Joker

Lesezeit: 8 Minuten

Regisseur Todd Phillips hat sich einen Namen im Comedy-Genre gemacht. Neben allen drei Teilen von The Hangover gehen auch Filme wie Road Trip oder Stichtag – Schluss mit gemütlich auf sein Konto. Hauptsache es geht irgendwie um zumeist unsympathische Männer, die sich durch sehr unangenehme bis dämliche Situationen kämpfen müssen. Seine neueste Hauptfigur ist aber nicht der nervige Typ von nebenan, sondern einer der bekanntesten und sadistischsten Superbösewichte aller Zeiten: Joker. Die Nemesis von Batman zeichnet sich unter anderem dadurch aus, keine definitive Originstory zu haben. Kein Name, keine Vergangenheit, nur Lügen und Chaos. Und nun bekommt der Clown Prince of Crime seinen eigenen Film. Fans der Figur sind seit der ersten Ankündigung in heller Aufruhr, jetzt ist es endlich an der Zeit einen Blick auf das Endprodukt zu werfen. Lohnenswertes Charakterdrama oder lange Nase an die Comicleser? Und was ist mit der Kontroverse über Gewalt und Aufstände?

 

Gotham City in den 1970ern. Die Müllabfuhr streikt und so versinkt die Stadt wortwörtlich im Dreck. Geschäfte gehen pleite, es gibt zu wenig Jobs, die Stadt streicht Budgets inklusive der Gesundheitsvorsorge und es herrscht allgemeine Unzufriedenheit. Arthur Fleck (Joaquin Phoenix, Gladiator) gehört zu den Leuten, die hier weit unten auf der Leiter stehen. Er arbeitet für eine Agentur als Clown, was ihn mal in Kinderkrankenstationen führt oder aber auf die Straßen als lebendes Werbeschild. Bei letzterem wird er von einigen Jugendlichen verprügelt. Arthur ist Spott und Häme gewohnt, nicht zuletzt da er eine neurologische Störung hat, die ihn manchmal unkontrollierbar lachen lässt. Dafür trägt er extra ein Kärtchen bei sich, das diese Situation Fremden erklären soll, wenn sie sich von ihm durch unpassendes Gelächter belästigt fühlen. Die vielen Medikamente, die er bekommt, helfen ihm kaum durch die düsteren Gedanken und in den Mühlen des Gesundheitswesens, geht seine mentale Verfassung schnell unter. Dabei will Arthur nur eines: andere zum lachen zu bringen. Die Welt da draußen wird immer verrückter und er wünscht sich nur, andere als Stand-Up Comedian zu erfreuen. Doch das Schicksal schlägt erneut erbarmungslos zu.

Angebot einer neuen Alternative

Kaum ein anderer Bösewicht aus dem großen Superheldenfundus ist so bekannt wie der Joker. Faszinierend ist dabei vor allem der Mangel eines konkreten Hintergrunds. Ein Name, Familiengeschichte, die frühe Kindheit. Ob im Comic mit diversen Paralleluniversen, in Zeichentrickvariationen, Videospielen oder Fernsehserien, der Joker ist sehr anpassungsfähig. Seine Geschichte meist ein Spiegel für Batman. Zuletzt gab Gotham der Figur einen sehr schillernden Werdegang, inklusive Zwilling zur Chaosoptimierung. Heath Ledgers Joker in The Dark Knight ist eine gefeierte Ikone, weil er eine Idee präsentiert und keine Einzelexistenz. Vermenschlicht wurde er bereits in Tim Burtons Batman mit Jack Nicholson. In dem Film erschaffen sich die Kontrahenten gegenseitig. Eine Entmystifizierung der Figur muss also niemand fürchten, denn in 80 Jahren hat es schon viele Ansätze gegeben. Ursprungsfanatiker können Joker gern ignorieren, denn am Ende bleibt es einfach ‘nur’ eine Neuinterpretation ohne Konsequenz. Aber die hat es in sich.

Der überragende Hauptdarsteller

Originaltitel Joker
Jahr 2019
Land USA
Genre Drama, Crime
Regisseur Todd Phillips
Cast Arthur Fleck/Joker: Joaquin Phoenix
Murray Franklin: Robert De Niro
Sophie Dumond: Zazie Beetz
Ted Marco: Marc Maron
Penny Fleck: Frances Conroy
Thomas Wayne: Brett Cullen
Alfred Pennyworth: Douglas Hodge
Laufzeit 122 Minuten
FSK

Joaquin Phoenix wird für seine Darstellung allerortens hochgelobt und schon erste Pressestimmen sprachen sofort von einem heißen Oscar-Anwärter. Und das dürfte der eine Aspekt von Joker sein, bei dem Konsens herrscht. Phoenix zeigt deutlich, dass er seinen Job beherrscht. Angefangen beim Lachen, das er sich aus dem Körper quält und mit seiner Mimik sofort zeigt, dass Arthur unter diesen Ausbrüchen leidet. Bis hin zu den kleinen Tanzschritten und dramatischen Gesten, die er vollführt. Eine beeindruckende Ganzkörperdarstellung. Und wenn er das Make-up für seinen großen Auftritt anlegt, ist die Wandlung von Arthur Fleck zum Joker perfekt. Größtenteils als personenbezogenes Drama gefilmt, ist diese schauspielerische Leistung ein Ansehen durchaus wert. Sofern man als Zuschauer auch Gewaltausbrüche und emotionalen Stress verträgt. Es ist ein intensiver Gang in den Abgrund, den man an der Seite von Arthur durchläuft und diese Intensität bringt Phoenix in jeder einzelnen Szene vollends zur Geltung. Jeder Blick, jede Geste sitzt und erweckt vermutlich den bisher menschlichsten Joker zum Leben. Wenn auch keineswegs weniger monströs als seine zahlreichen Vorgänger. Immerhin fordert auch der harmloseste Witz immer auch ein Opfer.

Überspitzte Kontroversen

Was sich auch in den Schlagzeilen rundum den Joker zeigt, die meist vom Thema Gewalt beherrscht sind. Da gibt es Kontroversen um Fragen der Moral, Grenzen der Unterhaltung sowie Angst vor plötzlichen Nachahmungstätern. Diese Publicity zieht weite Kreise, sodass Teile des Publikums vermutlich händereibend auf Exzesse warten und andere wiederum lieber ganz fern bleiben. Doch tatsächlich werden die durchaus vorhandenen Momente der Brutalität nicht zelebriert. Kurz und explosiv sind diese Szenen und das Blut spritzt überdeutlich. Aber ist es ebenso schnell vorbei. Nur ein kurzes Entlüften eines Ventils, wenn der psychische Druck Arthur übermannt. Die Gewalt selbst wird eben nicht reißerisch inszeniert, vielmehr ist sie eher erschreckend realistisch, sodass bereits ein einzelner Revolverschuss ein Leben beendet. Trotzdem ist es nicht ganz falsch. Die Gewalt wird ‘zelebriert’. Die Taten des Jokers werden von der sich ungerecht behandelten Bevölkerung gefeiert und er selbst wird zu einer Ikone. Zunächst nur als maskierter ‘Vigilante’ (die Ironie grinst einem dabei mit Fledermausmaske ins Gesicht), aber mit fortwährender Dauer werden seine Handlungen immer mehr verehrt. Zur Gewalt ruft er dabei aber beim besten Willen nicht auf.

Trauriger Clown

Die Geschichte von Arthur Fleck ist niederschmetternd und von Anfang an weckt sie Mitleid. Arthur wird als armer Tropf vorgeführt. Jugendliche verprügeln ihn, Kollegen machen sich über ihn lustig, Fremde verhöhnen ihn und selbst seine eigene geistig verwirrte Mutter glaubt nicht an seinen großen Traum. Prinzipiell gilt: Was schiefgehen kann, geht hier auch schief. Mitunter wirkt die mangelnde Wärme und die Abwesenheit jedweden positiven Aspekts regelrecht grotesk. Das Ziel ist klar: Man soll als Zuschauer mit Arthur mitfühlen, seine Entwicklung verstehen und langsam aber sicher auf seiner Seite stehen, bis man endlich bei dem finalen Gedanken ankommt ‘Ja, er hatte doch keine Wahl…’ oder ‘Was hätte er denn tun sollen…?’. Das ist quasi die Falle, in die man tappen könnte, indem man Mitleid und Verständnis mit Rechtfertigung verwechselt. Seine Taten werden durch seinen Hintergrund nicht plötzlich richtig, er ist und bleibt der Joker. Was die Geschichte letztlich zeigt, ist wie jemand zu solch einer Gestalt werden kann, wie die Gewalt beginnt und in dem Moment, in dem man selbst vielleicht nur für eine Sekunde denkt ‘Was hatte er für eine Wahl…?’, bekommt man gewissermaßen vorgeführt, dass es stimmt, was noch in einem anderen Film gesagt wurde: ‘All it takes is one bad day…’. Wobei es in Arthurs Fall mehr als nur ein Tag war.

Send in … the Music

Abseits von einem zermürbenden Gesellschaftsbild und damit einhergehender Kritik, gibt es auch in Joker Dinge, die einen zum Lächeln bringen können. So zum Beispiel der eindrückliche Soundtrack, allen voran das allgegenwärtige “Smile” (Jimmy Durante) und selbstverständlich “Send in the Clowns…” von Frank Sinatra, mit dem wohl treffendsten Titel, den man sich vorstellen kann. Dabei ist es nicht die pure Anwesenheit der Tracks, sondern auch deren Verwendung innerhalb des Films, die es so eindrücklich werden lässt. Es gibt viele Momente, in denen die Musik alle anderen Geräusche vertreibt und wir mit Arthur gemeinsam in der Lage sind zu einer Melodie zu tanzen, die niemand anderes hört. Generell ist die Handlung fantastisch in Szene gesetzt und untermalt, was man bei allem (vollkommen berechtigten) Lob für Phoenix nicht vergessen darf. Zwar ist das heruntergekommene Gotham mit seinen slum-artigen Gefilden, verdreckten Straßen und zu 90% aus Graffiti bestehenden U-Bahnen keine Augenweide, aber ungemein atmosphärisch und beklemmend.

Fazit

Ich hatte vorab schon viel von Joker gehört, gerade auch kritische Stimmen mit Blick auf den Umgang mit Gewalt, aber insbesondere eine wahre Lobeshymne für die Leistung von Joaquin Phoenix. Und bei allen grell geschminkten Clowns-Göttern … Er. Ist. Der. Wahnsinn. In mehr als einer Hinsicht. Alleine für sein Porträt des ‘Clown-Prince of Crime’ hat sich ein Ansehen bereits gelohnt, egal ob man nun Fan der Figur, der Comicwelt ist oder nicht. Es sei dabei noch einmal betont: Vorkenntnisse sind keinesfalls erforderlich. Faktisch könnte es sogar helfen, sich absolut unvoreingenommen dieser neuen Variante des Jokers zuzuwenden, die sich wieder einmal grundlegend von beispielweise Heath Ledger oder Jack Nicholson unterscheidet. Hier erwartet einen keine comichafte Action, kein düsteres Aufeinandertreffen von Erzfeinden, keine Verbrecherjagden (naja, vielleicht ein bisschen), sondern ein intensives Charakterdrama, in dessen Zentrum der Joker steht. Es ist einer dieser Filme, bei dem das Label ‘unterhaltsam’ nur bedingt passt oder wo man zumindest kurz ins Grübeln kommt, ob das das richtige Wort ist. Wollte ich kritisch sein, ginge es mir keineswegs um die Gewalt. Mir ist ehrlich gesagt, die Diskussion darum eher ein Rätsel. Es wirkt mitunter so, als hätte man vergessen, dass der Joker … nunja … eben der Joker ist. Egal, wie tragisch seine Geschichte auch sein mag. Letztlich behandelt er die Gesellschaft und jedwede Konvention als (schlechten) Witz. Er ist das personifizierte Chaos und sich ihm anzuschließen wirkt, als hätte man die Punch-Line verpasst. Nein, an der Gewalt-Front hapert es nicht, aber wenn ich unbedingt meckern müsste, würde ich anmerken, dass seine Geschichte derartig in Tragik getunkt wurde, dass dagegen ein Chemikalienbad wie ein Kinderplanschbecken wirkt. Es bleibt stets nachvollziehbar, aber mitunter kann es überbordend werden. Aber das ist Kritik auf olympischen Niveau. Der Joker ist eine absolute Empfehlung. Jedoch sollte man sich klar machen, worauf man sich einlässt, sonst bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Zweite Meinung

Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich Joker zu einem meiner meisterwarteten Kinofilme des Jahres und nachdem ich ihn gesehen habe, bin ich in keiner Weise enttäuscht worden. Was für mich einen guten Eindruck hinterlässt, ist der Retro-Stil, denn es fühlt sich einfach nicht wie eine Produktion aus unserer Zeit an. Zudem kann auch die Musik größtenteils überzeugen. Ein weiterer Pluspunkt ist Joaquin Phoenix, der in seiner Rolle wirklich alles gibt. Noch nie fühlte sich die Figur des Jokers so echt an wie hier. Ich kann dabei nur allen Fans beipflichten, dass Phoenix einen Oscar für diese unglaubliche schauspielerische Leistung bekommen sollte. Tatsächlich ist er der Star des Films und niemand anders, denn noch nicht einmal Robert de Niro kann ihm die Show stehlen. Was mir auch sehr in dieser Version zusagt ist der Kleidungsstil des Jokers. Der burgunderrote Anzug und das Make-up stehen Phoenix einfach ausgezeichnet. Die Kontroverse rund um Joker ist für mich nicht ganz nachvollziehbar. Einerseits, weil die Gesellschaft größtenteils so ist, wie sie dargestellt wird und andererseits, weil es gar nicht so viele Gewaltszenen gibt und einfach andere Werke existieren, die da weitaus mehr Brutalität zeigen. Aber wahrscheinlich ist dies einfach nötig, um für den Erfolg zu sorgen, denn gerade wenn etwas kontrovers ist, wird es von vielen Menschen geliebt. Ich denke die Verfilmung soll zum Nachdenken anregen, wie man mit seinen Mitmenschen umgeht. Denn gerade der falsche Umgang kann böse Folgen haben, wie man in der Vergangenheit sehr oft erlebt hat. Insbesondere Mobbing ist ein großes Übel in dieser Welt. Ansonsten empfinde ich Joker als keine leichte Kost, da das Leid der Hauptfigur manchmal schwer anzusehen ist. Wahrscheinlich wird er der Vorreiter von zukünftigen düsteren Projekten sein. Einige Comic-Fans werden enttäuscht sein, weil es nicht der Joker ist, den sie sich vorstellen, aber für mich persönlich ist es genau der, den ich sehen wollte. Man hätte zwar noch mehr aus der Geschichte herausholen können, aber ich gebe mich mit dem Resultat zufrieden. Ich freue mich schon auf die Veröffentlichung als 4k Blu-ray, denn diese Produktion ist einfach moderne Kunst.

© Warner Bros.

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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