The Black Phone

Klingelt das Telefon, wandert unsere Hand automatisch zum Hörer. Was aber, wenn eigentlich niemand anrufen kann, weil hier eine tote Leitung vorliegt? Für einen Jungen in The Black Phone gestalten sich seltsamen Anrufe jedoch als lebensnotwendig, denn in einem schallisolierten, verschlossenen Keller eines Entführers nutzt er jeden noch so rettenden Strohhalm. Selbst wenn dieser ins Totenreich führt! Basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte aus der Horror-Sammlung Black Box des Autors Joe Hill (Locke & Key) setzt uns Scott Derrickson (Doctor Strange) in einer Doppelrolle als Regisseur und Drehbuchschreiber seit dem 23. Juni 2022 in eben jenen Raum im Kino fest. Wir saßen die vollen 104 Minuten, aber nagten wir vor Spannung unsere Fingernägel ab oder wollten wir vor Langeweile am liebsten mit den Leuten in der Außenwelt Kontakt aufnehmen? Lest es in der nachfolgenden Besprechung.

 

Der Ort North Denver in Colorado wird im Jahre 1978 von einem Kindesentführer (Ethan Hawke, The Northman) terrorisiert. Für den Jungen Finney Shaw (Mason Thames) und seine jüngere Schwester Gwen (Madeleine McGraw) stellt sich viel mehr ihr gewalttätiger, alkoholabhängig Vater als tägliches Problem dar. Außerdem erwartet den schlauen Jungen zusätzlich Mobbing in der Schule. Immerhin dabei hilft ihm sein bester Kumpel Robin (Miguel Cazarez Mora), der ein paar schlagkräftige Argumente besitzt. Als der von der Gesellschaft als „Der Greifer“ betitelte Entführer als nächstes eben diesen Jungen auswählt, rückt das Grauen immer näher, bis es schließlich Finney erreicht. Ein als Zauberer verkleideter Mann betäubt ihn, zerrt ihn in seinen Lieferwagen und als er erwacht, sitzt er in einem dunklen, schalldichten Keller. In der Stille des Raumes beginnt allerdings das kaputte Telefon an der Wand zu klingeln.

Wenn das Grauen täglich grüßt

Originaltitel The Black Phone
Jahr 2022
Land USA
Genre Horror, Thriller
Regie Scott Derrickson
Cast Der Greifer: Ethan Hawke
Finney Shaw: Mason Thames
Gwen Shaw: Madeleine McGraw
Mr. Shaw: Jeremy Davies
Laufzeit 104 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 23. Juni 2022

Bevor der arme Finney im unansehnlichen Keller alles unternimmt, um wieder ans Tageslicht zu kommen, nimmt The Black Phone zu Beginn einige Zeit in die Hand und bringt uns seinen Alltag näher. Ob es die Leidenschaft für die Raumfahrt, seine Pitcher-Qualitäten beim Baseball oder seine traurigen Familienumstände sind – in einem angenehmen Tempo lernen wir den sympathischen Jungen kennen. Vor allem die Einblicke in die familiären vier Wände stellen sich als wichtig heraus. Wie sonst könnte unser junger Held immer wieder die Ruhe bewahren, wenn er seinem Entführer direkt gegenüber steht, wo er zudem auch unter dem Dach eines anderen Monsters haust. Derrickson beweist ein Händchen dafür, alle wichtigen Elemente perfekt in einen Zauberhut zu packen, denn neben der Vorstellung und Wandlung seines Helden sind es die vielen kleinen Dinge, die dazu führen, die Geschichte am Ende als rund zu empfinden.

Nicht auflegen!

Sitzt der arme Finney nämlich in seinem dunklen Loch, beginnt die Spannungskurve gewaltig nach oben zu wandern. Gerade wenn das Telefon seine ersten Lebenszeichen von sich gibt! Hier kommen dann endlich Fans des übernatürlichen Grusels so richtig auf ihre Kosten, denn die Anrufer auf der anderen Seite sind die vorherigen Opfer des Greifers, die eben nun Finney mit hilfreichen Tipps unter die Arme greifen. Keiner der Ratschläge ist jedoch perfekt. Der Protagonist muss deswegen immer wieder seinen eigenen Kopf anstrengen und ganz ehrlich: MacGyver würde mehrfach anerkennend nicken. Langeweile? Davon ist hier wahrlich keine Spur, denn mit jedem weiteren Versuch verändert sich die Lage und keiner weiß, wie viel Zeit dem Gefangen noch bleibt, bis sein Entführer zum finalen Schlag ausholt.

Auf den ganzen Körper kommt es an

Dass The Black Phones Kammerspiel so richtig funktioniert, liegt an den herausragenden schauspielerischen Leistungen seiner zwei Kontrahenten. Dabei steht Ethan Hawke als namenloser Psychopath vor einer schweren Aufgabe, da unterschiedliche Masken immer einen Teil seines Gesichtes verdecken. Doch wozu nur das Gesicht nutzten? Hawke holt mit seinem kompletten Körper alles heraus, um ebenso die Anspannungen des Mörders zu vermitteln. Als intensiv lässt sich wirklich jede Szenen mit ihm bezeichnen. Vor allem jene, die ihn mit nacktem Oberkörper, dem Gürtel in der Hand, auf seinen bösen Jungen wartend zeigen. Dass diese Szenen das Blut in den Adern gefrieren lassen, liegt zusätzlich an der hervorragenden Arbeit des Kameramanns Brett Jutkiewicz (Men Go to Battle). Dank passender Winkel, Zooms und auch dem Lichteinfall entstehen wirksame Schauermomente, ganz ohne Übernatürliches. Dabei hilft der stimmungsvolle Soundtrack von Mark Korven Musik (Der Leuchtturm).

Der Zauberer mit der Maske

Was die ikonischen Masken angeht, so stellen diese nicht nur einen Blickfang dar, sondern bilden auch einen Spielraum für Interpretationen der verschiedenen Stimmungslagen der kranken Seelen. Niemand geringeres als der berühmte Maskenbildner Tom Savini (Freitag der 13.) durfte sich austoben. Kein magisches Wunder, wenn bei der nächsten Halloweenparty ein paar Greifer unterwegs sind, denn der Rest des Magier-Outfits des Täters stellt sich als einfach, aber passend heraus. Und liegt nicht auch etwas Pennywise-Feeling in der Luft bei den schwarzen Ballons? Passend, denn schließlich fühlt sich die ganze Geschichte leicht an die Werke des Horrorkönigs Stephen King angelehnt, was nicht verwundert, da Joe Hill sein Sohn ist und vom Meister persönlich lernte, diesen aber nicht komplett kopiert.

Welche Gruselshow erwartet einen?

Wer literweise Blut und Ekel erwartet, findet keine Freude bei The Black Phone. Wobei der Lebenssaft im großen packenden Finale fließt, worüber wir aber schweigen und nur verraten, dass es einen würdigen Abschluss liefert. Ein Zauberer verrät ja auch nicht seine Tricks! Viel eher setzt der Film auf gut getimte Jump-Scares und eben die gruseligen Anrufe der Toten, die passenderweise auch im Kellerloch erscheinen und das natürlich nicht in ihrer Kirchenkleidung . Zusätzlich begleiten wir Schwester Gwen durch ihre übernatürlichen Träume. Eine Gabe, die sie von ihrer Mutter erbte und nun dazu nutzt, ihren Bruder zu finden. Ihre verzweifelte Suche nimmt dabei einen weiteren spannenden, emotionalen Handlungsstrang ein, denn durch ihr freches Mundwerk und ihre taffe Art stellt sie sich nicht nur ihrem labilen Vater gegenüber, sondern auch allen anderen Widrigkeiten, wodurch sie Sympathien einheimst.

Fazit

Dank eines gefühlvoll aufeinander abgestimmten Anfangs, der das Leben seiner Hauptfiguren und dessen Wesen näherbringt, packt einen der Entführungsfall des Jungen Finney umso mehr und lässt einen erst wieder nach dem letzten Showdown los. Dabei überrascht The Black Phone damit, dass wirklich alles am Ende einen Sinn ergibt. Doch bis dahin heißt es gute Nerven bewahren, denn der steigende Nervenkitzel greift nach uns, wie unsere Hände nach dem Hörerzeichen. Durch die hervorragenden Leistungen der Schauspielenden bietet sich wahrlich ein toller Sehgenuss. Diesen untermalen die tollen Szenenbilder und die stimmungsvolle Musik sowie im Besonderen die Masken des Entführers einen Weg finden, dem Thriller eine eigene starke Note zu verleihen. Eine Anlehnung an die Geschichten des Meisters des Horrors Stephen King findet sich, aber diese Hommage fühlt sich dabei richtig an.

© Universal Pictures Germany

Aki

Aki verdient ihre Brötchen mit dem Buchverleihen und Wiedereintreiben und geht nie aus dem Haus ohne eine Kopfbedeckung. Wurde von ihren Eltern von klein auf zu einem Filmjunkie erzogen, liebt mittlerweile aber viele Formen des Geschichtenerzählens. Zu ihren anderen Hobbies gehören die Fotografie und das Zeichnen, egal ob auf Papier oder Leinwand. Sie besitzt eine ansehnliche Sammlung an Fuchsmerchandise und hat ihr Herz seit dem Lesen des Mangas "Kenshin" an Samurais verloren.

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