Vanilla Fiction

Lesezeit: 7 Minuten

Ist es möglich, einer Geschichte ein glückliches Ende zu verleihen, wenn man nur negative Gedanken besitzt und allen Menschen ein Bad End wünscht? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Manga Vanilla Fiction von Megumi Osuga. Mystery, Horror, einfallsreiche Geschichten und überraschende Wendungen – all das vereint der achtbändige Psychothriller in sich, der zwischen 2014 und 2017 von Egmont Manga veröffentlicht wurde. Die Geschichte lässt den Leser spüren, was es heißt, jemandem ausgeliefert zu sein, der einen wie eine Marionette benutzt. Doch es stellt sich eine Frage: Wartet hier ein Happy End?

       

Bestsellerautor Shinobu Sato ist bekannt durch seine tragischen und immer grausam endenden Romane. Momentan ist er mit diesen Geschichten noch erfolgreich, doch sein Verleger warnt ihn davor, dass die deprimierenden Stories die Leser bald langweilen werden. Sato wird dazu verpflichtet, ein Buch mit Happy End zu schreiben. Doch wie soll er ein gutes Ende schreiben, wenn er stets vom Schlimmsten ausgeht und sich für jede Person, die ihm begegnet, ein grausames Leben ausdenkt? Auf dem Heimweg fällt ihm ein Schlüsselanhänger auf den Kopf und als Sato nach oben blickt, sieht er ein Mädchen, das auf dem Fenstersims sitzt. Der Autor beschließt etwas Gutes zu tun und ihm den Anhänger wieder zu bringen. Dadurch gerät er in eine heikle Situation, die ihn beinahe das Leben kostet. Er wird Zeuge eines Mordes, schafft es dennoch zu entkommen und stößt auf einen blonden Mann namens Dazai. Dieser weist Sato darauf hin, dass er ab sofort für das kleine Mädchen Elie verantwortlich ist. Sato soll ihr zur Seite stehen, da ansonsten die Welt unterzugehen droht …

Ein Keks auf Leben und Tod

Die Geschichte rund um das kleine Mädchen erinnert an einen von Shinobu Sato veröffentlichten Roman, in dem die Welt am Abgrund steht. Zunächst möchte der Autor nichts von der kleinen, teilnahmslosen Elie wissen und fast schon vor ihr weglaufen. Darauf mischt sich Osamu Dazai ein und bringt den Autor dazu, sich um Elie zu kümmern, auch wenn es ihm seiner Aussage nach egal ist, was aus dem Mädchen wird. Trotz dieser grausamen Worte bringt Dazai Sato dazu, sich Elie anzunehmen, auch wenn sie zunächst im Keller schlafen wird. Jedoch erfährt sie immer noch bessere Behandlung als von den Männern zuvor, denn sie wird nicht geschlagen und fühlt sich dadurch bei Sato wohl. Viele Situationen überfordern ihn psychisch, wie etwa die schrecklichen Bilder des Mordes. Dadurch findet er keine Ruhe, obwohl er in seinen Romanen ständig solche Szenen beschreibt. Dazai erklärt ihm, dass er nun Teilnehmer an einem Spiel sei, einem Wettkampf um Leben und Tod. Um zu siegen, muss Sato mit Elie auf einer Insel einen Keks essen. Einfacher gesagt, als getan! Denn es gibt noch andere Mitspieler, denen jedes Mittel recht ist, um die Spielfigur Elie in ihren Besitz zu bekommen und die Mitspieler auszuschalten. Der Protagonist Sato möchte zu Beginn um alles in der Welt aus diesem bizarren Spiel entkomme. Bis er bemerkt, dass ihm Elie etwas bedeutet und er ein Lächeln auf ihrem anfangs ausdruckslosen Gesichts sehen will.

Antworten für die Zukunft

Originaltitel Vanilla Fiction
Jahr 2012 – 2016
Bände 8
Genre Thriller
Autor Megumi Osuga
Verlag Egmont Manga (2014 – 2017)

Bereits nach dem Auftaktband sind viele Fragen offen: Warum wurde der pessimistische Sato ausgewählt, um die Welt zu retten? Warum gibt es so viele Ähnlichkeiten zu einem seiner Romane? Ist es wahr, dass das Ende der Welt bevorsteht oder erlaubt sich da nur jemand einen Scherz? Viel mehr Fragen werden den Lesern aufgetragen und zunächst nicht beantwortet. Dies alles sorgt dafür, dass der Spannungsbogen durchweg gehalten wird. Trotz seiner düsteren und psychisch überforderten Persönlichkeit ist Sato ein interessanter Typ, den man näher kennenlernen will. Während den folgenden Kämpfen beginnt Sato immer wieder zu schnipsen. Mit diesem Zeichen versetzt er sich in die Welt seiner Bücher und wird selbst zum Hauptcharakter. Diese Denkweise, zumal er sich mit Mördern auskennt, hilft ihm aus brenzligen Situationen herauszukommen. Durch viele Ereignisse entwickelt sich der Schriftsteller allerdings weiter und er denkt immer mehr über eine mögliche Zukunft nach.  Ein Leben, in dem er sich um Elie kümmern kann, wenn das alles vorbei ist und wie er es schaffen kann, ein besserer Mensch zu werden.

Eine Spielfigur

Die kleine Elie hatte es in ihrem bisherigen Leben nicht sehr leicht. Sie wuchs in einem Heim auf und wurde von Dazai und einem weiteren Mann adoptiert. Doch sie hatten keine guten Absichten, denn ihre Adoptivtochter ist seitdem die Trophäe eines Spiels. Wer mit ihr die Aufgabe auf einer Insel einen Keks zu essen erfüllt, der gewinnt. Doch sie wird nicht gerade gut behandelt. Vor Sato hatte sie bereits mehrere Partner, die nicht freundlich mit ihr umgingen. So erklärt sich auch ihr zurückgezogenes Verhalten ohne Minenverzug und ohne Widerrede. Sato ist der erste, der ihr etwas zu essen und frische Kleidung gibt und deswegen macht sie es sich zur Aufgabe, ihn zu beschützen. Wie wohl sie sich fühlt, wird deutlich als Sato die weinende Elie in der Nacht in den Arm nimmt, um ihr Halt und Geborgenheit zu schenken. Voller Dankbarkeit beginnt sie zu lächeln und gibt so auch Sato ein Gefühl, dass er noch nicht häufig erlebt hat.

Papier oder Realität

Shinobu Satos Verhalten nach zu urteilen, handelt es sich bei ihm um einen Psychopathen. Sein Vorgehen orientiert sich allerdings auch an seinen Büchern. Eine heftige Reaktion zeigt sich im ersten Band nach einem unglücklichen Unfall. In Satos Haus stürzt Dazai nach einem Streit von der Empore und verletzt sich tödlich. Obwohl Sato nicht Schuld an dem Tod trägt, möchte er dies vertuschen. Trotz Schwierigkeiten nimmt er sich ein Beispiel an seinem Romancharakter, der eine Leiche zerstückelt und im Gefrierschrank verstaut. Allerdings ist das Schreiben etwas anderes, als so eine Tat in der Realität umzusetzen. Seine Tat verfolgt ihn vor allem, wenn er die Augen schließt. Seine psychische Instabilität geht sogar so weit, dass das Leben für ihn  keinen Sinn mehr ergibt. Und dann tritt das Horror-Genre in Kraft. Dazai, der Mann, der zuvor verstorben ist und zerstückelt wurde, ist wieder da, zwar noch mit Narben aber an einem Stück. Wie kann das sein? Die Spannung durch das Übernatürliche ist hoch.

Gegenspieler

Es wäre auch zu einfach, gleich ans Ziel zu gelangen. Deswegen taucht ein Gegenspieler auf, der Elie schnell in seine Gewalt bekommt. Da es sich bei Yukihiko Mariyama um einen Polizisten handelt, hat er es durch eine landesweite Fahndung nach Sato, einfacher sie zu finden. Schwerer ist es für Dazai und Sato, sich unauffällig auf die Suche nach Elie zu begeben. Vertrauensaufbau zu dem Polizisten fällt enorm schwer. Gewalttätigkeit, Aggression (auch Kollegen gegenüber) und das Verlangen, immer wieder jemanden aus Freude zu verprügeln verdeutlichen die psychischen Auffälligkeiten. Hatte Sato zu Beginn noch große Angst vor Mariyama, nimmt er sich im Lauf der Geschichte zusammen, stellt sich ihm entgegen und sagt ihm bewusst den Kampf an. Sato dreht den Spieß um und täuscht der Öffentlichkeit vor, nicht mehr der Autor, sondern der Mörder zu sein. Er entführt Dorajie, den Sohn des Polizisten, und so tritt der Thriller in die nächste Runde, die auf einen spannenden Showdown hindeutet.

Glaubwürdige Umsetzung

Dass man Mangas nicht nach ihren Covern beurteilen sollte, zeigt Vanilla Fiction deutlich. Band 1 bildet  Shinobu Sato und Elie ab. Ein kurzer Blick darauf erweckt aufgrund den abgebildeten Blumen den Eindruck einer Art Liebesgeschichte. Wie sehr man sich doch täuschen kann. Megumi Osuga führt die Handlung mit einem angenehmen Zeichenstil zusammen. Besonders Actionszenen, in denen es häufig zu Gewalttaten kommt, sind sehr detailreich und dynamisch. Zudem findet keine Zensur statt, blutige Szenen mit zum Teil schweren Verletzungen sind garantiert. Auf horrormäßige Zeichnungen wird ebenfalls nicht verzichtet, wodurch die Altersempfehlung ab 16 Jahren gerechtfertigt ist. Was die Geschichte noch spannender macht, sind die Dialoge. Besonders wie ein Roman gehaltenen Seiten heben die Handlung noch mehr an. Shinobu Sato zeigt hierin, was für ein begabter Schriftsteller in ihm steckt und sorgt dafür, dass die Leser dies auch nicht vergessen. In jedem Band gibt es Doppelseiten, die ohne Bilder auskommen, Sato sich ein verdientes Ende für seine Gegner ausdenkt und dieses entsprechend in seinem Kopf als Roman niederschreibt. Für einen Manga ist diese Erzählart etwas anderes als üblich, obendrein ist die Idee eines Autors, der für seinen Hauptcharakter Romanseiten entwirft, passend.

Fazit

Horror-Mangas wie Vanilla Fiction mit blutigen und brutalen Szenen gehören eigentlich nicht zu den Titeln, die ich gerne lese. Ich muss auch sagen, dass ich mich bei einigen Stellen schwergetan habe, zum Beispiel als Sato Dazai in der Badewanne zerstückelt . Dank der kleinen Elie sowie Sato konnte ich jedoch dran bleiben. Elie tut mir einfach nur leid bei allem, was sie erleben musste. Und Sato ist unschuldig und dafür, dass er für gar nichts etwas kann, wird ihm so viel in die Schuhe geschoben. Am Anfang wirkt er so unsympathisch, weil er eben nur negativ denkt, aber er verändert sich im Lauf der Handlung und wird dadurch ein sympathischer Mann, dem man ein Happy End gemeinsam mit Elie gönnen würde. Yukihiko Mariyama wird als verrückter Psychopath vorgestellt. Er ist auch alles andere als norma und wenn man einen Einblick in seine Vergangenheit bekommt, versteht man sein Verhalten ein bisschen besser. Ich habe ihn richtig gerne gewonnen, nach man seinen Sohn kennenlernt. Er liebt Dorajie über alles und möchte die Welt retten, um seinem Sohn eine Zukunft zu geben. Deshalb möchte er mit Elie einen Keks essen.

© Egmont Manga

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