Spuk in Hill House

Lesezeit: 8 Minuten

Shirley Jacksons Roman Spuk in Hill House hat schon zwei Verfilmungen hinter sich und fasziniert Fans von psychologischem Horror bis heute. So auch Regisseur Mike Flanagan (Hush), der die Geschichte sezierte, Kernelemente filterte und dem Gerüst ein modernisiertes Gewand verpasst. Als zehnteilige Netflix-Serie erwacht das unheimliche Gemäuer zu neuem Leben und erzählt von der siebenköpfigen Familie Crain. Diese wird konfrontiert mit Geistern, Krankheit, Trauer und Isolation.

    

Hugh (Henry Thomas, E.T. – Der Außerirdische) und Olivia Crain (Carla Gugino, Watchmen) sind ein gutes Gespann. Gemeinsam finden sie Häuser, die er nach ihren Vorstellungen renovieren kann, um sie dann gewinnbringend zu verkaufen. Der Preis dafür ist ein etwas unstetes Leben und ihre fünf Kinder haben noch keine Wurzeln schlagen können. Wenn alles gelingt, wird sich das bald ändern, denn das neue Projekt namens Hill House, soll das letzte sein. Die Crains werden einen ganzen Sommer in das riesige Anwesen stecken, das seit Jahren unbewohnt ist, um danach endlich ihr eigenes Traumhaus zu errichten. Doch in einer schicksalsschweren Nacht stirbt Olivia und Hugh verlässt panisch mit den Kindern das Anwesen. Etwa 20 Jahre später haben die fünf noch immer Schwierigkeiten das Erlebte zu verarbeiten. Steven (Michiel Huisman, Game of Thrones) ist Autor, der die Geistergeschichten anderer Leute für seine Romane benutzt, denn er selbst hat nie etwas Seltsames bemerkt. Shirley (Elizabeth Reaser, Twilight), zweifache Mutter, ist Bestatterin und immer mit dem Tod konfrontiert. Theodora (Kate Siegel, Hush), kurz Theo, arbeitet als Psychologin mit traumatisierten Kindern. Luke (Oliver Jackson-Cohen, The Raven) ist drogenabhängig und versucht sich erneut an einem Entzug. Seine Zwillingsschwester Eleanor (Victoria Pedretti, in ihrem Debüt), nur Nell genannt, zieht es eines Nachts zurück zu Hill House, wo sie stirbt. Zum ersten Mal kommt die ganze Familie nach Jahren zusammen. Und zum zweiten Mal müssen sie alle verarbeiten, was das Haus ihnen genommen hat.

Eine freie Neuinterpretation

Spuk in Hill House wurde bereits zwei Mal verfilmt. 1963 unter dem Titel Bis das Blut gefriert und 1999 als Das Geisterschloss. Beide erhielten zumindest die Grundstruktur. Ein Psychologe lädt Menschen, die angeblich Erfahrungen mit dem Übernatürlichen haben, in ein bekanntes Spukhaus ein. Es folgen seltsame Poltergeisterscheinungen und einige unheimliche Nächte. Das Geisterschloss lehnte sich dann mehr ins Horrorgenre und wurde zu einem Vehikel für die aktuelle Tricktechnologie. Bis das Blut gefriert ließ sich etwas mehr auf die vagen Zweifel der Geschichte ein. Was passiert wirklich und wie wirkt es sich auf den mentalen Zustand der Personen aus. Für die Netflix-Serie stehen diese Fragen ganz klar im Vordergrund. Dafür werden sie aber in einer ganz neuen Art und Weise erzählt. Es wäre sogar möglich mit völlig neuen Namen und einigen groben Abwandlungen die Beziehung zu Jacksons Roman vollkommen zu verschleiern. Wer also auf eine möglichst werksnahe Umsetzung hofft, kriegt hier einen Dämpfer. Aber die Faszination des Klassikers bleibt in Flanagans Interpretation erhalten. Das Konzept des psychologischen Horrors ist mittlerweile etabliert und mit zehn Episoden wird die Geschichte um viele neue Facetten bereichert. Wer Filme wie Hereditary oder The Babadook für die komplexe Vermischung von Familienschicksalen mit einem möglichen übernatürlichen Element mag, wird bei Spuk in Hill House bedient.

Allerfeinste Handwerkskunst

Originaltitel The Haunting of Hill House
Jahr  2018
Land USA
Episoden 10
Genre Horror, Drama
Cast Steven Crain: Michiel Huisman / Paxton Singleton
Shirley Crain: Elizabeth Reaser / Lulu Wilson
Theodora Crain: Kate Siegel / Mckenna Grace
Luke Crain: Oliver Jackson-Cohen / Julian Hilliard
Eleanor Crain: Victoria Pedretti / Violet McGraw
Hugh Crain: Timothy Hutton / Henry Thomas
Olivia Crain: Carla Gugino

Mike Flanagan führt bei allen Episoden selbst Regie. Das ist auch für kürzere Serien ungewöhnlich, aber für dieses Unterfangen perfekt. Denn so wird eine wirklich einheitliche Atmosphäre geschaffen. Und das ist besonders wichtig, da die Geschichte nicht linear erzählt wird. Es gibt zunächst zwei Hauptebenen. Die Zeit, die die Crains gemeinsam in Hill House verbracht haben und die Ereignisse, die rund um Nells Tod geschehen. Doch es gibt immer wieder Szenen, die dazwischen spielen, um die Entwicklung der einzelnen Figuren besser verfolgen zu können. Auf die Charaktere wird größter Wert gelegt, weshalb fast jede Folge einen von ihnen in den Mittelpunkt rückt. Die erste Folge ist ein Prolog, die letzte eine Auflösung aller Konflikte. Von den verbleibenden acht nehmen sieben sich nach und nach die Mitglieder der Familie vor, um ihre Sichtweise zu schildern. Dabei kommt es zu Überschneidungen, die einzelne Szenen in ein neues Licht rücken, je weiter der Vorhang aufgezogen wird. Und dann gibt es noch eine Episode, die die Familie als Einheit zeigt, sowohl in Vergangenheit als auch Gegenwart. Um hier keiner Perspektive den Vorzug zu geben, wird alles in fünf Szenen erzählt, die jeweils ein einzelner langer Take sind. Keine Gegenschnitte oder ähnliches, selbst die Übergänge zwischen den Zeiten sind sehr fließend gewählt. Es waren mehrere Wochen an Proben nötig, um diese Szenen einzufangen, die längste von ihnen dauert über 17 Minuten. Ganz großes Kino.

Geister sind nur eine Frage der Einstellung

Spuk in Hill House entpuppt sich als Meisterleistung darin zu zeigen, wie ein gemeinsam erlebtes Ereignis unterschiedlich wahrgenommen wird. Die Serie wird zu einem sehr detaillierten Trip in die Psyche der einzelnen Figuren. Jede von ihnen macht Fehler und schätzt die Situation der anderen oft falsch ein, wie der Zuschauer nach und nach erkennen kann. Das ergibt ein wunderbares Charakterbild und es geht nicht darum, dass einer der Crains den besten Weg hat, mit der Situation umzugehen oder ein moralisches Gefälle zuzuordnen. Steven ist von allen der Rationalste und aus seiner Sicht kann er in seiner Familie verschiedene psychische Probleme identifizieren. Er glaubt, dass seine Geschwister Hilfe brauchen und ist absolut für sie da. Doch er ist nicht vollständig davon überzeugt, dass sie alle wahrhafte Begegnungen mit dem Übernatürlichen hatten. Der Zuschauer ist aber schnell anderer Meinung, wenn man daran teilhaben darf, was sich nachts im Zimmer der Zwillinge abspielt, wenn die Geister aus ihren Verstecken kommen. Kann das denn noch Einbildung sein?

Wer mit seinen Adleraugen am Bildschirm klebt, wird schnell die Existenz von Geistererscheinungen anerkennen. Ein zweiter Blick lohnt sich auf so manche Szene, denn im Hintergrund und an den Rändern der Wahrnehmung sind einige Dinge versteckt. Man nehme nur den Moment, in dem Theo die geheime Falltür in der Küche findet. Das Mädchen ist in der rechten Bildecke beschäftigt, aber wer den Blick schweifen lässt, wird vorne links die blasse Hand bemerken und erkennen, dass eine Frau hinter der Tür steht (Episode 3 „Berührung“, 29. Minute).

Horrorfilme sind in den letzten Jahrzehnten immer lauter geworden. Ein Jumpscare mit großem Getöse soll das Publikum wachrütteln. In Spuk in Hill House gibt es auch so einige Momente, in denen unerwartete Dinge sehr plötzlich passieren. Doch vieles spielt sich mit Ruhe ab und Flanagan muss nicht schon eine Minute vorher alles mit einer ominösen Kamerafahrt und bedrohlicher Musik ankündigen. Das macht die Gruselatmosphäre sehr effektiv.

Überzeugende Darsteller

Die Schauspieler liefern durch die Bank weg eine großartige Leistung ab. Abgesehen von Mutter Olivia sind alle Rollen doppelt besetzt und die Zuordnung fällt leicht. Bereits die Kinder machen einen guten Job den Charakteren Leben einzuhauchen. Wenn der kleine Luke eine bedrohliche Begegnung im Keller hat, die allerfeinstes Horrorkino ist, wird klar, wie der erwachsene Luke in den Strudel der Drogensucht geraten konnte. Drehbuch und Schauspieler zeichnen schnell ein greifbares mehrschichtiges Bild. Regisseur Flanagan hat beim Casting seine Hand im Spiel, denn er arbeitet immer wieder gern erneut mit Leuten die er kennt. Allen voran Ehefrau Kate Siegel, die als erwachsene Theo einige der eindringlichsten Szenen bekommt. In Das Spiel ist sie bereits an der Seite von Henry Thomas und Carla Gugino zu sehen, wenn die Familienverhältnisse dort auch anders gemischt sind. Elizabeth Reaser und Lulu Wilson porträtieren beide Shirley Crain, spielten in Ouija: Ursprung des Bösen zuvor Mutter und Tochter. Die Chemie unter den Darstellern stimmt einfach, egal in welcher Zeitebene, und man nimmt ihnen die Gefühle als Familie ab. Robert Longstreet und Annabeth Gish runden das Ensemble als Mr. und Mrs. Dudley ab. Wie im Roman kümmern die beiden sich um Hill House, weigern sich aber strikt es nach Einbruch der Dunkelheit zu betreten. Auch sie bekommen etwas mehr Tiefgang und Fans müssen nicht auf das ikonische “in the night, in the dark” von Mrs. Dudley verzichten. Wer kann anfangs ahnen, dass die zwei eine Tochter haben? Wenn Luke von Abigail spricht, denkt Steven sie sei imaginär und als Zuschauer nimmt man eher an, sie sei ein Geist.

Ich bin ein großer Fan von Shirley Jacksons Roman und immer wieder erfreut, wenn es eine neue Adaption gibt. Das Hörspiel der Reihe Gruselkabinett kann ich auch wärmstens empfehlen. Die Idee, eine ganze Serie daraus zu machen, erschien mir zunächst etwas verrückt und zu lesen, wie viele Änderungen vorgenommen wurden, machte mich nur noch skeptischer. Aber Mike Flanagan hat mich mit seinen Filmen wie Oculus oder der Stephen King Adaption Das Spiel schon davon überzeugt, dass er es versteht subtilen Horror und emotionale Problembewältigung gekonnt zu verbinden. Spuk in Hill House ist eine Glanzleistung, die mich nahezu von Minute eins an packen konnte. Ich sehe noch viele schöne Details, die auf den Roman verweisen, aber als Familiendrama mit übernatürlichen Elementen ist hier etwas wirklich Eigenes entstanden, das dem Genre einen neuen Höhepunkt verleiht. Es sind vor allem die kleinen Dinge, die mich zwischendurch stutzig machten und die am Ende alle Sinn ergeben, wegen denen ich überhaupt nicht dran dachte eine Pause einzulegen. Mich wunderte es, dass Luke ein Baumhaus haben sollte. Vor allem da Olivia noch drüber lachte, als wäre es Einbildung. Wenn die Crains so viel arbeiten müssen, kann da doch kein Baumhaus sein. Und all die Male, die Mrs. Dudley stutzig nachfragte in welchem Raum eines der Kinder etwas gefunden habe – natürlich ist das alles der Rote Raum! Dann dieser Moment aus Episode eins, in dem Nell und Shirley einen Schlüssel probieren, und die Szenerie endet mit einem bedrohlichen Schatten. Aber es stellt sich heraus, dass dieser Schatten einfach nur Theo ist, die wiederum von der gerüttelten Klinke verunsichert war. Fabelhaft erzählt.  Mein Liebling unter den fünf Geschwistern ist klar Theo. Mit ihrem Angstlevel zählt sie genau zu den Charakteren, die mich immer faszinieren. Ihre Isolation sowie die mediale Begabung faszinieren mich. Aber ich kann ihnen allen etwas abgewinnen und finde es gut, dass jeder seine eigene Geschichte präsentieren darf. Geister sind nicht übernatürliche Erscheinungen, sie sind Schuldgefühle, falsche Entscheidungen, nie bewältigte Trauer und die Unsicherheit um den eigenen Platz in der Welt. Spuk in Hill House ist emotionaler Grusel mit hoher erzählerischer Qualität. Shirley Jackson kann sich freuen, dass ihre Figuren und Ideen eine neue Ebene erreicht haben.

© Netflix

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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