Doctor Who (Folge 11×03)

Lesezeit: 5 Minuten

Zeitreisen sind super spaßig. Meistens. Oft. Manchmal. Eigentlich ist das ein richtig stressiges Hobby. Ziemlich gefährlich für Leib, Leben und den Ablauf der bekannten Geschichtsschreibung. In Folge 3 der elften Staffel Doctor Who muss jemand aufgehalten werden, der absichtlich in den Lauf der Geschichte eingreifen will. Sein Ziel ist Bürgerrechtlerin Rosa Parks. Wie gut, dass der Doctor einen Busfahrer an ihrer Seite hat.

Eigentlich wollen Graham, Ryan und Yasmin zurück nach Hause. Aber die Tardis weigert sich beharrlich in Sheffield zu landen, da kann der Doctor an der neuen Konsole drücken was sie will. Die Tardis hat ja schon immer ihren eigenen Kopf durchgesetzt. Nach dem vierzehnten erfolglosen Versuch landet die Gruppe in Montgomery, Alabama, im Jahre 1955. Hier zeigt sich eine feine Spur von Artron Energie, das bedeutet, ein Zeitreisender muss in der Nähe sein. Ein Rätsel, dem der Doctor einfach nachgehen muss. Die durch Rassentrennung geprägten 50er Jahre in den USA sind besonders für Ryan nicht grade der beste Aufenthaltsort. Doch da kommt Rosa Parks zu Hilfe.

Rosa

Bei den Zeitreiseabenteuern von Doctor Who treten immer mal wieder geschichtlich-relevante Persönlichkeiten auf. Seit dem Neustart in 2005 durften wir uns über Leute wie Charles Dickens, Agatha Christie, William Shakespeare, Königin Victoria, Richard Nixon, Vincent van Gogh und viele andere freuen. So reiht sich Rosa Parks in eine sehr illustre Runde ein. Ein großer Unterschied ist aber, dass dies kein nebensächlicher Besuch zu irgendeinem beliebigen Zeitpunkt in ihrem Leben ist. Es ist der 30. November 1955, ein Tag, bevor sie im Bus festgenommen wird und mit einer kleinen Geste den großen Stein der Bürgerrechtsbewegung kräftig anschiebt. Damit befindet sich der Doctor einmal mehr an einem wichtigen Fixpunkt der Geschichte. Während es okay ist, hier und da in die Geschehnisse einzugreifen, gibt es ein paar wichtige Ereignisse, an denen auch der Doctor nichts ändern kann bzw. darf. Die Folgen „Die Feuer von Pompeji“ oder „Der rote Garten“ zeigen einen Doctor, der mit dem Wissen zu kämpfen hat, dass er nicht einfach alle Leute wírd retten können. Dieses Mal wird schnell deutlich, dass jemand absichtlich diesen Fixpunkt manipulieren will, und das gilt es zu verhindern. Somit bleibt Showrunner Chibnall auf Kurs und kann wieder einmal seine Neigung zum Genre Krimi ausspielen. Wer ist der Gegenspieler und welche Gegenmaßnahmen müssen ergriffen werden? Teamarbeit ist gefragt.

Rassismus im Wandel der Zeit

In der Pilotfolge der Serie Timeless spricht Hauptfigur Rufus nach kurzer Zeit eine unangenehme Wahrheit laut aus. “Ich bin ein Schwarzer. Und es gibt keinen Ort in der amerikanischen Geschichte, der für mich gesund wäre.“ In Doctor Who sind die meisten wiederkehrenden Figuren Weiße und bei einem Trip in die Vergangenheit gibt es eher kleine Schwinger Richtung Sexismus. Die Companions des Doctors sind überwiegend Frauen, die dementsprechend auch schon mal von oben herab behandelt werden. In Staffel 3 musste Martha Jones, ihrerseits ausgebildete Ärztin, einige Wochen im Jahr 1913 aushalten und hielt sich als Dienstmädchen über Wasser. Die Kombination aus Sexismus und Rassismus wurde allerdings nur nebensächlich eingearbeitet. Um der Episode „Rosa“ das nötige Gewicht zu verleihen, wurde darum Schützenhilfe beim Drehbuchschreiben angefordert. Autorin Malorie Blackman durfte schon ein eBook fürs erweiterte Whoniversum schreiben (The Ripple Effect) und ist nun die erste schwarze Frau, die ein TV-Skript für die Serie geschrieben hat. Weil sie das nötige Fingerspitzengefühl für die nicht grade leichtbekömmliche Kost mitbringt.

Gleich zu Beginn spaziert das Grüppchen durch Montgomery und Ryan wagt es, einer weißen Frau einen Handschuh zu geben, den sie verloren hat. Eine höfliche Geste zur heutigen Zeit. Grund für eine Ohrfeige im Jahr 1955. Und wenn Ryan es wagen würde sich zu wehren, würde sich abends schnell ein Lynchmob zusammen finden. Zum Glück tritt genau hier Rosa Parks auf. Schauspielerin Vinette Robinson ist in vielen britischen Serien dabei, von Sherlock bis Black Mirror, sie hatte in Staffel 3 sogar schon einen Gastauftritt in Doctor Who. Hier liefert sie eine rundum gelungene Vorstellung ab. Ihre Darstellung von Rosa Parks ist willensstark, clever und mitfühlend, mit dem nötigen Hauch Optimismus, der durch Dialoge mit Ryan und Yasmin gestärkt wird.

Ein neuer Antagonist taucht auf

In anderen Folgen hat der Doctor bei der Interaktion mit historischen Personen die Geschichte auch schon mal ein wenig beeinflusst. Einem Autor die richtige Idee ins Ohr geflüstert und für die Zuschauer entsteht ein netter Seitenhieb. Ein weniger durchdachtes Drehbuch hätte bei „Rosa“ in genau diese Falle tappen können. Was wenn der Doctor eingreifen muss, um Rosa Parks zu ihrem Protest zu bewegen? Das Trope eines Weißen Retters (White Saviour) wäre mal wieder bedient. Aber es geht nie darum, Rosa Parks als Person etwas von ihrer Eigenleistung zu nehmen. Stattdessen geht es darum, jemanden aufzuhalten, der eine Veränderung herbei führen möchte. Krasko (Josh Bowman, Revenge) stammt aus der Zukunft, hat selbst schon tausende Leute umgebracht, saß dafür im Gefängnis und denkt, dass dieser Moment in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ein schlechter Wendepunkt gewesen sei. Er ist halt Rassist und seine Motivation reicht nicht mal für einen interessanten Monolog. Interessant ist nur, dass er in der Zukunft Zeit im Stormcage Gefängnis abgesessen hat, wo auch River Song (ehemalige Ehefrau des Doctors) schon wegen Mordes einsaß. Vielleicht sind sich Krasko und River sogar begegnet, denn er erkennt die Tardis. Zwar wird er am Ende weit zurück in die Vergangenheit befördert, aber ein erneutes Wiedersehen wird dadurch nicht ausgeschlossen. Erinnerungen an die Serie Zurück in die Vergangenheit (Quantum Leap) werden wach, denn da ging es sehr speziell um die Richtigstellung geschichtlicher Ereignisse.

Teamwork siegt

Für eine Folge Doctor Who rückt der Doctor selbst gar nicht so sehr in den Fokus. Sie hat klar das Sagen, die Aufgaben werden aber verteilt und jeder der vier leistet einen Beitrag zum Gelingen der Operation. Den emotionalen Ballast tragen ganz eindeutig Ryan und Yaz. Yaz wird von anderen als Mexikanerin betitelt, pakistanische Wurzeln liegen jenseits der Vorstellungskraft. Allerdings befindet sie sich in einem besonderen Dilemma. Die Rassentrennung unterscheidet auf all den Schildern zwischen white und colored, aber mit dem Wort „farbig“ sind in erster Linie Schwarze gemeint. Yaz wird es gestattet auch vorn im Bus einzusteigen. Sie ist eindeutig nicht weiß, wird aber doch humaner behandelt. Obwohl Graham sich als älterer weißer Mann am besten überall bewegen kann, ist ihm anzumerken, dass ihm diese Zeit nicht sonderlich gefällt. Seine in Folge 1 verstorbene Frau Grace, Ryans Großmutter, hätte da einiges zu sagen gehabt. Im Geiste ist sie eindeutig noch bei ihm. Und wie groß wäre ihre Freude sehen zu dürfen, dass Ryan sogar Dr. Martin Luther King die Hand schüttelt.

Es gibt etwas, das anfängt mich an der neuen Staffel zu nerven – die vielen Großaufnahmen. Das aufgestockte Budget hat für neues Equipment gesorgt, bessere CGI und mehr technische Spielereien. Aber die Regisseure scheinen sich sehr in anstrengende Kamerawinkel verliebt zu haben. Das geht auf Kosten der Schauspieler, die gar nicht immer auf ihre ganze Körpersprache setzen können. Und wenn dann ein Moment folgt, bei dem eine Großaufnahme angebracht ist, verpufft die Wirkung. So etwa hier zum Ende, wenn der Doctor ruhig auf ihrem Platz sitzen bleiben muss und Rosa Parks nicht zu Hilfe kommen darf. Der Kampf in ihrem Inneren ist klar. Wenn aber alle naselang Gesichter in Close-Ups und wohlmöglich noch in einem Dutch Angle eingefangen sind, fällt es etwas störend auf. Inhaltlich hat mich „Rosa“ aber umgehauen. Es würde mir gefallen hin und wieder einen Gegenspieler zu sehen, der an der Zeitlinie herumspielt. Nicht nur größenwahnsinnige Plots wie der Master sie ausheckt, sondern ein Spiel mit scheinbar kleinen Steinchen, die große Lawinen auslösen. Der Unterschied zur Moffat-Ära (Staffel 5-10) ist nach drei Folgen doch deutlich. Kleine persönliche Geschichten, noch keine irrwitzigen universumsumspannenden Twists, die mit ominösen Botschaften angedeutet werden. Ich kann bei dieser Folge gut mit Ryan und Yaz mitfühlen und mag diese Sichtweise, dass die Dinge besser sind, aber noch immer nicht gut/optimal. Die Botschaft des zwölften Doctors an seine dreizehnte Inkarnation war klar – „always be kind“ („sei immer gütig“). Und diese Botschaft wird hier laut und deutlich in den Taten des Doctors und ihrer unfreiwilligen Begleiter wiederholt.

© BBC

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Misato

Misato hortet in ihrer Behausung fiktive Welten wie ein Drache seinen Goldschatz. Bücher, Filme, Serien, Videospiele, Comics - die Statik des Hauses erlaubt noch ein bisschen, der Platz in den Regalen weniger. Am liebsten taucht sie in bunte Superheldenwelten ein, in denen der Tod nicht immer endgültig ist und es noch gute Menschen gibt. Íhr eigenes Helfersyndrom lebt sie als Overwatch Support Main aus und adoptiert fleißig Funko Pops.

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