No Game no Life

Lesezeit: 6 Minuten

“Hattet ihr zwei Geschwister noch nie das Gefühl, in der falschen Welt geboren worden zu sein?” Für Sora und Shiro, das soziophobe wie legendäre Spielerduo namens Blank, gibt es auf diese Frage nur eine Antwort. Und so werden sie unversehens in die bunte Fantasiewelt Disboard geholt, in der keine Gewalt existiert und sämtliche Konflikte mit Spielen gelöst werden. No Game No Life war eine der populärsten Animeserien des Jahres 2014 und wurde von KSM Anime 2016 nach Deutschland geholt. Zum Kinorelease des Prequels No Game no Life Zero werfen wir noch einmal einen Blick auf die Serie.

    

Das Leben ist ein Spiel. Ein richtiges “Scheißspiel”. Keine klaren Regeln, kein Ziel, keine Parameter. Shiro ist ein Genie und Soras Spezialität ist das Manipulieren von Menschen. Und doch sind beide Aussteiger aus diesem “Spiel” und vertreiben sich die Zeit als NEETs und Hikkikomori mit Videospielen. Als sie den Spielgott Ted im Schach schlagen, holt er sie in seine Welt Disboard, wo Spiele aller Arten alles im Leben bestimmen, sogar die Politik der Welt. Doch vor allem geht ihm um eines: “Lasst uns alle fröhlich miteinander spielen!” Doch spaßig ist die Situation der Menschen nicht. Als schwächste Spezies ohne magischen Fähigkeiten bleibt ihnen mit dem Königreich Elkia nur noch ein letzter knapper Lebensraum. Noch weniger lustig ist die Situation für Stephanie “Steph” Dola, der Enkelin des letzen Königs, die absolut kein Pokerface ziehen kann. Denn der letzte König hat verordnet, dass nach seinem Tod der nächste König durch ein Spieletunier bestimmt werden soll. An dem nimmt auch Chlammy Teil, die die magische Unterstützung eines Elfen hat und Cheaten ist erlaubt, solange man es nicht beweisen kann…

Eskapismus auf die Spitze getrieben – und auf dem Kopf gestellt

Die Ankunft in Disboard ist eine Überrumplung, aber alsbald finden sich Sora und Shiro gut zurecht. Wer wollte nicht schon in eine Welt, in der man sich austoben und ausleben kann, wie man möchte? Eine Welt, in der Eigenarten einem einen riesige Vorteile in der Welt verschaffen? Eine Welt, die alle Tropes und Fetische der Unterhaltungsindustrie als Realität bieten, die einem den Alltag versüßt haben? Sora und Shiro wollen gar nicht erst zurück, sondern genießen die Welt in vollen Zügen. Sehr bald erklimmen sie den Thron und machen sich daran, die Menschheit vor ihrem Untergang zu retten sowie die Welt zu erobern. Die neue Welt ist toll und genau das Richtige für sie – und doch sind sind sie keine richtigen Helden. Egal, wohin es einen verschlägt, sich selbst kann man nicht entkommen. Soras und Shiros Verhalten ist so problematisch wie eh und je und die Serie macht keinen Hehl daraus, es als das darzustellen, was es ist: erbärmlich und fragwürdig. Hinter den Eskapaden offenbaren sich nach und nach immer mehr spielerisch eingesetzte ernste Untertöne, die einen wieder zurück auf den Boden der Realität holen und darauf hinweisen, dass man für sein Leben selbst verantwortlich ist, sein eigenes Potenzial nicht zu vergeuden und sich erlauben sollte, Spaß zu haben.

Ihrer selbst bewusst spielt die Serie mit ihren Grenzen

Originaltitel No Game No Life
Jahr 2014
Episoden 12 ( in 1 Staffel)
Genre Fantasy, Comedy, Drama
Regisseur Atsuko Ishizuka
Studio Madhouse

Sora und Shiro sind Otakus, Nerds und Geeks. Sie leben DAS zu jeder Zeit aus, was jeder andere Fan auch liebend gerne einmal tun würde: Die eigenen Helden in einer coolen Situation nachmachen. Sei es Sora, der quer durch eine große Halle “Einspruch” (Ace Attorney von Capcom) ertönen lässt. Oder wenn er und Shiro in bester JoJo’s Bizarre Adventure Manier protzig ablehnen oder Steph ein Wryyyyyyyyyy!!” hinausschreit. Die Serie bietet eine Menge direkter Referenzen zur Populärkultur. Von Doraemon über Laputa aus Das Schloss im Himmel oder Neon Genesis Evangelion bis zum Yu-Gi-Oh!-Franchise. Andere wie z.B. zu Hyouka sind so subtil eingebaut, dass sie auch funktionieren, wenn man die entsprechenden Werke nicht kennt. Die Serie siedelt sich ebenfalls im Ecchi-Bereich an und bietet dementsprechend viele weibliche Körperformen für jede Vorliebe an, sodass natürlich auch das Bad, der Strand und die entsprechende Nacktheit nicht fehlen dürfen. Doch für Jugendfreiheit und Serien im japanischen Fernsehen gilt: Es dürfen keine Genitalien oder Brüste mit Nippeln auf den Bildschirm. Also behilft man sich mit klaren Implikationen, während nichts wirklich gezeigt wird. Prominent auch der “gute alte Freund” Dampf. Man kann in dieser Fantasiewelt auch gleich in handlungsrelevantes Spiel spielen, das nicht nur die Hüllen fallen lässt, sondern gleich alle zensurwürdigen Elemente buchstäblich aus dem Bild entfernt. Oder Sora, dem das Spannen nicht gestattet ist, den Gefallen tun, das weibliche Badevergnügen mit einer magischen Tentakel ausfahrenden Shampooflasche für eine deutlichere Akustik aufzupeppen. Die Serie wartet sogar mit einem historischen Exkurs auf, mit dem das Baden gerechtfertigt wird. Damit bietet sie neben diversen offensichtlichen Wunscherfüllungselementen auch ein parodistisches Augenzwinkern gegenüber dem Publikum, während sie mit ihren Grenzen jongliert.

Bunter Spaß auch ohne großartig flüssige Animationen

No Game no Life ist ein gutes Beispiel für eine Serie, die kaum über hochwertige, fließende Animationen verfügt, aber dennoch durch clevere Regie immer visuelle Abwechslung und einen sofort erkennbaren eigenen Stil zu bieten hat. Das tut der Produktion enorm gut, denn sie hat viele Dialoge. Sei es während der Bluffs und Psychospielchen oder bei deren anschließender Erklärung. Der Comedy- und Parodienaspekt erlaubt einem, regelmäßig vereinfachte (oder Anleihen anderer) Zeichenstile zu sichten, doch greift die Produktion noch tiefer in die Werkzeugkiste. Es wird sehr breites Spektrum der Farbpalette genutzt und allen Farben der Sättigungs- und Helligkeitswert hochgedreht, sodass ein lebhafter, leuchtender Eindruck entsteht. Das wird zusätzlich verstärkt durch die Outlines der Zeichnungen, die normalerweise in rot, während sie in isolierten Szenen in blau gehalten sind. Es gibt auch desolate Szenen; komplett in monochrom. Die Hintergrundzeichnungen der verschiedenen Lokalitäten von Disboard sind fantasievoll, auf verschiedene Arten stimmungsvoll und außerordentlich detailreich. Zu Schlüsselmomenten sind alle Frames sauber und klar gezeichnet. Unterstützt wird der lebhafte farbenfrohe Eindruck durch den Soundtrack von SuperSweep (Taboo Tattoo), der alle möglichen Klängen verarbeitet, von E-Gitarre, Trance, Dubstep, Spieluhrmelodien oder einfühlsame Klaviertönen. Das alles lenkt sehr gut davon ab, dass die Zeichnungen (vor allem der Figuren) zwischendurch häufiger auch einmal gröber (wenngleich akkurat) gehalten sind oder Standbilder zum Einsatz kommen.

No Game no Life kennt seine primäre Zielgruppe sehr genau. Zu diesem Publikum, aus dem Sora und Shiro entspringen, gehöre ich selbst eigentlich gar nicht so ganz, denn ich spiele keine Videospiele, lese keine Visual Novels, konsumiere kein Hentai-Porn und mit Ecchi-Titeln à la Love Trouble kann man mich buchstäblich jagen. Auch der immer wiederkehrende Einsatz der gleichen typischen Tropes in Anime/Manga wird zunehmend ermüdend. Gerade dadurch ist No Game no Life ein umso erfrischenderer Ausnahmetitel, der das alles genauso nutzt, aber gleichzeitig auch auf die Schippe nimmt. Die Serie lehnt sich da mitunter auch recht weit aus dem Fenster, meist auf Kosten von Steph, die am Anfang sehr stark runter gemacht wird und eine sehr klägliche Figur abgibt. Gerade bei ihr ist auch schade, dass die Serie, wie so oft mittlerweile, nur den Anfang adaptiert, bevor sie Gelegenheit bekommt, sich selbst zu beweisen. (Direkt im nächsten unadaptiertem Arc entpuppt sie sich Musterbeispiel von dem was, Shiro und Sora in ihrer Motivationsrede bei der Krönung in die Menge verkünden: Es ist nicht schlimm, schwach zu sein, solange man es zur Kenntnis nimmt, anstatt sich davon geschlagen zu geben und gerade deswegen fortlaufend Wissen anhäuft sowie an sich selbst arbeitet.) Ob man sich von diesen spielerischen bis grenzwertigen Eskapaden abstoßen lässt, muss jeder für sich entscheiden. Für mich lebt No Game no Life von seinem Setting, das alle möglichen verrückten Elemente und Genres zu kombinieren erlaubt und sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch voll ausnutzt. Das hat trotz der Welle der Isekai Titeln, die No Game no Life zusammen mit Sword Art Online  in den letzten Jahren losgetreten hat, seither leider noch immer keiner auch nur annähernd so gut geschafft.

 

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Luna

Luna residiert auf dem Mond mit ihren beiden Kaninchen. Als solche hat sie eine Faible für flauschige Langohren und ist auch nicht um die ein ums andere Mal etwas entrückte Sicht auf die Weltordnung verlegen. Im Bestreben, sich verständigt zu bekommen, vertreibt sie gerne die Zeit mit dem Lernen und Erproben verschiedener Sprachen und derer Ausdrucksformen.

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