Silent War – Der Gejagte

Spanien und das Westerngenre? Auf den ersten Blick scheint das nicht wirklich zusammen zu passen. Doch Filmkenner wissen, dass in den 60er-Jahren zahlreiche italienische Westernproduktionen den Süden der iberischen Halbinsel als Drehort nutzten. Darunter nicht wenige Revolutionswestern. Ausgerechnet im Spanien der Franco-Diktatur entstanden so zahlreiche Streifen, die vor sozialistischem und anarchistischem Idealismus nur so überquollen. Möglich war dies vermutlich nur, weil diese Filme stets in Mexiko spielten und niemals die spanische Geschichte thematisierten. Dabei hätte der spanische Bürgerkrieg genug Stoff für so manchen Polit-Western geboten. Mit Silent War von Alfonso Cortés-Cavanillas wurde die Idee nun erstmals umgesetzt, den Kampf der spanischen Republikaner mit den Stilmitteln des Westerns zu erzählen. Doch ist dies auch gelungen?

   

Oktober 1944: Eigentlich ist der Bürgerkrieg in Spanien vorbei. Francos rechtsgerichtetes Militärregime hat die letzten Kämpfer der Republik über die Grenze nach Frankreich vertrieben. Doch mit dem nahenden Sieg der Alliierten und dem Ende der deutschen Besatzung Frankreichs schöpft der spanische Widerstand neue Hoffnung. Mit einem befreiten Frankreich im Rücken planen sie, den Kampf in ihrer Heimat wieder aufzunehmen. Kleine Stroßtrupps sollen eine großangelegte Invasion vorbereiten. Doch bei der Sprengung einer Brücke geht alles schief. Die Ladung geht zu früh los und mit der Brücke fliegt auch der Rebellentrupp in die Luft. Anselmo Rojas (Asier Etxeandia, Leid und Herrlichkeit) überlebt als Einziger die Explosion. Allein und mit geplatztem Trommelfell muss er nun den Schergen der Diktatur entkommen.

Prost!

Originaltitel Sordo
Jahr 2019
Land Spanien
Genre Western, Kriegsfilm
Regie Alfonso Cortés-Cavanillas
Cast Anselmo Rojas: Asier Etxeandia
Sargento Castillo: Imanol Arias
Rosa Ribagorda: Marian Álvarez
Darya Sergéevich Volkov: Olimpia Meliente
Capitán Bosch: Aitor Luna
Laufzeit 127 Minuten
FSK
Seit dem 27. März 2020 im Handel erhältlich

Was nun folgt, haben wir schon oft im Kino gesehen: Eine Menschenjagd. Das kann durchaus spannend sein. Vorausgesetzt, Jäger und Gejagter handeln intelligent und für das Publikum nachvollziehbar, so dass sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel entwickelt. Doch ist dies bei Silent War in keiner Weise gelungen. So besitzt die gezeigte Verfolgung keinerlei Dramaturgie. Wie es den Verfolgern gelingt, unserem Helden auf die Spur zu kommen, bleibt meist ebenso unklar wie die Strategie, durch die es dem Protagonisten gelingt, immer wieder zu entfliehen. Sowieso scheint sich eine längere Jagd nur deshalb zu entwickeln, weil beide Seiten gleichermaßen inkompetent handeln. Etwa entzündet unser Held auf seiner Flucht nicht nur zahlreiche Feuer, sondern schießt und brüllt sooft er kann, um alle Verfolger auf seine Fährte zu locken. Auch die Route seiner Flucht scheint kurios. Der Gejagte kommt in der Mitte des Films ausgerechnet in jenem Dorf an, aus dem seine Verfolger losgezogen sind, nur um sich dann dort in unmittelbarer Nähe feindlicher Soldaten zu verstecken. Dies geht auch nur deshalb gut, weil sich die Verfolger ähnlich dumm anstellen. Wir erleben Soldaten, die ein Haus umstellen, dabei aber scheinbar vergessen, auch die Rückseite zu überwachen. Geschossen wird grundsätzlich immer daneben. Die wenigen Figuren, die tatsächlich erschossen werden, kommen durch die Hand ihrer eigenen Kameraden ums Leben. Meist geschieht das aus Versehen, manchmal aber auch mit Absicht, dann allerdings ohne ersichtlichen Grund. Dies ist ein dermaßen häufig wiederkehrendes Motiv, dass sich ein Trinkspiel geradezu aufdrängt.

Wer? Warum? Wie?

All dies wäre nicht tragisch, würde es sich bei Silent War um eine Komödie handeln. Doch alles deutet darauf hin, dass Regisseur und Autor Alfonso Cortés-Cavanillas ein ernstes Drama mit Elementen einer klassischen Tragödie anstrebte. So richtig können wir als Zuschauer allerdings mit den Figuren des Films nicht mitleiden oder mitfiebern. Dies liegt vor allem an ihrer fehlenden Einführung. Selbst über den Protagonisten erfahren wir fast nichts. Wir kennen weder seine Motivation, sich dem Widerstand anzuschießen, noch seine politischen Ansichten oder auch nur irgendetwas aus seiner Vergangenheit. Die Antagonisten sind zwar erfreulicherweise ambivalent gezeichnet, doch auch über ihre Beweggründe erfahren wir nichts. Am deutlichsten zeigt sich dieses Problem bei der Scharfschützin Darya Sergéevich Volkov (Olimpia Meliente), die als ehemalige Rotarmistin und Stalingrad-Veteranin nun für die Franquisten kämpft. Wie und warum sie diesen Wechsel vom Kommunismus zum autoritären Konservativismus und von Russland nach Spanien vollführt hat, wird nicht erklärt.

Warum ist das alles hier so grau in grau?

Wenn ein Western schon an Handlung und Figuren schwächelt, müssen es die Bilder herausreißen. Doch auch das misslingt: Der Film setzt sich gänzlich aus reizlosen Standardeinstellungen zusammen, die größtenteils in irgendwelchen Wäldern gedreht wurden. Beleuchtung scheint, wenn überhaupt, nur in amateurhafter Qualität vorhanden gewesen zu sein. Und in der Nachbearbeitung wurde den sowieso schon reizlosen Bildern ein Großteil ihrer Farbe entzogen. Oftmals ist die Produktionsqualität tatsächlich so schlecht, dass die filmische Illusion zerfällt und wir den Eindruck haben, kostümierten Komparsen dabei zuzusehen, wie sie durch irgendein Naherholungsgebiet stolpern. Nur ganz selten gibt es tatsächlich recht schöne Aufnahmen der eindrucksvollen spanischen Natur zu sehen. Auch die Filmmusik bleibt für das Genre auffallend zurückhaltend und kann sich nur an einer Stelle zu einer beachtlichen Melodie aufraffen. Doch dies genügt natürlich nicht, um auch nur einen Hauch von Italo-Western-Flair aufkommen zu lassen.

Fazit

Letztendlich verschenkt Silent War jedes mögliche Potential. Als Hommage an den Italo-Western fällt der Streifen auf Grund seiner viel zu tristen und langweiligen Bildsprache durch. Für einen Film über den Spanischen Bürgerkrieg ist der Streifen bemerkenswert unpolitisch geraten. Das Drama misslingt aufgrund der unzureichend gezeichneten Charaktere. Und der steten Verfolgungsjagt mangelt es an einer ausgearbeiteten Dramaturgie. Statt Spannung dominiert so die Langeweile. Es empfiehlt sich, Silent War links liegen zu lassen und stattdessen zu den Klassikern zu greifen, die hier Pate standen: Revolutionswestern wie Todesmelodie, Die gefürchteten Zwei oder Töte Amigo.

© Koch Media

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Timo Beyer

Mit Timo Beyer haben wir einen waschechten Historiker in unserer Redaktion, der sich nicht nur mit großer Begeisterung auf jeden Historienfilm stürzt, sondern auch für das klassische Hollywood-Kino brennt. Sein Lieblingsgenre sind Western verschiedenster Couleur, von John Wayne bis Clint Eastwood. Seine Film- und Buchsammlung platzt aus allen Nähten, weshalb er immer auf der Suche nach neuem Stauraum ist.

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