Wedding Peach

„Ich bin Wedding Peach, der Engel der Liebe, und ich bin nun ernstlich ein wenig verstimmt!“ – Wer diesen Satz mitsprechen kann, hat vermutlich entweder um die Jahrtausendwende herum viel RTL2 geschaut oder ist später über Umwege zu Wedding Peach gekommen. Die Magical Girl-Serie, die auch hierzulande eine große Fanbase besitzt, aber immer im Schatten von Sailor Moon stand, genießt ein gewisses Nischendasein. Für manch einen zu kitschig mit dem großen Hochzeitsthema, für manch anderen war die Konkurrenz an guten Magical Girl-Serien auch einfach zu hoch. Nichtsdestotrotz: Die zwischen 1995 und 1996 entstandene Anime-Serie ist einen Blick wert. Deutsche Fans erhälten die DVD-Komplettbox über NipponArt, alternativ ist die Produktion von Studio KSS auch immer wieder einmal im Abo von Amazon Prime Video enthalten.

 

Die 13-jährige Momoko erfährt durch einen Zauberdämon, dass sie der Engel der Liebe ist. Das einzige Wesen, das die böse Zauberin Satania bekämpfen kann. Satania will die Liebe auf Erden vernichten, doch Momoko muss das mit Hilfe ihrer Freundinnen Hinagiku und Yuri unter allen Umständen verhindern. Zudem muss Momoko noch heraus finden, was mit ihrer früh verstorbenen Mutter wirklich passiert ist. Gleichzeitig durchlebt sie die typischen Probleme der Pubertät und auch ihre beiden Freundinnen schwärmen für den Fußballer Takuya …

Und ewig ertönt der Vorwurf der Sailor Moon-Kopie

Originaltitel Ai Tenshi Densetsu Wedding Peach
Jahr 1995–1996
Episoden 51 in 1 Staffel
Genre Magical Girl, Fantasy, Romanze
Regie Kunihiko Yuyama
Studio KSS, OLM
Im Handel erhältlich

Sieht man sich in Foren und auf diversen Websites, insbesondere im englischsprachigen Raum, einmal um, liest man hässliche Zeilen über Wedding Peach: Abklatsch, schamlose Kopie, dreist geklaut. Zunächst einmal die Fakten: Der Wedding Peach-Manga von Nao Yazawa erschien zwischen 1994 und 1996. Zu diesem Zeitpunkt war die Manga-Fassung von Sailor Moon bereits zwei Jahre auf dem Markt. Ob nun Handlung oder Darstellung davon inspiriert sind, weiß nur die Autorin selbst. Doch nimmt man es einmal ganz genau, war auch Sailor Moon nicht die erste Magical Girl-Serie auf dem japanischen Markt. Die Wurzeln dieses Sub-Genres gehen bis in die 1960er zurück. Zu sagen, dass Sailor Moon den Ursprung bildet und alles danach einfach nur geklaut ist, ist falsch. Die Idee für den Manga entstand auch nicht von Nao Yazawa selbst, sondern greift auf ein Konzept des Drehbuchautors Sukehiro Tomita zurück. Der hingegen verfasste Skripte für die ersten drei Staffeln von Sailor Moon. Zur Ehrenrettung bleibt also z usagen: Es ist Auslegungssache, was Anlehnung und Inspiration angeht. Doch zumindest sollte dies Yazawa aus der Schusslinie bringen, da sie lediglich die ihr vorgelegte Idee umgesetzt hat.

Manga und Anime im Jahressprint

Wedding Peach zählt zu jenen Serien, die produziert wurden, während das Manga-Original parallel entstand. Beide Formate endeten ungefähr zum gleichen Zeitpunkt. Mit dem Unterschied, dass der Manga gerade einmal sechs Bände umfasst, während die Serie 51 Folgen zählt. Damit wird auch klar, dass es sich um keine direkte 1:1-Adaption handelt, sondern diverse Füller-Folgen enthalten sind. Manche Quellen listen die Anime-Produktion mit zwei Staffeln auf. Tatsächlich umfasst sie nur eine Staffel, da sie über ein Jahr durchgehend im japanischen Fernsehen lief. Nur ein neues Opening und Ending kennzeichnen die Halbzeit. Nach Abschluss der Ausstrahlung wurden noch vier Folgen für den japanischen Video-Markt produziert. Diese sind nicht nur deutlich aufwendiger und mit neuen Attacken-Szenen animiert, sondern bieten auch überraschenderweise Fanservice, was angesichts der Zielgruppe (weibliche Teenager) verwunderlich ist.

Entgegen diverser Magical Girl-Konventionen

Strukturell folgt Wedding Peach einem bewährten Muster, bricht gleichzeitig aber auch mit diversen Konventionen. Obwohl Momoko erst in die Rolle des Liebesengels hineinfinden muss, existiert die Erzählwelt bereits ab der ersten Folge. Yuri und Hinagiku sind bereits ihre Freundinnen, Kazuya und sein Freund Yosuke sind ebenfalls schon Teil der Handlung. Das unterscheidet die Serie geringfügig von anderen Magical Girl-Serien, in denen Erzähl-Elemente aufbauend hinzukommen. Freundschaft ist ein Thema, das bereits ab Folge 1 fester Bestandteil ist, und auch in Sachen Liebe hat sich zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig getan. Nun könnte man sagen, dass dieses Thema in einer Serie, die sich rund ums Heiraten dreht, nicht vernachlässigt werden darf. Und trotzdem geht es hier in großen Schritten voran: Während in Sailor Moon lediglich die Protagonistin eine Beziehung eingeht (eine lange Geburt), kümmert sich das Drehbuch vorbildlich darum, auch Yuri und Hinagiku mit eigenem Liebesleben zu segnen. Das ist beinahe schon erstaunlich, denn die anfänglichen Konstellationen werden im Laufe der Serie noch einmal gehörig auf den Kopf gestellt.

Gähnende Langeweile auf der Seite der Bösen

Während die Themen Liebe und Freundschaft also in nahezu jeder Folge herauf und herunter zitiert werden und auch verteidigt werden wollen, bleibt die Geschichte sonst eher substanzlos. Schnell verläuft sie sich in einem festgefahrenen Muster: Satania schickt ihre Handlanger Ame, Aquelda, Ignis, Sandor und Potamos nach und nach auf die Erde, um Liebeswellen zu zerstören. Diese setzen auf klassische Monster-des-Tages-Dämonen, die in der jeweiligen Episode von den Mädchen mittels magischer Items geplättet werden. Satanias Handlanger bleiben meist über einen Handlungsbogen dabei, bis sie durch den nächsten ersetzt werden. Ein wirklicher Reiz besteht auf der Seite der Bösewichte nicht: Ihnen fehlt es an Charisma und Präsenz, um in die Hall of Fame der Anime Villains einzugehen. Nur Potamos wird ein wenig mehr Zeit gewidmet, die unter ihrem irdischen Alias Hiromi für längere Zeit Bestandteil der Handlung bleiben darf. Im direkten Vergleich mit den Obermotzen aus Sailor Moon kann Satania auch nach 51 Folgen keinen tiefergehenden Eindruck erzeugen.

Mit einem Glas Milch stoßen wir an

Das wirklich Spannende baut sich also nicht innerhalb der einzelnen Folgen auf, sondern jeweils dazwischen: Zum einen sind das die Irrungen und Wirrungen des Liebeskarussells zwischen Momoko, Kazuya und Co., zum anderen aber das große Ganze, auf das die Serie ab Folge 30 herum etwa abzielt. In ihrer zweiten Hälfte erscheint die Serie auch noch einmal ein ganzes Stück düsterer. Sofern man eben im Rahmen eines Magical Girl-Animes mit Zielgruppe weibliche Teenager davon reden kann. Denn oberflächlich betrachtet bleibt immer alles blumig. Wünsche, Träume, Hoffnungen und der Glaube an die große Liebe dominieren das Geschehen, und als sei dies alles nicht bereits von Kitsch geprägt, verwandeln sich die Mädchen erst in Bräute, ehe sie sich ein weiteres Mal verwandeln müssen. Dann wird mit einem Glas Milch auf die Liebe angestoßen (!) und die vier magischen Gegenstände, die gesucht werden müssen, entspringen ebenfalls einem Hochzeitsbrauch (“Something old, something new, something borrowed, something blue”).

In die Jahre gekommen

Der Zahn der Zeit ist auch an dieser Serie nicht spurlos vorbeigezogen: Die Animationen bewegen sich auf einem durchschnittlichen TV-Serien-Niveau. Dass das Bild heute nicht mehr scharf ist und angestaubt wirkt, ist lediglich dem Umstand geschuldet, dass bislang keine restaurierte HD-Fassung existiert und auch nicht in Sicht ist. Die Charakterdesigns von Kazuko Tadano (Sailor Moon R: Gefährliche Blumen) sind dafür auch aus heutiger Perspektive noch ansehnlich und farbenfroh gestaltet. Obwohl der Soundtrack unauffällig im Hintergrund bleibt, wird ein umso größeres Augenmerk auf die Openings und Endings gelegt. Diese wurden von der Band Furil eingesungen, die aus den japanischen Synchronsprecherinnen der vier Hauptfiguren bestand und ein Jahr lang somit auch in den Oricon Charts vertreten war. Geradezu kitschig wirken dagegen die eingedeutschten Songs, die für RTL2 entstanden. Ehe die Serie im Nachmittagsprogramm des Senders lief, erschien sie auf vier VHS-Boxen bei dem Anime Publisher OVA Films, der damit etwa die Hälfte der Serie synchronisiert auf den Markt brachte. Die zweite Hälfte erschien allerdings nicht und RTL2 holte sich die Lizenz ins Programm, um die Serie vollständig neu zu synchronisieren. Bei beiden Fassungen sind nicht alle Charaktere passend besetzt. Insbesondere in der zweiten Version wirken die Protagonistinnen arg kindlich und quietschig. Dafür wurden beide Male bestimmte Eigenheiten originalgetreu umgesetzt. Beispielsweise drückt sich die aus feinem Hause stammende Yuri nur sehr gewählt aus.

Fazit

Wedding Peach ist sicherlich nicht die beste, aber auch bei weitem nicht die schlechteste Serie und vor allem gelungener als der Ruf, der ihr vorauseilt. Junge Zuschauer, die sich mit dem Hauptthema der Serie identifizieren können und immun gegen eine Überdosis Kitsch sind, bekommen eine zauberhafte Anime-Serie geboten, die so manchen Überraschungsmoment auf ihrer Seite hat. In Sachen Figurenkonstellationen und Charakterentwicklung besitzt die Serie von Kunihiko Yuyama angenehm viel Konsistenz und baut innerhalb der Folgen logisch aufeinander auf. Neben mehr oder weniger existenziellen Fragen behandelt die Serie auf altersgerechte Weise den Umgang mit Zurückweisung und sexueller Belästigung. Dass dabei weibliches Heldentum und Teamwork gefeiert werden, ist genauso erfreulich wie genretypisch. Schade ist dagegen, dass die Bösewichte unterdurchschnittlich gelungen entwickelt werden und nur wenig Persönlichkeit mitbringen. Ohnehin sind die Beziehungsentwicklungen in vielen Punkten spannender als der Kampf Gut gegen Böse. Magical Girl-Fans kommen um die Serie nicht herum, werden sie aber aufgrund der Nähe zu Sailor Moon sicherlich bereits kennen. Alle anderen sollten eher einen Bogen um diese Produktion machen, sofern man nicht mindestens knietief im Magical Girl-Subgenre steckt.

© NipponArt


 

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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