Naturgeschichte der Drachen

Lesezeit: 4 Minuten

Drachen! Herrscher der Lüfte, Freunde von wenigen und gnadenlose Bestien, die ausgerottet gehören. Das ist ein gebräuchliches Bild dieser phantastischen Wesen. Diese Tiere erforschen und studieren? Unvorstellbar! Außer für eine mutige Frau namens Lady Trent, die ihrer Zeit weit voraus ist und ihr Lebensende damit füllt, dem geneigten Leser ihre Memoiren festzuhalten. Doch sind diese Wesen wirklich so gnadenlos wie man denkt oder verbirgt sich mehr hinter ihrem aggressiven Verhalten? Dieses Rätsel beschäftigt die titelgebende Heldin in Die Naturgeschichte der Drachen, dem ersten von insgesamt fünf Büchern der Autorin Marie Brennan, die seit November 2017 im Cross Cult Verlag erscheinen.

  

Lady Trent ist eine ältere Dame, welche täglich Post von jungen Menschen erhält, die ebenfalls Drachen erforschen wollen. Doch dieses Ansehen besaß diese Frau nicht immer, denn sie musste sich gegen viele Widrigkeiten der Gesellschaft durchsetzen, um Drachen überhaupt nahe kommen zu dürfen. Aufgewachsen zwischen fünf Brüdern übte die Natur und die Abenteuer und Entdeckungen, welche diese barg, schon immer eine Faszination aus. Lady Trent berichtet von ihren ersten Experimenten in der Konservierung und Erforschung von Funklingen – kleinen Drachen – und nimmt einen mit auf ihrer oft steinigen Reise zur berühmten Drachenforscherin.

Der lange Weg zur Forschung

Zwar beginnt Die Naturgeschichte der Drachen sofort mit den ersten Experimenten der jungen Lady Trent, jedoch werden diese nach einer gefährlichen Aktion ihrerseits unterbunden. Die Pionierin der Drachenforschung sieht ein, dass sie es zu weit getrieben hat und erlebt einige “graue Jahre”, wie sie sie selbst bezeichnet. In diesen sammelt, forscht und experimentiert nicht, sondern konzentriert sich darauf, eine Dame zu werden. Ihre einzige Freude findet sie im Reiten und im Zeichnen – immerhin nützliche Eigenschaften für ihre spätere Karriere. Als sie heiraten soll befürchtet sie, immer in diesem Kreislauf gefangen zu sein, rechnet jedoch nicht mit ihrem gutmütigen Vater, der hofft, sie an einen liberalen Mann vermitteln zu können. Als Leser ist einem klar, dass dies glücken muss und ist gespannt, wie dieser Mann in Isabellas Leben treten wird.

Und der noch längere Weg zum Ende der Geschichte

Originaltitel A Natural History of Dragons
Ursprungsland USA
Typ Roman
Bände 1 / 5
Genre Fantasy, Abenteuer
Autor Marie Brennan
Verlag Cross Cult

Als Leser muss man sich auf diese Geschichte einlassen können, denn sie liest sich gut – aber es ist an vielen Stellen auch etwas langatmig. Im Großen und Ganzen lässt sich der Roman flott lesen, was auch den Einschüben der “Autorin” zu verdanken ist, die vor allem zu Beginn dieser Reihe noch oft ihre naiven Momente und Einsichten besitzt und dazu neigt, ihre vorherigen Werke in ein anderes Licht zu rücken. Das Vorwort bereitet einen darauf vor, dass der Bericht an manchen Stellen sogar “schlüpfrig” (welch herrliches Wort, das viel zu selten noch genutzt wird!) werden könnte, doch davon ist in Die Naturgeschichte der Drachen noch nichts zu lesen. Ausführliche Beschreibungen der Erlebnisse, Vermutungen, Diskussionen mit ihren Mitmenschen – Lady Trent ist eine Frau des Wortes. Ab und zu wird man auch einfach von der Erkenntnis abgelenkt, dass der Text nicht in Schwarz gedruckt wurde, sondern eher in einer Art Schlammgrün, das angenehm fürs Auge ist. Aller paar Kapitel kann man sich in detailreichen Zeichnungen verlieren.

Eine Frau, um sie alle zu überzeugen

Es ist ein wenig schade, dass Lady Trents Wildheit ihrer Kindertage (die sich auch in späteren Jahren oft noch in ihrem unbedingten Willen zum Forschen niederschlägt) mit der Tatsache begründet wird, dass sie viele Brüder besitzt. Warum darf es nicht ein natürlicher Bestandteil ihres Charakters sein? Auch wenn das ein wenig gezwungen wirkt: Lady Trent ist ansonsten auf erfrischende Art anders, ohne überzogen charakterisiert zu sein, damit zwanghaft mit Klischees gebrochen wird. Das Allerschönste? Sie ist in der Lage, zu kommunizieren! Auch wenn sie manchmal ein paar Tricks anwendet, um ihren Willen zu bekommen – wird sie zur Rede gestellt, ist sie durchaus in der Lage, ihre Situation mit Worten zu erklären, sich mit ihrem Gesprächspartner auseinander zu setzen und zu einer befriedigenden Lösung der Probleme zu kommen. Keine leidliche Zickerei, keine Allüren, einfach ausgewogene Argumentation in Kombination mit wissenschaftlichen Denkstrukturen.

Ich hatte den ersten Band von Lady Trents Memoiren schon lange auf meiner Wunschliste. Als Cross Cult sich dann entschied, die Reihe zu übersetzen, wurde mir die Frage abgenommen, ob ich mit dem Schreibstil auf englisch klar käme. Auch wenn ich langsam erzählte Geschichten in der Regel liebe, empfand ich manche Stelle ihres ersten großen Abenteuers zäh erzählt und konnte leider nicht die volle Punktzahl geben. Ich muss Cross Cult ein großes Lob für die Gestaltung der Bände aussprechen: Die Lizenzen des Originals wurden übernommen und Schrift(farbe), Illustrationen und Haptik des Buches machen es zu einem wahren Schatz im Bücherregal. Jetzt bin ich neugierig, ob der zweite Band etwas an Fahrt aufnimmt, da die Protagonistin einiges an Charakterentwicklung hinter sich hat und die Vorgeschichte ihrer Forschungen erzählt ist.

 

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MadameMelli

MadameMelli ist im Berufsalltag als Informationsninja unterwegs und hilft Suchenden, die passende Literatur zu finden. In ihrem Freundeskreis ist sie als Waschbär bekannt und dementsprechend ist auch kaum ein Buch, Manga oder Comic (oder Tee) vor ihr sicher – alles wird in die Hand genommen, begutachtet und bei Gefallen mit nach Hause geschleppt. Nur nicht gewaschen, das wäre zu viel des Guten. Sinniert gerade darüber, ob es als Waschbär sehr gefährlich ist, Wölfe zu lieben, lässt sich davon aber nicht abhalten und schreibt in ihrer Freizeit selbst Geschichten. Manchmal auch über Wölfe. Oder Tee.

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