I Am Mother

Künstliche Intelligenzen in der Medienkultur, huiui, da weiß man nie so wirklich, woran man ist. Züchtet sich der unbescholtene und überengagierte Wissenschaftler dort gerade seinen neuen Lebenspartner heran oder unterschreibt er doch vielmehr sein eigenes Todesurteil? In Grant Sputores Debütfilm und Sci-Fi-Thriller I Am Mother aus dem Jahre 2019 ist das Verhältnis einmal umgedreht: Nicht der Mensch erschafft eine KI, sondern die KI erschafft einen Menschen. Sie zieht das Mädchen groß wir ihr eigenes Kind; gibt ihr Wärme, erzählt ihr Geschichten und lehrt sie das Origami-Falten. Klingt schön, oder? Zu schön für einen Thriller. Klar, dass das so nicht bleiben kann.

 

Während die Welt zugrunde geht, erwacht innerhalb einer gut geschützten »Reproduktionsstätte« ein Androide namens »Mutter«, der Zugang zu 63.000 menschlichen Embryonen hat. Im Falle einer Katastrophe soll Mutter (Stimme: Rose Byrne, Insidious) den Fortbestand der Spezies sichern. Als es soweit ist, schenkt Mutter einem dieser Embryonen das Leben und zieht das Kind (Clara Rugaard), das sie fortan »Tochter« nennt, groß. Mutter ist Lehrer, Elternteil und Betreuer in einem. Die beiden entwickeln eines warmes Band, doch mit dem Alter wächst Tochters Neugierde über die Welt da draußen, die offiziell als unbewohnbar gilt. Als dann eine überraschender Besucherin von außerhalb in die Einrichtung eindringt (Hilary Swank, Million Dollar Baby), wird das sichere Zuhause zum Hazard-Spiel. Denn Swans Figur (im Abspann einfach nur »Frau« genannt) beschwört Tochter, dass man Androiden nicht trauen dürfe und dass das Chaos da draußen eine Folge davon sei, dass die Androiden die Herrschaft über die Menschheit erlangen wollen.

Eine kleine Bunkerwelt

Originaltitel I Am Mother
Jahr 2019
Land Australien, USA
Genre Science-Fiction, Thriller
Regie Grant Sputore
Cast Tochter: Clara Rugaard
Mutter: Rose Byrne / Laura Maire (Synchronstimme)
Frau: Hilary Swank
Laufzeit 114 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 27. Dezember 2021

I Am Mother beginnt langsam und meditativ und präsentiert sich vor allem als ein Kammerspiel zwischen einer künstlichen Mutter und einer organischen Tochter. Die ersten zwei Akte spielen vollständig in einem sterilen, futuristischen Bunker. Es wird wenig erklärt, etwa warum da draußen Land unter ist. Vielmehr konzentriert sich der Film auf die banalen und warmherzigen Alltagsroutinen der Kleinfamilie. Die Atmosphäre ist rätselhaft, esoterisch und faszinierend und das Intro zu Frank Churchills »Baby Mine« eine berührende Szenen-Montage über eine skurrile Mensch-Maschinen-Beziehung. Blind vor Vertrauen in ihren Vormund, stellt Tochter nie in Frage, dass die Außenwelt unbewohnbar ist und sie zum Leben in der Einrichtung zwingt (mit dieser Prämisse der begrenzten Räumlichkeit können bei dem einen oder der anderen ein paar 10 Cloverfield Lane-Vibes aufwallen). Mit Auftauchen der Frau ändert sich das aber. Wo Mutter kontrolliert, steril, gelassen, aber auch streng ist, ist Frau unberechenbar, unordentlich und scheint doppelzüngig (verkörpert also all das, was zum Untergang der Welt geführt hat). Das Auftauchen der Frau treibt die Handlung voran, da Tochter versucht herauszufinden, was Mutters Agenda ist. Ab diesem Zeitpunkt ist I Am Mother eine Geschichte darüber, wie zwei Frauen versuchen, ein Mädchen davon zu überzeugen, dass die andere lügt.

Weiß eine KI, was »gut« ist?

I Am Mother stellt sich die Frage, wie Künstliche Intelligenz das »Gute« interpretieren würde in einer Welt, in der sich die Menschheit ihr eigenes Grab schaufelt. Das zentrale ethische Dilemma präsentiert der Film in einer von Tochters Unterrichtsstunden: Soll ein Arzt einen Patienten sterben lassen, um fünf weitere zu retten? Eine Variation des altbekannten Trolley-Problems. Tochter gibt sich utilitaristisch (das Gesamtwohl ist am Wichtigsten), während Mutter auf der Kant-Schiene fährt (jedes Leben hat einen unbedingten Eigenwert). Interessant ist, dass Mutter hier den Anwalt des Teufels spielt, da sie im Grunde ihres Herzens selber Utilitaristin ist, und zwar von einer Sorte, die man erst späterhin begreift, wenn man kapiert, zu welcher Interpretation ihre Berechnungen führen. Aber das soll an dieser Stelle schön unter Verschluss bleiben.

Däumchen hoch für das Design

Neben dem Fokus auf Bunkerleben und Philosophiestunde, ist I Am Mother vor allem auch eine Geschichte über das Erwachsenwerden und über das Kind, das lernt, dass Elternfiguren nicht allmächtig sind. Mutter ist vor allem in der ersten Filmhälfte am Interessantesten, wenn sie zwar überkompetent, aber auch leicht verletzlich wirkt und immer noch dabei ist zu lernen, was Elternschaft bedeutet. Und auch wenn sich der Film am Ende stark auf sein utilitaristisches Gedankenexperiment konzentriert und zu einem leicht generischen Sci-Fi-Film wird, so ist Mutters physisches Design (geschaffen von Weta Workshop, den Spezialisten hinter Herr der Ringe, und gespielt von SFX-Künstler Luke Hawker) eine echte Hausnummer. Funktionalität und Design = perfekt; die Präsentation von SFX und VFX = nahtlos. Imposant und relativ klobig, mit bunten Stickern von Tochter beklebt und mit einer gleichsam weichen wie unheimlichen Synchronstimme versehen, wird hier verschleiert, wie leistungsstark und allgegenwärtig Mutter eigentlich ist. Gerade, wenn Mutter vor lauter Sorge in den Berserker-Modus schaltet und durch die Korridore stürmt, macht das unerwartet Eindruck und lässt die Menschen nichtig erscheinen. In dem Moment ist man hin und hergerissen zwischen Furcht und Begeisterung.

Fazit

I Am Mother ist eine smarte, sich frisch anfühlende Herangehensweise an das Thema Künstliche Intelligenz; eine Geschichte über das menschengemachte Ende, über die Koexistenz von Mensch und Maschine und Bunkerdrama. Zum Ende hin driftet I Am Mother möglicherweise in leicht generisches Fahrwasser ab, landet also nicht ganz den Volltreffer, ist aber über weite Strecken ein beeindruckendes und erfolgreiches Stück Sci-Fi-Mysterium und zeugt von souveränem Handwerk – gerade für einen Debütfilm. Allen voran das Design der Mutter und dessen Umsetzung hebt den Film von anderen Sci-Fi-Thrillern ab.

© Concorde Home Entertainment


Veröffentlichung: 27. Dezember 2019

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit bevorzugt Indie-Games, Taktik-Shooter oder ganz was anderes und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der 24/7 Music-Stream von Cryo Chamber auf YouTube.

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