Matrix

1999 landete ein junges, aufstrebendes Regie-Duo mit seinem ersten großen Film einen ganz großen Hit. Matrix von Lilly und Lana Wachowski, damals noch Andy und Larry (Jupiter Ascending), die düstere Cyberpunk-Saga mit philosophischem Überbau und nie gesehenen Actionszenen zog die Massen in die Kinos und ließ ein Genre ganz neu aussehen. Leider kamen noch die Fortsetzungen Matrix Reloaded und Matrix Revolutions hinterher und so mancher Fan musste sich wieder schmerzhaft von seinem Objekt der Bewunderung lösen um sich einzugestehen, dass er bei allem Eye Candy den philosophisch-religiösen Kompliziertheiten der Wachowskis doch nicht durch drei Filme folgen mochte. Trotz des jähen Absturzes des zunächst so erfolgreichen Franchise kommt im Dezember 2021, mehr als 20 Jahre nach dem ersten Film, Matrix 4 (Regie: Lana Wachowski) in die Kinos. Zeit, mal einen Blick auf den Klassiker von 1999 zu werfen.

   

Thomas Anderson (Keanu Reeves, John Wick) geht tagsüber einem mausgrauen Bürojob nach, nachts ist er ein Hacker namens Neo und wird von einem undefinierbaren Unbehagen umgetrieben. Bis auf seinem Bildschirm die Nachricht “Folge dem weißen Kaninchen!” auftaucht, der mysteriöse Meisterhacker Trinity sich als Frau in schwarzem Leder (Carrie-Ann Moss, Der Geschmack von Schnee) herausstellt und Neo offenbar zwischen die Fronten eines Kriegs zwischen Geheimagenten und Rebellen mit coolen Sonnenbrillen geraten ist. Deren Anführer Morpheus (Laurence Fishburne, Apocalypse Now) stellt Neo vor die Wahl: in sein altes Leben zurückkehren oder die Wahrheit über die Matrix zu erfahren. Neo entscheidet sich für die Wahrheit und findet sich in einer mit Nährlösung gefüllte Blase wieder, aus der ihn Morpheus und seine Kameraden befreien und an Bord ihres U-Boots, der Nebukadnezar bringen. Denn die Wahrheit ist, dass in einem Krieg der Menschen gegen die Maschinen einst die Maschinen siegten und Menschen nun nach dem Prinzip der Kartoffelbatterie zur Energiegewinnung nutzen. Die Welt, wie wir sie kennen, ist eine Computersimulation, genannt die Matrix, die den dahinvegetierenden Menschen ein künstliches Leben vorgaukeln soll. Doch in den Ruinen der Zivilisation leben noch wenige Menschen in Freiheit und Neo ist der Auserwählte, der sie von der Herrschaft der Maschinen erlösen wird, denn er wird die Gabe haben, die Matrix rein durch Gedankenkraft zu kontrollieren. Trotz intensivem Kampftraining und Morpheus’ unerschütterlichen Glauben, ist Neo nicht so recht überzeugt, dass er für die Erlöserrolle taugt …

Philosophie, Religion und ein weißes Kaninchen

Originaltitel The Matrix
Jahr 1999
Land USA, Australien
Genre Science-Fiction
Regie Lana Wachowski, Lilly Wachowski
Cast Neo/Thomas Anderson: Keanu Reeves
Morpheus: Laurence Fishburne
Trinity: Carrie-Ann Moss
Agent Smith: Hugo Weaving
Agent Brown: Paul Goddard
Agent Jones: Robert Taylor
Das Orakel: Gloria Foster
Cypher: Joe Pantoliano
Tank: Marcus Chong
Switch: Belinda McClory
Laufzeit 136 Minuten
FSK
Im Handel erhältlich

Mit einer Anleihe aus Alice im Wunderland schwenkt der Film in sein Thema ein: Auf in eine andere Welt voller Wunder. Nur dass das unbekannte Wunderland sich als die Realität herausstellt und das, was Neo bisher für die Realität gehalten hat, als virtuelles Wunderland, in dem alles möglich ist, wenn man weiß, wie. Was einen ganzen Haufen philosophisches Gedankengut hinter sich herschleppt: Was kann der Mensch wissen und erkennen? Kann er verstehen, was Realität ist? Ist ein Mensch, der träumt, er sei ein Schmetterling, vielleicht ein Schmetterling, der träumt, er sein ein Mensch? Obendrauf gibt es eine ordentliche Schippe Religion: Wenn da eine Figur Trinity, also Dreifaltigkeit, heißt und ein Erlöser gesucht wird, der die Bewohner der Stadt Zion erretten soll, dann ist christliches Gedankengut nicht weit. Zum Glück ist Matrix trotz all der anfänglichen Rätsel und all dem intellektuellen Überbau im Grunde eine ganz schlichte Geschichte: ein Mensch wie du und ich muss die Welt retten. Dazu muss er eine Menge lernen und trainieren, innere Widerstände überwinden und und zu sich selbst und seiner Aufgabe finden. In einem anderen Universum muss Luke Skywalker das auch. So richtig kompliziert wird es erst später, wenn sich die Frage stellt, was der Auserwählte denn nun eigentlich tun soll. Aber das findet in den ungeliebten Folge-Filmen statt, der erste Teil hat noch das optimale Gleichgewicht von archetypischem Plot und jeder Menge Philosophie für Anfänger.

Grüße aus Ostasien

1999 konnten die Wachowskis eine Erfolgskarte ganz mühelos ausspielen, denn sie konnten Dinge als ganz neu und originell präsentieren, die es auf der anderen Seite des Erdballs schon gab. Nur wusste das westliche Publikum noch nichts davon. Es gab zwar eine vage Ahnung, dass in China und Japan spannende Dinge geschahen, aber die breite Masse hatte sich noch nicht sehr auf Manga und Anime eingeschossen um etwa Ghost in the Shell (Mamoru Oshii, Patlabor 1) zu kennen, wo auch eine akrobatische Kämpferin sich zwischen Hochhausfassaden in den Kampf stürzt und grüne Zeichenkolonnen über den Bildschirm huschen. Nur dass es bei Matrix Katakana, japanische Silbenzeichen sind und bei Ghost in the Shell arabische Zahlen. Und dass man in Hongkong Kampfkünstlern das Fliegen beibringen konnte, indem man sie in ein Geschirr aus Riemen und Drähten steckt und durch den Raum schweben lässt, war auch nur einem Nischenpublikum bekannt. Aber auch, wenn man das alles weiß, sieht Matrix damit immer noch großartig aus. Denn die Wachowskis setzen die fremden Federn, mit denen sie sich da schmücken, absolut gezielt und stilsicher ein.

Stil ist alles

Dieser Grünstich allenthalben. Diese langen schwarzen Mäntel aus Leder, Lack und Kroko. Nicht zu vergessen, diese Sonnenbrillen. Diese Kampfszenen, wo Rumballern zur schönen Kunst erhoben wird und die Kämpfer die Schwerelosigkeit für sich entdecken. Was nicht nur Eye Candy ist, sondern den einen, wichtigen Punkt immer wieder ausmalt: die Realität ist nicht die Realität, sondern die Matrix. Thomas Anderson lebt eigentlich im Sidney der späten 90er. Aber die Welt, aus der er gerettet wird und in die er später immer wieder eintaucht, sieht nicht realistisch aus, sondern so wunderbar artifiziell, wie es sich für eine Computersimulation gehört. Ganz im Gegensatz zur dem, was der Film als reale Welt postuliert, einerseits eine düstere Welt der Ruinen und monströsen Türme voller Menschen-Aufzuchtblasen, aber auch der ganz unglamourös abgeranzten U-Boot-Interieurs, wo man löcherige Schlabberpullis trägt, unappetitlich-schleimige künstliche Nahrung bekommt und an den Sieg des Aufstands gegen die Maschinen glauben muss.

Fazit

Wer in den frühen 2000er Jahren Matrix einfach umwerfend fand, Matrix Reloaded nur noch so lala und Matrix Revolutions eine so jämmerlich Enttäuschung dass er oder sie damit die Wachowskis von seiner Liste der Filmgenies gestrichen hat, der oder die ist gut beraten, sich nach über zwei Jahrzehnten noch mal den ersten Teil der Trilogie anzuschauen und sich daran zu erinnern, was für eine Offenbarung dieser Film damals war. Denn Matrix überzeugt immer noch mit Bildern, Kampfszenen und einer intelligenten, aber im Grunde gradlinigen Story. Da kann man schon mal anfangen, sich vorsichtig auf Matrix 4 zu freuen, der (hoffentlich) im Dezember 2021 anläuft.

© Warner Home Video


Im Handel erhältlich:

 

wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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