Nevernight (Band 1): Die Prüfung

Gute Assassinen wie Altair aus Assassin’s Creed oder Léon Montana aus Léon der Profi fallen natürlich nicht einfach vom Himmel. Auch sie müssen erst all die Dinge lernen, die ein Meuchelmörder so wissen muss. Wo lernt man am besten neue Fähigkeiten? Richtig, in einer Schule. Damit haben wir die beiden Hauptaspekte von Jay Kristoffs Roman Nevernight. Denn im Vordergrund des ersten Bandes Die Prüfung steht genau das: Eine Schule für Assassinen.

 

Mia Corvere hat ihr Ziel fest vor Augen: Sie will Rache für den Tod ihres Vaters nehmen. Dafür will sie von der sogenannten Roten Kirche als Akolyth aufgenommen werden und dort zum Assassinen ausgebildet werden. Gemeinsam mit vielen anderen angehenden Meuchelmördern lernt sie alles, was sie für dieses blutige Handwerk braucht. Doch kann sie ihren Klassenkameraden wirklich trauen?

Eine Schule für Assassinen

Originaltitel Nevernight
Ursprungsland Australien
Jahr 2016
Typ Roman
Band 1 / 3
Genre Fantasy
Autor Jay Kristoff
Verlag Fischer Tor (2017)

Wenn Assassinen die Schulbank drücken, erwartet wohl niemand Friede, Freude, Eierkuchen. Zwar lernen die Akolythen gemeinsam und es mögen sich auch vorsichtige Freundschaften oder Bündnisse entwickeln. Doch gleichzeitig ist jeder Klassenkamerad ein Konkurrent, denn nur eine kleine Handvoll wird am Ende der harten Ausbildung von der Roten Kirche zum vollwertigen Assassinen ernannt. Schon in der ersten Nacht wird einer der Schüler ermordet und keiner will es gewesen sein. Dass mit den Lehrern auch nicht gut Kirschen essen ist, zeigt sich bereits zu Beginn. Herkömmlichen Frontalunterricht darf man bei ihnen nicht erwarten. Ohne mit der Wimper zu zucken werden die Akolythen in Lebensgefahr gebracht, um sie zu testen (etwa durch Vergiftung der Mahlzeiten oder durch angebliche Verhöre (natürlich wissen Mia und ihre Kameraden nicht, dass die Verhöre nur ein Test sind)). Es gibt viele von solchen unerwarteten Prüfungen und das Feld der Akolythen dezimiert sich schnell. Schon das Vergehen, sich nachts auf den Gängen aufzuhalten, wird mit einer brutalen Strafe quittiert, bei der die anderen Akolythen natürlich zusehen müssen. Die Prüfung ist nichts für schwache Nerven. Detaillierte und blutige Beschreibungen sind keine Seltenheit. Neben Kämpfen lernen die Akolythen auch viele andere Dinge, die sie als Assassinen brauchen: Taschendiebstahl, Umgang mit Giften und Gegengiften sowie Verführungskünste und Lesen von Menschen stehen auf dem Stundenplan. Natürlich wenden Mia und ihre Mitschüler das Gelernte auch regelmäßig aneinander an.

Die Welt der drei Sonnen

Das Leben in Mias Welt wird bestimmt durch drei Sonnen. Richtig, drei davon. Jede davon dreht ihre eigenen Runden über den Himmel, sodass es hier keinen Tag-Nacht-Zyklus gibt, wie wir ihn kennen. Nur alle zwei bis drei Jahre verschwinden alle drei Sonnen vom Himmel und es wird dunkel. Diese Zeit wird Wahrdunkel genannt. Die drei Sonnen sind also ein ständiger Begleiter und sie haben Auswirkungen auf das gesamte Leben der Menschen. Schlafzimmer im Keller sind hier eher der Normalfall und explizit gewünscht, denn so kann man das helle Sonnenlicht aussperren. Ein sonniger Tag wird keineswegs als gut empfunden. In den Beschreibungen brennen die Sonnen eher vom Himmel. Gleichzeitig symbolisieren sie aber auch die Augen des Gottes Aa.

Geschichtsunterricht durch Fußnoten

Ausgefeiltes und detailliertes Worldbuilding ist eine feine Sache. Doch wie all die vielen Details, die kleinen und großen Geschichten und Anekdoten der Welt an den Leser bringen? Der Autor könnte sie direkt in den Ereignissen seiner Geschichte unterbringen. Aber das wirkt oft eher wie ein Infodump und warum sollten die Figuren, die sich schon ihr ganzes Leben durch diese Welt bewegen, über für sie vollkommen Alltägliches nachdenken? Jay Kristoff hat dafür eine Lösung gefunden. In zahlreichen Fußnoten erklärt er nicht nur wie die Welt funktioniert sondern gibt auch Geschichtsunterricht. Diese Erläuterungen und Anekdoten sind stets mit einem Augenzwinkern erzählt und geben einen guten Überblick über verschiedene Facetten der Welt, in der Die Prüfung spielt. Gleichzeitig wird in jeder Fußnote deutlich, wie viel Gedanken Jay Kristoff sich um seine Welt mit den drei Sonnen gemacht hat. Die itreyanische Republik hat eine lange und ereignisreiche Geschichte, über die vermutlich mehrere weitere Bücher geschrieben werden könnten.

Fazit

Tatsächlich gestaltete sich der Einstieg für mich in Die Prüfung eher zäh. Ich fand nicht so recht Zugang zu dieser düsteren Geschichte. Durch das erste Drittel kämpfte ich mich durch, doch mit Mias Ankunft in der Roten Kirche war mein Interesse geweckt. Das Buch punktet vor allem mit seiner durchdachten und detaillierten Welt. Die drei Sonnen bleiben dabei am besten im Gedächtnis und sind eine ungewöhnliche Idee. Zumindest habe ich etwas Ähnliches bisher noch nicht gelesen. Diese Sonnen sind nicht einfach nur Dekoration, sondern haben einen direkten Effekt auf die Menschen und ihr Leben. Auf jeder Seite und in jeder Fußnote wird deutlich, wie viel Herzblut Jay Kristoff in dieses Buch, vor allem aber in das Worldbuilding, fließen ließ. Mias Geschichte selbst reißt mich dagegen eher weniger mit und stellenweise ist es mir auch zu brutal, wenn ich ehrlich bin.

© Fischer Tor


Seit dem 27. August 2017 im Handel erhältlich:

 

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Drottning Katt

Als Studentin der Linguistik hat Drottning Katt ein Faible für Sprachen aller Art – reale oder fiktive. Sie ist ein großer Fantasy-Fan und kann in diesem Bereich immer mit detaillierten Worldbuilding, einem durchdachten Magiesystem oder vielschichtigen Charas geködert werden. Dabei ist es nebensächlich, in welcher Form die Geschichte erzählt wird, Hauptsache interessant. Zudem gehören zu ihren Hobbies das Schreiben eigener Geschichten, zeichnen und an eigenen fiktiven Sprachen basteln.

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