Die Eiskönigin 2

Lesezeit: 5 Minuten

“Ich lass los… ich lass los…” – 2013 bescherte uns Die Eiskönigin – Völlig unverfroren einen weltweiten Ohrwurm, Disney den erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten und unzähligen kleinen Mädchen eine Identifikationsfigur in eisblau. Eine Fortsetzung konnte nicht ausbleiben: Sechs Jahre hat sich Disney Zeit gelassen, um mit Die Eiskönigin 2 die Erfolgsstory weiterzuschreiben. Nun hat Elsa losgelassen und sich zu ihren unterdrückten Eiszauber-Fähigkeiten bekannt, während ihre Schwester Anna eingesehen hat, dass ein Prinz keine Lösung für ein Schwesternproblem ist – was kann jetzt noch kommen?

   

Elsa ist mittlerweile Königin des märchenhaft-skandinavischen Landes Arendelle und hat mit Anna, Kristoff und Schneemann Olaf eine fröhliche Jugendlichenclique um sich herum. Aber eine innere Stimme beunruhigt sie und als sie der Stimme folgt, weckt sie die Geister der vier Elemente, die daraufhin über Arendelle herfallen. Hat das vielleicht etwas mit den Erzählungen ihrer Eltern zu tun? Darüber, wie der Großvater König Runeard mit dem Volk der Northuldra, die den Naturgeistern sehr nahe stehen, über einen Stausee in Konflikt geriet? Was haben Elsas Eltern dabei für eine Rolle gespielt und wie hängt das mit Elsas Fähigkeiten zusammen? Was ist mit dem verwunschenen Wald, der hinter einer Nebelwand liegt? Elsa spürt, dass es ihre Pflicht als Königin und Eismagie-Begabte ist, das Geheimnis zu lüften und Arendelle zu retten. Anna spürt, dass sie auch ohne Magie ihre Schwester unterstützen muss, komme, was wolle. Und Kristoff will Anna endlich einen Heiratsantrag machen und Rentier Sven und Schneemann Olaf sind sowieso dabei.

Fantasy, Ureinwohner und Naturzerstörung

Originaltitel Frozen 2
Jahr 2019
Land USA
Genre Animation, Fantasy, Musical
Regisseur Jennifer Lee, Chris Buck
Cast Elsa: Idina Menzel
Anna: Kristen Bell
Kristoff: Jonathan Groff
Olaf: Josh Gad
Yelana: Martha Plimpton
Honeymaren: Rachel Matthews
Rider: Jason Ritter
Leutnant Destin Matthias: Sterling K. Brown
Laufzeit 103 Minuten
FSK

Kaum eine Märchenverfilmung hat je einen Märchenstoff so genial umgekrempelt wie Die Eiskönigin – Völlig unverfroren. Da wurde aus der bösen Königin ein Mädchen, das darunter litt, das verleugnen zu müssen, was sie am besten konnte. Da war der Prinz ein Mistkerl, der für das andere Mädchen nur deshalb ein Traumprinz war, weil die Familiensituation gar zu verfahren war. Und letztendlich war die Beziehung der beiden Schwestern viel wichtiger als irgendein Prinz. So funktioniert ein Märchen einfach nicht, da will keiner wissen, wie sich die Hexe fühlt oder ob Schneewittchen die Zwerge nicht vielleicht netter fand als den Prinz, den sie noch nie gesehen hatten. Dankeschön, Disney, dass es auch anders geht und zwar richtig gut. Nun ist das Märchenthema allerdings durch. Die Eiskönigin 2 hat als Grundgerüst eher einen Fantasystoff: Die vier Elemente, alle mit ihren jeweiligen Farben und Symbolen und Kräften und ein fünftes, das für Harmonie sorgt. Das kann ganz schön generisch-schematisch werden, wenn man es nicht mit einem tragfähigen Konflikt unterfüttert. Der ist diesmal kein seelischer Zwiespalt, sondern ein sozial-ökologisches Problem: ein Naturvolk wurde über’s Ohr gehauen und unverdient in die Schurkenrolle gedrängt. Und dem ökologischen Gleichgewicht hat der Staudamm des königlichen Großvaters auch nicht gut getan. Keiner Wunder, dass die Elemente grollen. Und es stellt sich heraus, dass Elsas und Annas Mutter aus dem übel behandelten Hirtenvolk stammt, sodass die beiden quasi dafür verantwortlich sind, die Fehler des Großvaters wieder gut zu machen. Das ist weniger eindringlich und erfordert sehr viel mehr Erklärung und Einblick in Zusammenhänge, die erst unklar sind. Aber gut, Elsa und Anna sind älter und reifer geworden und nicht mehr nur mit sich selbst beschäftigt. Zeit, sich in der Welt umzusehen und zu überprüfen, ob das, was die Erwachsenen erzählen, wirklich so ist. Das gehört zum Erwachsenwerden mit dazu. Und irgendwie hat der Konflikt des Königreichs Arendelle mit den Northuldra wohl mit dem Verhältnis der USA zu ihren indigenen Völkern zu tun, Realitätsbezug! Ein solider, wohldurchdachter Ansatz zur Storyentwicklung, allerdings leider mit weniger erzählerischem Schwung.

Singende Superheldin auf Selbstfindungstrip in den hohen Norden

Da Elsa sich mit ihren Eiszauber-Fähigkeiten versöhnt hat, kann sie sie nun ohne zu zögern einsetzen wie die Superkräfte, die sie sind. Allerdings gibt es keinen Antagonisten, den sie einfrieren müsste. Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, was in der Vergangenheit war, warum sie magische Kräfte hat und was sie damit anfangen soll. Das führt sie auf eine Reise von einem wunderbar animierten Schauplatz zum anderen. Erst ein violett-bunter Herbstwald, in dem orangerote Blätter tanzen und Feuer lila brennt. Wo der Konflikt aus Großvaters Zeiten kein Ende finden kann. Ein raues, nördliches Meer mit mächtiger Brandung, digitales Wasser überwältigend aussehen zu lassen muss wohl ein besonderes Paradestückchen für Animatoren sein. Und schließlich ein Gletscher auf einer Insel, die vielleicht Spitzbergen sein könnte, wo sich die aus dem ersten Teil vertraute Eislandschaft zu etwas wandelt, was aussieht wie, nun ja, ein Showbühne in Las Vegas. Was irgendwie richtig ist, denn auf dem ganzen Weg wurde ausgiebig gesungen und jeder psychologische Aspekt des Unternehmens in einen Song umgesetzt. Folgerichtig ist das Ende der Reise, der Moment der Wahrheit, das Level Up zur Hüterin der Elemente ein großes Musical-Finale. Mit Kostümwechsel: Elsa trägt jetzt glitzerweiß statt hellblau. Das sieht alles umwerfend aus. Und sicher kostet es Fantastillionen Dollar, all die Tüllschleier und Glitzersteinchen auf Elsas Kostüm zu animieren. Aber man muss Musicals schon sehr lieben, um da bei der Stange zu bleiben.

Fazit

Die Eiskönigin 2 ist weniger geradlinig als der Vorgängerfilm. Stattdessen gibt es viel Fantasy-Geschwurbel, viel Vorgeschichte, viel Erklärung. Sehr viel Gesang – ich persönlich finde Musical-Songs mit deutschen Texten zum Steinerweichen, mich kann damit nicht kriegen, eher abschrecken. Dafür sind die Figuren stimmig und behutsam weiterentwickelt, Putzigkeit und Humor bekommen ihren Platz mit einem zuckersüßen kleinen Feuersalamander und einem altklugen Olaf. Der wird der deutschen Version von Hape Kerkeling (Der Junge muss an die frische Luft) gesprochen, immer in der richtigen Balance zwischen nervtötend und liebenswert. Dazu gibt es ordentlich viel Dramatik, wenn auch die tragischen Momente allzu deutlich nur angetäuscht sind. Wer hätte schon wirklich geglaubt, dass Elsa für immer eingefroren ist und Olaf sich final in Schneegestöber auflöst? Aber dafür hat Elsa jetzt etwas, wovon kleine Mädchen jeden Alters träumen. Ein selbstgezähmtes Wildpferd. Aus Meerwasser. Das gibt dem Begriff “Seepferdchen” eine ganz neue Bedeutung. Ich will auch ein durchsichtiges Pferd. Mama! EIN DURCHSICHTIGES PFERD! Ich will auch eins! So wie Elsa!

© Walt Disney Studios Motion Pictures

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wasabi

wasabi wohnt in einer Tube im Kühlschrank und kommt selten heraus.

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Ayres
Redakteur

Ich konnte nach dem Film keine eindeutige Meinung für mich finden.

Was für den Film spricht: Er kommt ohne klassischen Bösewicht aus und zeigt einmal mehr, dass Filme im Allgemeinen und Disney im Speziellen in der Lage sind, klassische Erzählmuster zu durchbrechen. Die Figuren sind auch schon etabliert und bekommen ein wenig Vertiefung ihrer Persönlichkeit und obendrein ist alles schön anzuschauen. Ebenfalls muss ich festhalten, dass der Weg, sich selbst zu parodieren, der erstmals mit “Chaos im Netz” beschritten wurde, erfreulicherweise beibehalten wurde. Jedes Mal, wenn Olaf Elsa nachmacht, finde ich das einfach großartig. Auch ihre beschämte Reaktion auf ihr Auftreten im ersten Film …. herrlich!

Aber: Was will der Film nun eigentlich genau? Das planlose Herumdümpeln fällt schon arg ärgerlich aus. Mir ist das “Ziel” zu lasch und bei den vier Elementen konnte ich nur noch mit den Augen rollen. Schon klar, dass jetzt jedes Kinderzimmer ein solches Wasser- und Feuermaskottchen benötigt. I see, what you did there, Disney. Musikalisch war eigentlich ja bereits klar, dass kein zweites “Let it go” dabei sein würde. Das finde ich gar nicht einmal schlimm. Eher empfinde ich die Häufigkeit der Musikeinlagen als zu hoch. Ohne, dass da nun wirklich herausragende Titel dabei sind.

So insgesamt also eine Mischung aus guten (und vor allem löblichen!) Ansätzen und dann doch irgendwie kalkulierter Belanglosigkeit. Ein ganz seltsames Gemisch, das erwartet erfolgreich ist. Ich mag das Franchise weiterhin sehr und empfinde “Die Eiskönigin” als vergleichsweise mutiges Erzählkino. Meine vierjährige Nichte hat übrigens das gesamte Kino zusammengeplärrt, als Olaf geschmolzen ist. Da frage ich mich, wie gerade die düsteren Szenen auf Kinder wirken müssen. Als Erwachsener begrüße ich das natürlich.