Royal Space Force: The Wings of Honneamise

Ihrerzeit die teuerste Anime-Produktion überhaupt, erlebt der 1987 vom Studio Gainax (Neon Genesis Evangelion) produzierte Film Royal Space Force: The Wings of Honnêamise dank des Publishers Nipponart im Jahr 2020 ein Comeback. Auf Blu-ray ziehen die Abenteuer des jungen Kadetten Shirotsugh Lhadatt, der der erste Mensch im Weltraum werden will, in die heimischen Wohnzimmer ein. Es stellt sich die Frage, ob der Anime mittlerweile Staub angesetzt hat oder auch Jahrzehnte nach seiner Entstehung noch begeistern kann.

   

Da die schlechten Schulnoten es Shirotsugh Lhadatt, kurz „Shiro“ genannt, nicht erlauben, Flieger zu werden, schließt der unbedarfte junge Mann sich dem Weltraumprogramm seines Landes Honnêamise an. Der Tod eines Kameraden drückt die Stimmung der ohnehin schon demotivierten Truppe um General Khaidenn, denn das Projekt wird von der Öffentlichkeit verlacht, da ein Flug in den Weltraum utopisch erscheint. Als Shiro der religiösen Riquinni Nonderaiko begegnet, die die Menschen an ihre Sünden und den drohenden Untergang der Menschheit erinnert, verändert sich seine Haltung. Er meldet sich freiwillig für den ersten Weltraumflug, untergeht ein straffes Trainingsprogramm und steckt mit einer Begeisterung sogar seine Kameraden an. Mit Feuereifer wird die Entwicklung der Rakete vorangetrieben. Das erfolgversprechende Projekt erweckt endlich auch das Interesse der Öffentlichkeit, doch sowohl die dubiose Finanzierung des Programms als auch die Pläne der bankrotten Regierung, eine Krieg mit dem Nachbarland anzuzetteln, werfen ihre Schatten auf den ersten Start einer bemannten Rakete.

Effektivität bestimmt das Handeln

Originaltitel Oritsu uchûgun Oneamisu no tsubasa
Jahr 1987
Laufzeit 121 Minuten
Genre Fantasy, Science-Fiction, Action
Regie Hiroyuki Yamaga
Studio Gainax
Seit dem 23. März 2020 im Handel erhältlich

Von Effektivität ist bei Shirotsugh Lhadatt aka Shiro allerdings zunächst nichts zu merken. Obwohl er davon träumt, eines Tages zur Flugstaffel des Militärs zu gehören, strengt er sich nicht besonders an, um die dafür notwendigen Schulnoten zu erbringen. Stattdessen wählt er für sich den einfachsten Weg, indem er dem Raumfahrtprogramm seines Landes beitritt, das es in 20 Jahren nicht geschafft hat, irgend einen Erfolg zu präsentieren, und zur Lachnummer der Nation verkommen ist. Zu der frustrierten Truppe passt der Taugenichts bestens. Ziellos treibt Shiro durch die Tage, bis er Riquinni Nonderaiko und ihre Schwester Manna trifft. Riquinnis Traum von einer Welt ohne Sünden, die durch den Schritt in den Weltraum möglich werden könnte, springt auf Shiro über. Und für diesen neuen Traum übertrifft Shiro sich selbst. Zum ersten Mal in seinem Leben handelt er. Aber während er alle Kraft in seine Rolle als Weltraumfahrer steckt, dauert es lange, bis er sich auch für die Vorgänge in seinem Land und in der Welt interessiert.

Gründlich durchgecheckt steht sie da

Gründlich durchgecheckt ist die Rakete, die nach vielen Anstrengungen endlich auf der Abschussrampe steht, mit Sicherheit. Dass es überhaupt soweit kommen konnte, ist ein Wunder, denn die Werkhallen gleichen einem chaotischen Wimmelbild, das jeden Sinn für Ordnung vermissen lässt. Die Tests mit den Antriebsraketen finden nach der Trial-and-Error-Methode statt, eine Methode, die anscheinend auf das gesamte Projet angewendet wird. Ebenso lustlos wie die jungen Kadetten wirken die alten Wissenschaftler, bei denen zu befürchten ist, dass sie sich jeden Moment zu ihren Ahnen gesellen. Und die Kadetten selbst weisen allesamt Mängel im zu erwartenden geistigen Rüstzeug auf. Dennoch wird das Projekt durch Shiros neu erwachte Begeisterung zu einem Erfolg, wobei ihm lange Dr. Gnomm zur Seite steht, der einzige Wissenschaftler, der sich auch nach all den Jahren noch immer aktiv um die Entwicklung der Rakete kümmert, es aber im Gegensatz zu Shiro nicht geschafft hat, seine Kameraden anzuspornen.

Die Crew hat da noch ein paar Fragen

Zunächst interessiert Shiro, Matti, Mahajo und Co. nur, wie sie ohne großen Aufwand ein entspanntes Leben führen können, denn nur aus diesem Grund haben sich die Nichtsnutze der Royal Space Force überhaupt angeschlossen. Sie wirken wie übergroße Schuljungen, wenn sie tagsüber im Unterricht dösen und abends losziehen, um das Vergnügungsviertel unsicher zu machen, während sie keinerlei Pläne für die Zukunft haben. Und doch hält die Truppe zusammen. Gemeinsam begleiten sie Shiro zu seinem ersten Flug auf den Militärstützpunkt und liefern sich mit den Fliegern eine Schlägerei, als diese sich über das Projekt lustig machen, um am nächsten Tag mit Pflastern und Verbänden versehen weiterzuarbeiten. Jeder hat für sich entdeckt, wie und wo er seine Begabungen einsetzen kann, und hat seinen Platz gefunden. Sie sind es auch, die nicht von einem Abbruch des Starts überzeugt sind, als feindliche Truppen anrücken, um die Rakete zu erobern. Dafür, endlich ein Ziel im Leben gefunden zu haben, riskieren sie lieber, zu sterben als wegzulaufen.

Woll’n Sie das Projekt denn so zerstören?

An einem Erfolg des Projekts ist der Regierung von Honnêamise nicht gelegen. Um das ungeliebte Weltraumprogramm loszuwerden und Honnêamise gleichzeitig finanziell zu sanieren, schmiedet sie einen perfiden Plan. Der Startplatz der Rakete wird in eine demilitarisierte Zone gelegt, die zwischen Honnêamise und einem feindlich gesonnenen Nachbarstaat liegt. So soll dieser dazu provoziert werden, einzufallen und die Rakete zu erobern, was wiederum Honnêamise zu Regressansprüchen verhelfen würde. Unterdessen bereitet sich der Nachbarstaat tatsächlich auf eine Invasion in die demilitarisierte Zone vor und entsendet gleichzeitig einen Auftragsmörder, der Shiro ausschalten soll. So läuft alles nach Plan, und General Khaidenn gibt tatsächlich den Befehl zum Abbruch des Starts, als die Kampfhandlungen immer näher rücken. Widerwillig nehmen die Männer im Kontrollzentrum diesen Befehl an, und doch scheinen sie darauf zu warten, dass jemand sie in dieser Situation zusammenhält. Die Balance zwischen Idealismus und Gehorsam, die einen Stillstand bewirkt, wird von Shiro erfolgreich zerstört, der zum Weitermachen aufruft. Honnêamises Flügel breiten sich aus.

Mich führt hier ein Licht durch das All

Shiro ist kein Held, mitunter wirkt er sogar ziemlich unsympathisch. Seine Antriebslosigkeit ist schmerzhaft mit anzusehen, für seine Umwelt interessiert er sich nicht, seinen Traum hat er widerstandslos begraben. Doch als er dem Impuls folgt, die junge Frau aufzusuchen, die inmitten der belebten Stadt Flugblätter verteilt, verändert er sich. Er findet einen neuen, größeren Traum, dem er sich mit aller Hingabe widmet. Was sich zunächst nicht verändert, sind seine engen Grenzen. Eingebunden in ein in sich geschlossenes System nimmt er den Zustand der Gesellschaft nicht wahr. Das macht ihn zu einer perfekten Marionette, die posiert und nachspricht, wie ihr vorgeschrieben wird. Sogar die Worte, die er beim Erreichen der Umlaufbahn sprechen soll, lernt er auswendig. Irgendwann holt ihn die Realität aber ein. Verunsichert sucht er bei Riquinni Schutz, doch auch dort kommt er nicht zur Ruhe, wird sogar übergriffig. Erst als er den Staub der Welt buchstäblich abgeschüttelt hat, kommt er bei sich an. Sein erster Funkspruch ist ein Aufruf zum Frieden.

Die Erdanziehungskraft ist überwunden

Ebenso, wie die Rakete in den letzten Minuten des Films den Staub der Erde von sich schüttelt, lässt Royal Space Force: The Wings of Honnêamise den Staub der Zeit hinter sich. Mit eindrucksvollen Bildern, einer in ruhigem Tempo erzählten Geschichte und passender Hintergrundmusik präsentiert sich dieser Animeklassiker absolut gerechtfertigt im Blu-ray-Format. Sein farbenprächtiges, detailgetreues, liebevoll gezeichnete Setting erinnert an die Werke des französischen Comiczeichners Mœbius (Leutnant Blueberry), und es ist unmöglich, beim ersten Ansehen alle Einzelheiten aufzunehmen. Die Charakterzeichnungen verraten das Alter des Anime, doch gerade das Grobschlächtige, Unperfekte der Gesichter und Gestalten verleiht ihnen Authentizität und einen hohen Wiedererkennungswert. Actionfans werden sich eher langweilen, dazu verläuft die Geschichte bis hin zu Start der Rakete zu ruhig. Doch Liebhaber von fein erzählten Geschichten, die auch nach Ende des Films noch nachklingen und zum Nachdenken anregen, kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten.

Fazit

Ich bin verliebt. Royal Space Force: The Wings of Honnêamise ist auch heute noch ein funkelnder Edelstein unter den Anime, ein großartiges Werk, das mich nicht nur mit seiner Animation und der Geschichte angesprochen, sondern auch mit Charakteren überzeugt hat, die authentisch wirken. Der Perspektivlosigkeit von Shiro und seinen Kameraden begegne ich in meinem Berufsalltag öfter. Aber ich erlebe auch Menschen, die für ihren Traum leben, wie Shiro es später tut, oder in ihrem Beruf aufgehen wie Dr. Gnomm. Dabei fehlt es dem Anime nicht an Witz. Viele kleine Szenen besitzen einen herrlichen Humor. Wunderbar finde ich Shiros Entwicklung, die am Ende des Films noch einmal in einer Kollage von Bildern und Szenen dargestellt wird, parallel zur Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Sie gibt ein bisschen die Hoffnung, dass die Menschheit, ebenso wie Shiro, eines Tages mit sich ins Reine kommen werden. Völlig losgelöst von der Erde. Schwerelos.

© Nipponart

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