Sonic the Hedgehog

Aus Marketingsicht sind Game-Verfilmungen Segen und Fluch zugleich. Während eine in der Regel breite Fanbase für Mund-zu-Mund-Propaganda sorgt, sorgen schon die ersten Bild oder Teaser Ansprüche und Unkenrufe. Im Falle von Sonic the Hedgehog sorgte der erste Trailer für einen regelrechten Shitstorm, denn das Design des blauen SEGA-Maskottchens fiel beim Publikum durch. Regisseur Jeff Fowler (Wo die wilden Kerle wohnen) schickte den Igel daraufhin prompt zurück in die Produktion zur Überarbeitung. Es folgte ein Dankeschön auf Twitter mit dem Hinweis, das Feedback der Fans ernst zu nehmen – mit einem sensationellen Ergebnis. Der fertige Film überzeugte nicht nur die Kritiker, sondern auch die Kinozuschauer. Mit einem Einspielergebnis von 307 Mio. US-Dollar zu Produktionskosten von 85 Mio. US-Dollar darf Sonic the Hedgehog gemeinhin nur noch Erfolg genannt werden. Das grüne Licht für einen zweiten Teil wurde schon gegeben, nun darf Sonic erst einmal ab dem 25. Juni 2020 die Zuschauer von zu Hause aus erfreuen.

 

Sonic ist ein hyperaktiver blauer Igel, der obendrein blitzschnell ist. In seiner Welt wurde er aufgrund seiner Fähigkeiten von bösen Ameisenigeln gejagt, doch die Eule Longclaw öffnete ihm das Portal zur Erde. Immer wieder beobachtete er dort den Sheriff Tom (James Marsden, Cyclops in X-Men), dessen hilfsbereite Art Sonic imponiert. Eigentlich wäre Tom der perfekte Kumpel für Sonic. Dieser Wunsch wird ihm bald erfüllt. Denn als Sonic durch seine irrsinnige Geschwindigkeit einen Stromausfall während eines Baseballspiels verursacht, heftet sich Dr. Ivo Robotnik (Jim Carrey, Kick-Ass 2) an seine Fersen. Sonics Fähigkeiten sind genau das, was der verrückte, mit ultramodernen technischen Gadgets ausgestattete Professor benötigt. Tom und Sonic bilden schon bald ein schlagkräftiges Team …

Die Zeit ist reif für Sonic

Originaltitel Sonic the Hedgehog
Jahr 2020
Land USA
Genre Action, Komödie
Regie Jeff Fowler
Cast
Sonic: Ben Schwartz / Julien Bam
Tom: James Marsden
Dr. Robotnik: Jim Carrey
Maddie: Tika Sumpter
Rachel: Natasha Rothwell
Wade: Adam Pally
Agent Stone: Lee Majdoub
Laufzeit 99 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 25. Juni 2020

Die Geschichte von Videospiel-Verfilmungen ist gepflastert mit überschätzten Projekten, Flops großer Marken und Peinlichkeiten, mit denen heute niemand mehr in Verbindung gebracht werden möchte. Ein solches Beispiel ist die Super Mario Bros.-Verfilmung von 1993, die trotz der populären Figuren baden ging. Mittlerweile aber haben die Verantwortlichen erkannt, was Fans der entsprechenden Reihen wichtig ist. Mit Pokémon Meisterdetektiv Pikachu fuhr Warner Bros. einen echten Kassenknüller ein, sodass alle Zeichen günstig für weitere Titel dieser Art stehen. Sonic war zuletzt 2012 (gemeinsam mit Dr. Eggman) in Ralph Reichts in Form eines Cameo-Auftritts zu sehen. Sonic the Hedgehog soll nun aber rückwirkend ein neues Film-Franchise lostreten. Fragwürdig ist das Marketing des Films, das damit wirbt, dass Julien Bam Sonic spricht. Offensichtlich soll damit eine junge Zielgruppe angelockt werden, die eine Affinität für YouTube-Stars besitzt, zum Entstehungszeitpunkt Sonics, 1991, aber noch längst nicht auf der Welt war. Wer Anfang der 90er Sonic auf dem SEGA Mega Drive spielte, wird sich eher fragen: Julien wer?

Rasante Inszenierung für das Auge

Bereits 2013 sicherte sich Sony Pictures die Rechte an der Marke, vier Jahre ohne Ergebnis ging diese dann an Paramount weiter. Die hohen Produktionskosten stellten dabei ein Wagnis dar, das sich letztlich aber auszahlte. Die teure Computertechnik ist inzwischen ausgereift genug, um ein kleines Spektakel zu veranstalten. Die Integration des CGI-Igels in die reale Welt fällt völlig organisch aus und so können Sonic und Tom eine Freundschaft aufbauen, bei der man sich nicht ständig die Augen reiben muss, ob das nicht alles merkwürdig für Tom sein muss. In Sachen Animationskunst muss man lange suchen, um Sonic the Hedgehog irgendetwas ankreiden zu können. Hervorzuheben sind die Situationen, in denen Sonics Fähigkeiten zu sehen sind. Wenn er in einer Country-Bar eine Schlägerei anzettelt und sich die Kamera in Zeitlupe bewegt, um für die Zuschauer erlebbar zu machen, wie die Geschwindigkeit eigentlich für Sonic wahrgenommen wird, ist das großes Kino. Da werden angenehme Erinnerungen an die Auftritt von Quicksilver in X-Men: Zukunft ist Vergangenheit und X-Men: Apocalypse wach, der mit Tempo und Bewegung allerlei Schabernack anrichtete. Visuell ebenso gelungen ist das Finale, bei dem es gilt, den Endgegner in typischer Jump’n’Run-Manier zu besiegen: Natürlich, indem man ihm möglichst oft auf den Kopf springt, bevor er dann nicht etwa stirbt, sondern weit, weit weg verbannt wird.

Erzählerisches Grundgerüst aus der Konserve

Das große Problem der Figur Sonic liegt in den Spielen. Diese besitzen nach all den Spieltiteln, Animeserien, Cartoons und Comic-Reihen ein großes Problem: Weder hat sich jemand um den Aufbau einer Mythologie, noch um Kontinuität geschert. Jeder Titel steht für sich und Zuschauer zurecht vor einer großen Frage: Wer ist dieser Igel eigentlich und wofür steht er, abgesehen von Geschwindigkeit? Sonic kämpfte schon immer mit einer Identitätskrise, deren Lösung war, sich an das anzupassen, was gerade cool und gefragt war. Sonic the Hedgehog findet also nun ein großes Motiv, das für den blauen Igel steht: Flucht. Darum wurde die Geschichte geschrieben, deren Story-Plot ungefähr mit den Sonic-Spielen vergleichbar und demnach furchtbar simpel gehalten ist: Ringe finden, vom Bösewicht gejagt werden, den Spieß herumdrehen, fertig. Die Roadtrip-Geschichte wird daran angepasst, damit alles stimmig wirkt, aber sonst könnte Sonic ebenso der Li-La-Launebär oder eine andere Figur sein. Und das betrifft auch James Marsden, dessen Charakter Tom schablonenhaft liebenswert-naiv und devot angelegt ist.

Abziehbild eines x-beliebigen Bösewichts

Was mit der Handlung noch halbwegs klappt, geht leider mit dem Gegner, Dr. Robotnik, nach hinten los. Eine Figur, die den Wahnsinn eines jeden irren Erfinders oder Wissenschaftlers in jeder Kinderserie repräsentiert. Jim Carreys Darbietung stellt zwar nur eine milde Variante der Original-Figur dar, bleibt aber charakterlich und auch aus Humor-Sicht auf der Strecke. Ebenso wie bei Sonic hat man auch bei Jim Carrey das Gefühl, in der Zeit hängen geblieben zu sein. Seine Darbietung gleicht dem, was man in den 90ern bereits von ihm gesehen hat. Entweder man mag das oder findet es völlig überzogen. Wenn er in seinem mobilen Labor beginnt, ausladend zur Musik zu tanzen, ist das für ältere Zuschauer beinahe ein Grund zum Fremdschämen. Sonic the Hedgehog bietet immer wieder solche Momente, in denen berechtigterweise die Frage aufkommt, ob für das Drehbuch tatsächlich keine originelleren Gags gefunden werden konnten. Und über Furz-Witze lacht schon seit den 90ern niemand mehr. Trotzdem ist Jim Carreys Performance vermutlich die, die am wenigsten schnell vergessen wird.

Fazit

Wie immer rennt Sonic der Konkurrenz hinter, obwohl man meinen möchte, dass der blitzschnelle Igel doch eigentlich auf der Überholspur ist. Sonic the Hedgehog sieht extrem gut aus, macht Spaß und kann sich sehen lassen. Die Probleme liegen unter der Oberfläche und sind tief in der Historie verwurzelt: Sonic ist einfach kein Charakter, um den herum viel aufgebaut wurde und das trotz multimedialen Erzeugnissen. Dementsprechend erfüllt die generische Handlung des Film ihren Zweck, hinterlässt aber keinen großen Eindruck. Das alles soll nicht davon ablenken, dass der Film sein Soll erfüllt, Kurzweiligkeit und Spaß bietet und ganz nebenbei auch noch großartig aussieht. Nur halt kein Titel, der Maßstäbe setzt oder mehr aus dem herausholen kann, was eben vorhanden ist.

© Paramount Pictures


Seit dem 25. Juni 2020 im Handel erhältlich:

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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