Destroyer

Lesezeit: 4 Minuten

Cops am Rande des Abgrunds sind nichts Neues. Welche Geschichte bietet heute keinen abgehalfterten Ermittler, der seine besten Zeiten längst hinter sich hat? Titel wie Dirty Harry oder Narc haben schon alles gezeigt. Wenn eine solche Rolle allerdings durch eine Nicole Kidman (Aquaman) besetzt wird, ist das umso erstaunlicher. Denn eine derartige Facette fehlte bislang in ihrer Filmografie. Kritiker zeigten sich beeindruckt von ihrer Leistung in Karyn Kusamas Neo-Noir-Thriller, die ihr obendrein eine Golden Globe-Nominierung einbrachte.

Erin (Nicole Kidman) ist Polizistin in Los Angeles. Ihre besten Zeiten hat sie hinter sich, sie ist innerlich wie äußerlich gebrochen. Sie ist Trinkerin, benötigt Tabletten gegen Kopfschmerzen und lebt in ihrem Auto. Auch ihre Kollegen haben wenig Lust auf die Zusammenarbeit mit ihr. Eines Tages wird sie an einem Tatort wachgerüttelt: Was zunächst nach einem Mordfall wie jeder andere aussieht, entpuppt sich schnell als außergewöhnlich. Die Indizien am Tatort erwecken den Anschein, als sei eine verschollen geglaubte Person zurück. Eine Person, die Erins Leben maßgeblich zeichnete: Silas (Toby Kebell, Kong: Skull Island). Erin erkennt an der gefundenen Leiche Merkmale, die auch Silas seinen Opfern zufügte. Es scheint, als sei er wieder zurück. Für Erin entbrennt eine Mission, die auf zwei Ebenen stattfindet. Während sie ihn auf professioneller Ebene dingfest machen will, geht es ihr persönlich vor allem darum, sich von ihren Schuldgefühlen freizukämpfen …

Nicole Kidman zeigt eine vielschichtige Persönlichkeit

Originaltitel Destroyer
Jahr 2018
Land USA
Genre Drama, Thriller
Regisseur Karyn Kusama
Cast Erin Bell: Nicole Kidman
Silas: Toby Kebbell
Petra: Tatiana Maslany
Sebastian: Sebastian Stan
Ethan: Scoot McNairy
DiFranco: Bradley Whitford
Laufzeit 121 Minuten
FSK

Karyn Kusama besetzt ihre Hauptfiguren gerne mit starken Frauen (Æon Flux, Girlfight), bringt aber auch einen Hang zur Düsternis mit (The Invitation). Beides findet sich in Destroyer wieder. Kusamas Ziel war, eine Geschichte, die üblicherweise mit einem männlichen Protagonisten erzählt wird, mit einer Frau zu besetzen. Dieser Austausch funktioniert natürlich reibungslos, schließlich hat kein Geschlecht die Abwärtsspirale für sich gepachtet. Auch wenn Nicole Kidman schon in einigen Genre-Produktionen mitwirkte, hat man sie nie zuvor derart kaputt erlebt. Ihr struppiges Haar schreit nach einer Wäsche und man kannt die Alkoholfahne regelrecht riechen. Man muss schon genau hinschauen, um Nicole Kidman hinter dieser Fassade zu erkennen. Dass sie nach eigenen Aussagen während der Dreharbeiten Grippe hatte, kommt der Darstellung zu Gute. Je länger man ihr zusieht, umso stärker bekommt man das Gefühl, selbst mit in den Sog nach unten zu rutschen. Ihr ambivalenter Charakter ist es auch, der den Film zusammenhält: Obwohl man wenig Gutes an Erin entdecken kann, findet man sich unmittelbar auf ihrer Seite wieder, auch wenn sie wenig sympathisch und für ihre Umwelt sperrig erscheint. Dieser Gratwechsel zwischen Sehnsucht und Dissonanz sorgt für eine glaubhafte Zerrissenheit.

Zwischen Drama und Thriller mit klarem Charakterfokus

Anders als bei den meisten anderen Filmtiteln dieser Art sucht man Actionpassagen hier vergebens. Destroyer ist ein Charakterfilm. Der Erzählfluss geschieht stockend und immer wieder werden Rückblenden eingebunden, die Erins Persönlichkeit Stück für Stück vervollständigen. Rückblenden, in denen wir sie als junge und agile Polizistin erleben, die weit entfernt von ihrer heutigen abgestiegenen Präsenz ist. Auf einer anderen Stufe erzählt Destroyer auch ein Mutter-Tochter-Drama. Mit ihrer schroffen Art eckt Erin schließlich auch bei ihrer Tochter Shelby (Jade Pettyjohn, School of Rock) an. Deren älterer Freund stellt nämlich Erins Nervenkostüm so richtig auf die Probe. All das ist spannender als die eigentliche Schnitzeljagd nach Silas. Von diesem ist nicht allzu viel zu sehen und nur in einer Szene darf er seinem Wahnsinn freien Lauf lassen. Auch die Rollen anderer Schauspieler wie etwa Tatiana Maslany (Orphan Black) sind viel zu klein geraten, um mehr aus ihnen herausholen zu können. Selbst Erins Partner Antonio (Shamier Anderson, Bravetown) hinterlässt keinen größeren Eindruck. Stilistisch erinnert die Optik an Polizeifilme der 70er Jahre. Los Angeles ist ewig sonnendurchflutet, auch wenn die Geschichte noch so düster ist. Am hellichten Tag werden hier Verbrechen begangen.

Fazit

Destroyer punktet mit einer überzeugenden Performance von Nicole Kidman. Storytechnisch ist Destroyer nämlich durch und durch eine mittelmäßig erzählte Rachestory, wird durch ihr Schauspiel aber enorm aufgewertet. Inhaltlich bewegt sich die Geschichte auf TV-Niveau und könnte in dieser Form auch bei einem öffentlich-rechtlichen Sender laufen. Wer sich also nicht von einem Charakterportrait alleine unterhalten lassen kann, wird Destroyer als langatmig und unspekakulär empfinden. Somit haben wir es mit einer klassischen One-Woman-Show zu tun, die mit einer anderen Darstellerin vermutlich weitaus schlechter ausgefallen wäre. Für einen bleibenden Eindruck sorgt auch das Ende mit einem echten Aha-Effekt.

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Ayres

Ayres ist seit 2002 im Community Management tätig, seit einer Weile sogar beruflich. Er ist ein richtiger Horror- & Mystery-Junkie, liebt gute Point’n’Click-Adventures und ist Fighting Games nie abgeneigt. Besonders spannend findet er Psychologie, deshalb werden in seinem Wohnzimmer regelmäßig "Die Werwölfe von Düsterwald"-Abende veranstaltet. Sein teuerstes Hobby ist das Sammeln von Steelbooks. In seinem Besitz befinden sich mehr als 100 Blu-Ray Steelbooks aus aller Welt.

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