The Mandalorian (Staffel 2)

2020 hielt einiges bereit für den geneigten Star Wars-Fan. Zu Beginn des Jahres flimmerte die finale Staffel von The Clone Wars über den Streaming-Schirm und gegen Ende kündigte der Disney-Konzern seine Star Wars-Großoffensive an, die mindestens zehn Serien- und Filmprojekte bereithält. Wenn das nicht schon genug Herzkasper bei den Fans hervorgerufen hat, dann tat das spätestens die im Dezember geendete zweite Staffel von The Mandalorian mit ihrem Finale. Die Flaggschiff-Serie von Disney+ ist eine simple, aber gute Show und nebenbei Star Wars in Reinform.

Nachdem Kopfgeldjäger Mando (Pedro Pascal, Prospect – Niemand überlebt allein) sein Findelkind „Baby Yoda“ vor der Entführung durch den Imperialen Moff Gideon (Giancarlo Esposito, The Boys) bewahren konnte, muss er nun zusehen, wie er das Kind zurück zu den Seinen bringen kann – so verlangt es der Kodex der Mandalorianer. Denn das Kind ist begabt in der Macht und benötigt dringend eine Ausbildung samt Schutz. Doch die Jedi sind schwer zu finden, da offiziell seit Jahren ausgerottet. Also begibt sich Mando auf eine beschwerliche und mit Umwegen gespickte Reise, auf der er alte Freunde wiedertrifft, aber auch mit neuen Gesichtern konfrontiert wird, mit denen er (aber auch die Fans) nie gerechnet hätte. Ihm immer dicht auf den Fersen: Moff Gideon und seine erbarmungslosen Dunkeltruppen.

Wir brauchen mehr Side Quests

Originaltitel The Mandalorian
Jahr 2020
Land USA
Episoden 8 inStaffel 2
Genre Science-Fiction, Western
Cast Din Djarin: Pedro Pascal
Greef Carga: Carl Weathers
Cara Dune: Gina Carano
Moff Gideon: Giancarlo Esposito
Bo‑Katan Kryze: Katee Sackhoff
Boba Fett: Temuera Morrison
Ahsoka Tano: Rosario Dawson
Fennec Shand: Ming-Na Wen
Seit 18. Dezember vollständig auf Disney+

Staffel 2 führt das gewohnte Space Western-Feeling der ersten Staffel fort. Protagonist Mando reist durch die Galaxis und muss erst einmal eine Reihe von Side Quests erledigen, ehe er dem Main-Plot folgen kann. „Du willst was, Mandalorianer? Okay, aber zuerst musst du meine entlaufene Ziege wieder einfangen“, oder so ähnlich. Dieses Konzept versucht The Mandalorian gar nicht mehr zu kaschieren, sondern trägt es in fast jeder Folge gut sichtbar für alle vor sich her. Dadurch wirkt die Serie geradezu oldschool und reiht sich nostalgisch ein in die Reihe episodischer Serien wie z. B. Stargate, die ihrerseits sehr erfolgreich waren. The Mandalorian steht damit im Kontrast zur modernen Streaming-Serie von heute, die pro Folge mit fünf Plot Twists, Sex, schweren Monologen und mindestens einem Tod aufwartet und weder Anfang noch Ende kennt. Diesen Anspruch erhebt The Mandalorian nicht. Vielmehr versetzt einen die Serie zurück in die Zeit, als man Samstag morgens vor der Mattscheibe saß und seine liebste Live Action-Serie auf RTL geschaut hat. Dieses Mal nur qualitativ hochwertiger, da mehr Budget. Aber keine Sorge: ganz so trash-episodisch, wie es sich nun gelesen haben mag, ist es nicht. Ein Main-Plot mit rührseligem Abschluss ist existent, genauso wie Charakterentwicklungen. Und eben Budget.

Star Wars für Kinder?

Trotzdem kann man verstehen, wenn Kritiker The Mandalorian als „seicht“ bezeichnen. Die Serie bedient sich einer simplen Erzählstruktur, die zwar manchmal auf links gedreht wird, meistenteils aber fest ist. Häufig dienen die Handlungen allzu offensichtlichen Zielen. The Mandalorian mag damit in gewisser Weise „kindisch“ und vorhersehbar sein. Gleichzeitig aber vermittelt die Serie das Gefühl, dass die Macher mit viel Liebe an das Star Wars-Universum herangehen – ganz so wie seinerzeit die Animationsserie The Clone Wars. Was das betrifft, bereitet die Serie schamlos viel Spaß. Das Erkunden der abseitigen Felder von Star Wars, ganz ohne Jedi/Sith-Epik, ist die große Stärke der ersten Staffel. In Staffel 2 öffnet sich The Mandalorian und versucht, die Trilogien und Serien zu involvieren, nie aber so stark, dass der eigene Charme dabei flöten gehen würde. Damit wird The Mandalorian zu dem zentralen Mosaikstein eines immer größer werdenden Star Wars-Gesamtkunstwerks, denn Disney hat (nun mittlerweile) elf weitere Star Wars-Projekte angekündigt, von denen mindestens zwei in The Mandalorian gefeatured werden.

Nerd-Fest von Fanboys

Man kann The Mandalorian ganz und gar für sich sehen. Ähnlich wie in Star Wars: Episode IV (1977), wo man anfangs auch keinen Plan hatte, wer der asthmatische Typ in Schwarz ist, bekommt man durch Bildsprache und Design relativ schnell eine Ahnung davon, wie die Welt funktioniert. Letztendlich ist The Mandalorian eine simple Vater-Sohn-Geschichte, in der ein dogmatischer Kopfgeldjäger gezwungen ist, sich um ein Findelkind zu kümmern. Auch wenn Mando ständig einen Helm trägt, kommt seine Gefühlswelt durch Stimmfarbe und Körperhaltung gut herüber. Davon abgesehen ist das Erlebnis freilich für all jene größer, die auch die Serien The Clone Wars und Rebels kennen. Denn Fakt ist: The Mandalorian ist eine Nerd-Show mit viel Fanservice. Das Gute diesmal: Er fühlt sich nicht so verkehrt an wie in der achten Game of Thrones-Staffel. Stattdessen hat man sich mit den Drehbuchautoren Dave Filoni (Star Wars: The Clone Wars) und Jon Favreau (Der König der LöwenIron Man) sowas wie die Top-Fans von Reddit mit ins Boot geholt. Solche, die das richtige Gespür haben. Sie forcieren keine feuchten Fan Fiction-Träume, sondern gestalten ihre Geschichte auf eine Weise, die der Fan-Basis mehr als angenehm ist. Die Staffel strotzt mit dem Auftauchen von Fan-Favoriten, von denen keiner gewagt hätte zu träumen, die nun aber trotzdem alle da sind. Wenn sie erscheinen, tritt Mando zurück und der Gaststar kriegt sein Rampenlicht. Das ist das Zollen von Respekt, mit dem Filoni und Favreau die Fans für sich gewinnen. Der Respekt, nach dem sie sich seit der verkorksten Disney-Trilogie verzehren.

Die Gewinner: Boba Fett und Ludwig Göransson

Der größte Gewinner von The Mandalorian ist vielleicht die Figur des Boba Fett (hier: Temuera Morrison, Die letzte Kriegerin): erbärmlich in den Filmen, ein Badass in der Serie. Endlich bekommt der berühmteste Kopfgeldjäger der Galaxis, der in Episode 6 von einem blinden Mann mit Paddel umgenietet wurde, den Auftritt, der ihm gebührt. Der ewige Streit, ob Boba Fett nun Mandalorianer ist oder nicht, wird auch in die Serie getragen. In der Review zu Staffel 1 betiteln wir ihn noch als unmandalorischen Klon. Favreau setzt allerdings neue Prämissen, die für den Mandalorianer-Status gelten. Nach denen könnte man Boba als Mandalorianer betrachten. Doch selbst innerhalb der Serie gehen nicht alle d’accord damit. Der zweite Gewinner neben Boba: Komponist Ludwig Göransson (Black PantherTenetVenom). Er hat das Glück, der Vertoner einer Serie zu sein, die als gehyptes Flaggschiff von Disney+ gehandelt wird, und ganz nebenbei all den frisch aufgetauchten Fan-Lieblingen neue Main Themes verpassen zu können, die sehr wahrscheinlich auch deren Spin-offs prägen werden.

Wie geht es weiter? [Abschnitt enthält Spoiler]

Nach der Post Credit-Szene, die das kommende The Book of Boba Fett bewirbt, mag es sein, dass manch einer irritiert vor der Flimmerkiste sitzt. Ist die Geschichte von Mando nun vorbei? Steht der Titel „The Mandalorian“ gar nicht exklusiv für Mando, sondern beim nächsten Mal für Boba Fett, der das Hutten-Syndikat übernimmt? Und danach vielleicht für Bo-Katan, die Mandalor zurückerobert? Wenn‘s so wäre, dann wäre das unbefriedigend. Denn wirklich viel geliefert außer Fan Service, dem Wiederbeleben alter Lieblinge, der herzerweichenden Vater-Sohn-Beziehung und einer Menge Stoff für neue Sturmtruppler-Memes, hat der Ark um Mando nicht. Tatsächlich käme einem das Ganze dann eher wie eine missbrauchte Werbeplattform für die Spin-Offs vor. Ist dieser Gedanke, den man sich als glücklicher Fan eigentlich verbieten will, einmal gedacht, kann man ihn nicht mehr zurückdenken und man beginnt Disney gleichermaßen zu lieben und zu verteufeln. Doch Favreau hat sich mittlerweile zu Wort genmeldet: The Book of Boba Fett ist nicht mit der dritten Staffel von The Mandalorian zu verwechseln. Es handelt sich dabei um ein weiteres Stand-Alone-Spin-off, produziert von Favreau, Filoni und Robert Rodriguez (Alita: Battle Angel), dessen Veröffentlichung zufällig in den Zeitraum der dritten Staffel von The Mandalorian fällt.

Fazit

The Mandalorian ist das Goldstück im Star Wars-K**kaufen von Disney. Man könnte der Serie vielleicht ankreiden, dass sie den Niedlichkeitsfaktor von Baby Yoda sowie den Nostalgiebonus der Wiedereinführung alter Charaktere und Themen überbeansprucht. Und um fair zu bleiben: The Mandalorian ist auch kein Emmy-verdächtiges Meisterstück. Es gibt viele starke Momente und Favreau und Filoni geben sich wirklich Mühe, doch manchmal kommt auch dieser 90er-Kitsch durch, wenn es wieder heißt, durch Gänge zu rennen und haufenweise anonyme Sturmtruppler niederzumähen (Huhu, Stargate). Aber das alles ist völlig okay: Eine Serie muss keine lebensverändernde Erfahrung sein um als gute Unterhaltung zu gelten. Und The Mandalorian ist schlicht eine großartige Star Wars-Show, die ihre Wurzeln respektiert und die alte Magie erneut aufleben lässt. Nach 15 Jahren konnte mich Star Wars das erste Mal wieder anfixen. Und ich bin sehr gespannt auf alles, was da noch kommen mag – auch wenn mich die schiere Masse skeptisch macht und mich insgeheim denken lässt: Die arme Kuh.

© Walt Disney Television

Totman Gehend

Totman ist Musiker, zockt in der Freizeit hin und wieder Indie-Games & Taktik-Shooter und sammelt schöne Bücher. Größtes Laster: Red Bull. Lieblingsplatz im Netz: der Lofi-Hip-Hop-Radio-Stream auf youtube (der gute Stream von ChilledCow).

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