Dark Star – Finsterer Stern

Einsame Astronauten in der Unendlichkeit des Weltraums, eine intelligente Bombe, für die das Detonieren zur philosophischen Frage wird und ein kugelrundes Alien, aus einem Strandball gebastelt – das kommt heraus, wenn Filmstudenten in den Siebzigern so oft 2001: Odyssee im Weltraum schauen, dass sie ihre eigene Variante davon drehen, halb Parodie, halb Liebeserklärung. Mit einem Filmhochschul-Budget und Hippie-Humor. Einer der fleißigen Studenten hieß John Carpenter und wurde später Regisseur, ein anderer hieß Dan O’Bannon und wurde Drehbuchautor – ihm verdanken wir unter anderem das Drehbuch zu Alien.

    

Seit mehreren Jahren ist das Raumschiff “Dark Star” im Weltraum unterwegs mit den Auftrag, andere Sonnensysteme durch die Zerstörung von instabilen Planeten für eine Kolonialisierung vorzubereiten. Der Job ist öde und einsam, das Raumschiff wird zusehends klapperiger. Der Kapitän starb durch einen Kurzschluss und liegt nun im Kälteschlaf, der gesamte Vorrat an Klopapier wurde zerstört und seit einem Asteroidensturm, dem die Schlafräume zum Opfer fielen, hausen die Astronauten Talby, Doolittle, Boiler und Pinback auf einem Matratzenlager in einem Abstellraum und öden sich an. Nicht einmal der Gedanke an intelligentes Leben auf anderen Planeten hat mehr einen Reiz, seit ihr erster und einziger Kontakt ihnen nichts weiter beschert hat als ein lästiges Haustier.
Immerhin, es gibt immer noch Planeten zu sprengen. 18 intelligente, sprachbegabte Bomben haben sie schon gezündet. Bombe 19 führt die Aktivierungssequenz im Dialog mit dem Bordcomputer munter und motiviert durch und zündet ordnungsgemäß. Bei Bombe 20 gibt es Probleme. Wieder einmal hat eine kleine Havarie Schaden angerichtet und erwischt hat es Kommunikationslaser 17. Bombe 20 wird mehrmals ausgefahren und wieder zurückgeholt und ihr Ton wird zunehmend patziger. Schließlich weigert sie sich, die Explosionsvorbereitung erneut abzubrechen, schließlich ist sie eine Bombe und hat den Explosionsbefehl erhalten. Die Reparaturversuche von Talby bewirken nur, dass nun auch noch die Abwurfmechanik defekt ist und die Bombe nicht den Planeten, sondern das Raumschiff zerstören würde. Während der Countdown läuft, sucht Doolittle Rat bei dem eigentlich toten Käpt’n im Kälteschlaf und erhält den Tipp, die Bombe Phänomenologie zu lehren. Also zieht er seinen Raumanzug an und beginnt mit der unter dem Raumschiff hängenden Bombe einen philosophischen Diskurs. Dabei doziert er über den Zweifel an allem, was Wahrnehmung dem Geist vermitteln kann. Ist also der Befehl zur Detonation überhaupt der Richtige? Die Bombe hat Spaß am Philosophieren und zieht sich in den Bombenschacht zurück, um nachzudenken. Erleichtert kehrt Doolittle zurück ins Raumschiff, öffnet dabei just die Schleuse, hinter der Talby an dem Laser gebastelt hat und schießt ihn dadurch ins Weltall. Während Doolittle versucht, Talby zu retten, hat die Bombe ihren philosophischen Gedankengang beendet und ist zu dem Schluss gekommen, dass sie, wie Gott vor der Schöpfung, ganz allein im Universum ist und eine Mission zu erfüllen hat, mit der einzigen Fähigkeit, die ihr gegeben ist. Mit den Worten “Es werde Licht!” explodiert sie. Die “Dark Star” wird zerstört, nur Talby und Doolittle treiben in ihren Raumanzügen allein und ohne Hoffnung auf Rettung durch das Weltall. Doolittle steigt auf ein Wrackteil und erfüllt seine Sehnsucht, ein letztes Mal zu surfen, nämlich in die Atmosphäre des nahen Planeten, wo er verglüht. Talby sieht endlich die regenbogenfarbenen Phoenix-Meteoriten, von denen er so lange geträumt hat und gleitet mit ihnen mit auf ihrem ewigen Flug durchs All.

Kubrick für Arme

Originaltitel Dark Star
Jahr 1974
Land USA
Genre Science-Fiction
Regisseur John Carpenter
Cast Doolittle: Brian Narelle
Boiler: Cal Kuniholm
Talby: Dre Pahich
Pinback: Dan O’Bannon
Commander Powell: Joe Saunders
Laufzeit 82 Minuten
FSK

Erst 1.000, dann 6.000 Dollar hatten Carpenter und seine Kommilitonen zur Verfügung, um ihr Filmprojekt zu verwirklichen, als sich abzeichnete, dass ihr 45-Minuten-Film um die philosophierende Bombe Kult-Potential hatte. Daher bekamen sie die Möglichkeit, weitere Szenen zu ergänzen, um den Film auf eine kinotaugliche Länge zu bringen. Sie nutzten die Gelegenheit, um Szenen um die tägliche Ödnis des Astronautenlebens und das entwischte außerirdische Haustier im Fahrstuhlschacht zu drehen, sodass das Budget schließlich 60.000 Dollar betrug.
Eine Menge für einen Studentenfilm, aber immer noch ein lächerliches Budget für einen Film, der eine ähnliche Bilderwelt auffährt wie 2001: Odyssee im Weltraum. Kubrick hatte für sein majestätisch an Himmelskörpern vorbei gleitendes Raumschiff über 10 Millionen Dollar ausgegeben. Darum versprüht Dark Star den ganzen Charme von Billig-Science-Fiction, die sich mit kruden Modellen und bunten Lichtern behilft und auch mal Muffinbleche und Styroporverpackungen zu Raumanzügen zusammenbastelt. Vielleicht funktioniert es gerade deshalb. Eine fast perfekte Nachahmung wäre nur eine Nachahmung, eine so rudimentäre Version aber drückt die richtigen Knöpfe, um eine Hommage an das unerreichbare Meisterwerk zu formulieren und andererseits ihre eigene Erzählwelt zu schaffen. Der Wasserball-Alien würde längst nicht so viel Spaß machen, wenn Carpenter genug Geld für einen professionell gestalteten Außerirdischen gehabt hätte.

Hippies im Weltraum

Es mag an dem winzigen Budget liegen, aber auch an Carpenters Vision vom Leben im All, dass Raumschiff und Besatzung so ganz anders aussehen als bisher im Kino. Bei Kubrick herrscht im Inneren des Raumschiffs die klassische Moderne, alles ist makellos weiß und von der kühlen Eleganz der Sechziger Jahre, die Räume wirken einerseits rein funktional, andererseits völlig neu und unbenutzt, ohne den Hauch von Gebrauchsspuren oder Abnutzung. Bei Carpenter sieht man dem Raumschiff und der Crew die jahrelange Reise durchs All an. Es ist eng, es ist schmuddelig, die Wände sind voller Pin-ups und Graffiti und die Astronauten sind langhaarige, bärtige Hippies. Statt klassischen Musikstücken dröhnt Rockmusik durchs Weltall.
Während bei Kubrick die Isolation der Astronauten allein im All mit einem Böses planenden Computer klaustrophobisch wirkt, ist bei Carpenter
das Leben in den Weiten des Weltalls vor allem eins: unendlich langweilig. Mit groteskem Humor zeichnet Carpenter das Bild einer heruntergekommenen Männer-WG, deren Bewohner alle Zeit der Welt haben, um sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen und die sich in absurde Beschäftigungen flüchten. Talby zieht sich in eine Aussichtskuppel zurück und träumt von regenbogenfarbenen Asteroidenströmen, Doolittle spielt Musik auf Wasserflaschen und tröstet sich mit Erinnerungen an seine Surfer-Zeit auf der Erde, Boiler macht unerlaubte Schießübungen in den Gängen und Pinback, der alle mit flauen Witzen und ewig gleichen Geschichten langweilt, führt ein Videotagebuch, in dem er mit seinen schlecht gelaunten Kameraden hadert.

Künstliche Intelligenz auf Abwegen

Ein so heruntergekommenes Gefährt wie die “Dark Star” hat keinen Supercomputer HAL 9000 an Bord, der, als perfekte Maschine konstruiert, an seinem Vollkommenheitsanspruch scheitert. Die Tücke des Objekts lauert ganz woanders. Es gibt einen Bordcomputer, der mit einer samtigen Frauenstimme spricht und im Wesentlichen das tut, was er soll. Aber wer ist auf die Schnapsidee gekommen, ausgerechnet die Bomben mit Intelligenz auszustatten? Sodass eine anfängt, zickig Widerworte zu geben, herumzudiskutieren und sich schließlich auf eine philosophische Gedankenreise der Selbsterkenntnis begibt, um am Ende einen absolut irrwitzigen Schluss zu ziehen und dann doch das zu tun, was Bomben eben tun: Explodieren. Kein erhobener Zeigefinger, keine Warnung vor der menschlichen Hybris und Technikgläubigkeit, einfach nur das konsequente Weiterdenken einer absurden Idee und eine abstruse Verkettung von “Dumm gelaufen”-Momenten. Es erinnert ein bisschen an den Humor von Douglas Adams’ Per Anhalter durch die Galaxis. Nun, der stammt ungefähr aus der gleichen Generation wie Carpenter und seine Mitstudenten. Bei einem Kinoabend mit Dark Star hätte er sicher viel Spaß gehabt.

Wer 2001: Odyssee im Weltraum liebt, wird an dieser kleinen, schmuddeligen Version sicher Freude haben. Wer die große Vorlage schon immer humorfrei und Pathos-überfrachtet fand, wird sich bei dieser abstrus-sarkastischen Version gut amüsieren. Wer knappe Oldschool-Science Fiction-Erzählungen mag, die man in zwei, drei Sätzen bis zur knackigen Pointe zusammenfassen kann, findet hier genau dieses, und freut sich vielleicht auch dann darüber, wenn er die Pointe schon kennt. Und wer Science-Fiction-Welten gern alt, trashig und improvisiert mag, der kann die Küchenutensilien und Gebrauchsgegenstände zählen, die in Kostüme und Kulissen verbaut wurden. Schade nur, dass zumindest auf der DVD, die ich zur Verfügung hatte, die Bildqualität so lausig ist, dass bei aller Liebe zum Unvollkommenen, das Anschauen zeitweise nur anstrengend war.

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Aki
Redakteur

Ich habe in meinem Leben ja schon einiges gesehen aber der Film ist mir echt noch nicht unter die Augen gekommen. Klingt echt abgespaced! Vor allem das mit der Bombe XD