Beauty Water

Wenn doch nur alles so einfach ginge: In Beauty Water lassen sich mittels exklusiver Lotion nicht nur Pickel und kleine Ärgernisse des Alltags abdecken, sondern lässt sich auch gleich das Gesicht formen. Der Effekt: Schönheit nach eigenen Vorstellungen. Selbstverständlich hat auch derart wundersame Kosmetik ihren Preis … Das Body Horror-Drama (!) aus Südkorea basiert auf der Webtoon-Reihe Tales of the Unusual von Oh Sung-dae, einer Horrorgeschichtensammlung, die 2013 entstand und 2022 auf ihren 100. Eintrag zusteuert. Beauty Water zählt dabei zu den populärsten Auskopplungen und drehte zunächst seine Festival-Tour unter anderem auf den Filmfestspielen Venedig oder dem Slash Filmfestival 2020. Ehe die Heimauswertung am 17. Februar 2021 stattfindet, läuft er am 28. Dezember 2021 im Rahmen der KAZÉ Anime Nights 2021 in einigen Lichtspielhäusern und ist damit die einzige Gelegenheit, den Film auf der großen Leinwand zu erleben.

   

Als Yaeji noch ein junges Mädchen war, träumte sie von einer Karriere als Tänzerin. Doch nun ist die Zeit vorangeschritten, ihr Körper ist nicht mehr ganz so fit wie einst und die junge Frau hat sich einige Pfunde angefressen. Das Ergebnis: Von ihren Mitmenschen geächtet und online wie offline verspottet, zieht sie sich tiefer zurück in ihr stilles Kämmerlein und frisst sich weitere Pfunde an. Softdrinks, Schokolade, Chips … ein Teufelskreislauf! Abhilfe zu versprechen scheint ein neues Beauty-Produkt namens “Beauty Water”, welches dabei hilft, den Körper nach Wunsch zu formen. Yaeji sieht darin die Chance, endlich so zu sein, wie sie wirklich sein möchte, und begibt sich in eine Abwärtsspirale: Sie verschuldet sich und der Schönheitswahn lässt sie immer weitere Makel an sich finden, die getilgt werden wollen. Ihr Wunsch nach Perfektion ist so groß, dass sie bereit ist, jeden Preis dafür zu bezahlen …

Oberflächen-Obsession

Originaltitel Gigigoegoe Sunghyungsoo
Jahr 2020
Laufzeit 85 Minuten
Genre Horror, Drama
Regie Cho Kyung-hun
Studio Animal
Kinostart: 28. Dezember 2021

Manwhas sind das koreanische Pendant zu den beliebten Mangas und umfassen aus koreanischer Perspektive alle Arten von Comics. Obwohl Manwhas in Korea eine lange Tradition hegen, folgte der Aufschwung des Mediums erst in den 90ern, da zuvor noch eine strikte Zensurpolitik herrschte. Mit der Verbreitung des Internets als Content-Plattform fanden auch immer häufiger Comic-Autoren die richtige Bühne für ihre Werke. Man spricht von sogenannten Webtoons, in denen wie im Comic-Bereich verschiedene Genres bedient werden. Tales of the Unusual ist dabei einer der bedeutendsten Horror-Titel, denn die Anthologie umfasst inzwischen einen beachtlichen Umfang. Beauty Water ist dabei eine Auskopplung, die zeitgemäßer kaum sein könnte, was wohl einer der Hauptgründe dafür ist, dass die Geschichte eine Anime-Adaption erhielt. Der stetige Drang nach Eigenoptimierung, Selbstdarstellung in sozialen Medien und wachsender Abhängigkeit von dem Zuspruch Fremder sind Aspekte, die in der Handlung des Films ebenso präsent sind wie auf Instagram selbst.

Körper vs. Seele

Beauty Water stellt eine Gesellschaft dar, in der die Welt sogar noch weit zugespitzter in ihren Idealen ist. Die eigene Identität rutscht an die zweite Stelle, während die äußere Hülle losgelöst vom Rest Bedeutung findet. Soziale Normen, verrückte Werte und ein giftiger gesellschaftlicher Spiegel treiben Yaeji dazu, selbst nach Oberflächlichkeiten zu jagen. Sie ist keine jener Protagonistinnen, mit denen man Mitleid hat, denn ihre Persönlichkeit befindet sich in einem toxischen Stadium und der Wahn schreitet erschreckend schnell voran. Damit steht sie exemplarisch für die Dynamik, mit der die Gesellschaft zunehmend über den Wert eines Menschen anhand dessen Optik urteilt. In seinen Grundzügen weist der Film Ähnlichkeiten zu Satoshi Kons Perfect Blue auf: Die Protagonistin bewegt sich knietief in einem Strudel der Medien, wird von außen als Starlet wahrgenommen und objektifiziert, doch die inneren Abgründe bleiben im Verborgenen und interessieren niemanden. Damit enden die Gemeinsamkeiten allerdings schon, denn während Perfect Blue den Weg eines Stalking-Thrillers einschlägt, ist Beauty Water da weniger bodenständig unterwegs und schickt Yaeji durch eine Spirale, die in Anime-Kreisen auch als “Suffering” bezeichnet wird: Der Protagonistin bleibt kein Leid erspart, jedes Übel ergießt sich über ihr. Der Job in der Medienbranche, wo sie umgeben von Reichen und Schönen ist, trägt einen großen Teil dazu bei, dass Yaejis Selbstbewusstsein nicht entstehen kann, weil es im Keim erstickt wird. Und wie sie erfahren muss, ist es auch als Schönheit nicht unbedingt leichter … Einige dramaturgische Entscheidungen sind nicht immer nachvollziehbar und stellenweise driften einzelne Momente auch unfreiwillig ins Lächerliche ab. Das kostet den Film hier und da Glaubhaftigkeit, zumal fast alle Figuren in irgendeiner Weise manipulativ sind oder egozentrische Ziele verfolgen.

Produktionsqualität mit Makeln

Während die Idee und die Geschichte zwar teilweise vorhersehbar sind, aber noch gut funktionieren, ist die Ausführung holprig. Beauty Water folgt dem Trend der letzten Jahre, in dem immer häufiger 3D-Animationen und CGI-Abfolgen dafür sorgen, dass sich Zeichnungen und Effekte abstoßen, oftmals auch wie Fremdkörper wirken (wer die Verwandlungssequenzen von Sailor Moon Crystal zu Beginn vor Augen hat, weiß genau, wie jene Gummigelenke in Bewegung aussehen). Das ist vor allem deswegen schade, da die Körperbewegungen der Figuren oftmals eher gleitender Natur sind und in mancher Bewegung die Kraft fehlt. Die Mimiken derweil sind abwechslungsreich und ausdrucksstark gestaltet. Im Gesamtbild fällt der starke Kontrast zwischen beidem deutlich auf. Die Szenenübergänge stechen ebenfalls ins Auge: Oftmals sind es harte Schwarzblenden zwischen den einzelnen Szenen, die unschön im Gesamtbild wirken. Trotz dieser Unstimmigkeiten ist die Produktionsqualität hoch und die atmosphärischen Hintergründe, die oftmals mit ihre künstlichen Lichtquellen spielen, werten den Film aus Produktionssicht auf. Dies gilt übrigens auch für die lebendige deutsche Synchronisation.

Fazit

Die Moral der Geschichte steht dem Film bereits vorab auf die Haut geschrieben und sollte nicht der treibende Grund sein, sich Beauty Water zu Gemüte zu führen. Es sei denn, man kann gar nicht genügend Statements zum Thema krankhafter Beauty-Wahn bekommen. Es ist sonst aber vor allem die zerstörerische Selbstgefälligkeit der Protagonistin, mit der sie durch den Verlauf des düsteren Psycho-Thrillers schreitet, welche gleichermaßen anziehend wie abstoßend ist. Der klassische Unfall-Effekt: Man möchte sich am liebsten abwenden, kann aber nicht wegschauen, wie sie ihr Leben immer weiter gegen die Wand fährt. Darin liegt die Tragödie: Ihr Körper steht als Metapher für die Wahrnehmungsstörung einer ganzen Gesellschaft. Da die Geschichte im letzten Drittel gar obskure Züge annimmt, ist Beauty Water für sich stehend absolut sehenswert. Wer ohnehin häufig im (Realfilm-)Horror-Genre wildert, wird dem Film vermutlich weniger abgewinnen können und herausragende Merkmale vermissen. Da Anime-Horror allerdings noch immer eine wenig bespielte Wiese ist, sollten gerade Zuschauer:innen, die es düsterer und abgründiger mögen, einen Blick nicht scheuen. Vorausgesetzt natürlich, dass man die expliziten Body-Horror-Szenen erträgt.

© Kazé Anime


Veröffentlichung: 17. Februar 2021

 

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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