Steins;Gate

Lesezeit: 9 Minuten

Die Zeit fasziniert die Menschheit schon seit jeher. Auseinandersetzungen darüber, die Zeit zu überwinden, kehren regelmäßig wieder. Sei es in der Wissenschaft oder in der Populärkultur. Das 2009 zunächst als Visual Novel erschienene Steins;Gate wagt als ein Glied des Science Adventure-Universums (u.a. Robotic;Notes) den Versuch, beides spielerisch zu verheiraten. Schaut man in beliebige Anime-Toplisten, behauptet die gleichnamige Anime-Adaption aus dem Studio White Fox und publiziert durch Peppermint Anime auch nach fast einem Jahrzehnt noch ihren festen Platz in den Spitzengruppen. Der massive Erfolg des Titels legte den Grundstein für etliche multimediale Ergänzungen: Unter anderem eine Anime-Filmfortsetzung aus dem Jahr 2013, eine zweite Visual Novel Steins;Gate 0 im Jahr 2015 und deren gleichnamige Anime-Adaption im Jahre 2018.

   

Rintaro Okabe ist ein selbsterklärter “Mad Scientist”, der sich lieber mit dem Namen “Hououin Kyouma” schmückt. Mit seinem (ausgeschalteten) Handy erstattet er zuverlässig und regelmäßig Bericht über die Machenschaften der bösen Organisation, die die Weltherrschaft an sich reißen will. Stets im Dienste der Wissenschaft verrichtet er im “Future Gadget Labor” (eine kleine wacklige Mietwohnung über einem Röhrenfernseherladen, der kaum etwas verkauft) Experimente für den Fortschritt der Menschheit. Die anderen Mitglieder des Labors Mayuri “Mayushi” Shiina, Okabes Kindheitsfreundin, die in einem Maid Café jobbt, und Itaru “Daru” Hashida, der seine Zeit am liebsten mit Harem-Visual Novels verbringt, stehen ihm dabei tatkräftig zur Seite. Zu ihnen gesellt sich noch die anerkannte Wissenschaftlerin Kurisu Makise, die eigentlich nur wissen wollte, was Okabe ihr bei einem Treffen auf einer Konferenz so wichtiges sagen wollte, woran er sich aber gar nicht erinnert. Keiner nimmt Okabes Mad Scientist Gehabe so wirklich ernst, mitunter nicht einmal er selbst, doch dann gelingt es ihnen tatsächlich etwas zu bauen, das die die Zeit überwindet. Noch tiefer sitzt der Schock, als sich mit dem Wissenschaftsverband SERN tatsächlich eine Organisation herauskristallisiert, die das gleiche Anliegen verfolgt… Doch erst einmal produziert die umgebaute Mikrowelle vor allem grünliche Gel-Bananen und kleinere explosive Erdbeben in der Wohnung.

Mindfuck-Mystery…

Die Serie setzt ihre Akzente bereits in den ersten wenigen Frames. Irgendetwas ist nicht ganz koscher. Wer ist dieser Mann mit dem weißen Kittel? Was soll er versucht haben Kurisu mitzuteilen? Warum scheint er selbst davon nichts zu wissen? Sind wirklich ominöse Machenschaften am Werk? Gibt es Zeitreisen, wie der Professor da vorträgt, wirklich? Mit einer leblosen Kurisu, einer Welt, die für einen Augenblick in Leere versinkt und einem Einschlag eines satellitenartigen Objekts in einem Gebäude mitten in Tokyo sieht es tatsächlich danach aus, als sei etwas Großes im Gange. Hat man es wirklich mit einem Agenten zu tun? Der inkognito ganz alltäglich lebt? Was hat es mit der Nachricht auf sich, die sich nicht mehr auf seinem Handy findet, während Daru sie in der Vergangenheit erhalten hat? Und vor allem: Warum ist Kurisu wieder quicklebendig?

…trifft auf geistreichen Humor…

Originaltitel Steins;Gate
Jahr 2011
Episoden 25 (in 1 Staffel)
Genre Science-Fiction, Drama, Thriller
Regisseur Hiroshi Hamasaki & Takuya Satou
Studio White Fox

Okabe beharrt vehement auf seiner Hououin Kyouma Persona. Er wird einem jedoch sehr bald erneut wieder vorgestellt, diesmal als jemand, dessen Chunibyo-Syndrom nicht verflogen ist. Regelmäßig gibt er sich in seinem Schauspiel Blößen, die ihn als ganz normalen Menschen outen. Zwar mit einem seltsamen Hobby, das jedoch von seiner Umgebung mit einem Augenrollen oder spaßigem Mitspielen toleriert wird. Auch seine Freunde im “Labor” sind nicht allzu außergewöhnlich: Daru ist z.B. fettleibig, ein Otaku der gerne seine erotischen Visual Novels spielt und redet in Netspeak. Mayuri ist Okabes erklärte “Geisel”, ein liebes unschuldiges Mädchen, das bei Okabes Eskapaden mitspielt und dabei fast schon autistisch wirkt. Mit ihnen arbeitet Okabe an seinen “Experimenten”, die eher ziellose Spielereien sind, anstatt seinem Studium ordentlich nachzugehen, wovon er auch Daru abhält. Es erscheint bescheuert und doch zieht es Kurisu an, vor allem, da eine ihrer Erfindungen tatsächlich etwas kurioses macht, das keiner versteht und ihren Wissensdrang anspornt. Wie Okabe hat jede Figur aus seiner Umgebung ihre Eigenarten, die unterschiedlich zueinander stehen und mal mehr mal weniger von ihr preisgegeben. Das erzeugt viel Charakterdynamik, die mit sehr vielen popkulturellen Referenzen verfeinert wird. Sei es auf bekannte Animes (Das Mädchen, das durch die Zeit sprang, Death Note, The Familiar of Zero, Jojo’s Bezarre Adventure, Dragon Ball etc.) oder Filme (Zurück in die Zukunft). Otaku-Klischees wie Tsundere, Bananen, Nekomimi-Maids mit Nyan-Speak im Otaku-Mekka Akihabara oder Events wie die Comiket werden auf die Schippe genommen, während sie gleichzeitig ausgelebt werden. Dazu gesellen sich noch Verschwörungstheorien wie jene zu John Titor, CERN (SERN) oder des Philadelphia-Experiments (Jellyfish-Bericht), die genauso wie das 2ch/4ch Board (@channel), Youtube (Mewtube) und Dr. Pepper (Dk. Pepper) ein Äquivalent in der Steins;Gate Welt haben.

… für einen temporeichen Thriller

So fest Okabes Mad Scientist-Persona als Schauspiel etabliert wird und alles nur zum Spaß gedacht ist, so sehr durchziehen erste Zweifel durchgehend den Handlungsverlauf. Die kulminieren zum ersten großen tonalen Wendepunkt, als anfängliche Mystery sich zu einem Thriller verwandelt: In der ersten Hälfte liegen die Karten offen, alles hat bereits eine Bewandtnis, doch ist die Bedeutung dem Zuschauer so unklar wie den Figuren der Serie. In der zweiten Hälfte gilt es die Teile des Puzzles so zusammenzufügen, dass die unheilvolle Zukunft abgewendet wird. Trotz der Möglichkeit in die Vergangenheit zu reisen herrscht laufender Zeitdruck, der das Handlungstempo deutlich anzieht. Es wird emotional sehr hoch gepokert: Für Okabe ist nicht etwa die Gefahr einer schlimmen Dystopie in der Ferne der Handlungsantrieb, sondern das Unglück in seiner direkten Reichweite in Form von Mayuris Tod . Dabei baut die Serie stark auf ihre Figuren, deren Beziehungen und Dynamiken zueinander in der ersten Hälfte facettenreich vorgestellt und gefestigt werden. Aber auch die zweite Hälfte nimmt sich weiterhin regelmäßig Zeit für Verschnaufpausen mit Charaktermomenten. Trotz der düsteren, schier ausweglosen Situation bewahrt die Serie an entscheidenden Stellen ihren Humor.

Ausgeklügelte Zeitreisetechnik

Zeitreisen sind von Anfang an ein Thema. Zum Etablieren der Serienregeln wird das Großvaterparadoxon sehr früh als nicht existent erklärt und die Theorie multipler Weltlinien mit alternativen Zeitverläufen eingeschlagen. Doch dreht es sich hier ebenso wenig um die Viele-Welten-Interpretation im Sinne von Parallelwelten oder alternativen Universen, die gleichzeitig koexistieren. Steins;Gate folgt der Kopenhagener Deutung: Alternative Verläufe der Zeitgeschichte sind potenzielle Möglichkeiten, die real werden, sobald man sie ergreift. Mischt sich etwas aus der Zukunft in die Vergangenheit ein und schafft dabei eine Irregularität, die sich mit der aktuellen Gegenwart nicht vereinbaren lässt, saniert sich die Welt selbst, indem sie sich neu organisiert und einer anderen Weltlinie folgt. Ihre Bewohner bekommen dabei nichts mit, denn ihre Erinnerungen werden dabei ebenfalls umgeschrieben, auch wenn Spuren in Form von vagen Erinnerungen und Träumen verbleiben. Die große Ausnahme dabei ist Okabe, dessen Erinnerungen bei einer solchen Reorganisation nicht überschrieben werden und der somit die Unterschiede der verschiedenen Weltlinien beobachten kann. Darauf Aufbauend wagt sich die Serie auch, anders als ihre thematischen Genregeschwister, nicht sofort an die klassische Zeitreise, in der man sich unversehens in einer anderen Epoche wiederfindet: Es werden erst einmal nur Nachrichten mit 36kb Größenbeschräkung in die Vergangenheit geschickt. Doch schon bei dieser ersten Art, können die Konsequenzen fatal sein: Durch die Nachricht kann der Empfänger sich gegebenenfalls anders verhalten und wenn diese Handlung einen Schmetterlingseffekt bewirkt, kann die Weltgeschichte maßgeblich verändert werden, sofern sie an einem Divergenzpunkt einen anderen Pfad einschlägt. Die Weiterentwicklung der D-Mails sind die Zeitsprünge. Dabei wird statt der Nachricht das komprimierte Gedächtnis in der Zeit zurückgeschickt. Da die Sendereichweite beschränkt ist und Okabe aufgrund von Konvergenzpunkten nach einem Misserfolg immer ungefähr zum gleichen Punkt zurückspringt, bringt Steins;Gate noch die Mechaniken von Zeitschleifen ein. Zuletzt gibt es auch eine klassische Zeitmaschine, in der man physikalisch durch die Zeit reisen kann.

Bildgewaltige Regie aus der Hand verschiedener Genreveteranen

Animationstechnisch kann sich Steins;Gate kaum als hochwertig rühmen, dafür sind die Bewegungen nicht flüssig genug. Eine stilistisch herausstechende und herausragend animierte Sequenz beinhaltet die Serie zwar, aber ansonsten ist sie voller Standbilder, die durch die vielen Dialoge hauptsächlich aus “Talking Heads” bestehen. Sobald es sich nicht um ein Gesicht in Großaufnahme handelt, sind die Figurenzeichnungen zudem oft sehr stark vereinfacht und detailarm. Doch fällt das während des Zuschauens durch die starke Darbietung der Sprecher (allen voran Veteran Mamoru Miyano als Okabe) sowie der Regie kaum ins Gewicht. Die Regisseure der Animeadaption kommen bei Steins;Gate im Doppelpack: Hiroshi Hamasaki zeichnete sich vor Steins;Gate u.a. durch Texhnolyze und Shigurui aus und sollte später noch die Regie vom Zeitreise-thematisch ähnlichen Orange übernehmen. Takuya Satou verantwortete währenddessen zuvor u.a. die Serien Strawberry Marshmallow und NieA Under 7. Hamasakis Regiearbeit lässt generell sehr viel mit nachdenklichen Bildkompositionen und Farben sprechen. Steins;Gate beginnt mit einer bedrückenden Stimmung, die in der Serie regelmäßig wiederkehrt. Dabei kommen u.a. ungewöhnliche Kamerafahrten, Fischaugenperspektiven, Dutch Angles, und Bilder die viel Leere enthalten zum Einsatz oder Figuren werden nicht vollständig gezeigt. Licht und Schatten geben immer einen plastischen Eindruck von Raum und Distanz zueinander. Zikaden markieren audiovisuell die Jahreszeit. Zusätzlich wirken die Farben wie ausgebleicht, was einerseits zusätzlich den Handlungszeitpunkt in der brühenden Hitze eines Hochsommer verankert und gleichzeitig einen psychedelischen Effekt erzeugt: Kann man dieser Realität vor Augen trauen? Während Hamasakis Stilcharakteristika vorwiegend eher stummer Natur sind, zeichnen sich Satous Werke durch viele Dialoge und sympathische Charakterdynamiken aus, in denen handlungstechnisch nicht viel passieren muss. Zusammengesteckt nimmt Steins;Gate das beste aus zwei Welten mit: Als Mystery-Fan wird man sofort eingefangen und kann mit den genauso ahnungslosen Figuren puzzeln und rätseln. Ignoriert man den Teil verbleibt ein mehrschichtiges Charakterdrama mit den facettenreichen Figuren und humorvollen Interaktionen zueinander.

Steins;Gate war anno 2011 in der Anime Szene kaum zu übersehen. Ich hatte es trotzdem geschafft, komplett auf den Agententhrillerplot hereinzufallen. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen Spoilern. (Gewisse AMVs halfen dabei auch gehörig nach.) Auf entsprechend kaltem Fuß haben mich Okabes Mad Scientist Eskapaden, Mayuris Borderline Autismus und der ganze Otaku Humor (mit dem ich damals noch nicht viel anfangen konnte) erwischt. Die erste Hälfte gestaltete sich dadurch zu einer Geduldsprobe, die mich an vielen Stellen abschalten und den Mystery-Plot auf Eis legen lassen hat. Es spricht sehr für die emotionale Stärke der Serie, dass ich trotzdem in der zweiten Hälfte ohne die vielen subtilen Details mitfiebern konnte. Mittlerweile schätze ich Steins;Gate als Ganzes sehr und mag die erste Hälfte sogar um einiges mehr als die zweite. Der Science-Fiction-Aspekt ist zwar an manchen Stellen etwas wacky, wenn ich genauer darüber nachdenke (ein Kurzzeitgedächtnis in nur 3,24 Terabyte?), aber vieles fällt sogar plottechnisch ins Lot wie der Hacking Part. Wenn man bedenkt, das SERN sie wissentlich rangelassen haben, damit sie ihre Maschine fertig stellen, erklärt das auch, wie sich Mister Braun mit so einem unrentablen Röhrenmonitorgeschäft über Wasser halten kann. Es ist einfach nicht seine eigentlich Arbeit. Die Serie hält sich da nicht mit Details und Technobabble auf, die alles nur unnötig verkomplizieren würden. Einen Aspekt der Wissenschaft halte ich aber für sehr gut eingefangen: Manchmal braucht es für eine geniale Erfindung nur spaßiges Rumbasteln, einen gefügigen Zufall und die Hartnäckigkeit die Situation zu untersuchen. Alles in allem kann ich Steins;Gate ohne weiteres empfehlen. Es gibt nicht viele Serien, die die nötige Zeit für Charakterisierung und Worldbuilding investieren, dabei aber von Anfang an stringent ein Ziel verfolgen. Ohne auch nur eine Sekunde Screentime zu verschwenden wird dabei der Grundstein für etliche Handlungsexpansionen gelegt. Die clever geschriebenen Charakterdialoge geben noch die letzte Würze.

Zweite Meinung:

Der Anfang von Steins;Gate ist noch gar nicht so berauschend, aber in Mayuri Shiina habe ich sehr schnell einen Lieblingscharakter gefunden. Mit der Zeit sind mir fast alle Charaktere ans Herz gewachsen und das schafft nicht jeder Anime. Okabe ist auch ein großartiger Charakter und mit der Stimme von Mamoru Miyano exzellent besetzt. Die Serie steigert sich von Folge zu Folge und wird immer spannender. Besonders in der zweiten Hälfte der Staffel. Das alles so eine Wendung nehmen würde, hatte ich nicht erwartet. Für mich ganz klar einer der besten Animes der letzten zehn Jahre. Ich habe Steins;Gate aufgrund der Empfehlung einer Freundin geschaut und wurde ziemlich überrascht. Der Anime war eine zeitlang sogar mein Lieblingsanime Nr. 1, bis er dann von Monster abgelöst wurde. Doch auch heute gehört die Serie noch zu meiner Top 10.

© White Fox

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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Geile Grafik, die du da gemacht hast. Das ist der Spirit, den ich bei Redakteuren sehen will! ;>