Spinnen der Kordel mystische Elemente traditioneller Folklore einbindet. Yukinos Lehrstunde gibt dem Ganzen sogar noch Bildungswert, während es gleichzeitig ein Fan-Easter Egg offeriert.

Der nächste Miyazaki?

Mit Hayao Miyazakis zunehmenden Alter, dem Fehlen eines “offiziellen” Nachfolgers und einem Studio Ghibli, das seine Aktivitäten stark zurückfuhr (jedenfalls bis Miyazaki  2017 einmal mehr aus seinem Ruhestand zurückkehrte), ringt die Anime-Welt nach dem nächsten großen Künstler, der dessen Vakanz einzunehmen vermag. Namen wurden und werden schon viele genannt: Von Miyazakis eigenem Sohn Goro Miyazaki (Die Chroniken von Erdsee) über Mamoru Hosoda (Das Mädchen das durch die Zeit sprang) oder auch Hiromasa Yonebayashi (Mary and the Witch’s Flower). Doch als heißester Kandidat in den letzten beiden Jahren gilt für die Medien definitiv Makoto Shikai. Nach dem massiven weltweiten Erfolg von Your Name. liegt das auch nahe. Auch die von Shinkai verfasste Romanversion des Films toppte die Paperback Charts und wurde auf englisch wie deutsch von als einziger von Shinkais Romanen verlegt. (Your Name. der Roman ist erschienen bei Egmont Manga).

Der nächste Shinkai!

Schaut man aber abseits von Ruhm und Erfolg, sind sich Miyazakis und Shinkais Werke bzw. die Karrieren beider Regisseure alles andere als ähnlich, wenn man von natürlich vorhandenen generellen japanischen Einflüssen absieht. Der ganze Pomp scheint auch Shinkai selbst eher überrumpelt zu haben. Anders als Miyazaki, mit seinen fast schon autoritär lehrerhaften Botschaften, betont Shinkai die Welt eher wie aus den Augen seiner Protagonisten. Shinkai ist vor allem auch als Quereinsteiger in die Anime-Industrie berühmt. Die Kurzfilme She and Her Cat und Voices in a Distant Star produzierte er abgesehen von einigen Vertonungen komplett selbst. Auch seine Folgewerke The Place Promised in our Earlier Days (2007 erschienen bei Rapid Eye Movies), 5 Centimeters per Second, Die Reise nach Agartha und Garden of Words (2010, 2011 und 2014 erschienen bei Kazé Anime) besaßen einen eher eingeschränkten Bekanntheitsgrad, erst als als Indie-Film, dann vornehmlich in der Anime-Nische. Doch kennt man sie alle, merkt man schnell, dass man mit Your Name. ohne Probleme Shinkai-Bingo spielen kann: Science-Fiction? Check. Einsamkeit und Sehnsucht? Check. Liebe auf Distanz? Double Check. Scenery Porn? Triple Check. Einen Einblick in Stadt vs. Land gab es schon in dem Commercial Crossroad anno 2014 das erste Mal von Shinkai zu sehen. Selbst einen Blick in den optimistisch-humorvolen Ton, den Your Name. vor allem im ersten Drittel präsentiert und sich vom Großteil seiner Vorwerke abhebt, konnte man schon 2007 in A Gathering of Cats (Teil des Projekts Ani*Kuri 15) das erste Mal erhaschen. Tatsächlich neu an Your Name. ist in erster Linie die deutlich aufpolierte Animationsqualität, die alle Figuren sehr viel lebensnaher erscheinen lässt. (Was doch wieder sehr viel diversen Ex-Gibli Mitarbeitern zu tun hat, die sich nach Ghiblis Aktivitätenstopp in die Freiberuflichkeit wagten.) Für den Shinkai-Fan ist das wirklich Neue am Film das optimistische Ende von Your Name.: Es ist im Grunde eine Antithese zu 5 Centimeters per Second.

Als Your Name. angekündigt wurde, war mein erster Gedanke “Crossroad in Filmlänge!”. Doch der Film bietet deutlich mehr als nur das und mich beeindruckt er vor allem dadurch, dass es so viel unter einem Dach vereint. Es ist wirklich für fast jeden etwas. Ob es genug ist, dass man den Film richtig toll, findet sei dahingestellt, aber nicht viele Filme sind so breit aufgestellt ohne auf die Nase zu fallen. Als jemand, der Shinkais Werke nun schon seit über elf Jahren verfolgt, freut mich dieser Meilenstein auch sehr, denn das ist das erste Werk, das auf mich richtig gefestigt wirkt. Bei seinen frühen Werken bin ich froh, sie damals gesehen zu haben, denn aus heutiger Sicht sind sie teilweise nur mäßig gut gealtert. Zwischendurch fühlte es sich auch ein wenig an, als sei Shinkai auf einer Art Selbstfindungstrip, inklusive Ausrutschern (schlechter Ghibli Abklatsch Agartha, ahem). Umso schöner ist es, dass Your Name. fast alles aus seinen Vorwerken destilliert, was ich schon immer toll fand, es visuell auf einem ganz neuen Qualitätslevel präsentiert und dabei auch einen reiferen, erwachsenen Touch mitbringt. Für manche Elemente hat er aber auch lang genug gebraucht, um sie wieder zu verwenden. Neun Jahre habe ich seit A Gathering of Cats darauf gewartet, dass seine dynamische Humorader wiederfindet. Neun Jahre! Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie sein nächster Film aussehen wird, den er unter dem Druck vieler Erwartungen zustande bringen muss. Ob es im nächsten Film vielleicht auch wieder Katzen-Auftritte gibt?

Zweite Meinung:

Ich habe den Film auf der großen Kinoleinwand gesehen und hatte durch den Hype auch gewisse Erwartungen an ihn. Die beeindruckenden Animationen, die Musik und ein Plottwist machen den Film zu einem ganz besonderen Erlebnis. Ansonsten unterscheidet sich dieser nicht sonderlich von anderen Anime-Filmen. Es wird eine Liebesgeschichte präsentiert, die für mich nicht wirklich nachvollziehbar ist, aber so funktioniert das meist in Animes. Hierbei können mich allerdings auch die Charaktere nicht überzeugen. Zumindest würde ich niemanden davon als meinen Lieblingscharakter benennen. Es gibt ein paar witzige Momente und wird später auch recht emotional, was ich auch als positiv ansehe, aber für mich ist das Ganze nicht überzeugend genug. Letztendlich ist Your Name. ein guter Film, aber er bleibt dann doch hinter meinen Erwartungen zurück. Daher würde ich ihn niemals als Meisterwerk bezeichnen, da ich einfach schon Besseres gesehen habe. Ansonsten ist ”Nandemonaiya” von Radwimps für mich das Highlight des Films. Der Song gehört zu meinen Favoriten. Wem Your Name. gefällt, dem kann ich auch den Anime Film HAL aus dem Jahr 2013 empfehlen.

Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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Nyan-Kun
Nyan-Kun
8. Oktober 2018 0:55

Für mich ist Your Name ein Film, der von seinem eigenen Hype regelrecht erschlagen wurde und dem nicht wirklich gerecht wird. Die zweite Meinung von Alva Sangai gibt das schon sehr gut wieder. Makoto Shinkai hat Potenzial, was er aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft hat. Er muss noch weiter an sich arbeiten und ich hoffe, dass er trotz des ganzen Rummels um seine Person er nicht die Bodenhaftung verliert und ihm das bewusst ist.

Die Charaktere in seinen bisherigen Filmen konnten mich bisher noch nicht wirklich voll umfänglich überzeugen. Da fehlte meinem Empfinden immer etwas, was ich nicht so ganz definieren kann. Etwas was Miyazaki seinen Charakteren immer mitgegeben hat.

Zum Film: Your Name hatte ich auch dieses Jahr auf der großen Leinwand gesehen. Ein netter Film mit netten, manchmal auch lustigen Momenten und einem guten Mittelteil, dass sehr kunstvoll animiert ist. Den Rang eines Meisterwerks hat der Film auch bei mir nicht erreicht.