The Boy Behind the Door

Freundschaft ist … wenn dein bester Freund und du gekidnappt werdet und du todesmutig ins Haus des Entführers rennst, anstatt draußen irgendwo Hilfe zu holen. So oder so ähnlich lässt sich die Prämisse von The Boy Behind the Door wahlweise zusammenfassen oder auch beschönigen. Der knallharte Entführungsthriller von David Charbonier und Justin Powell (The Djinn) geht unter die Haut und lässt sein Publikum daran teilhaben, wie zwei minderjährige Jungen in einem dunklen Haus aus den Fängen ihrer Kidnapper zu entkommen versuchen. Ein echter Nägelbeißer, der einen Haken nach dem anderen schlägt und damit wie geschaffen ist, um Zuschauer:innen auf dem Fantasy Filmfest 2021 bei Laune zu halten.

 

Bobby (Lonnie Chavis) und Kevin (Ezra Dewey) sind beste Freunde. Beide planen den Nachmittag mit Baseball zu verbringen, doch dann kommt alles anders und die beiden Jungen werden von einer unbekannten Person betäubt und entführt. Als sie wieder zu sich kommen, befinden sie sich im Kofferraum eines Autos, das in der Garage eines einsamen Hauses abgestellt wurde. Bobby kann sich befreien, doch sein Freund Kevin ist irgendwo in dem großen Gebäude. Todesmutig entscheidet Bobby sich, Kevin zu suchen und schleicht durch die dunklen Zimmer und endlosen Korridore …

Samthandschuhe zu Hause gelassen

Originaltitel The Boy Behind the Door
Jahr 2020
Land USA
Genre Thriller, Horror
Regie David Charbonier, Justin Powell
Cast
Bobby: Lonnie Chavis
Kevin: Ezra Dewey
Ms. Burton: Kristin Bauer van Straten
Officer Steward: Scott Michael Foster
Creep: Micah A. Hauptman
Laufzeit 88 Minuten
FSK unbekannt
Titel im Programm des Fantasy Filmfest 2021

Das Regie-Duo Charbonier-Powell ließ sich nach eigenen Aussagen für seinen düsteren Thriller von Stephen Kings The Shining und Die Goonies inspirieren. Deutliche Anleihen lassen sich aber auch in Wes Cravens Haus der Vergessenen und einem anderen modernen Horror-Thriller finden: Fede Alvarez’ Don’t Breathe. Insbesondere letzterer macht ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel zum Gegenstand, das sich beinahe ausschließlich in einem Haus bei Nacht abspielt und zwei Parteien mit unterschiedlich gelagerten Stärken und Schwächen aufeinander loslässt. Das trifft im Wesentlichen auch den Kern von The Boy Behind the Door, wo auf der einen Seite zwei (nicht auf den Kopf gefallene) Kinder stehen, auf der anderen Seite abgebrühte Entführer, über die an dieser Stelle aus Spoiler-Gründen nicht zu viel verraten werden möchte. Dass die Protagonisten Kinder sind, spielt übrigens in Sachen Gewaltpegel keinerlei Rolle. Das bedarf auch eines Disclaimers: Gewalt an Kindern wird nicht wie so häufig einfach ausgespart, auch wenn sich die schweren Geschosse alle im Off abspielen. Der Mut, dieses filmische Tabu zu erzählen, fällt angenehm auf und auch auf klassisches Jump-Scare-Gepolter wird verzichtet. Zwei Facetten, die dem Film positiv angerechnet werden dürfen

Thriller-Sause mit schlampigem Unterbau

Für die Exposition nimmt sich The Boy Behind the Door keine Zeit. Nach der raschen Entführung geht es in der nächsten Szene auch schon in der Höhle des Löwen weiter. Nimmt man es genau, möchten 88 Minuten Spielzeit ausgefüllt werden. Ein frühzeitiges Versagen eines der beiden Jungen würde zu einem schnellen Tod und damit einem vorzeitigen Filmende führen. Also liegt auf der Hand, dass das Drehbuch allerlei Einfälle parat hat, um die Machtverhältnisse immer wieder zu kippen. Das Ziel: die Spannung kontinuierlich aufrecht erhalten. Das gelingt zu weiten Teilen auch. Über fehlenden Realismus kann man leicht hinwegsehen: So oder so hätte sich eine solche Situation in der Realität niemals auf diese Weise zugetragen. Das ist Fiktion, das kann man einfach so hinnehmen. Ärgerlich sind aber die wüsten Schlampereien, die sich das Drehbuch erlaubt und dabei eine innere Filmlogik vernachlässigt. Während manche Entscheidungen noch lapidar mit einem “Das sind eben Kinder” weggebügelt werden können, ist es an anderer Stelle haarsträubend. Da werden Szenen angestoßen, die kurz darauf keine Rolle mehr im Gesamtgefüge einnehmen, und physikalische Kausalitäten finden nur dann Beachtung, wenn sie der Szene gerade dienlich sind. Mal funktioniert so ein Stromschlag und mal eben nicht. Immer so, wie die Szene es gerne hätte. Und dass Waffen dann liegen bleiben, wenn sie einem gerade … das Leben retten könnten, davon fangen wir besser gar nicht erst an!

Fazit

The Boy Behind the Door ist astrein inszeniert, hält sein Publikum mit Twists bei Laune und darf zwei grandiose Kinderdarsteller vorweisen. Alles Faktoren, die den Film zu einem kurzweiligen Sehvergnügen machen. Dem gegenüber steht am Ende nur das Drehbuch, dem es an Sauberkeit und Raffinesse mangelt. Mitdenkende werden sich an den vielen Logikfehlern und Patzern stören, für einfach Thriller-Unterhaltung reicht es aber allemal. Am Ende scheiden sich die Geister also: Unterhaltungsfaktor oder Anspruch? Je nach persönlicher Ausprägung kann The Boy Behind the Door also entweder gut unterhalten oder aber verärgern.

© Lighthouse Entertainment

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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