Gretel & Hänsel

Die Gebrüder Jakob und Wilhelm Grimm machten sich im 19. Jahrhundert daran, Märchen zu sammeln und als Kinder- und Hausmärchen zu veröffentlichen. Daraus entstand ein wertvoller Beitrag für Kultur und Literatur der Folgejahrhunderte. In einfachen, aber brillanten Erzählungen sind Gut und Böse oftmals näher beieinander, als man denken möchte. Diese medial vielmals aufgegriffenen Motive wurden oftmals auch völlig neu interpretiert. In seinem Film Gretel & Hänsel, der mit einem auffällig verdrehten Titel daherkommt, erzählt Oz Perkins (Die Tochter des Teufels) die bekannte Geschichte über zwei Geschwister, die sich im Wald verlaufen und in die Fänge einer Hexe geraten. Erstmals aus der Perspektive von Gretel geschildert, erzeugt er eine Welt, die von Beginn an von Pessismismus und Dunkelheit durchzogen ist. Der mit überbordendem Mut zum Artifiziellen gespickte Film erschien unerwartet leise im Juli 2020 in den Kinos.

     

Die Teenagerin Gretel (Sophia Lillis, ES) steht unter Druck: Von ihrer allmählich dem Wahnsinn verfallenden Mutter unter Druck gesetzt, muss sie eine Arbeitsstelle finden, um auf eigenen Füßen stehen zu können. Doch die idealistische Gretel will ihre Würde bewahren und nicht ihre Jungfräulichkeit für alte Männer aufgeben, nur um ein Dach über dem Kopf zu haben. Gemeinsam mit ihrem Bruder Hänsel (Samuel Leakey) bricht sie auf in den düsteren Wald. Nach wenigen Tagen machen Hunger und Schlaflosigkeit den Geschwistern zu schaffen. Bis sie auf jenes Haus stoßen, dessen Blick durch die Fensterscheiben einen prächtig gedeckten Tisch preisgeben. Die ältere Dame des Hauses, Holda (Alice Krige, Silent Hill) gewährt den beiden Unterschlupf. Fortan von Alpträumen geplagt, beginnt Gretel die Lebensumstände der Frau immer stärker zu hinterfragen und entdeckt Ungeheuerliches …

Kein weiterer Märchen-Actioner

Originaltitel Gretel & Hansel
Jahr 2020
Land USA
Genre Horror, Drama
Regie Oz Perkins
Cast Gretel: Sophia Lillis
Hänsel: Samuel Leakey
Holda: Alice Krige
Holda: Jessica De Gouw
Mutter: Fiona O’Shaughnessy
Jäger: Charles Babalola
Laufzeit 87 Minuten
FSK
Seit dem 9. Juli 2020 im Kino

Anfang der 2010er tobte eine kleine Märchen-Welle durch Hollywood, die Titel wie Snow White & The Huntsman oder Red Riding Hood hervorbrachten. Diese erzählten bekannte Märchenmotive neu und versuchten ihrerzeit mit bekannten Namen und viel Action Kasse zu machen. Auch Hänsel und Gretel haben schon einige Neuinterpretationen erlebt. Von Trashfilmen wie Hänsel und Gretel – Black Forest (mitsamt eigener Marihuanasorte “Schwarzwald”) bis hin zu Action-Gepolter wie dem 2013er Hänsel und Gretel – Hexenjäger, in dem Jeremy Renner und Gemma Arterton auf eine Horde Dämonen losgelassen werden. Regisseur Osgood “Oz” Perkins, Sohn des Psycho-Stars Anthony Perkins, bereichert die Palette mit etwas zeitlichem Abstand um einen modernen Horror-Titel. Wobei sich diese Bezeichnung viel zu sehr aus dem Fenster lehnt, denn die künstlerischen Aspekte des Films lassen sich nicht so leicht von der Hand weisen und widmen sich allen Punkten stärker, als einfach nur Erschreck- und Spannungseffekte abzuliefern. Das Drehbuch von Rob Hayes nimmt sich Zeit fürs Voranschreiten und lässt auch keinen Schlenker aus, um seine Figuren auch einfach mal nur die Gegend erkunden zu lassen.

Der Form verschrien

Die Exposition führt alle Stärken des Films schon einmal vor: Wuchtige Bildkompositionen, perfekt ausgeleuchtete Räume und Umgebungen und ein düsteres, aber dennoch märchenhaftes Flair. Der Wald ist der heimliche Star des Titels, denn er ist ebenso hoffnungs- und trostlos wie das Schicksal der beiden Geschwister. Kameramann Galo Olivares, der zuvor hauptsächlich Kurzfilme gedreht hat, hat insbesondere mit den Farbenspielen der Wälder einnehmende Bilder eingefangen, die nicht von dieser Welt sind. Wie jedes Märchen spielt auch Gretel & Hänsel mit den elementaren Urängsten des Menschen. Insbesondere Licht und Dunkelheit sind ein stetiger Begleiter der Handlung. Während die Welt häufig lichtdurchflutet sind, herrscht in Innenräumen zumeist Dunkelheit. Die durch fehlende Elektrizität nur mit Kerzenlicht beleuchteten Wohnräume tauchen die Bilder oftmals in einen güldenen Glanz, der sich ein wenig zum visuellen Markenzeichen des Films mausert. Das trifft auch auf das Hexenhaus zu, welches die Key Visuals und Poster des Films ziert. Anders als im Volksmärchen handelt es sich um kein Lebkuchenhaus, sondern einen futuristisch anmutenden Bunker mit schräg verlaufender Wand und spitzem Dach. Recht ungewöhnlich ist die akustische Untermalung: Der dröhnende Synthiescore lässt kaum eine Szene zur Ruhe kommen und immer liegt etwas Aktivierendes in der Luft, das daran erinnert, dass das Hexenhaus und der Wald keine Orte sind, um sich von Ballast zu befreien.

Emanzipation und Fremdbestimmung

Perkins und Hayes entführen ihre Zuschauer in eine Welt unter der Oberfläche. Ein Kaninchenbau, in dem Gretel mit verstreichender Zeit lernen muss, dass das neue Domizil nicht das ist, wonach es zu Beginn noch aussah. Gretel & Hänsel ist trotz seines Ursprungs als Märchen eine Coming-of-Age-Geschichte. Der Titel verdeutlicht, dass Gretel im Mittelpunkt steht und anders als im Märchen ist sie der ältere Geschwisterteil, der sie gleichzeitig zur treibenden Kraft macht. Hänsel ist in erster Linie ein dauerfragendes und quengelndes Anhängsel. Ob man dies nun als feministischen Ansatz interpretieren möchte, ist jedem selbst überlassen. Die Abhängigkeit zu Mutterfiguren ist aber ein präsentes Thema in Gretels Leben, das sich mit Holda zu wiederholen scheint. Zwischen ihr und Holda entwickelt sich ein Katz- und Mausspiel auf psychologischer Ebene, ein Wechselspiel zwischen Abhängigkeit und Emanzipation. Über jeder noch so aufgelockerten Szene hängt ein dicker Schleier.

Geschenke kosten immer einen Preis

Jedes Märchen besitzt eine Moral. Ganz so dick aufgetragen wird diese in Gretel & Hänsel trotz mehrfacher Wiederholung nicht. Das Drehbuch ruft lediglich dazu auf, Dinge zu hinterfragen. Im Speziellen Geschenke und Schenkende. Nicht jeder meint es gut mit einem, die wenigsten sind einfach so wohlgesonnen. Überall erscheinen erst einmal Leckerbissen. Gretel ist aber vom Leben gezeichnet und besitzt ein natürliches Misstrauen. Unerwartete Hilfe? Die tritt nicht zufällig auf, darin sieht das Mädchen eher Vorwände und Hinterlist. Erinnert vielleicht an Verschwörungstheoretiker, die eine ähnliche Denkweise besitzen. Aber es ist nicht grundsätzlich schlecht, nicht völlig naiv durch die Welt zu gehen. Sophia Lillis beweist zum wiederholten Male, dass sie eine verheißungsvolle Jungschauspielerin ist. Ihre Gretel ist androgyn, frei von allem Mädchenhaften. In den richtigen Momenten Kind und in den wichtigen Szenen erwachsen. Sie kann den Film beinahe im Alleingang tragen und auch einer Schauspielveteranin wie Alice Krige die Stirn bieten. Samuel Leakey ergänzt das Dreigespann eher formal, bietet seine Rolle wenig Abwechslung.

Fazit

Gretel & Hänsel ist ein Arthouse-Film, der sich im Horror-Genre positioniert. Dadurch, dass die Hauptgeschichte bekannt ist, ist es schwer, der Handlung viel Spannung hinzuzufügen. Das kompensiert die Produktion mit einer dichten Erzählung, mit Psychologie aufgeladenen Dialogen und bemerkenswerten Bildern. Gespickt mit starken schauspielerischen Leistungen und einem hypnotischen Score sollte der Film Zuschauer ansprechen, die weniger auf Thrill aus sind, sondern sich von Wirkung und surrealem Sog mitreißen lassen können. Man sollte Produktionswerte zu schätzen wissen, um die Produktion in vollen Zügen genießen zu können.

© Capelight Pictures
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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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