Relic – Dunkles Vermächtnis

Egal, wohin man in der Filmgeschichte auch schaut: Haunted House Horror mit all seinen Spukhäusern, die zum Leben erweckt werden, ist allgegenwärtig. Dem noch eine neue Note hinzuzufügen, ist beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, so dicht besiedelt ist das Feld. Zu den populärsten Genre-Vertretern der jüngsten Vergangenheit gehört die Netfix-Serie Spuk in Hill House. Auf dem Sundance Filmfestival, wo Genrefilme eher Mangelware sind, feierte mit Relic – Das Vermächtnis ein Horrordrama seine Weltpremiere, welches man in dieser Form dort nicht unbedingt erwarten würde. Die junge Regisseurin Natalie Erika James präsentiert eine mit Metaphern aufgeladene Horrorgeschichte, welche mit einem wichtigen Thema zusammenhängt: Demenz. Nach seinem Auftritt auf dem Fantasy Filmfest 2020 kommt der ungewöhnliche Titel pünktlich zu Halloween am 30. Oktober 2020 in den Handel.

       

Kay (Emily Mortimer, Shutter Island) hat von den Nachbarn ihrer Mutter Edna (Robyn Nevin, Matrix Reloaded) erfahren, dass die alte Dame schon länger nicht mehr gesehen wurde. Gemeinsam mit ihrer Tochter Sam (Bella Heathcote, The Neon Demon) macht sie sich auf zu dem am Stadtrand liegenden Haus. Dieses finden sie verlassen vor. Dass an Fenstern und Türen neue Schlösser angebracht wurden, ist dabei die geringste Überraschung. Überall im Haus hat sich Schimmel gebildet und Edna hat an allen möglichen Stellen Erinnerungszettel angebracht, die teilweise besorgniserregend sind. Da Edna an Demenz erkrankt ist, liegt nahe, dass die Zettel mit ihrer Krankheit zusammenhängen. Wenig später taucht Edna wieder auf, allerdings ohne zu wissen, wo sie all die Zeit war. Während Kay und Sam noch darüber streiten, was mit der älteren Dame geschehen soll, bemerken sie, dass da noch etwas ganz anderes nicht stimmt …

Ein Genrefilm-Liebling von morgen?

Originaltitel Relic
Jahr 2020
Land Australien
Genre Drama, Horror
Regie Natalie Erika James
Cast Kay: Emily Mortimer
Edna: Robyn Nevin
Sam: Bella Heathcote
Laufzeit 89 Minuten
FSK
Veröffentlichung: 30. Oktober 2020

Zunächst einmal ist der Blick hinter die Kulissen von Relic – Das Vermächtnis ein spannender: Schauspieler Jake Gyllenhaal (Prisoners) sowie die Russo-Brüder Anthony und Joe (Avengers: Endgame) erkannten frühzeitig das Potenzial des Films und verhalfen ihm mit Investitionen zur Fertigstellung. Als der Film im Juli 2020 in den USA und Australien, dem Heimatland der Regisseurin, anlief, erspielte er eine halbe Million Dollar. Ein Zwischenergebnis mit Luft nach oben, aber als wirklicher Kassenmagnet ist die sperrige Geschichte auch gar nicht ausgerichtet. Im Gegenteil: Mit den deutlich erhöhten Drama-Anteilen ist Relic dafür gemacht, sich einen Platz im Herzen der Genre-Fans zu erspielen, die bereits die familiären und zwischenmenschlichen Bezüge in Der Babadook oder Hereditary – Das Vermächtnis (ob es ein Zufall ist, dass in beiden Fällen “Das Vermächtnis” den deutschen Titel begleitet?) lieben.

Was ist Realität? Was ist Erkrankung?

Lassen muss man The Relic, dass sich der Horror hier auf vielen Ebenen anbahnt, am wenigsten aber auf der sichtbaren. Es dominieren die psychologische Komponente und alles, was sich auf einer metaphorischen Ebene abspielt. Regisseurin James hat sich mit Demenz ein Thema vorgenommen, dem Menschen in hohem Alter verstärkt ausgesetzt sind und mit dem sich häufig deren erwachsene Kinder auseinandersetzen müssen. Ein schmerzhaftes Schicksal für alle Beteiligten und bereits in seiner Vorstellung ein wahrer Horror. Die Liste der Themen, die Relic behandelt, ist lang und entspringt nicht unbedingt dem Horror-Genre: Vertrautheit, Verlust, Einsamkeit, Fürsorge und Schmerz. Klassische Drama-Motive, die die familiäre Ebene des Films ausmachen. Hinzu kommt, dass die drei Protagonistinnen als drei unterschiedlichen Generationen kommen. Neben den vorprogrammierten Generationenkonflikten spielen deswegen die unterschiedlich ausgeprägten Bindungen zueinander eine wesentliche Rolle.

Saubere Inszenierung mit eindringlicher Allegorie

Ein Großteil der verstörenden Wirkung entspringt dem undurchsichtigen Schauspiel von Robyn Nevin: Ihre Figur Edna verhält sich merkwürdig. Mal extrem freundlich, mal völlig unnahbar und immer häufiger mit Verhaltenszügen, die an die Großeltern des Hits The Visit erinnern. Etwas stimmt mit der alten Dame nicht und genau das sorgt auch für den Zwist zwischen Kay und Sam, die ganz unterschiedlich mit der Erkrankung umgehen. Das Unheil schleicht sich regelrecht heran und bleibt lange Zeit subtil. Erst im letzten Drittel tritt James mächtig auf die Tube, verzichtet aber auf Jump-Scares und andere Mittel, die zum Zusammenzucken zwingen. Sie findet ästhetische Methoden und visuelle Komponenten, die den Horror transportieren. Etwa die dunklen Schimmelflecken, die sich durch den gesamten Titel ziehen. Auf bildsprachlicher Ebene wartet vieles darauf, entschlüsselt zu werden. Der Anspruch von Natalie Erika James, eine vielschichtige Story zu erzählen, wird dabei deutlicher herausgestellt als der Drang, die Zuschauer zu erschrecken. Deshalb wurde auch auf einen dauerhaft wabernden Score verzichtet.

Fazit

Relic – Das Vermächtnis ist in erster Linie ein Demenz-Drama, das im Horror-Genre angesiedelt ist. Das muss man sich vor Augen halten, denn hierbei handelt es sich um einen jener Filme, bei denen ausschlaggebend ist, wie stark sich die persönliche Erwartungshaltung und das Ergebnis decken. Aus diesem Grund ist der Titel auch für Anhänger gutgemachter Dramen überzeugen, die sich vor dem Horor-Genre nicht scheuen. Für hartgesottene Horror-Zuschauer ist der Film nur eine bedingte Empfehlung wert: Das gemächliche Tempo erweckt nicht den Eindruck, als wolle die Regisseurin nur allzu schnell voranschreiten. Und auch die Darstellung der offensichtlichen Horror-Elemente fallen wenig originell aus, sondern erinnern deutlich an asiatische Grusler wie Ringu oder Ju-On: Der Fluch.

© LEONINE


Seit dem 30. Oktober 2020 im Handel erhältlich: 

Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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