Kain – Der erste Vampir

Lesezeit: 5 Minuten

Wenn ein Vampir entführt wird, spricht man dann von Kidnapping oder Leichenschändung? Zum Glück müssen wir aufgrund fehlender Untoter selten über solche Fragen nachdenken; in der steampunkigen Vampir-Reihe des Art Skript Phantastik Verlags von Fay Winterberg könnte die Sache schon anders aussehen. Der dritte Band hat sein Graberde bedecktes Haupt im Mai 2018 erhoben und uns erneut in eine Gesellschaft aus Mensch und Vampir gezerrt. Allerdings warteten weder Wien noch Wüste, sondern Bombenanschläge und Vampirjäger auf uns. Kleiner Trost: Immerhin ist kein Sand mehr in den Schuhen.

  

Nach dem explosiven Ende des zweiten Bandes erwacht Lilith Avant-Garde, trotz kurzem Handschütteln mit dem Tode, zum mindestens vierten Mal in einem Krankenbett. Eine der typischen schlechten Angewohnheiten von Romanhelden. Viel Zeit zum Erholen bleibt nicht, denn Bombenanschläge erschüttern die Welt und hätten beinahe auch sie selbst in ein unansehnliches vielteiliges Vampirpuzzle zerlegt. Als wäre die Aufklärung der Hintergründe um die Anschläge nicht schon Stress genug, stimmt Lilith zu, einem alten Freund und Kopfgeldjäger, Raphael, zu helfen, der sich auf der Suche nach Kain befindet. Der erste Vampir glänzt mit Abwesenheit und da sein Tod möglicherweise das Ende allen vampirischen Lebens bedeuten könnte, wäre es ganz nett, ihn zu finden. Wer bisher noch nicht überzeugt war, kann sich jetzt sicher sein: Lilith leidet an protagonistischer Problemanziehungskraft.

Eine Reihe im Werden

Originaltitel Kain – Der erste Vampir
Ursprungsland Deutschland
Jahr 2018
Typ Roman
Bände 3 / 3
Autor Fay Winterberg
Verlag Art Skript Phantastik Verlag

Ähnlich wie der zweite Band stellt Kain – Der erste Vampir eine Verbesserung zu den vorherigen Titeln dar. Gerade in Hinblick auf Erzähltempo und -struktur verläuft die Handlung angenehmer und weist dem Hauptkonflikt, das Verschwinden von Kain, genügend Zeit zu. Unglücklicherweise wirkt die Geschichte dennoch mitunter wie ein Trinksüchtiger, den man mit einer Axt in den Wirtshauskeller gelassen hat; sie macht schlicht zu viele Fässer gleichzeitig auf. Neben den Anschlägen, einem Ausflug in den Vatikan, einem neuen Werwolfproblem, Familienangelegenheiten, Vampirjägern, Weltuntergangsprophezeiungen und einem extremen Fall von pubertärer Rebelligkeit gibt es schlicht zu viele einzelne Handlungspunkte, die nach Aufmerksamkeit schreien, aber sich im Endeffekt kleinlaut und unbemerkt in den Hintergrund verziehen. Auffällig ist es besonders in Bezug auf die Anschläge, die zunächst mit explodierenden Pauken und Trompeten im Vordergrund die Arme schwenken, aber im Endeffekt schnell dem eigentlichen Konflikt um Kain Platz machen. Zwar wird es miteinander verfangzahnt, allerdings in einer etwas beiläufigen Art und Weise, die dem anfänglichen Bombenspektakel nicht gerecht wird, das immerhin im vorherigen Band seinen Anfang nahm.
All die verschiedenen Handlungsfäden und Ansätze, die potentiell entfaltet werden können, zeigen aber auch eine wesentliche Sache: Hier befindet sich eine Reihe im Werden. Die Welt baut sich mehr und mehr zusammen, das Plotknäuel rollt fröhlich vor sich hin und bietet etliche interessante Möglichkeiten zur Entwirrung.

Rauer Umgangston

Neue Figuren sind prinzipiell immer gern gesehen; ‘the more the merrier’, selbst wenn es sich bei den ‘more’ um untote Blutsauger handelt. Die Autorin bemüht sich auch darum, in den Bänden frische interessante Gesichter zu präsentieren. Zwei Punkte sind aber ein wenig schade: Nach wie vor verweigert sich der menschliche Anteil der Gesellschaft noch immer zu einem festen Bestandteil des Geschehens zu werden, maßgeblich hat man es mit der bluttrinkenden oder Mond anheulenden Fraktion zu tun, ohne den Lebenssaft liefernden Gegenpart zu Wort kommen zu lassen. Möglicherweise sind sie einfach schüchtern. Punkt zwei wiegt ein wenig schwerer, denn die Charaktere umgangsspracheln um ihr Leben gern. Dabei ist nicht die Frequenz das Problem, auch wenn es eine Obergrenze für das Wort ‘vögeln’ in einem Dialogverlauf geben sollte, sondern dass die Figuren sich selten in ihrer Ausdrucksweise unterscheiden. Zudem ist es schwierig, bei der stetig anwachsenden Belegschaft, ein gutes Verständnis für die einzelnen Personen zu gewinnen und sich vollkommen auf sie einzulassen.

Kain – Der erste Vampir ist prinzipiell eine Verbesserung, auch wenn die Geschichte ein wenig wuselig daher kommt. Nach wie vor finde ich es allerdings schade, dass sich etwaige Mensch-Vampirgesellschaftskonflikte eher bedeckt halten und gerade der Nicht-Fledermaus-Anteil der Gesellschaft im Charaktercast unterrepräsentiert ist. Ein paar persönliche ‘Meh’-Faktoren sind dann noch der ein oder andere Dialog oder Charaktere, bei denen mir der Pflock ausrutschen würde. Auch mit Lilith werde ich nicht recht warm bzw. leichenkalt, entsprechend fehlt mir unter den Figuren ein Sympathieträger. Trotzdem kann man durchaus einen Blick in die Reihe wagen, wenn man nach einem etwas anderen, vielleicht nicht ganz so vampirischen Zugang zu den mythischen Blutsaugern sucht. Besonderer Pluspunkt: Nach wie vor ist weit und breit keine Vampir-Werwolf-Dreiecksbeziehung zu sehen. Ehrenwort!

Zweite Meinung:

Als ich den dritten Band der New-Steampunk-Age-Reihe beendete, hatte ich das Gefühl, dass ich den ersten Teil einer Trilogie zuende las. Dieses Gefühl bleibt auch nach einigen Wochen bestehen: Die Zeitabstände in den einzelnen Bänden sind relativ kurz und es wirkt wie eine zusammenhängende Handlung. Die Ideen, die in Kain – Der erste Vampir verarbeitet wurden, haben mir ziemlich gut gefallen. Vor allem in den Details hat sich die Autorin gesteigert, es gab einige großartige Szenen. Im Nachhinein muss ich meinem Kollegen Mort aber zustimmen: Etwas mehr Kontakt zwischen Mensch und übernatürliche Wesen wäre super und auch ich habe manchmal Probleme, Charaktere auseinander zu halten. Im dritten Teil war das schon viel weniger der Fall, aber ich bin mir sicher, dass man da für den nächsten Teil wieder eine Steigerung erwarten kann. Szenen wie der Prolog und die Rettungsaktion im Vatikan sind mir aber stark in Erinnerung geblieben und machen mir Lust auf mehr!

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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