Texhnolyze

Lesezeit: 5 Minuten

Freunde düsterer Dystopien aufgemerkt! Am 30. November 2018 hat Nipponart einen neuen Schacht zur unterirdischen Stadt Lukuss, dem Hauptschauplatz von Texhnolyze, freigelegt. Ursprünglich von Studio Madhouse (Death Note, No Game No Life) und Architekt Chiaki J. Konaka (Serial Experiments Lain) im Jahr 2003 erbaut, ist sie nun über die praktische Komplettbox für uns erreichbar. Aber Reisende aufgepasst: Für abhanden kommende Gliedmaßen wird keine Haftung übernommen.

    

Das Leben in der Untergrundstadt Lukuss ist von Banden bestimmt. Wer Glück hat, gehört einer an, und wer obendrein noch reich ist, kann es sich leisten, den eigenen Körper mittels Texhnolyze – mechanischen Prothesen – aufzubessern. Der junge Boxer Ichise hat nichts von beidem. Einzig ein Händchen für Gewalt kann man ihm nicht absprechen. Unglücklicherweise verliert er selbige, da er den örtlichen Kampfringmeister verärgert und anschließend Bekanntschaft mit dem scharfen Ende eines Schwertes macht. Fairerweise hacken sie ihm auch ein Bein ab; so balanciert sich die Zahl der Gliedmaßen wenigstens aus. In seinem schwer verletzten Zustand wird er von Eriko Kamata, auch schlicht ‘Doc’ genannt, aufgelesen. Diese nimmt Ichise nach dem Prinzip ‘Wer’s findet, darf’s behalten’ auf und führt mit ihm Experimente mit neuester Texhnolyze-Technik an ihm durch. Derart unfreiwillig augmentiert, dauert es nicht lange, bis er in das Herrschaftsringen der unterschiedlichen Banden, allen voran die Mafia-artigen Organo, verwickelt wird. Einziger Lichtblick in alldem ist Ran. Ein hellseherisch begabtes Mädchen, das ihm in seinen dunkelsten Stunden beisteht. An der brodelnden Eskalation des Konflikts ändert das jedoch nichts. Eines ist jedenfalls sicher: Ichise definitely didn’t ask for this.

Ruhig Blut

Zu Beginn direkt eine Warnung: Wer sich von Texhnolyze einen atemlos rasanten Sci-Fi-Thriller oder ein brachiales Actionfest erwartet, in der sich augmentierte Supersoldaten gegenseitig mit ihren zu Waffen umfunktionierten Körpern das Blech von der Haut prügeln, brennen, hacken und schießen, der sollte die mechanischen Fingerchen davon lassen. Zwar steigt der Bodycount im Verlauf ohne Probleme in den dreistelligen Bereich. Doch Bumm- und Knallpart liegt nicht im Fokus der Serie. Texhnolyze erzählt seine Geschichte über eine in den Abgrund spiralende Gesellschaft und Charaktere, die in alldem einen Sinn suchen, mit einer erstaunlichen mitunter aber leicht frustrierenden Ruhe. Bereits die Eingangsepisode ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür. In nur von der Musik untermalten Bilderfolgen wird uns die Situation von Ichise näher gebracht, ohne dass nur ein einziges Wort fällt. Überhaupt sind die Charaktere kommunikativ eher geizig eingestellt. Warum auch antworten, wenn man mit einem stoisch-starren Blick in die Leere antworten kann? Die Wortkargheit und Ruhe steht wiederum im scharfen Kontrast zu den sehr schnell sehr blutigen Auseinandersetzungen. Gerade zu Beginn wird die Action aber nicht zelebriert, sondern auf einzelne Stillshots reduziert, die den Ablauf des Geschehens veranschaulichen, ohne ihn vollständig zu zeigen.

Fremde Welt

Originaltitel Texhnolyze
Jahr 2003
Episoden 22 (1 Staffel)
Genre Dystopie, Cyberpunk, Psychological
Regisseur Hiroshi Hamasaki
Studio Madhouse

Wer sich von dem eigentümlichen Pacing nicht abschrecken lässt, wird schnell feststellen, dass das eigentlich Aufregende die Präsentation selbst ist. Texhnolyze taucht seine in dunklen Farben zum Leben erweckte Stadt Lukuss zusätzlich in unterschiedliche Filter, zeigt sie aus abwechslungsreichen und meist schrägen ‘Kamera’-Perspektiven, die gemeinsam mit der Zusammenstellung der Szenen oft eine befremdende Wirkung haben. Nie fühlt man sich vollständig als Teil der Welt, sondern immer als distanzierter Beobachter des Geschehens. Die oftmals von den Charakteren zur Schau gestellte Emotionslosigkeit verstärkt diesen Effekt, erschwert allerdings auch ein mögliches Einfühlen in die Figuren oder ein vollständiges Eintauchen in die Welt. Dass ändert allerdings nichts an der faszinierenden Darstellung, die immer wieder neues bietet und seiner Geschichet eine gewisse neutrale Distanz verleiht. Es wirkt, als sei es einem selbst überlassen, wie man das Geschehene beurteilt.

Bedeutungsschwangerschaften

Wer nach dem letzten Absatz langsam den Verdacht hegt, dass Texhnolyze ein nicht ganz einfacher Titel ist, den wird freuen zu hören, dass der Plot mit dem Kopf des Zuschauers gerade in den finalen Parts Billard spielt und ihn in allerlei Richtungen zugleich schießt. Generell wirkt jeder Satz jedes Charakters zu jedem Zeitpunkt bedeutsamer als eine spontane Weltfriedens-Ankündigung. Die stoischen, oft Fragen ignorierenden Mienen der Figuren tun ihr Übriges, um den Eindruck eines One-Liner-Battles zu vermitteln. Hinzu sind die angemerkten finalen Folgen durchaus in der Lage, so manches Fragezeichen über nichts ahnenden Zuschauerköpfen dauerhaft in die Luft zu brennen. ‘Ergibt das alles Sinn oder ist es gnadenloser Unfug?’ dürfte beim Anschauen ein mehrfach auftauchender Gedanke sein.

Schöne Dystopie

Bei der Technik dagegen ist das Urteil eindeutig. Die Präsentation ist abwechslungsreich, der Zeichenstil simpel und ausdrucksstark zugleich. Die Musik reicht vom schnellen Psy-Trance-Opening “Guardian Angel” (Juno Reactor) über an Western erinnernde Gitarrenklänge hin zu den Abschlussballaden “Tsuki no Uta” von Gackt sowie “Walking Through The Empty Age” von Yoko Ishida. Und das Design erschafft eine eindrucksvoll düstere Stimmung. Die Synchronisationen können sich ebenfalls sehen bzw. hören lassen. Bekannte deutsche Synchronsprecher leihen ihre Stimmen, wenn sich die Charaktere denn einmal dazu bewegen lassen, den Mund aufzumachen. Darunter Erich Räuker (Alfred Pennyworth aus Gotham; Zhao aus Avatar – Herr der Elemente) und Marie Luise-Schramm (Toph – Avatar, Herr der Elemente; Stimme der Schauspielerin Mara Wilson). In Hinblick auf Atmosphäre kann aber vor allem die japanische Synchronisation punkten, da hier die stoische Emotionslosigkeit der Charaktere besonders gut zur Geltung kommt.

Fazit

Um es noch einmal deutlich zu machen, falls der ein oder andere Restzweifel hat: Texhnolyze ist nicht für jedermann und schwierig zu empfehlen. Die Serie hat ein eigenwilliges Pacing, eine komplexe, mitunter sperrige Geschichte und eine distanzierte Erzähl- sowie Darstellungsweise, die ein emotionales Einfühlen nicht gerade einfach macht. Zudem ist sie alles andere als eine Fahrt ins Zuckerwatte-Wonne-Wausche-Land. Texhnolyze ist dunkel, düster und depressiv. Trotzdem war für mich die Serie mit ihrer abwechslungsreichen Präsentation, den wirren Perspektiven, der wortkargen Erzählweise faszinierend. Noch immer kann ich nicht recht entscheiden, ob all die Elemente zusammenpassen oder es lediglich ein wirres Symbolwirrwarr ist. Ob der Plot komplex und intelligent ist oder nur so scheinen will. Ob die Charaktere wirklich alle in bedeutungsvollen One-Linern reden. Oder ob sie einfach vor der Kamera nervös geworden sind. Ich weiß es nicht, aber es reizt, darüber nachzudenken. Texhnolyze ist schlicht eine jener Serien, bei der es empfehlenswert ist, sich selbst ein Urteil zu bilden und jeder, dessen Interesse ungebrochen ist, sollte ihr eine Chance geben. Texhnolyze ist eine ungewöhnliche Erfahrung, but be warned: It’s not always a pleasant one.

 

Vielen Dank an Nipponart für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.
Die Rezension unterlag keinen inhaltlichen Vorgaben und spiegelt lediglich die Meinung des Autors wider.

© RONDO ROBE TEXHNOLYZE COMMITTEE

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Mort

Mort hat 'Wie? Nicht auf Lehramt!?' studiert und wühlt sich mit trüffelschweiniger Begeisterung durch alle Arten von Geschichten. Animes, Mangas, Bücher, Filme, Serien, nichts wird verschmäht und zu allem Überfluss schreibt er auch noch gerne selbst. Meist zuviel. Er findet es außerdem seltsam von sich in der dritten Person zu reden und hat die Neigung, vollkommen überflüssige Informationen in sein Profil zu schreiben. Mag keine Oliven.

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